Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Thriller



Robert L. Pike

Bullitt

rezensiert von Thomas Harbach

Robert L. Pikes – ein Pseudonym, bürgerlicher Name ist Robert L. Fish – 1963 unter dem Originaltitel „Mute Witness“ veröffentlichter Roman um den New Yorker Cop Clancy ist in erster Linie durch die von Peter Yates inszenierte und im Gegensatz zum Roman in San Francisco spielende Verfilmung „Bullitt“ bekannt geworden. Dabei handelt es sich beim vorliegenden Werk um den ersten Band einer locker verbundenen Trilogie. Die Fortsetzungen „The Quarry“ und „Police Blotter“ sind vor dem Anlaufen der Verfilmung veröffentlicht worden. Sein Debüt feierte Clancy dagegen schon 1961 in der Kurzgeschichte „Clancy and the Subway Jumper“. Nach dem Erfolg von „Bullitt“ verfasste Pike eine Reihe von Romanen um einen anderen Ermittler, der Verbrecher in San Francisco jagte.

Während der Steve McQueen Film „Bullitt“ von einer zehn Minuten langen dialogfreien Verfolgungsjagd zweier Autos durch San Francisco dominiert wird, konzentriert sich Pike in dem über zweiundsiebzig Stunden spielenden Roman auf klassische Polizeiermittlung mit einer ungewöhnlichen Rechtsauffassung und latenten Spuren des Hardboiled Genres.

Leutnant Clancy ist ein erfahrener Detektiv in New York, der in seiner langen Dienstzeit sehr viel mitgemacht und mit erlebt habt. Ihm sind die internen Querelen nicht neu, er gilt aber bei seinen Vorgesetzten als entschlossen, loyal, nicht korrupt und vor allem grundehrlich. Eher widerwillig erhält er den Auftrag, auf einen ehemaligen Mafiosi und jetzigen Zeugen der Staatsanwalt aufzupassen. Die ehrgeizige ambitionierte Staatsanwalt Chalmers möchte mit diesem Auftrag Clancy eine Retourkutsche verpassen. Der letzte Zeuge, auf den Clancy aufpassen musste, ist ermordet worden. Clancy bemüht sich, den nervösen und nervigen Mafiosi Rossi – im Grunde ein Klischee, das Pike hier beschreibt - durch seine Männer in einem kleinen, abgelegenen Hotel zu schützen. In der Nacht wird er von seinen Leuten aus dem Bett geholt, weil der behütete Mann über Magenschmerzen klagt. Clancy holt seinen Freunde und Pathologen Freeman – der einzige Arzt, dem er wirklich vertraut – ab, um zum Hotel zu fahren. Dort angekommen, erfährt Clancy, das jemand auf den in der Obhut befindlichen Mann geschossen hat. Er wird in eine Privatklinik gebracht. Am nächsten Morgen erfährt Clancy, dass ein als Arzt verkleideter Profikiller ihn erstochen hat. Anstatt den Staatsanwalt zu informieren, macht sich der übermüdete Clancy zusammen mit Freeman und den beiden jungen Polizisten Kaprowski und Stanton selbst an die Ermittlungen. Schnell findet er nicht nur eine junge und attraktive Freundin Rossi in einem nahegelegenen Hotel, die immer noch von der Reise nach Europa träumt; den selbst in Mafiakreisen agierenden und Clancy andauernd bedrohenden Bruder, sondern eine Spur zur kreativen Buchhaltung des Ermordeten. Zu Lasten der Mafia. Clancy hat nur 24 Stunden von seinen Vorgesetzten eingeräumt bekommen, um den Fall zu klären. Schnell ahnt der erfahrene Cop, das ihm nicht nur die Zeit wegrennen, sondern das die Verbindungen auch in die eigene Organisation reichen könnten.

Mit knapp einhundertsiebzig Seiten ohne großartige Hintergrundbeschreibungen oder lange Dialogpassagen ist „Mute Witness“ – der ursprüngliche Titel ist eine ironische Anspielung auf den Toten Mafiosi, der quasi im Keller versteckt die Ermittlungen verfolgt – ein ungewöhnlich kompakter, dunkler, aber nicht nihilistischer Kriminalroman. Pike verzichtet überwiegend auf den lakonischen Tonfall der Hardboiled Krimis oder Pulpgeschichten. Nur in ganz wenigen Passagen sind Clancy Antworten voller bitterer Ironie und erinnern an einen alternden Bogart auf Streife. Der politische wie zeitliche Druck der Ermittlungen spiegelt sich in Clancy immer schlechteren körperlichen Zustand wieder. Schon zu Beginn der Überwachungsmission übermüdet und erschöpft, macht der Leutnant während der ersten Hälfte der Ermittlungen aus mangelnder Konzentration Fehler und übersieht Hinweise. Wer den Text aufmerksam liest, kann ihm nach hinein diese von Pike sehr geschickt in den Plot integrierten Spuren nach vollziehen. Dem Leser fehlt aber wie Clancy der Blick auf das Gesamtbild. Wie ein Zuschauer im Kino bleibt der außen stehende Betrachter ausschließlich auf Augenhöhe Clancys. Der Roman ist von der literarischen Seite in der dritten Person geschrieben, aber Clancy ist in jeder wichtigen Szene gegenwärtig und alle Aktionen außerhalb seines unmittelbaren Umfeldes werden ihm in erster Linie von Stanton, Freeman und Kaprowski erzählt. Wie der Ermittler ist der Leser auf diese Fakten aus dritter Hand angewiesen, um den Fall zu verfolgen. Diese Intimität mit dem Ermittler erhöht nicht nur die Spannung, sondern unterstreicht eine aus heutiger Sicht typische Tendenz des amerikanischen Kriminalromans der sechziger Jahre, in dem es nicht selten auch um eine detaillierte Dokumentation der Polizeiarbeit abseits von den stilisierten Klischees der moralisch einwandfreien Ordnungshüter gegangen ist. Die Ermittlungsarbeit – vor Handy und Internet – wirkt aus heutiger Sicht archaisch, funktioniert aber im Milieu und vor allem hinsichtlich der Menschen, denen Clancy während seiner Arbeit begegnet, ausgezeichnet. Pike versteht es, mit der Erwartungshaltung des uninformierten Lesers zu spielen und falsche Spuren zu implizieren. Alleine die Erfahrung und der nach anfänglichen Schwierigkeiten messerscharfe Verstand Clancys dienen als roter Orientierungsfaden in dem verwickelten, aber trotzdem fast karg stringent erzählten Plot. Wenn Stanton oder Kaprowski nach Stunden ermüdender Ermittlungen und Befragungen zu Fuß von einem Punkt zum nächsten eilen, dann wirkt diese Beschreibung absolut authentisch. Ohne pathetisch zu werden oder ihre Arbeit auf ein Klischee zu reduzieren beschreibt Pike sachlich korrekt, ein wenig distanziert und so irgendwie spannend ihre alltägliche Arbeit, die nur aufgrund ihrer Entschlossenheit und ihrer Einsatzbereitschaft unabhängig von Überstunden oder Stechuhr zum Erfolg führt. Und Pike schließt den Plot sehr zufriedenstellend ab, ohne auf die inzwischen markante und hier keine Sekunde vermisste actionreiche Verfolgungsjagd zurückzugreifen. Nicht selten ist es der Zufall – in diesem Fall das fehlende zweite Paar Socken -, die schließlich auf die richtige Spur führen. Die Stärke des vorliegenden Romans „Mute WItness“ liegt im Detail und nicht in der Dramatik. Manche Passage sollte und muss ein zweites Mal gelesen werden, bis man die Zusammenhänge zusammen mit Clancy erfasst hat. Aber rückblickend lohnt es sich, auch wenn die Erwartungen der „Bullitt“ Anhänger sicherlich auf den ersten Blick fehl geleitet werden, um dann aufgrund der Tiefe des Plots und daraus resultierend der sehr guten Struktur des Buches mit einer ungewöhnlich flachen, aber sehr intensiven Spannungskurve um so mehr befriedigt zu werden. Nur hinsichtlich des erklärenden Ende versucht sich Pike an den Sherlock Holmes oder Charlie Chan Geschichten. Diese Vorgehensweise wirkt weniger klassisch als hinsichtlich des bewusst realistisch gehaltenen Plots anachronistisch. Stellvertretend für das ebenfalls überraschte Lesepublikum erläutert Clancy dem überforderten jungen Staatsanwalt Chalmers, seinen beiden Helfern Stanton und Kaprowski, Doktor Freeman und schließlich auch seinem Vorgesetzten, wie er in letzter Sekunde den plötzlich ungewöhnlich komplex und vielschichtig werdenden Fall lösen konnte. Obwohl Pike die einzelnen Versatzstücke logisch zusammenbaut, erinnert manche Brücke auch an den Faktor Zufall. Unabhängig von dem leicht statischen Ende liefert Pike aber einen faszinierenden und packend realistisch erzählten Thriller ab.

Das liegt nicht zuletzt an den sehr gut und realistisch gezeichneten Charakteren. Insbesondere Clancy als verantwortungsbewusster, aber sich nicht immer an die Regeln haltender Cop mit einer durchwachsenen Karriere wächst dem Leser förmlich ans Herz. Ohne sich um Paragraphen und Verordnungen kümmernd versucht er den Fall zu lösen. Er nimmt den Tod des ihm anvertrauten Mafiosi – hier unterstreicht die Auflösung des Falls das geflügelte Wort, das man niemals aufgeben soll - persönlich. Clancy ist ein ausgesprochener Pragmatiker, der aufgrund seiner Überarbeitung und Erschöpfung anfänglich Fehler macht, im Gegensatz aber zum opportunistischen Chalmers agiert und nicht politisch passend reagiert. Im Gegensatz zur Verfilmung mit dem Sexidol Mcqueen ist Clancy zugänglicher und wird von seinen Untergebenen als harter, aber fairer Vorgesetzter geschätzt. Man vertraut ihm. Insbesondere Stanton und Kaprowski spielen mehrmals mit ihrem Job, um Clancys Alleingänge zu decken. Das alles am Ende positiv endet, wirkt ein wenig zu konstruiert, ist aber nach einem insbesondere im Mittelteil teilweise ungewöhnlich dunklen, aber nicht überdurchschnittlich brutalen Krimi nur folgerichtig.

Zusammengefasst ist „Mute Witness“ ein lesenswerter Ermittlungskrimi, in einem aus heutiger Sicht fast fremdartig und teilweise an die Irrealität der „Jerry Cotton“ Krimis erinnernden New York. Über weite Strecken sehr spannend und clever konstruiert mit einer überraschenden Auflösung, die allerdings zu statisch, ein wenig zu belehrend präsentiert wird.

Robert L. Pike: "Bullitt"
Roman, Softcover, 172 Seiten
Bloomsbury Publishing 1963

ISBN 9-7807-4754-1318

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::