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Thriller



Charles L. Fontenay

Die Jahrtausendflut

rezensiert von Thomas Harbach

Der 1917 geborene Charles L. Fontenay hat sich in verschiedenen Berufen und Berufungen versucht: Er war Journalist und Chefredakteur einer amerikanischen Tageszeitung, spielte zur Entspannung auf h√∂chstem Niveau Schach, arbeitete als Maler und Philosoph . Er schrieb in den f√ľnfziger und sechziger Jahren insgesamt drei Romane und etwa drei√üig Kurzgeschichten im Bereich der Science Fiction. Zwei dieser drei Romane erschienen in Deutschland als Leihbuch und Heftroman. Nur der jetzt vorliegende Stoff wurde bislang nicht √ľbersetzt. Diese L√ľcke schlie√üt der Kleinverlag Blitz mit einer auf 999 Exemplaren limitierten Auflage im Rahmen seiner Magic Collection.

Fast vierzig Jahre sp√§ter folgte neben einer kompletten Werksausgabe nur ein Zyklus von Geschichten und ein weiterer Roman. Dieser urspr√ľnglich 1964 erschienene Roman wurde behutsam an die Neuzeit - Handy, Kioto Konferenz und Osama Bin Laden- vom Autoren selbst angepasst.

Die Meere steigen langsam und drohen die Menschheit zur√ľckzudr√§ngen. Ein kleines Team um den Wissenschaftler Brand Caravel entdeckt einen Meteoriten, der der Erde nach den ersten Berechnungen bedrohlich nahe kommt. Kaum kommt Caravel aus seinem Forschungsexil Holland wieder in den Staaten an, dreht sich die Lage. Die letzten Berechnungen weisen auf einen Einschlag mitten im atlantischen Ozean in wenigen Stunden hin. F√ľr die Bewohner der K√ľstenregionen eine lebensbedrohende Katastrophe. Mit einer kleinen Gruppe von Bekannten setzt sich Caravel in Richtung Noah¬īs Buckel, einer kleinen Erhebung ab. Sie hoffen, dort sicher zu sein.

Selbst f√ľr einen vierzig Jahre alten Roman sind Einschl√§ge von gr√∂√üeren Meteoriten auf der Erde kein neues Thema. Doch Fontenay gewinnt diesem die Katastrophe ausl√∂senden Element eine Reihe von neuen und auch heute noch originellen Gesichtspunkten ab: Die Kontinente werden nicht nur √ľberflutet, das Gewicht des Wasser auf den empfindlichen tektonischen Platten dr√ľckt diese noch tiefer und l√§sst das Land weiter versinken. Diese in Sch√ľben ablaufende Katastrophe mit ihrem im wahrsten Sinne des Wortes biblischen Ende l√§sst die hier beschriebene und zahm dargestellte postapokalyptische Kultur Makulatur werden. Im gr√∂√üeren Kontext st√∂rt der pers√∂nliche Konflikt zwischen den Protagonisten um eine Frau, die beide nur oberfl√§chlich kennen mehr als das er hilft.

Viele interessantere Ans√§tze -wie das langsame Steigen des Wassers durch Umweltverschmutzung- werden in den Hintergrund gedr√§ngt. Das Heyne SF Lexikon geht noch einen Schritt weiter und berichtet f√§lschlicherweise, dass durch die Explosion verschiedener Atomkraftwerke das Wasser zu Steigen beginnt. Auf die verheerenden Auswirkungen im technologischen Bereich geht der Autor √ľberhaupt nicht ein. Die schon vorher verdammte Menschheit f√§llt innerhalb weniger Tage in die Barbarei zur√ľck und wird schlie√ülich bis auf eine Schar zuf√§llig zur richtigen Zeit am richtigen Ort anwesender Menschen ausgel√∂scht. Das biblische Auswahlprinzip findet nur im kleinen Rahmen statt: die neue Arche startet von einem Berg mit Namen Noah ¬īs Buckel erbaut von einem bis kurz vor der Katastrophe kautzigen und jetzt prophetischen Einsiedler. Trotzdem durchzieht die gesamte Handlung das Prinzip Hoffnung und Aufrichtigkeit: die meisten Gesetzesverst√∂√üe seiner kleinen Gruppe tr√§gt Caravel nur murrend mit. Ohne die verbrecherische Ader des jungen verw√∂hnten Ashleys w√§re die Gruppe eigentlich nicht mehr am Leben. Eigentlich nur, weil in einer sehr konstruierten und unwahrscheinlichen Szene eine Gruppe Pfadfinder mit ihrem unerschrockenen F√ľhrer und dritten Verehrer - neben Caravel und Ashley - der im Mittelpunkt stehenden jungen Dame genauso schnell √ľber kleine Nebenstrecken das Ziel erreicht wie Ashley auf einem freien Highway.

Darum wird Caravel schlie√ülich gerettet und Ashley verschwindet im √ľbertragenen Sinne in der H√∂lle. Die Szenen mit den sich zusammenrottenden Aufst√§ndischen bilden einen dramaturgisch wichtigen aber in der Gesamtbetrachtung auff√§llig h√∂lzernen dritten Akt. Bevor der Roman g√§nzlich zu einer literarischen Umsetzung von Darwins √úberlebenstheorie der Arten zerf√§llt, besinnt sich der Autor und l√§sst einige Nebenkriegsschaupl√§tze im wahrsten Sinne des Wortes unter Wasser verschwinden.

Geschickt konzentriert sich Fontenay auf eine sehr kleine Gruppe von Menschen. Wie bei einem fahrenden Auto kann der Leser einen kurzen Blick auf das Schicksal der Anderen werfen, doch bevor er deren Situation realisiert, treibt der Autor die Handlung unerbittlich vorwärts. Die einzelnen Zeitabschnitte werden länger - die ersten einhundert Seiten spielen innerhalb weniger Stunden-, doch das hohe Tempo hält alle - Leser und Protagonisten- bis zum Ende gefangen.

Dabei wirkt keine seiner Figuren sympathisch. Selbst sein Protagonist Caravel macht zu Beginn einen egoistisch arroganten Eindruck Die Spannungen zwischen Ashley und Caravel vertiefen sich im Laufe der Handlung, den braven Pfadfinderf√ľhrer schiebt der Autor g√§nzlich ins Nichts. Immer wieder flammen zwar die Konflikte um die eine h√ľbsche junge Frau auf, doch bis zum Ende hin betont der Autor, dass sie sich noch nicht gek√ľsst haben. Einen Ausblick auf Geschlechtsverkehr, K√ľsse und eine n√§chste Generation gibt Fontenay zwar, aber das wirkt so stilisiert und k√ľnstlich wie in einem Anhang zur Bibel. Es stellt sich auch die Frage, ob die letzten S√§tze von Fontenay nachtr√§glich in den Text integriert worden sind.

Es √ľberrascht weniger, dass der Leser mehr Gef√ľhl f√ľr den anonymen Radiosprecher aufbringt, der das Ende von New York aus einem Wolkenkratzer der restlichen ums √úberleben k√§mpfenden Welt entgegen schreit als alle vier Hauptfiguren zusammen. Viele der Dialoge wirken ein bisschen zu steif und zu ziel gerichtet. Die moralische Sichtweise √ľbertr√§gt sich auf den ganzen Roman. In einer Reihe von Szenen winkt der Autor zu stark mit dem Zeigefinger und unterminiert seine dunkle Weltuntergangsvision. Eindrucksvoll -wie schon erw√§hnt- dagegen die Szenen im von einer Flutwelle bedrohten New York. Neben der menschlichen Komponente malt der Autor in einer blitzlichtartigen Inszenierung ein gespenstisches Bild. Auch einige andere Szenen - im improvisierten Fl√ľchtlingslager und die Konfrontation mit dem Milit√§r zu Beginn der Katastrophe- unterstreichen die F√§higkeit des Autoren, packend zu erz√§hlen.

Immer wenn die journalistischen F√§higkeiten wichtiger sind als die erz√§hlerische Kraft lebt der Roman urpl√∂tzlich auf und rei√üt die Leser wieder von Neuem mit. Diese starken Passagen k√∂nnen die unentschlossenen biblischen Referenzen nicht ausgleichen. Es w√§re packender und diskussionsw√ľrdiger gewesen, eine biblische Reinigung des S√ľndenpfuhls - offen gesprochen die Intention des Autoren- in Form eines Unterhaltungsroman zu beschreiben als zwischen Mahnung und Unterhaltung hin und her zu eilen. Damit verliert das Werk viel von seiner beabsichtigten Sch√§rfe.

Auch wenn der ultimative Katastrophenroman -allerdings mit positiver Grundtendenz- weiterhin Stewarts "Leben ohne Ende" bleibt, ist diese bislang in Deutschland unbekannte Arbeit eine solide und kompakt aufgebaute Geschichte mit einigen dramatischen Passagen, aber auch einer Reihe von Schwächen.

Bestellung direkt beim Verlag Blitz Verlag GmbH, Postfach 1168, 51556 Windeck

Charles L. Fontenay: "Die Jahrtausendflut"
Roman, Softcover, 222 Seiten
BLITZ-Verlag

ISBN 3-8984-0858-2

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