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Thriller



Andreas Gruber

Schwarze Dame

rezensiert von Thomas Harbach

Nach seinem Lovecraftroman “Der Judas Schrein” legt der Österreicher Andreas Gruber mit dem Thriller “Schwarze Dame” seinen zweiten buchlangen Text vor. In diesem gut zu lesenden Thriller finden sich kaum phantastische Elemente und doch gelingt es ihm, die Stimmung Prags inklusiv seiner Geschichte gut einzufangen und in den geradlinigen, aber zum Teil auf dem Prinzip Zufall basierenden Krimi zu integrieren. Wer jetzt automatisch an seinen Episodenroman “Jakob Rubinstein” denkt, wird schnell eines Besseren belehrt. Bislang hat sich Andreas Gruber in seinen Arbeiten nicht wiederholt und mit “Schwarze Damen” tat er es auch nicht. Schon sein Privatermittler Peter Hogart ist ein ganz anderer Charakter als Jakob Rubinstein. Von der Freundin verlassen, bei einer Ermittlung - wie Andreas Gruber in den diversen Rückblenden auf - hat er eine fatale Fehlentscheidung getroffen. Der neue Auftrag führt ihn nach Prag. Ein gigantischer Versicherungsbetrug soll von einer Versicherungsdetektivin aufgeklärt werden. Anscheinend sind bei einem Brand in der Prager Nationalgalerie nicht die Originalbilder verbrannt, sondern nur Fälschungen. Bevor die Detektivin, die auch gleichzeitig Nichte eines der Verantwortlichen ist, ihre Erkenntnisse übermitteln kann, verschwindet sie spurlos. Hogart soll nach ihr suchen, obwohl die Chancen , sie nach drei Wochen noch zu finden, vernachlässigbar gering sind. Mit seiner forschen, direkten Art macht sich Hogart gleich einige Feinde, denn er geht schnurstracks zum Paten der Stadt und versucht ihn aus der Reserve zu locken. Er trifft auf die attraktive Ivona Markovic, die an einer unheimlichen Mordserie arbeitet und für einen deutschen Botschafter den Täter suchen soll. Mehr und mehr werden ihre Kontakte in die Prager Unterwelt für die beiden Detektive nicht nur wichtig, sondern überlebenswichtig.

Wenn der Festa- Verlag auf dem Backcover von dem düsteren Wahnsinn schreibt, der eine ganze Stadt zu einem perversen Spiel zwingt, tut er Andreas Gruber Unrecht. Es ist nicht die ganze Stadt, die ein perverses Spiel treibt, sondern vor der Kulisse der goldenen Stadt spielt sich eine Tragödie größeren Ausmaßes ab, welche die meisten Passanten nur aus der Zeitung verfolgen. Das Andreas Gruber es meisterhaft versteht, aus dem Nichts heraus eine subtile Atmosphäre zu erschaffen, hat er schon mit seinen Kurzgeschichten bewiesen. Im vorliegenden Roman entsteht unter seiner Feder das aktuelle Prag genauso wie die Vergangenheit dieser Stadt. Mehr und mehr verschwinden die Grenzen und wenn der Showdown in den alten Lagerhallen stattfindet, wird man unwillkürlich an “Der dritte Mann” durch die Perspektive des “Glöckners von Notre Damme” erinnert. Wie sehr Andreas Gruber Fakten und Fiktion verbindet, wird an einer markanten Schlüsselszene deutlich. In “Der Golem, wie er in die Welt kam” - wahrscheinlich meint Andreas Gruber diesen Film und nicht die allererste Fassung von Paul Wegeners Meisterwerk - verbirgt sich in einer geschnittenen Szene der Schlüssel zu den weiteren Ermittlungen. Das das Material quasi in einer Kiste dem Verfall preisgegeben worden ist und daneben griffbereit die Originalbriefe von Myrink an Wegener liegen sollten, ist allerdings einer der vielen Zufälle, die sich kriminaltechnisch gut in die Handlung einbauen lassen, rückblickend aber die Grenzen der Logik sprengen. Es finden sich eine Reihe von ähnlichen Szenen im Roman- der Bogen beginnt mit dem Anschlag auf Ivona Markovic, welcher nicht den Regeln des “Spiels” entspricht bis zum Aufklären des Versicherungsbetruges, der in seiner Planung - Herstellen der Fälschungen bis zum Abtransport der Originale - unwahrscheinlich erscheint. Diese Szenen lassen sich im Ablauf des Romans sehr gut lesen, aber sie wirken befremdend.

Viel mehr Wert legt Andreas Gruber auf seine zahlreichen Protagonisten. Insbesondere Ivona Markovic wird nicht nur als attraktive Frau mit einer eigenen Vergangenheit dargestellt, sie agiert auf Augenhöhe mit Hogart und hilft ihm mehr als einmal in dieser fremden Stadt. Hogart erinnert ein wenig an Humphrey Bogart, melancholisch, eigenbrötlerisch, auf der Suche nach wahrer Liebe und einem Zuhause, das er vor einigen Jahren ohne Not weggeschenkt hat. Zusammen bilden die beiden ein gutes Ermittlergespann, der obligatorischen Funkenflug verkneift sich Andreas Gruber allerdings. Insbesondere die Nebenfiguren sind ihm sehr überzeugend gelungen. Vom Paten von Prag, der sich als skrupelloser Geschäftsmann entpuppt und neben seinen Unterweltaktivitäten sich als Mann mit Emotionen entpuppt, über den steifen deutschen Botschaftsangehörigen, der ein Geheimnis verbirgt, bis zum Täter, dessen Anagramm von einem aufmerksamen Leser sehr schnell entziffert wird. Sie agieren gegen- und miteinander, dabei verschiebt Andreas Gruber wie auf einem übergeordneten Schachspiel die einzelnen Figuren über die goldene Stadt. Bis weit in das letzte Drittel des Buches gelingt es Andreas Gruber immer wieder, nicht nur seine Protagonisten zu täuschen, sondern vor allem auch die Leser immer wieder mit falschen oder unvollständigen Hinweisen in die Irre zu führen. Dazu kommt, dass er nach gut Zweidritteln des Buches den offensichtlichen Täter entlarvt und die Zusammenhänge erläutert und trotzdem den Spannungsbogen erstaunlich hoch hält. Insbesondere der Showdown gehört zu den stärksten Passagen des Buches. Auch wenn alle Karten auf dem Tisch liegen, gelingt es ihm, den Leser zu fesseln und vor allem mit seinen gebrochenen Charakteren mitleiden zu lassen. Das er nicht unbedingt Fließbandlösungen, zeigt sich schon an der Tatsache, dass sowohl der Leser als auch die Ermittler zumindest Verständnis für die geschundene Kreatur des Täters aufbringen können. Eine weitere Spannungsebene hat Gruber eingezogen, in dem er seine Ermittler den Täter schon lange vor dessen Entlarvung an den Unterweltchef gegen einen wichtigen Hinweis verkaufen lässt. Diese emotionale Zwickmühle, in welche sich die beiden gebracht haben, zeigt, wie weit sich Andreas Gruber zwischen seinem letzten Roman “Der Judas Schrein” und dem vorliegenden Band weiterentwickelt hat. In seinem ersten Roman konnte er die aufgebaute Spannung nicht adäquat auflösen und fühlte sich insbesondere beim Showdown zu sehr in den engen Vorgaben eines Lovecraftromans gefangen. “Schwarze Dame” ist viel nuancierter, pointierter und dramatischer geschrieben worden. Die vielschichtigen Handlungen - wenn sie auch teilweise wie schon erwähnt auf sonderbaren Zufällen basieren - laufen sehr viel geradliniger und effektiver zusammen. Der Hinweis, das insbesondere der Verleger Festa Andreas Gruber darauf hingewiesen hat, sich in seinem Plot nicht zu verwirren, hat dem Buch sehr gut getan. Der Roman ließt sich ungewöhnlich spannend und fließend. Dabei verliert er nicht an Komplexität, denn neben der offensichtlichen Ermittlungsarbeit sind es seine Figuren, welche die Handlung auf ihren oft zu schmalen Schultern tragen. Dabei bemüht sich Andreas Gruber sehr erfolgreich, seinen Lesern die Qual der Wahl zu lassen. Er verzichtet auf ausführliche Beschreibungen, deutet manche Sachen in fast beiläufigen Dialogen an und fügt sehr geschickt die einzelnen Protagonisten nach und nach zu einem so komplexen Netzwerk zusammen, das der Leser nach dem Auftakt des Buches nur staunen kann. Anscheinend ist ganz Prag eine einzige Familie, die sich liebt und hasst. Das die Mordserie in dieser Form selbst für einen kranken Geist sehr konstruiert wirkt - immerhin muss der Täter den Mut aufbringen, sieben unschuldige Menschen nach Plan und ein weiteres Opfer aus dem Affekt heraus zu töten, um sein eigentliches Ziel zu erreichen - und vor allem aufgrund der Zufälligkeit des einen Mordes an der Versicherungsdetektivin im Vergleich zu den anderen über einen längeren Zeitraum geplanten Anschlägen ein wenig hinkt, sollte man unter dem Stichwort “Prager Geschichten “ abheften. Insbesondere am Ende nähert sich Andreas Gruber teilweise unnötig und zu sehr dem profanen Splatter. Dabei droht die Sympathieebene zum Täter - auch von der Seite der Ermittler - ins Wanken zu geraten, immerhin geht es um die Morde an sieben unschuldigen Menschen. Hier macht es sich Gruber am Ende ein wenig zu leicht. Unabhängig von den seelischen und körperlichen Schäden, welche der Täter in seinem harten Leben bislang erlitten hat.

Ein positiver Höhepunkt ist die Stadt Prag als Hintergrund und teilweise Protagonist der Geschichte. Andreas Gruber hat viel recherchiert. Unter anderem auch vor Ort, wie er in seiner Danksagung zum Ausdruck bringt. So entsteht vor den Augen des Lesers eine Stadt, die immer wieder mit der eigenen Geschichte im positiven wie negativen Sinne konfrontiert wird. Mit leichter Hand gelingt es dem Autoren, den Leser zu informieren ohne ihn zu belehren. Dabei spannt sich der Bogen von dem jüdischen Ghetto bis in die zwielichtige Gegenwart. Prag wird zu mehr als der Kulisse dieses Thrillers, die Stadt wird zu einem elementaren Bestandteil des Plots und wenn Hogart durch die Straßen irrt und versucht, diesen Schmelztiegel aus Geschichte und Kriminalität, aus Opportunisten und Romantikern zu verstehen, ist er manchmal ebenso überfordert wie der Leser. Die Isolation des Protagonisten in einer fremden Umgebung, einer fremden Stadt ist ein markantes Element insbesondere der Hardboiled Krimis und ohne auf den stilistischen Zynismus dieser überwiegend amerikanischen Romane zurückzugreifen, beherrscht Gruber dieses Sujet ausgezeichnet.

“Schwarze Dame” ist handlungstechnisch sein bislang ambitioniertes Roman. Stilistisch mit einer chamäleonartigen Vielfältigkeit haben Grubers Arbeiten in erster Linie im Bereich der Weird Fiction am meisten überzeugt. Mit dem vorliegenden Roman zeigt er, dass er ein ernsthafter und guter Krimiautor ist. Auch wenn plottechnisch zum Teil einige Zufälle Hogarts Weg kreuzen und insbesondere der Showdown etwas überzogen und sehr theatralisch inszeniert worden ist - das passt wiederum zu den Vorlieben seines Täters - ist “Schwarze Dame “ sein bislang bestes Buches. Lesenswert, sehr unterhaltsam, mit überzeugenden, identifizierbaren, aber nicht immer trocken realistischen Charakteren. Der über weite Strecken interessante Plot wird vom Klappentext unnötig aufgemotzt, die Tragödie, das Wegsehen in den besseren Kreisen, das Spiel, das schließlich zur Katharsis führen soll und zumindest impliziert auch führt, reicht vollkommen aus, um den Leser in seinen Bann zu schlagen und gut, packend und vor allem originell zu unterhalten. Teilweise wird man bei der Lektüre an Leroux “Phantom der Oper” erinnert, so sehr verbinden sich Plot und Stadt zu einer spannenden, wenn auch nicht gänzlich befriedigenden Geschichte.

Andreas Gruber: "Schwarze Dame"
Roman, Hardcover, 272 Seiten
Festa- Verlag 2007

ISBN 3-8655-2072-3

Weitere Bücher von Andreas Gruber:
 - Der fünfte Erzengel
 - Der Judas-Schrein

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