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Thriller



Andreas Wilhelm

Projekt Babylon

rezensiert von Thomas Harbach

Zwei Tendenzen zeigen sich immer stärker in der deutschen phantastischen Verlagslandschaft ab: junge, interessante deutsche Autoren – bei denen die Rechte deutlich besser günstiger zu haben sind als bei den angloamerikanischen Kollegen und die Übersetzungskosten gespart werden können – drängen oder werden auf den Markt gedrängt. Daneben erscheinen eine Reihe von interessanten phantastischen Titeln außerhalb der Reihen oder bei Verlagen, die dieses Genre ansonsten übersehen. Der Piper- Verlag veröffentlichte mit „Der Funke des Chronos“ von Thomas Finn einen phantastischen Thriller und Knaur in den letzten beiden Jahren zwei Romane des Zeichners Thomas Thiemeyer. Dieser hat fast im Alleingang das versunkene Genre des Abenteuertrillers wieder belebt. Der junge im Umland von Hamburg lebende Autor Andreas Wilhelm führt diese Strömung nicht nur fort, sondern ergänzt sie um die Variante des intellektuellen Abenteuerromans. Über weite Strecken fasziniert er mit einer Mischung aus historischen Fakten, Legenden und fiktiven Spekulationen. Dabei ist „Projekt Babylon“ sein erster Roman. Wilhelm ist Jahrgang 1971, wuchs in Südafrika, der Schweiz, Nigeria und Portugal auf, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Mysterien der Vergangenheit und arbeitet im Bereich Neue Medien.

Die im Verlauf des Romans beschriebenen Ereignisse haben ihren Katalysator in einem Zufall. Ein Schäfer sucht in einer Höhle Schutz. Deren Wände sind mit unterschiedlichen Schriftzeichen bedeckt. Diese scheinen nicht nur aus unterschiedlichen Epochen zu stammen, sondern vereinigen die verschiedenen Kulturen. Zwei Wissenschaftler – ein englischer Historiker und ein französischer Archäologe – werden anscheinend von einer Unterorganisation der UNO beauftragt, das Geheimnis zu enträtseln. Kurze Zeit später gesellt sich eine junge, attraktive und deutsche Sprachwissenschaftlerin zum Team. Aber nicht nur die Wissenschaftler suchen das Geheimnis der Höhle zu enträtseln, sondern okkulte Geheimbünde und einige undurchsichtige Politiker werden darauf aufmerksam.

Der Autor macht nicht den Fehler, zu viel von seinem Fund aufzudecken. Damit erhält er wahrscheinlich eher unfreiwillig die Spannung durch das unüberzeugende Ende leider über die Romanhandlung hinaus offen und könnte die obligatorische Fortsetzung in Angriff nehmen. Dank der hier präsentierten Konstellation teilt sich das Buch in drei Ebenen: die politische Bühne, auf die später eingegangen werden soll, die intellektuelle wissenschaftliche Basis, die einen Hauptteil des Buches einnimmt und den besten Part darstellt, und die eigentliche Erforschung des Phänomens. Hier bleibt Wilhelm vage und versucht nicht, bis ins kleinste Detail zu erläutern und zu belehren. Bis zur Entdeckung, wer die Höhle betreten kann, funktioniert dieser elementare Bestandteil des Buches sehr gut, dann weicht der Autor die Vorgaben unerklärlicherweise auf und im Gesamtverhältnis zum Roman bleibt die eigentliche Erforschung unbefriedigend. Hier konnte er sich anscheinend nicht entschließen, auf eine weitere Ausdehnung dieser Ebene zu verzichten und den Plot gänzlich in den Bereich wissenschaftlicher Theorie zu übertragen. Das hätte dem Roman sicherlich gut getan, denn solange seine Protagonisten theoretisieren, funktioniert das Buch ausgezeichnet. Erst in den Momenten, wo die beschriebene Realität die wissenschaftliche Spekulation ein- oder überholt, zeigt die Schwächen im Konstrukt und einzelne Passagen wirken konstruiert und bemüht. Dabei hätte er diese Andienung an den breiten Geschmack nicht nötig, denn
Andreas Wilhelms Stärke ist seine erzählerische Souveränität. Er verzichtet besonders bis zum obligatorischen Showdown auf klassische Actionszenen. Insbesondere
zu Beginn des Romans überschüttet der Autor in allgemein verständlicher und gut dargebrachter Form seine Leser mit historischen Fakten, Legenden und ebenen Theorien. Einige dieser Monologe umfassen mehr als eine halbe Textseite und werden trotzdem nicht belehrend, sondern informierend in die vielschichtige Handlung integriert. Beispielhaft erwähnt er die Lutherpassagen, in denen der Autor neben den Hinweisen auf die Lutherübersetzung fiktive Bezüge zu den Rosenkreuzlern und eine intensive Beschäftigung mit der Kabbala andichtete. Diese Kombination wird – wie eine Reihe ähnlicher Spekulationen - so selbstverständlich und überzeugend dargebracht, dass der Leser sie als reale „Fakten“ akzeptiert. Im Zuge der Ermittlungen entsteht so eine Reihe von Theorien, die sich ergänzen oder widersprechen, aber allmählich eine Welt hinter unserer Fassade enthüllen. In dieser leben vornämlich Geheimbünde und Sekten. Wer sich wie Andreas Wilhelm seit vielen Jahren mit Mysterien beschäftigt, wird wahrscheinlich noch weitere Hinweise und versteckte Anspielungen entdecken können, wer spannend unterhalten werden möchte, braucht diese zweite Insiderhandlungsebene nicht.

Neben dem Ende ist die zweite Schwäche des Buches die eher oberflächliche Charakterisierung der einzelnen Figuren. Durch die Datenfülle werden sie – obwohl Informationsüberträger – in ihren Eigenschaften eher in den Hintergrund gedrängt. Es gelingt Wilhelm nicht, ihnen markante Züge zu verleihen und spätestens mit dem Auftreten Stefanies als Objekt der Begierde ist zwar eine klassische Dreierkombination perfekt, aber sie wirkt emotionslos und oberflächlich.

Durch den ruhigen, aber nicht lethargischen Aufbau des großen Handlungsbogens fällt diese Schwäche über weite Strecken des Buches nicht ins Gewicht. Der Autor hat verfügt über seine handelnden Protagonisten eher als Informationsmittler als Sympathieträger. Weiterhin ist überraschend, wie viel Zeit der Roman für den Katalysator – das Geheimnis der Höhle – aufwendet und viel Raum den erläuternden Ermittlungen gegeben wird. Mit erstaunlicher Routine und sehr guten Dialogen – unterbrochen von notwendigen Monologen – entwickelt Wilhelm den Roman, ihm fehlt aber die Erfahrung, seinen komplexen Themenrahmen zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen. Dazu hätte der Roman gut zweihundert Seiten mehr Umfang vertragen können, das hätte Wilhelm den Raum gegeben, einen vernünftigen und spannenden Showdown zu entwickeln. Zu sehr greift er auf moderne Abenteuerromanklischees zurück, die auch Michael Crichtons „Kongo“ zu einem zwiespältigen Lesevergnügen machten.
So faszinierend die oft in Monologform wiedergegebenen historischen Passagen sind, so schwach ist der Abschluss des Buches. Andreas Wilhelm hat deutliche Probleme, seine interessante Ausgangssituation in ein befriedigendes Szenario und einen nachvollziehbaren Showdown umzusetzen. Während die schwarze Messe noch verständlich ist, überschlagen sich in amerikanischer Actionheldensituation die Ereignisse am Ende des Romans. Die gewaltsame Konfrontation zwischen den Bösen unter der Führung einer selbstsüchtigen Frau und einer Handvoll Guter am Ende des Buches ist im Vergleich zum oft gesetzten Aufbau zu konzentriert und zu gedrängt beschrieben worden. Außerdem macht er es sich zu einfach, die Wurzel des Übels einfach auszureißen. Sinnvoller wäre es gewesen, den gefährlichen Fund in die heutige Gesellschaft zu integrieren und einen Konflikt zwischen Klerus und den verschiedenen Sekten zu provozieren. Der Leser erfährt zu wenig über den Inhalt der Höhle und am Ende des Buches möchte er auf die vielen aufgeworfenen Thesen zumindest den Ansatz einer Antwort haben. Eine weitere Schwäche ist die Figur der deutschen Sprachwissenschaftlerin. Sehr schnell wird sie zu einem Objekt platonischer Begierde, aber auch bei ihr sucht Wilhelm am Ende des Buches eine zu einfache Lösung seines Problems. Es stellt sich plötzlich und überraschend heraus, dass sich hinter ihrer Fassade mehr verbirgt. Warum sie dies erst quasi im Nachwort offenbart und einen Augenblick vorher als eine Inkarnation eines mittelalterlichen Terminators für Ordnung sorgt, ist das Geheimnis des Autoren. Immerhin „öffnet“ sie scheinbar den beiden anderen Wissenschaftlern das Tor durch die Höhle. Hier wäre es sinnvoller gewesen, ihrer Figur mehr Tiefe zu geben. Die Angaben, die sie ihren Kollegen gibt, scheinen zu stimmen. Warum nicht früher mit den Manipulationen ansetzen? Warum nicht früher mit verdächtig erscheinenden, aber nach erklärbaren, wenn auch nicht gänzlich erklärlichen Situationen das Geheimnis schützen? Mit dem Epilog hat Andreas Wilhelm sich im Grunde einen Pyrrhussieg eingehandelt. Seine Intention ist klar: er möchte den bis dato eher streng fundamentalen Handlungsrahmen auf eine andere Ebene heben und eine mit magischen Fähigkeiten - ? – versehene geheimnisvolle Wächterorganisation in den Vordergrund bringen. Das kommt im Handlungsaufbau zu spät und wirkt eher nachgeschoben als aus vollem Herzen geplant.

Die politische Parallelhandlungsebene erscheint ebenfalls zu Beginn sehr interessant und spannend aufgebaut, bevor Andreas Wilhelm sie unter dunklen Andeutungen – vergleichbar den Verschwörungstheorien gängiger Serien wie „Akte X“ im Nichts auslaufen lässt.

Über weite Strecken ist „Projekt Babylon“ ein sehr spannender, sehr unterhaltsamer und vor allem auf intellektuellen Spielereien und nicht blanker Aktion basierender Roman. Für einen Erstling insbesondere wegen der außergewöhnlichen Handlungsführung ein überzeugendes Debüt. Die Schwächen im Showdown und in der Charakterisierung gleicht Wilhelm durch den Mut aus, seinen Lesern auf einer intellektuellen Ebene fair und offen zu begegnen.

Andreas Wilhelm: "Projekt Babylon"
Roman, Softcover, 448 Seiten
Limes 2006

ISBN 3-8090-2489-9

Weitere Bücher von Andreas Wilhelm:
 - Projekt : Sakkara
 - Projekt Atlantis

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