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Thriller



Mario Giodarno

Cotton Reloaded: der Beginn

rezensiert von Thomas Harbach

Ausschließlich für das digitale Medienzeitalter fängt Bastei Lübbe bei seinem Dauerbrenner „Jerry Cotton“ im 21. Jahrhundert von vorne an. Der Neustart erinnert weniger an das umstrittene „Perry Rhodan Neo“ Projekt, sondern vom James Bond stilisierten Titelbild an die Filme mit Daniel Craig in der Rolle des Agenten mit der Lizenz zu Töten. Die Umgebung – New York – ist vertraut. Viele der handelnden Figuren – bis auf eine entscheidende Ausnahme – den „Jerry Cotton“ Fans bekannt und doch ist alles anders.

Mario Giodarnos „Der Beginn“ startet dem amerikanischen Trauma- Klischee folgend am 11. September 2001, als Jeremiah – nenn mich niemals Jerry - Cotton bei seinem ersten Besuch in New York bestohlen wird. Er verfolgt den Dieb und kann seine Geldbörse zurückerhalten. Dadurch kommt er zu spät, als seine Schwester ihren Eltern ihren Arbeitsplatz im 93.Stockwerk des World Trade Centers zeigt. Jerry Cotton befindet sich im unteren Abschnitt des Gebäudes, als das erste Flugzeug einschlägt. Ihm gelingt es, eine gelähmte Frau zu retten. Seine Schwester und seine Eltern kommen ums Leben. Er wird später aus den Trümmern des World Trade Centers lebend gezogen. Die von ihm gerettete Frau adoptiert ihn, während er sich als Polizist ausbilden lässt. Cotton ist zwar grundehrlich, aber auch nicht sonderlich ehrgeizig. Giodarno versucht diesen vermeidlichen Widerspruch nicht aufzuklären, da sich Jerry Cotton zu Beginn des Romans schwört, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Als er zu Beginn der eigentlichen Handlung einen Kollegen bei seinem Besuch bei zwei japanischen Prostituierten deckt, fällt ihm eine junge attraktive Frau in einem teuren Kostüm auf. Sie trägt anscheinend eine Waffe in einem Schulterhalfter. Cotton zögert einen Moment, entschließt sich dann aber doch, ihr durch die dunklen Gassen zu folgen. Er findet ihre Leiche in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus und wird von einem Unbekannten niedergeschlagen. Als er wieder erwacht, holt er die Kollegen. Zusammen mit seinen plötzlich gegen ihn ermittelnden Beamten taucht die attraktive Phillipa Decker auf. Sie verhört Jerry Cotton. Während dieser der Ansicht ist, dass die junge Frau ein weiteres Opfer eines Serienmörders an asiatischen Prostituierten geworden ist, scheint mehr hinter der Sache zu stecken, als es den Anschein hat. Den Phillipa Decker agiert als FBI Beamtin für eine Sondereinheit namens G- Force. Was Jerry Cotton verschwiegen hat, ist die Tatsache, dass er vom Tatort nicht nur ein Handy, sondern auch eine Zugangskarte gestohlen hat. Bald ist ihm der Mörder auf der Spur.

Wie schon angesprochen ist „Cotton Reloaded“ mehr als ein klassischer Relaunch für eine neue Lesergeneration. Diese wäre auch unnötig, da sich die Serie im Laufe der Jahre bzw. Jahrzehnte an ihre jeweiligen Leser angepasst hat. Woche für Woche kann der interessierte Fan die „klassischen“ Romane aus den sechziger Jahren neben den aktuellen Auflagen kaufen. Den Relaunch verbinde mit den drei Heftromanen die Affinität für New York. Jerry Cotton und New York bilden eine Einheit. Auch Giodarno versucht seinem Roman diese besondere Atmosphäre der Stadt, die niemals schläft, zu verleihen. Am deutlichsten wird das vielleicht während des perfide perfekt geplanten Showdowns.

Der Jeremiah alias Jerry Cotton ist dagegen nicht mit den laufenden Heftroman bzw. Taschenbuchserien zu vergleichen. Der Untertitel „Der Beginn“ ist wörtlich zu nehmen. Jerry Cotton ist ein Heißsporn. Engagiert wenn er sich persönlich angegriffen fühlt. Kein Teamplayer. Arrogant und verletzlich zu gleich, der als Polizist eher im Karrieretechnischen Abseits dahin driftet. Anträge auf Versetzungen zum FBI werden regelmäßig abgelehnt. Er ist aber auch ein intelligenter Grübler, der sich an Kleinigkeiten festbeißt. Ein Querdenker, der in einer der überzeugenden emotionalen Szenen jedes Mordopfer persönlich nimmt. Warum er diese Besessenheit aber nicht gegenüber seinen Vorgesetzten scheint, ist einer der kleinen Widersprüche des vorliegenden Romans. Im Verlaufe des Falls wird Jerry Cotton mehrmals provoziert und vor allem brüskiert. Das er es schließlich doch schafft, ein Mitglied des FBI G- Teams zu werden, steht außer Frage und nimmt einen zu breiten Raum in dieser stringenten Geschichte ein. Cotton ist nicht ganz der melancholische Einzelgänger der gedruckten Ausgaben. Er hat Freunde, die er in Lebensgefahr bringt. Er hat eine Vergangenheit. Als Landei in Iowa aufgewachsen fängt ihn die Großstadt schon an seinem ersten Tag in New York. Durch den Tod aller Verwandten verliert er seine persönlich emotionale Bindung zu seiner Heimat und bricht im übertragenen Sinne alle Brücken ab. Es ist gewöhnungsbedürftig, Jerry Cotton als elementaren, aber nicht mehr dominierenden Charakter zu sehen, der trotz aller Erfolge am Ende der Geschichte Schüler und lebensnaher Lehrmeister zu gleich zu sein scheint.

Die größte vielleicht sogar positive Veränderung stellt Phillipa Decker da. Sie fährt im Gegensatz zur Romanserie einen weißen Porsche mit weißen Ledersitzen. Sie ist eine erfahrene FBI Agentin, welcher allerdings der Instinkt für die Straße fehlt. Sie scheint aufgrund ihrer Kleidung aus eher reicherem Hause zu kommen. Sie erscheint arrogant und distanziert. Sie verspottet anfänglich den Rokkie Jeremiah Cotton. Sie hat ihre Partnerin – die Leiche der ermordeten Frau, die Cotton gefunden hat – verloren. Nicht weil sie ein potentielles Risiko überschätzt haben, sondern weil sich im Hintergrund der Prostituiertenmorde eine deutlich größere Gefahr ausgebildet hat, die niemand erkennen konnte. Die Dialoge zwischen der Phillipa Decker und Jeremiah Cotton sind pointiert und vielschichtig geschrieben. Am Ende des ersten Romans erfüllt sich für Cotton ein Traum und bewahrheitet sich für Decker ein kleiner potentieller beruflicher Alptraum. Die verschobenen Konstellationen sind gewöhnungsbedürftig, aber die radikale Abkehr von den bisherigen Verhaltensmustern der originalen Serien wird „Cotton reloaded“ die faire Chance geben, ein eigenes Profil zu entwickeln. Mr. High als Anführer der Specialforce ist zu wenig zu beurteilen. Er scheint eine natürliche charismatische Autorität zu sein, die im Notfall entgegen der Erwartungen des amerikanischen Beamtenapparates handelt und flache Hierarchien bevorzugt.
Cottons erster Fall im Grunde als potentielle Anwärter dieser Spezialeinheit setzt sich aus zwei Komponenten zusammen, die eher durch einen Zufall miteinander verbunden sind. Dabei werden schon für die Amerikaner sensible Themen gestreift: der Irakkrieg, das Veteranentrauma, die bestialische Abschlachtung von Zivilisten bilden einen Komplex, der in politischer Hinsicht eher missbraucht als differenziert betrachtet wird. Der christlich fundamentalistische „Terror“ von Rechts wird impliziert. Anstatt diese wie bei den Anthrax- Anschlägen im Gefolge des 11. Septembers ausschließlich erzkonservativen amerikanischen Initiativen zuzuordnen, versucht der Autor einen erneuten Brückenschlag zu islamischen Terrorkräften. Diese Vorgehensweise unterminiert die Intention des Autoren und hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck. Der eigentliche Fall des Prostituiertenmassenmörders wird mehr und mehr zu einem MacGuffin. Es erscheint zwar unwahrscheinlich, dass eine militärisch derartig solide Aktion von einem Mann unterminiert wird, der sein Iraktrauma an New Yorker Prostituierten ausleben muss. Aber genauso konstruiert muss das potentielle Verhältnis zwischen dem Anführer der Attentäter und Deckers Kollegin angesehen werden. Immer befanden sich diese Elitesoldaten auf einer von ihnen selbst initiierten Mission. Von diesen auf den zweiten Blick groben Schnitzern abgesehen variiert Giodarno das Tempo des ganzen Romans zufrieden stellend. Zwar spielt sich die Handlung wie in den alten „Jerry Cotton“ ausschließlich aus einer einzigen Perspektive ab, aber die fehlende Ich- Erzählerebene erhöht die Dramatik einer Reihe von Szenen. Cottons Spürnase wird durch modernste Überwachungstechnik der amerikanischen Homelandsecurity unterstützt, die Big Brother allgegenwärtig erscheinen lassen.
Die Mischung aus einem interessanten, aber rückblickend zu leicht aufgelösten brisant politischen Fall und der Einführung vertrauter, aber komplett überarbeiteter Figuren funktioniert gut. Zusammengefasst ist „Cotton reloaded: der Beginn“ ein unterhaltsamer Beginn einer neuen Variation des ewigen Ermittlers, die aber in den nächsten Romanen nicht zu sehr in James Bond Territorium abdriften sollte.

Mario Giodarno : "Cotton Reloaded: der Beginn"
Roman, Softcover, 94 Seiten
Bastei Lübbe 2012

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