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Thriller



Jack Finney

Assault on a Queen

rezensiert von Thomas Harbach

In Deutschland ist der Amerikaner Jack Finney in erster Linie durch seine Science Fiction Romane „Invasion of the Body Snatchers“ – inzwischen viermal verfilmt – als auch die bezaubernde Zeitreisegeschichte „Das andere Ufer der Zeit“ bekannt geworden, dessen Fortsetzung erst sehr viele Jahre später in Deutschland im Rahmen der „Meisterwerke der Science Fiction“ allerdings ohne Illustrationen veröffentlicht worden ist. In den frühen sechziger Jahren erschienen übersetzt neben einer romantischen Komödie „Leih mir Deinen Mann“ noch ein Gefängnisthriller und der sicherlich als Vorbild des Films „Ocean 11“ dienende „Four against the House“, in Deutschland leider unpassend „Die Millionen am Himmel“ betitelt. In den USA hat Jack Finney neben einer Reihe von teilweise prämierten Kurzgeschichten schon 1959 einen eindrucksvollen, mit Frank Sinatra in der Hauptrolle verfilmten Streifen „Assault on a Queen“ veröffentlicht. Dabei bilden „Assault on a Queen“ und „Four against the House“ eine interessante Doppellektüre. In beiden Romanen findet sich eine Gruppe unterschiedlicher, nicht krimineller Durchschnittsmenschen zusammen, um das jeweils große Ding zu planen. In beiden Werken sind ihre Pläne derartig spektakulär, dass dem Leser förmlich der Atem wegbleibt und er den Helden das Gelingen ihrer Taten nur wünschen kann. Ebenfalls aber scheitern die klassischen Antihelden nicht nur an unplanbaren Kleinigkeiten, sondern vor allem aber Faktor Mensch.
Von Sozialkritik zu sprechen, träge vielleicht nicht ganz den Tenor beider Romane, aber die Protagonisten entschließen sich zur Teilnahme an den Coup, weil sie erstens mit ehrlicher schlecht bezahlter Arbeit keine wirkliche Zukunft für sich sehen und zweitens – ein Punkt, der auch in Jack Finneys letztem 1977 veröffentlichten Werk „The Night People“ eine markante Rolle spielt – weil sie aus der Gesellschaft ausbrechen und das Abenteuer Leben einen Augenblick spüren wollen.
In beiden Texten gibt es den Ich- Erzähler, der als Verbindungsglied zwischen dem Leser und dem eigentlichen Plot bzw. dem Team steht. Während in seinem späteren Roman „Four against the House“ sehr früh klar ist, dass trotz der gründlichen Vorbereitung der Überfall gescheitert ist, hält Jack Finney die Spannung im vorliegenden Thriller ausgesprochen lange aufrecht. Im Prolog wird das wichtigste Handwerkszeug des Überfalls wieder entdeckt: ein Mini U- Boot aus dem Ersten Weltkrieg, das faktisch niemals von der eigenen Besatzung vor der amerikanischen Küste hätte versenkt werden können. So weit reichen die Dieselmotoren selbst mit Auftanken auf hoher See nicht. Danach stellt sich der Ich- Erzähler vor. Ein junger Mann kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag, der über ein heißes aufbrausendes Temperament verfügt. Beispielhaft legt er sich wegen des Überqueren einer Straße bei rot mit einem Polizisten an. Seine Freundin verabschiedet er mehr oder minder direkt, weil er Angst hat, in seinem Bürojob zu versauern und nicht mehr vom Leben mitzubekommen. Dabei ist seine erstaunliche Ambition, ausreichend Geld zur Verfügung zu haben, es in Staatsanleihen anzulegen und von den niedrigen, aber sicheren Zinsen leben zu können. Durch einen eher geplanten Zufall trifft er einen alten Kriegskameraden kennen, mit dem er auf einem U- Boot in der amerikanischen Marine gedient hat. Dieser stellt ihm einer Gruppe von vier anderen Männern - alle haben auf U Booten gedient - und einer Frau vor, die mit dem aufgefundenen U- Boot aus dem Ersten Weltkrieg einen verwegenen Coup landen wollen. Auch wenn Jack Finney das eigentliche Angriffsziel möglichst lange vor den Lesern zu verbergen sucht, ist die Queen Mary der Inbegriff des Luxus in den sechziger Jahren - das klar erklärte Ziel der Protagonisten. So wird der Ich- Erzähler am Pier in New York angesprochen. Das Titelbild der amerikanischen Hardcoverausgabe zeigt die Frontsilhouette des markanten Luxusliners und die Ansammlung von reichen Menschen, denen im Grunde nur ein Krümel ihres Vermögens gestohlen wird, schließt den Kreis.
Die erste Hälfte des Buches dominiert die Ausführung des Plans. Detailgenau, nicht langweilig, sondern unglaublich faszinierend beschreibt Jack Finney wie das U- Boot gehoben und schließlich repariert wird. Dabei legen die einzelnen Teammitglieder ausgesprochen viel Wert auf eine akribische, potentiellen Augenzeugen gegenüber aber unauffällige Arbeit. Der Coup selbst nimmt - wie auch in „Four against the House“ nur einen extremen kleinen Raum im Roman ein. Anscheinend legt der Autor ausgesprochen viel Wert, sie minutiöse Vorbereitung ausführlichste zu beschreiben und dabei die kleinen Schleifspuren im zukünftigen überfalltechnischen Getriebe dem Leser unauffällig vor Augen zu halten. Im Gegensatz allerdings zu seinem späteren Werk sind die Spannungen innerhalb der kleinen Gruppe um die junge attraktive Witwe Rosa, ihre ehemaligen Schwager und zumindest nach seiner Ansicht zukünftigen Ehemann und natürlich dem attraktiven Ich- Erzähler sehr frühzeitig zu erkennen. Das einzelne Teammitglieder diese schwelende Eifersüchteleien nicht früher unterbunden haben, ist eine der ungeklärten Fragen des Romans und steht in einem sehr deutlichen Widerspruch zu der ansonsten ungewöhnlich sorgfältigen Planung. Unabhängig von diese offensichtlichen Schwäche lässt sich selbst aus einer zeitlichen Distanz von mehr als fünfzig Jahren erkennen, wie genau und fundiert Jack Finney diese im Grunde waghalsige Idee eines Überfalls mit einem alten U- Boot auf ein normalerweise viel zu schnelles Passagierschiff geplant hat. Immer wieder fungiert ein Mitglieder aus der kleinen verschworenen Gemeinschaft als „technischer“ Mittler zwischen den Spezialisten und dem Leser. Wichtige Details werden beispielhaft erläutert, so dass - bis auf den eigentlichen Coup - man sich als Mitglied der Gruppe fühlt. Mit dem eigentlichen Überfall verändert sich allerdings die Stimmung des Romans. Sie wird spürbar dunkler und das große Abenteuer lässt sich plötzlich von den Protagonisten nicht mehr kontrollieren.
Unabhängig von der soliden Planung des eigentlichen Überfalls sind es die einzelnen Charaktere, welche den Leser in den Bann schlagen. Extremstes Beispiel ist der Ich- Erzähler, die Identifikationsfigur des Lesers. Anfänglich lehnt er die Ehe mit einer wunderschönen Frau ab, deren Ziel Kinder sind. Er will mehr vom Leben haben. Als Facetten erfährt der Leser, dass der Erzähler wie alle anderen männlichen Abenteurer auf U- Booten zur See gefahren ist. Jetzt arbeitet er in einem kleinen Büro. Seine moralisierenden Monologe bzw. Dialoge sind von Jack Finney ganz bewußt übertrieben dargestellt worden. Diese Anything- Goes Mentalität wandelt sich im Verlaufe des Überfalls, als ihm - ohne weitere Erkenntnisse von außen - die Schwere seines Verbrechens wie ein Stein förmlich lähmt. Auch das Geld der Reichen hat einen bestimmten Wert. Nach dem fluchtartigen Verlassen des Luxusliners wird er zum klassischen Helden, der ein Blutbad verhindert. Im Gegensatz allerdings zur deutlich dunkleren - aus Gangstersicht - Verfilmung des Buches lässt Finney bei seinen Figuren Gnade vor Recht walten. Das wirkt angesichts der Schwerer ihrer Schuld und vor allem der Bereitschaft einiger U- Bootfahrer, ein Blutbad unter Unschuldigen anzurichten, zu konstruiert, zu selbstgefällig. Zumindest in Hinblick auf den Ich- Erzähler ist nur noch davon auszugehen, dass er sich mit männlichen Rivalen im Kampf um schöne Frauen anlegt, wie das Ende des Buches impliziert.
Der deutsche U- Boot Fahrer Frank Lauffnauer wird ein bisschen ambivalenter beschrieben. Der Erste Weltkrieg inklusiv der fürchterlichen Mission an Bord des U- Boots 19, das vor der amerikanischen Küste versenkt worden ist, hat ihm die Jugend geraubt. Weder in seiner europäischen Heimat noch den USA hat er wieder Fuß fassen können. Der Coup mit dem U- Boot ist aus seiner Sicht seine letzte Chance, an Geld zu kommen. Während des Überfalls rückt Finney ihn zu nahe und vor allem zu leicht an die Nazis - diese Begriff fällt mehrmals - heran, obwohl die eigentliche Intention eines bewaffneten Widerstands nicht von ihm ausgeht. Die Verzweifelung, die er angesichts seines zumindest überwiegend gescheiterten Plans verspürt, wird von Jack Finney zu wenig in Worte gefasst und im Vergleich zu anderen Figuren des Romans wirkt er teilweise zu passiv. Immerhin handelt es sich um sein U- Boot, auf dem er vor knapp vierzig Jahren als sehr junger Mann aufs Meer hinaus gefahren ist. Neben der eher unscheinbaren Rosa, die als junge Witwe eher für das Konfliktpotential innerhalb des Gruppe zuständig ist, denn als eigenständige und dreidimensionale Figur zu agieren und am Ende eher willkürlich in zumindest zwei Richtungen sehr offen beschrieben wird, ist es Moreno - Rosas ehemaliger Schwager -, der ein markantes Gegengewicht zum Ich- Erzähler bildet. Inzwischen selbstständiger Fischer hat er in der amerikanischen U- Boot Marine als einfacher Soldat gedient. Den Offizieren inklusiv des Erzählers ist er damals wie heute mit Skepsis bis latent vorhandenen Minderwertigkeitskomplexen begegnet. Die Gruppe wählt ihn trotz seines niederen Rankes zum Kommandanten des U- Bootes, was er anscheinend in der Konfliktsituation ausgesprochen gut macht. Woher seine Erfahrungen vor allem mit einem im Grunde vor seiner Geburt gebauten U- Boot kommen, wird nicht weiter erläutert. Ein heißblütiger Südländer zwischen Tradition - in Hinblick auf die Familie - und Opportunismus. Zumindest im entscheidenden Augenblick eiskalt und bereit, Unschuldige Menschen zu opfern. Jack Finney legt diese Affinität zu Gewalt sehr frühzeitig im Charakter an. Das es nicht nur um Rosa zu Streitigkeiten zwischen Moreno und dem Erzähler kommen wird, ist von der ersten Begegnung an klar zu erkennen. In diesem Punkt macht es sich Finney hinsichtlich der Zeichnung seiner Charaktere ein wenig zu einfach, vor allem nachdem der Erzähler in den Auftaktkapiteln sein Lied von der individuellen Freiheit und der Suche nach Abenteuer gerade zu gepredigt hat.

Unabhängig von diesen kleineren Schwächen ist "Assault on a Queen" ein ausgesprochen spannender, zeitloser Thriller, der seinen Protagonisten die Chance gibt, selbst zu erkennen, dass selbst intelligent geplante, atemberaubend freche Verbrechen sich nicht lohnen. Die moralische Botschaft wird von Jack Finney nicht richtig belehrend, aber doch ein bisschen zu dick aufgetragen dem Leser wie den einzelnen Protagonisten allerdings in unterschiedlichen Stadien der Erkenntnis förmlich unter die Nase gerieben. Zwar gehen die fünf Männer und eine Frau im Vergleich zu "Four against the House" nicht ganz mit leeren Händen auseinander bzw. für viele Jahre in Gefängnis, sind "moralisch" vielleicht ein wenig gereift und sehen ihre Tat nicht mehr als das große Abenteuer, welches es allerdings ohne Frage gewesen ist, aber irgendwie wirkt dieses Ende auch ein wenig falsch, ein wenig zu positiv im Vergleich zu den Risiken, welche die Gruppe auf Kosten Unschuldiger eingehen wollte.


Jack Finney: "Assault on a Queen"
Roman, Hardcover, 192 Seiten
Simon & Schuster 1959

Weitere Bücher von Jack Finney:
 - Zeitspuren

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