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Classic



J. M. Dillard

Die verlorenen Jahre

rezensiert von Mike Hillenbrand

Nach dem Ende der Fünfjahrmission setzen die Mitglieder der Brückencrew ihre Karrieren in neue Richtungen fort. Captain Kirk wird gegen seinen Willen zum Admiral befördert, was McCoy und Spock veranlaßt, ihren Abschied von der Sternenflotte zu nehmen. Als während einer Konferenz des Föderationsrates Botschafter Sarek und Commander Uhura von einer fremden Rasse entführt werden, bricht Admiral Kirk auf, seinen Freunden zu helfen. Unterdessen sehen sich McCoy und Spock mit einem Diebstahl ganz besonderer und sehr gefährlicher Natur konfrontiert.

Jeanne M. Dillard zeichnet die letzten Stunden der originalen Fünfjahrmission der ENTERPRISE und ihrer Crew in gewohnt feinfühligen und personenbezogenen Szenen nach. Neben den Haupthandlungssträngen um die Entführung Sareks und Uhuras, sowie des Diebstahls des Gedankenmeisters Zakal, strickt Dillard den Abschied von Figuren ein, die in den Romanen rund um die Original-Fünjahrmission für den Leser zu liebgewonnenen Mannschaftsmitgliedern wurden. Die letzten Szenen von Lamia, Stanger, Ingrit Tompson und Lisa Nguyien sind in der Story etabliert und stören genausowenig wie die Einführung der neuen Figuren "aus der zweiten Reihe" Lori Ciana, Kevin Riley oder Großadmiral Nogura, die in diesem, sowie auch in den nächsten Büchern des "Lost Years-Zyklus" vermehrt zum Einsatz kommen.

Vor allem die Figur des "alten Mannes" Starfleets, Heiachiro Noguras, der auch in Gene Roddenberrys Filmroman zu "STAR TREK-The Motion Picture" Erwähnung findet und in Carolyn Clowes "Das Pandora-Prinzip" erneut auftaucht, überzeugt als tiefgehender Charakter, der zum Wohle Starfleets alle Menschen manipuliert und dennoch nicht unsympatisch wirkt. Lori Ciana sorgt dafür, daß James Kirk in Sachen des anderen Geschlechts genau dort weitermachen kann, wo er nach der Fünfjahrmission aufgehört hat, während Kevin Riley seinen eigenen kleinen Story-Arc beginnt, in dem er direkt zu Beginn des Buches von seiner Ehefrau verlassen wird.

Der Konflikt der Inari und der Djanai kommt glaubwürdig herüber, auch wenn es scheinbar eine Art "running Gag" unter STAR TREK-Autoren zu sein scheint, andauernd Rassen einzuführen, deren Magen-Darm-Trakt Alkohol herstellt...

Spock und McCoy dagegen, die zusammen mit der Archäologin Keridwen Llewellyn auf Vulkan in ein anderes Abenteuer verwickelt werden, sind nicht wirklich wiederzuerkennen. McCoy wird von Dillard gefährlich nahe in Richtung des Alkoholismus geschrieben (eine Tatsache, die dem Spruch Kangs aus STAR TREK VI – The Undiscovered Country ganz andere Bedeutung verleiht, als er fragt "Zittern Ihre Hände, Doktor?".). Und Spock erkennt direkt in seinem ersten Abenteuer nach der Fünfjahrmission, daß Emotionen tödlich sein können und sie deshalb abgelegt werden müssen... eine Erkenntnis, die zwar durch einige im Buch geschehene Erfahrungen hervorgerufen wird, die jedoch im krassen Gegensatz zu der Entwicklung Spocks während der Zeit an Bord der ENTERPRISE steht. Zwar kann Dillard nichts dafür, daß Roddenberry Ende der 70er Jahre Spock zum Kolinaru machte, jedoch ist ihr Weg dorthin nicht sonderlich überzeugend.

Bleibt noch die Geschichte um Sekar und Zakal, dem Wüstensturm. Bei der Lektüre dieses Romans kommt dem Leser sicherlich öfter der Gedanke: "Ein Glück, daß es Surak gab!" Nicht vorzustellen, wie die Galaxis heutzutage aussähe, wenn die Vulkanier nicht der Philosophie jenes Mannes gefolgt wären, der Gewaltlosigkeit und Logik predigte. Nichts gegen JM Dillard und ihre Phantasie, - aber hier übertreibt sie eindeutig. Gedankenregeln, die das Blut von Humanoiden zum Kochen bringen und die Wände von Raumschiffen (im Weltraum!) schmelzen lassen... so ein Humbug! Der Mystizismus, der rund um die vulkanische Kultur gewoben wurde, erreicht hier seinen absoluten und lächerlichen Höhepunkt. "Die verlorenen Jahre" hätte ein sehr guter STAR TREK-Roman sein können, - so ist er es nur dann, wenn sich die Story um Kirk dreht und flacht stark ab, wenn sich die Autorin dem ehemaligen Schiffsarzt und dem Wissenschaftsoffizier der ENTERPRISE zuwendet.

Insgesamt scheint die Autorin vielleicht eine Spur zu bemüht, alle vorhandenen Handlungsstränge noch einmal zusammenlaufen zu lassen, - andererseits wäre der Leser vielleicht auch enttäuscht gewesen, wenn sich "die großen Drei" nicht wiedergesehen hätten.

Wissenswertes zu dem Roman:


  • Dillard nimmt in ihrem Roman Bezug auf eine Reihe anderer Romane. So spicht Nogura den Rittenhouse-Skandal an, um Kirk in die Admiralität zu locken. Der "Rittenhouse-Skandal" ist allerdings kein offizieller Bestandteil der Serie, sondern findet in dem Diane Carey-Buch "Das Schlachtschiff", Heyne 06 / 4804 statt. Admiral Waverleighs Appartement, in das James Kirk einzieht, nachdem er die Beförderung zum Admiral akzeptiert hat, wurde in JM Dillards Roman "Blutdurst", Heyne 06 / 4929 frei. Aus diesem Roman stammt auch Kirks kleiner Glücksbringer Schreihals, den er in seinem neuen Büro unterbringt.
  • Kevin Riley dürfte vielen Classic-Fans als grauenhafter Sänger des Liedes "I´ll take you home, Kathleen" in Erinnerung bleiben (Episode 5: "The Naked Time", wo Bruce Hyde den jungen Offizier darstellte. Er erhielt in der gleichen Staffel noch einmal die Gelegenheit, diesen Charakter zu verköpern. In der Episode 14 "The Conscience of the King" taucht er zum letzten Mal in der offiziellen STAR TREK-Linie auf. Ironischerweise litt Bruce Hyde später unter den selben Zweifeln, wie sie JM Dillard in "Die Verlorenen Jahre" dem Stabschef Riley zuschreibt: Er ließ seine Schauspielkarriere hinter sich und wurde schließlich Lehrer für Kommunikation, was er auch heute noch ist.).
  • Was mir persönlich nach all den Jahren der STAR TREK-Lektüre immer noch verschwommen bleibt, ist der Grund, warum Riley seine Karriere auf der ENTERPRISE so plötzlich aufgab. Dillard schreibt in diesem Zusammenhang von einer Außenmission, die unter dem Kommando Kevin Rileys stand und bei der ein Besatzungsmitglied ums Leben kam. Diesen Zwischenfall nahm sich Riley so zu Herzen, daß er um die Versetzung ins Starfleet-Hauptquartier nach San Francisco bat, wo er bis zu diesem Roman in der Versenkung verschwand. Soweit die Geschichte, die sich auch in anderen Büchern finden läßt, so zum Beispiel in David Gerrolds "Zwischen den Welten" ("The Galactic Whirlpool") aus dem Hause Goldmann, G23621. Immer wieder ist von diesem Außeneinsatz zu lesen, bei der das ominöse Besatzungsmitglied "Lana" zu Tode kam. Obwohl ich seit einigen Jahren bemüht bin, diese Szene in einer Folge oder in einem Roman zu entdecken, konnte ich sie bisher nicht finden. Wenn ein Leser dieser Zeilen evtl. mehr über diese "Lana" weiß, so würde ich mich über eine Mail an Mike Hillenbrand freuen.
  • "Die verlorenen Jahre" sollte der Beginn einer Triologie sein, die sich über die Zeitspanne zwischen Serie und dem ersten Kinofilm erstrecken sollte. Die geplanten Nachfolger "A Flag Full of Stars" und "The War Virus" sollten allerdings nie erscheinen. Zumindest nicht so, wie sie geplant waren...

J. M. Dillard: "Die verlorenen Jahre"
Roman, Softcover
Wilhelm Heyne Verlag

ISBN 3-4530-5389-3

Weitere Bücher von J. M. Dillard:
 - Bewußtseinsschatten
 - Generationen

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