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Classic



J. M. Dillard

Bewußtseinsschatten

rezensiert von Mike Hillenbrand

Auf dem Planeten Aritani treiben getarnte Piraten ihr Unwesen, zerstören die Felder und töten die Einwohner des Planeten, die sich gegen jede Technologie entschieden haben. Die ENTERPRISE unter dem Kommando Captain Kirks interveniert und bietet den Pflanzern Hilfe an. Doch schon der erste Plan endet in einer riesigen Katastrophe, was die Einwohner zum Anlaß nehmen, die Hilfe des Weltenbundes abzulehnen. Spock wird bewußtlos und schwer verletzt auf Aritani entdeckt und zum Zwecke seiner Genesung auf seinen Heimatplaneten Vulkan geschickt. Während die Föderation eine Konferenz einberuft, um das Schicksal Aritanis zu besprechen, ereignen sich auf der ENTERPRISE rätselhafte Todesfälle. Die Crew argwöhnt einen Plan der Romulaner...

JM Dillard ist eine der STAR TREK-Schriftstellerinnen, denen man die innere Begeisterung, eine STAR TREK-Geschichte erzählen zu können, in ihren Romanen sofort anmerkt. So sind auch in diesem Buch zahlreiche Handlungsstränge zu finden, die parallel zueinander verlaufen, um in einem gemeinsamen Ende ihren Höhepunkt zu finden. Spocks Verletzung, sowie sein anstrengender und von Rückschlägen geprägter Genesungsprozess, McCoys Liebe zu der Neurologin Emma Saenz, sowie Kirks herausgeforderte Führungsqualitäten, als er eine schwierige Situation zu meistern hat, ohne auf die Hilfe seines Wissenschaftsoffiziers zählen zu können, sind meisterhaft und mit guter Kenntnis der Charaktere erzählt. Auch die Randfiguren, wie Scotty, Schwester Chapel und Uhura bekommen ihre Situationen, in denen sie zeigen können, warum sie zur besten Crew der Sternenflotte gehören. Dillard webt geschickt ihre Erzählungen um die Charaktere, wie eine Spinne die Fäden um ihre Opfer. – Aber das ist bei JM Dillard ja alles nichts neues.

Warum "Bewußtseinsschatten" nicht immer zu überzeugen vermag, liegt in der Leichtigkeit der Konstruktion, für die die Autorin eigentlich nur eine Teilschuld trägt.

Die erste Auflage von "Mindshadow", wie der Roman im amerikanischen Original heißt, wurde 1986 veröffentlicht. Zu einer Zeit, als die "Next Generation" noch in der Planung steckte, schrieb Dillard einen Roman nach den Regeln des Classic-Universums. Erst mit Einführung der NCC 1701-D erlebte der Aufbau eines STAR TREK-Romanes eine Renaissance. Die militärischen Zusammenhänge wurden stärker beachtet, der Plot gewissen Zuständen des späten 20.Jahrhunderts angepaßt. Dillards Roman ist sozusagen der letzte seiner Art, - einer Art, wo ein Mannschaftsmitglied einfach so aus dem Nichts auftauchen kann, wie in diesem Fall die Neurologin Emma Saenz. Während bei jedem nachfolgenden STAR TREK-Roman Erklärungen für alles Mögliche aus dem Boden gestampft werden, schreibt Dillard Emma Saenz mit den lapidaren Worten "Ich bin gerade erst auf das Schiff versetzt worden. Starfleet sagte mir, sie brauchen eine Neurologin und da bin ich!" in ihre Geschichte, wobei sie darauf vertraut, daß der Leser davon ausgeht, daß Kirk auf einem riesigen Schiff nicht über alles informiert werden kann.

Während jedoch einerseits die Entwicklung der Romane solche nicht näher erläuterten Situationen in Zukunft unterbinden sollte und ein Leser aus heutiger Sicht das Auftauchen der Ärztin als plumpen, dramaturgischen Trick der Autorin empfinden mag, tut sich Dillard mit der Figur der Emma Saenz selber auch keinen großen Gefallen.

Das Leonard ‚Pille' McCoy im Grunde seines Herzens ein alter Romantiker und Südstaaten-Gentlemen ist, wissen wir Leser seit langem. Auch, daß er sich aus diesem Grunde immer wieder gerne und Hals über Kopf in fremde, meist wesentlich jüngere Frauen verliebt.

Das an dieser Frau aber die ganze Geschichte hängt, wenn sie mit McCoy und mit dem Captain flirtet, ist halt ebenso klar. Und wenn McCoy auf den ersten 100 Seiten mehrfach bemerkt, welche hohe Körpertemperatur die neue Neurologin der ENTERPRISE hat, ohne einen Verdacht zu schöpfen, möchte der Leser ihn am liebsten an den Schultern packen, ihn kräftig durchrütteln und ihm ins Gesicht schreien, daß seine große Liebe eine waschechte Romulanerin ist!

Die Spuren zu dieser Schlußfolgerung legt Dillard leider so offen aus, daß die letztendliche Faszination des Romanes nur durch die sich, fast über 200 Seiten aufbauende Erkenntnis, daß die Crew der ENTERPRISE anscheinend aus vollkommen blinden Idioten besteht, zustande kommt.

Wenn die Autorin so vieler STAR TREK-Romane sich nicht so gut auf die Anfangs genannten Vorzüge, eine Geschichte zu erzählen, verstehen würde, - dieser Roman wäre eine Ansammlung von Klischees und damit eine einzige Katastrophe!

So jedoch schafft sie es zumeist, von der Offenkundigkeit der Gegebenheiten abzulenken, indem sie sich voll und ganz auf die Charaktere konzentriert, die sie so gut kennt und nachweislich sehr liebt.

Da stört es auch nicht, daß auf Vulkan gleich die nächste wunderschöne und geheimnisvolle Frau wartet, die ebenso leicht zu durchschauen ist, wie die erste.

Denn manchmal verzeihen wir unseren Helden ja sogar den totalen Fehlgriff...

Weitere erwähnenswerte Fakten:


  • An den geheimnisvollen Frauen im Classic-Universum haben die meisten weiblichen Schriftsteller von STAR TREK-Romanen einen Narren gefressen. So ist die Neurologin Emma Saenz in "Bewußtseinsschatten" keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Ob dies mit einer bewußt einfachen Personifizierung mit den geheimnisvollen Schönen zusammenhängt... wer weiß?
  • "Bewußtseinsschatten" markiert den Beginn JM Dillards als STAR TREK-Autorin, wenn auch in der Heyne-Buchreihe ihr Filmroman zur STAR TREK V – Am Rande des Universums den Anfang macht. Schon in ihrem ersten Werk führt die Autorin die Sicherheitschefin Ingrit Tomson ein, die in ihren Romanen innerhalb der ersten Fünfjahresmission ständig wiederkehrt, bis mit Beginn der Ära ab dem ersten Kinofilm, Pavel Chekov zum Sicherheitschef der ENTERPRISE avanciert.

J. M. Dillard: "Bewußtseinsschatten"
Roman, Softcover
Wilhelm Heyne Verlag

ISBN 3-4530-4475-4

Weitere Bücher von J. M. Dillard:
 - Die verlorenen Jahre
 - Generationen

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