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Science Fiction (diverse)



Paul Alfred Müller

Die Erde stirbt

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem erstmals 1951 und seitdem nicht mehr aufgelegten Roman „Die Erde brennt“ setzt Dieter von Reeken die Veröffentlichung von Paul Alfred Müllers Einzelromanen fort. Heinz J. Galle schreibt in seinem informativen Vorwort, dass „Vielleicht ist morgen schon der letzte Tag“ ebenfalls aus Müllers Feder neben Helmuth Langes „Blumen wachsen im Himmel“, Wörners „Wir fanden Menschen“ und Ernst von Khuon-Wildegg „Helium“ zu einer sehr kleinen Gruppe von Post Doomsday Romanen gehört, die erstens innerhalb von noch nicht einmal drei Jahren im Nachkriegsdeutschland erschienen sind, die zweitens das potentielle vor allem atomare Wettrüsten nach dem Zweiten Weltkrieg und die Folgen eines Atomkriegs geißeln. Während „Helium“ die Folgen eines Atombrandes genauso dramatisch beschreibt wie „Die Erde brennt“, finden beiden Autoren Lösungen für die von Menschenhand beschworenen und jetzt außer Kontrolle geratenen Elemente. Die Strugatzkis haben diese Thematik in Form zweier über einen fremden Planeten rasenden Wellen in „Der ferne Regenbogen“ wieder aufgenommen.
Obwohl handlungstechnisch sehr stringent konzipiert und vor allem was das Wettrüsten zweier konkurrierender politischer Systeme angeht ausgesprochen prophetisch leidet „Die Erde brennt“ unter der teilweise rührseligen und arg die Glaubwürdigkeit strapazierenden Familiengeschichte.
Paul Alfred Müller hält sich mit anderen Namen an die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bestehende Ordnung. Geranien ist als Deutschland erkennbar, dass seine Wissenschaftler entweder unter kapitalistischen Früchten oder harten Drangsal an die sich feindlich gegenüber stehenden Pelargonien – die USA – und Dahlien – die Sowjetunion- verloren hat. Beispielhaft beschreibt Müller das am Schicksal der Familie Davertshoven. Der Atomwissenschaftler Karl Davertshoven arbeitet für die Pelargonier. Auch wenn er unter Druck steht, eine Protonen herstellende Anlage in kürzerer Zeit zumindest für einen Testlauf herzurichten, um entsprechende weitere Mittel für eine größere und sicherer Anlage zu erhalten, lebt er in verhältnismäßigem Wohlstand. Sein Vater Rudolf Davertshoven muss für die Dahlier schuften. Bei ihm lebt Karls Tochter Elka. Ein Überläufer, dessen Geschichte Karl Davertshoven auf der wissenschaftlichen Ebene auf Wahrheitsgehalt abklopfen soll, macht ihn darauf aufmerksam, dass sein Vater im feindlichen Reich lebt und an den gleichen Theorien forscht. Beide Wissenschaftler scheinen die gleiche Wissensstufe erreicht zu haben. Eine pikante Note in einem offenen Rüstungswettbewerb, welche das Gleichgewicht des Schreckens nicht nur auf eine neue Dimension hebt, sondern vor allem die Gefahren eines unkontrollierbaren Atombrandes ins Unermessliche steigert. Rudolf Davertshoven fühlt sich als Gefangener, der lieber auch unter Opferung seiner Enkelin sterben und das Reich des Bösen mit in den Untergang reißen will. Nach einer Auseinandersetzung mit einem überdeutlich als linientreuen Geheimdienstoffizier gezeichneten Hundertprozentigem aktiviert in im Versuchslabor Mesonsk am Barkalsee – Müller verändert die authentischen Namen so wenig wie möglich - gelegen die vom ihm entwickelte Anlage und löst einen Atombrand aus, der die Erde zu vernichten droht.
Die absichtliche Auslösung des Atombrandes aus Verzweifelung und nicht unbedingt rein terroristischer Absicht ist ein neues Element in diesem Subbereich des Science Fiction Romans. Bis dahin wurde die Selbstvernichtung der Menschheit eher durch militärische Aktionen, basierend auf einer Befehlskette oder simplen Missverständnissen, ausgelöst oder passierte in Folge eines Unfalls. Diese beiden Themen impliziert Paul Alfred Müller, wenn Karl Davertshoven davor warnt, dass die Forschungseinrichtung nicht für den zu entfesselnden Protonensturm ausreicht bzw. nach dem Auslösen des Atombrandes auf beiden Seiten des implizierten eisernen Vorhangs diskutiert wird, ob das Arsenal des Schreckens trotz der fast als Ironie zu bezeichnenden Widersinnigkeit auch zum Guten, zur Rettung der Menschheit eingesetzt werden kann.
Rudolf Davertshoven löst den Atombrand erst in der zweiten Hälfte des Romans aus. Bis dahin bemüht sich Paul Alfred Müller, die einzelnen Protagonisten überzeugend zu charakterisieren und die Familienverhältnisse sowie die Abziehbilder realer politischer Systeme ausführlich zu beschreiben. Diese Vorgehensweise verwundert den Leser ein wenig, der einen deutlich dynamischeren und zielstrebigeren Roman insbesondere vom „Sun Koh“ und „Jan Mayen“ Autoren erwartet hat. Auch im wenige Jahre später veröffentlichten „Kosmotron“ wird Paul Alfred Müller auf diese wenig zufriedenstellende Erzählstruktur zurückgreifen. Die Katastrophe und im vorliegenden Roman die Rettung der Menschheit findet auf noch nicht einmal einem Viertel des ganzen Buches statt. Insbesondere die Liebesgeschichte zwischen Karl Tochter Elka und einem in dem Stützpunkt arbeitenden nicht linienkonformen Offizier wirkt aus heutiger Sicht antiquiert. Das gipfelt in dem Dialog, dass Elka sich auch angesichts des drohenden Todes einem Mann nicht hingeben wird, den sie nicht von Grund auf liebt. Paul Alfred Müller versucht diese Handlungsebene in erster Linie durch Dialoge voranzutreiben, die teilweise aus heutiger Sicht ein wenig zu stilisiert erscheinen. Auch das in dieser Hinsicht wenig überzeugende familiäre Happy End nimmt dem vorliegenden Buch seine auf der technischen Seite durchaus vorhandene Effektivität, zumal sich Paul Alfred Müller im Vergleich zu Langes „Blumen wachsen im Himmel“ oder Wörner „Wir fanden Menschen“ nicht entschließen kann, seine utopische Geschichte auf einer nihilistischen, aber auch konsequenten Note zu beenden. Die Grundidee, das die Natur an sich auch die schlimmsten Exzesse des Menschen zumindest unter Kontrolle bringen kann, wirkt vielleicht angesichts der inzwischen Öl verzerrenden Bakterien weniger bizarr, in Hinblick auf die Wirkung von Atomstrahlen widerspricht sie auch der damals gängigen Technik. Die Auflösung der Geschichte ist das schwächste Glied, noch schwächer als die stark konstruierte Familiengeschichte.
In Hinblick auf den politisch technischen Gehalt ist „Die Erde brennt“ ein für die damaligen Verhältnisse erstaunlich akkurates Portrait der vierziger Jahres und daraus hervorgehend Epoche des Kalten Kriegs. Müller hat nur einige wenige Monate in der sowjetischen Besatzungszone gelebt, 1945 floh er schon nach Murnau. Seine Abneigung gegen das kommunistische Gedankengut wie auch die polisch nur linksverdrehte Unterdrückung der Massen beschreibt er in wenigen einleitenden, aber eindrucksvollen Szenen zu Beginn des Buches. Seine Forscher sind unpolitisch. In dieser Hinsicht ist er auf dem deutschen Auge ein wenig blind und separiert geschickt die Waffenforschung im Dritten Reich von seiner utopischen Geschichte, in dem es im Grunde keinen echten Krieg gegeben, der zu einer Spaltung Europas geführt hat. Während im kommunistischen „Osten“ auf die Forscher ein unheimliches psychologisches Druck ausgeübt wird, um das eigene Reich vor dem imperialistischen und offensiven Westen zu schützen, locken nur bei erfüllten Etappensiegen im Westen neue Mittel. Plakativ, provokant und satirisch entlarvt Paul Alfred Müller die Schwächen beider Systeme. Für den Leser ist überraschend, dass er nach dem Ausbruch des Atombrandes die Erzählperspektive gänzlich ändert. Der Roman wird fast zu einem Volksstück, in dem die hilflosen Deutschen zwischen den Fronten stehen und dem verzweifelten Versuch, Feuer mit Feuer zu bekämpfen sowie dem gegenseitigen Misstrauen der politischen Systeme ausgesetzt sind. Diese volkstümliche Erzählebene soll dem Plot eine wahrscheinlich emotionalere Ebene geben, das Gegenteil ist leider der Fall. Als außenstehender Betrachter wird man aus der Familientragödie mit festgezurrten Positionen nicht mitten ins Geschehen geworfen, sondern noch weiter distanziert auf die Zuschauerplätze versetzt. Dieser handlungstechnische Bruch, der in den positiven Schlusskapiteln wieder gekittet wird, lässt die Katastrophe nur surrealer erscheinen als in den anderen schon angesprochenen Katastrophenromanen deutscher Autoren dieser Zeit. Paul Alfred Müller verschenkt so viel erzähltechnisches Potential wie zum Beispiel auch in seinem abschließenden Jan Mayen Roman „Sonne über Thule“. Von Lustlosigkeit sprechen würde den Kern nicht treffen, es ist eher literarische Hilflosigkeit angesichts der heraufbeschworenen Katastrophe.
„Die Erde brennt“ ist thematisch auch heute noch ein ausgesprochen lesenswerter und vor allem sehr positiv stringent erzählter Roman mit einer Reihe eindringlicher Szenen, der in erster Linie an der nicht sorgfältig genug ausgearbeiteten Familiengeschichten - es wirkt unwahrscheinlich, das Vater und Sohn für die jeweils verfeindeten Blöcke mit unterschiedlichen Voraussetzungen sich auf dem exakt gleichen Forschungsstand befinden - und vor allem der Beschreibung der Auswirkung durch absichtlich heraufbeschworenen Katastrophe zu scheitern droht. Hier erfüllt der Plot nicht den dramatischen wie dramaturgisch richtigen Titel mit ausreichendem Leben.
Wie alle Bände der „Dieter von Reeken“ Paul Alfred Müller Neuherausgabe ist das einleitende Vorwort von Heinz J. Galle sehr lesenswert und wie der eigentliche Roman reichhaltig bebildert.

Paul Alfred Müller: "Die Erde stirbt"
Roman, Softcover, 229 Seiten
Dieter von Reeken 2012

ISBN 9-7839-4067-9659

Weitere Bücher von Paul Alfred Müller:
 - Die Seifenblasen des Herrn Vandenberg
 - Die Unsterblichen
 - Jan Mayen 1- Ruf in die Welt
 - Jan Mayen 11
 - Jan Mayen 4
 - Jan Mayen 5 - Das unsichtbare Feuer
 - Jan Mayen 6
 - Jan Mayen 8: 100.000 KM über der Erde
 - Jan Mayen Band 10
 - Jan Mayen Band 12
 - Jan Mayen Band 2
 - Jan Mayen Band 3- Durchbruch in Maracaybo
 - Jan Mayen Band 7
 - Jan Mayen Band 9
 - Kosmotron
 - Sprung über die Zeit
 - Sun Koh 1- Ein Mann fällt vom Himmel
 - Sun Koh- Ein Mann fällt vom Himmel

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