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Science Fiction (diverse)



Paul Alfred Müller

Die Unsterblichen

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Die Unsterblichen“ legt der Verlag Dieter von Reeken einen handlungstechnisch allein stehenden Roman Paul Alfred Müllers sechzig Jahre nach der bislang einzigen Veröffentlichung als Leihbuch im Bielmann- Verlag wieder neu auf. Heinz J. Galle und Dieter von Reeken verweisen auf die Aktualität der immer weiter auseinander klaffenden „Alterspyramide“, die unter anderem auch im ZDF Fernsehspiel „2030- Aufstand der Alten“ behandelt worden ist. Dieser Vergleich ist nicht ganz richtig, da künstlich hervorgerufene Langlebigkeit – ob die „Vitin“ nehmenden Protagonisten wirklich unsterblich sind lässt der Roman offen – nur ein Ansatz dieses durchaus sozialkritischen, aber auch ein Familiendrama ansprechenden Romans ist. So ist sich Paul Alfred Müller hinsichtlich der gesellschaftlichen Auswirkungen seiner Idee nicht ganz sicher und argumentiert ausgesprochen ambivalent. Er impliziert, dass wichtige Persönlichkeiten das „Vitin“ zu einer Art Selbstkostenpreis vom ambivalenten Miterfinder Lesser beziehen können. Dafür müssen sie sich seinen Anweisungen unterwerfen. Lesser wird damit nicht unbedingt zu einem Herrscher, aber zumindest zu einem wichtigen Schattenmann, zu einem Drahtzieher. Diese Idee baut der Autor nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner aus. Lesser fordert von einer berühmten Schauspielerin gegen Aushändigung neuer „Vitin“ Pillen nur einen persönlichen Gefallen ein. Lesser Einfluss muss aber gewaltig sein, wie die „Gefangennahme“ von mehr als dreihunderttausend überwiegend jugendlichen Demonstranten in einem „Football“ Stadion zeigt, die der Monopolist sogar mit einer Mischung aus Zuckersirup und Wasser sowie psychologischer Kriegsführung „foltern“ lässt, um den Widerstand der so genannten Unmündigen, der Zukunftslosen Jugendlichen zu brechen. In diesem Punkt liegt auch die größte Schwäche des Buches begraben. Paul Alfred Müller suggeriert, dass die ganze Welt die Erfahrung der immer älter, aber trotzdem agil bleibenden Semiunsterblichen braucht. An keiner Stelle wird expliziert erwähnt, dass Vitin den breiten Massen zu verträglichen Preisen zugänglich gemacht wird. Der Leser hat eher das Gefühl, als würde eine politisch oder sozial einflussreiche Klicke zum Selbstkostenpreis versorgt, während ansonsten die sehr gehobene bürgerliche Gesellschaftsklasse die Droge zu überteuerten Preisen bei Lesser direkt oder Zwischenhändlern erwerben kann. So hat der Lesserclan seinen unglaublichen Reichtum erworben. Vieles erinnert an eine interessante Frühform von Ansätzen, Thesen und Ideen, die insbesondere die gegenwärtigen britischen Science Fiction Autoren wie Brian M. Stableford und Peter Hamilton in einigen ihrer Bücher sehr viel kritischer und brachialer extrapoliert haben. Es erscheint unwahrscheinlich, dass diese langlebige Elite wirklich die breite Masse der Jugend verdrängen kann. Akzeptiert der Leser diese Prämisse erstaunt weiterhin, dass Paul Alfred Müller im Gegensatz zu seinen von technischen Ideen strotzenden Romanen Langlebigkeit und Vitalität mit geistiger Überlegenheit gleichsetzt, obwohl es hierfür keine weitergehende Erklärung gibt. Zurückbleiben eine Reihe von guten dramaturgisch überzeugend erzählten Szenen – die Stadionsequenz wurde schon expliziert erwähnt – sowie die Idee, dass die „Unmündigen“ mittels Insiderwissen zum Gegenschlag ausholen und eine Reihe von Langlebigen ohne medizinisch nachweisbare Spuren töten. Zusammengefasst dienen die Unmündigen eher als spannungstechnischer MacGuffin, um interessanterweise und bei Paul Alfred Müller nicht zum ersten Mal seine Zukunftsgeschichte als Familiendrama zu erzählen. Auf dieser Ebene funktioniert „Die Unsterblichen“ trotz manchen Klischees erstaunlich gut.
Müller lässt den Roman mit einer Dreiecksgeschichte anfangen und beendet ihn mit einer Art positivem Happyend, in dessen Verlauf sich zwei passende „Paare“ finden und zuversichtlich in die Zukunft schauen. Der ältere Professor Ludwig Achleitner arbeitet zusammen mit seinem attraktiven Georg Loeser an einer lebensverlängernden Substanz, sowie gleichzeitig wie für Paul Alfred Müllers literarisches Werk so signifikant an einem entsprechenden Gegenmittel. Vor einigen Jahren hat Achleitner die attraktive und deutlich jüngere Elisabeth geheiratet, um die er sich anfänglich als eine Art Vormund gekümmert hat. Loeser und Elisabeth kommen sich näher und verlieben sich ineinander. Als Ludwig Achleitner von dieser noch platonischen, aber innigen Beziehung erfährt, probiert er das „Vitin“ am eigenen Leib aus und stirbt. Georg Loeser verschwindet mit den Unterlagen nach Amerika. Gute sechzig Jahre später landet der amerikanische Milliardär Lesser in einer kleinen amerikanischen Stadt und lernt die deutlich jüngere Marjorie kennen, in die sich der arrogante wie selbstgefällige, einer Urgewalt gleichende Lesser verliebt. Lesser ist Georg Loeser, der mit seinen Unterlagen Achleitners und eigenen Experimenten die richtige Dosis für das „Vitin“ gefunden und damit wie schon angesprochen die Gesellschaft ungekrempelt hat.
Auf der emotional persönlichen Ebene des Romans kritisiert Paul Alfred Müller über die künstlich erschaffene Vitalität hinaus die Liebe von jungen Frauen zu alten Männern gegenüber. Er geißelt diese nicht selten auf Statussymbolen aufbauenden Großvaterkomplexe teilweise relativ drastisch und ironisiert die eher vordergründige „Jugend“ der alten Männer. Mit „Vitin“ wird dieser auch heute spürbare Effekt deutlich verstärkt. Mit der unschuldigen Marjorie verfügt der Plot über die klassische Landschönheit. Müller muss sich arg bemühen, eine gegenseitige Anziehung zwischen dem arroganten und selbst verliebten Lesser und der bodenständigen Marjorie herzustellen. In den letzten Kapiteln sucht der Autor nach einer Reihe von überzeugenden Erklärungen, wobei er so komplizierte und Zufallsbedingte Familienbeziehungen entwickelt, das der Leser unwillkürlich an Karl Mays sechs Kolportagearbeiten denken muss.
Lesser selbst muss mit dem jugendlichen Aufbegehren des Enkels fertig werden, der sich zum Anführer der „Unmündigen“ aufgeschwungen hat und somit in die Hand beißt, welche die Familie dank „Vitin“ füttert. Akzeptiert der Leser die nicht ganz überzeugende gesellschaftliche Exploration von Müllers „Drogenlanglebigkeitsgesellschaft“ sind die Argumentationen beider Seiten schlüssig, wobei vielleicht ein wenig zu oft auf die eher theoretische Altersweisheit der „Unsterblichen“ verwiesen wird. Auch die Attentate auf die Langlebigen dienen eher als eine Art Entschuldigung. Während Marjories Großmutter ein überzeugendes Motiv hat, Lesser zumindest an seiner schwächsten Stelle zu treffen und ihrer Enkelin die Tragweite mit einer Beziehung zu einem derartig alten Mann aufzuzeigen, wirken die gezielten Anschläge auf die anderen Unsterblichen nur theoretisch motiviert. Warum Lesser so lange über die Ausführung der Anschläge nachdenken muss, kann der Leser allerdings nicht nachvollziehen. Schon im ersten Kapitel hat Paul Alfred Müller dank Professor Achleitner die Wirkungen von „Vitin“ und natürlich „Antivitin“ erläutern lassen. Trotz einer Reihe von plottechnischen Konstruktionen hält Paul Alfred Müller das Interesse der Leser an der Familiengeschichte aufrecht, während aus heutiger Sicht die komplexen sozialpolitischen Strukturen interessanter gewesen wären.
Am Ende geht der Autor mit seinen vordergründigen Antagonisten ausgesprochen gnädig um. Gott übernimmt das Richten des einzigen offensichtlich Schuldigen, während Loeser/ Lesser im Grunde zu viele Brücken gebaut werden und in vielen Punkten eher Gras über seine Aktionen gewachsen ist als das seine Handlungen so einfach zu entschuldigen wären. Der charakterliche Wandlung des Kontrollfreaks wirkt selbst unter dem Einfluss der einzig wahren Liebe zu überzogen wie unglaubwürdig. Aber ein dunkles Ende oder gar die Entlarvung des „Vitins“ als MacGuffin hätte der soliden Grundidee geschadet.
Viele der Nebenfiguren über den eindimensionalen und zu klischeehaft gezeichneten Achleitner hinaus hätten sehr viel dreidimensionaler entwickelt werden können und angesichts der Komplexität der einzelnen argumentativen Positionen auch entwickelt werden müssen. So erscheint „Die Unsterblichen“ manchmal als eine Art stringenter Rohfassung von Thesen, die bei anderen Autoren ganze Romanreihen ausgefüllt hätten.
Interessanterweise hat Paul Alfred Müller seine Geschichte noch mit einer zu Beginn des dritten Jahrtausends spielenden Rahmenhandlung umgeben. Die von Lesser und seinem Enkel in Bewegung gesetzte gesellschaftliche Veränderung scheint, ohne das nähere Informationen beigefügt worden sind, letztendlich erfolgreich gewesen zu sein. Einen weitergehenden Blick in diese ferne Zukunft verwehrt der Autor, was den Leser auch hinsichtlich des von den Herausgebern angesprochenen Alterstarrsinn ein wenig unbefriedigend zurücklässt.
„Die Unsterblichen“ zeigt in extrem konzentrierter, aber auch unterhaltsamer Form die Stärken und wenigen Schwächen Paul Alfred Müllers. Er ist ein typischer Ideenautor, der wie Heinz J. Galle in seinem Vorwort anspricht an der Schreibmaschine seine Geschichten erarbeitet. Wie in einigen anderen seiner in den fünfziger Jahren veröffentlichten Leihbuchgeschichten extrapoliert Müller seine Ideen auf einer intimen emotionalen Ebene, in dem er sich überwiegend auf die Auswirkungen seiner Zukunftsideen auf wenige Protagonisten konzentriert und globale Ansätze eher willkürlich extrapoliert. Diese Vorgehensweise wirkt insbesondere aus heutiger Sicht mit zahllosen Science Fiction Epen befremdlich, ermöglicht dem Autoren aber eine deutlich nachhaltigere Kontrolle über den Plot und vor allem eine zufrieden stellende, in diesem Fall aber die langfristigen Folgen ignorierende Auflösung seiner interessanten, fast an eine wissenschaftliche Romanze H. G. Wells erinnernde Idee. Heinz J. Galle und Dieter von Reeken haben die überfällige Neuauflage dieses auch heute noch trotz der angesprochenen nicht signifikanten Schwächen lesenswerten Romans mit einem ausführlichen, informativen, die Grundidee im Vergleich zur Ausführung betonenden Vorworts ausgestattet. Neben dem den Plot stimmig zusammenfassenden und der Erstausgabe entnommenen Titelbild ist das Vorwort unter anderem mit Ausschnitten aus Paul Alfred Müllers Vertrag reichhaltig illustriert.

Paul Alfred Müller: "Die Unsterblichen"
Roman, Softcover, 167 Seiten
Dieter von Reeken 2012

ISBN 9-7839-4067-9642

Weitere Bücher von Paul Alfred Müller:
 - Die Erde stirbt
 - Die Seifenblasen des Herrn Vandenberg
 - Jan Mayen 1- Ruf in die Welt
 - Jan Mayen 11
 - Jan Mayen 4
 - Jan Mayen 5 - Das unsichtbare Feuer
 - Jan Mayen 6
 - Jan Mayen 8: 100.000 KM über der Erde
 - Jan Mayen Band 10
 - Jan Mayen Band 12
 - Jan Mayen Band 2
 - Jan Mayen Band 3- Durchbruch in Maracaybo
 - Jan Mayen Band 7
 - Jan Mayen Band 9
 - Kosmotron
 - Sprung über die Zeit
 - Sun Koh 1- Ein Mann fällt vom Himmel
 - Sun Koh- Ein Mann fällt vom Himmel

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