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Science Fiction (diverse)



Paul Alfred Müller

Kosmotron

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Kosmotron“ legt der Dieter von Reeken Verlag einen weiteren serienunabhängigen utopischen Roman Paul Alfred Müllers in einer empfehlenswerten Neuausgabe vor. 1955 im Gebrüder Weiß Verlag mit einem für die Neuauflage reproduzierten Titelbild veröffentlicht zählt das Werk zu Müllers besten Arbeiten. Der grenzenlose Optimismus insbesondere der „Jan Mayen“ oder „Sun Koh“ Heftromanreihen ist verflogen. Zusammen mit dem unmittelbar vor „Kosmotron“ veröffentlichten Werk“ Die Erde brennt“ setzt sich der Autor mit dem unkritischen Fortschritt der Menschheit auseinander. Wie Heinz J. Galle und Dieter von Reeken in ihrem einleitenden Vorwort herausarbeiten, handelt es sich nicht um die erste technische Antiutopie, die sich mit der Freisetzung von Naturkräften – die Spaltung von Atomen im Rahmen der kommerziellen wie militärischen Nutzung wird mehrmals dystopisch abgehandelt – auseinandersetzt. Es gibt aber auf der einen Seite nicht nur sehr große Unterschiede zu den verschiedenen erwähnten Romanen, auch innerhalb Paul Alfred Müllers umfangreichen Werk ragt „Kosmotron“ positiv wie negativ als Einzelarbeit heraus.

Als aktiven Beobachter wählt Paul Alfred Müller den von ihm bevorzugten Sensationsreporter aus. Paul Grän hat die letzten zehn Jahre aus dem Ausland berichtet. Jetzt soll er für seinen Chefredakteur sowie den Geldgeber Karbaum des geheimnisvollen „Kosmotron“ Projekts, das in einem abgeschiedenen Tal in den Bergen erbaut wird, eine Art Doppelagent spielen. Zum einen soll er in einem der schwächsten, aber wie Heinz Galle zugibt kommerziell notwendigen Aspekte des Romans auf die attraktive Tochter Karbaums aufpassen, die sich in einen der an der Anlage beschäftigten Wissenschaftler verliebt hat. Zum anderen kommt es während der Bauphase neben Anschlägen aus dem Kreis der sicherlich in einem Zukunftsroman Premiere feiernden Wutbürger zu Anschlägen unter Führung eines passend betitelten Charakters namens Herold. Er will den Bau und die Inbetriebnahme des „Kosmotron“ verhindern. Inzwischen sind auch einige wichtige Handwerker und Ingenieure ums Leben gekommen. Mit – romantechnisch effektiv, aber nicht unbedingt logisch – weitreichenden Vollmachten ausgestattet – soll Grän im Grunde gegen den eigenen Willen Kindermädchen und Spion gleichzeitig sein.

Wie schon angesprochen ist der romantische Aspekt des Romans das schwächste Glied, wobei Paul Alfred Müller für einen utopischen Roman ausgesprochen modern und provokant noch einen verheirateten Vamp in die eng zusammenarbeitende, nach außen geschlossene erscheinende und innerlich sowohl intellektuell wie emotional zerstrittene Wissenschaftlergruppe einführt, der sich trotz der Liebe ihres Mannes um Enthaltsamkeit oder Treue keinen Deut schert. Die erotischen Spannungen werden von Müller nicht zufrieden stellend extrapoliert, erweitern aber den Kreis der Verdächtigen, als es zu den ersten offensichtlichen Morden kommt. Insbesondere im Mittelteil versucht Paul Alfred Müller fast auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen – Romanze, Kriminalroman, Mahnung vor grenzenloser wie unmoralischer Forschung und schließlich auch utopisch technische Handlung -, was dem ansonsten sehr stringenten Plot nicht gut tut. Ausgeglichen wird diese spürbare Schwäche vor allem durch die sehr gut gezeichneten, sehr unterschiedlichen Charaktere. Es gibt für Paul Alfred Müller im Grunde bis auf das Schlussviertel keine echten Schurken/ Verbrecher und auch keine Gutmenschen. Sie definieren sich über den Stand und die Vorgehensweise ihrer Forschungen und lassen sich sehr gut von einander unterscheiden. Die Charaktere sind derartig ambivalent angelegt, das man jedem von ihnen zum Wohle des „Kosmotroms“ oder der eigenen Tasche ein Kapitalverbrechen oder einen Mord zutraut. Paul Alfred Müller hat sich sehr viel Mühe bei der dreidimensionalen Zeichnung der überwiegend männlichen Hintergrundfiguren gegeben, auch wenn er manchmal in die Klischeekiste greift. Dagegen sind die beiden Frauenfiguren eher eindimensional - Vamp und naives, zukünftiges Ehefrauenmaterial - gezeichnet. Auch wenn Paul Alfred Müller immer wieder auf Reporter oder journalistisch recherchierende Spezialisten zurückgegriffen hat, ist Paul Glän ein typisches Produkt der fünfziger Jahre. Ausgesprochen cool, selbstbewusst, selbstgefällig, ein über weite Strecken der Handlung unerträglicher Besserwisser mit einem Faktotum, dem Müller bis auf wenige Dialogstellen jeglichen großen Auftritt verwehrt.

Wie schon angesprochen stellt die bürgerliche Protestbewegung ein Novum in der utopischen Literatur dar. Unter geschickter Führung des jungen Herolds - Demagoge, charismatischer Anführer und „grüner“ Vordenker - wird anfänglich friedlich auf Volkskundgebungen der Stab über das geheimnisvolle Projekt gebrochen. Als die ersten Demonstrationen erfolglos sind, greifen die Gefolgsleute Herolds zu rabiateren Mitteln wie Terrorangriffe, Sabotage und schließlich auch Mordanschläge. Müller nimmt sich viel Zeit, den Willen des Volks mit den Interessen des Großkapitals abzugleichen. Das wirkt teilweise ein wenig zu konstruiert, aber die positive Intention des Autoren überdeckt die etwas gewollte literarische Handwerkskunst in diesen handlungstechnischen Abschnitten.

Das „Kosmotron“ als grenzenlose Energiequelle – eine Idee, die sich in unterschiedlichsten Variationen durch Müllers ganzes utopisches Schaffen zieht – wird zum Scheidepunkt zwischen angewandter und theoretischer Physik. Vielleicht an einigen Stellen etwas zu langatmig versuchen die Wissenschaftler Paul Grän als Mittler zum Leser ihre verschiedenen Theorien zu Nutzung der unbegrenzten Energien des „Kosmostrons“ genauso zu erläutern wie die Wahrscheinlichkeit eines GAUs zu relativieren. Müller gelingt es, die verschiedenen Aspekte ausgesprochen anschaulich und für seine Leser plastisch zu beschreiben. Für Grän schält sich – ohne das es wirklich Beweise gibt – aus den verschiedenen Tatsachen heraus, das die Anschaltung des „Kosmotrons“ eher auf Gottvertrauen als wirklich wissenschaftlich bewiesenen Fakten seiner Ungefährlichkeit beruht. In diesem Punkt ist „Kosmotron“ nicht nur ein ausgesprochen wissenschaftskritischer Roman, sondern eine modern geschriebene Allegorie auf die „Dummheit“ der Menschheit, die Natur in allen Aspekten beherrschen zu wollen. Das es am Ende zur obligatorischen, spannend geschriebenen Katastrophe kommt, ist unausweichlich. Im Gegensatz zu vielen anderen Arbeiten – siehe auch die von Heinz Galle und Dieter von Reeken erwähnten Romane Lester del Reys oder Stevenhagens – rettet anscheinend fast unglaubwürdig die Natur die Menschen vor der kompletten Zerstörung, in dem nach einer Ausbreitung von eintausend Metern und nicht wie im Vorwort erwähnt eintausend Kilometer den Protonenzerfall mangels Sauerstoff zum Erliegen kommen lässt. Paul Alfred Müller schenkt den Menschen eine zweite Chance, die mehr oder minder Verantwortlichen kommen beim Experiment als Kompromiss ums Leben.

Als Roman hinterlässt „Kosmotron“ trotz der zahlreichen schon angesprochenen Stärken einen teilweise zwiespältigen Eindruck. Das eigentliche Unglück inklusiv der aufs Rudimentärste beschriebenen katastrophalen Folgen nimmt sehr wenig Handlungsraum ein. Müller beschreibt diese Schlüsselszenen fast wie eine Art Epilog zu der eigentlichen ermittlungstechnischen Kriminalgeschichte, in deren Verlauf Paul Glän nicht nur potentielle Saboteure entdeckt; die Fronten endgültig wechselt und die Fertigstellung des Kosmotrons verhindern möchte, um schließlich mit dem aus der Untersuchungshaft entlassenen Herold zu kooperieren. Während die Exposition des vorliegenden Buches sehr stringent inklusiv eines kompakten stimmigen Rückblicks auf den Beginn des Projekts geschrieben worden ist, verliert sich Paul Alfred Müller im Mittelteil sowohl in der aufgesetzten romantischen Geschichte als auch den diversen Beziehungsdreiecken inklusiv einiger deftiger Dialoge, bevor er den Faden im letzten Viertel wieder aufnimmt. Unbewusst hat man den Eindruck, als sollte „Kosmotron“ in der anfänglichen Konzeption deutlich umfangreicher und vielschichtiger sein als es schließlich die umfangtechnische Begrenzung des Leihbuches zugelassen hat. Paul Alfred Müller hat das während des Schreibens auch erkannt, konnte sich aber nicht mehr entscheiden, den Plotanfang zu überarbeiten. Trotz dieser Schwächen ist „Kosmotron“ allerdings eines der besten utopischen Abenteuer Müllers aus einer seiner stärksten literarischen Phasen, das erstens die überfällige, sehr gut gelungene Neuauflage verdient und zweitens aufgrund seiner technikkritischen, aber nicht technikfeindlichen Einstellung auch heute noch auf fruchtbaren Boden fallen sollte.


Paul Alfred Müller: "Kosmotron"
Roman, Softcover, 185 Seiten
Dieter von Reeken 2011

ISBN 9-7839-4067-9529

Weitere Bücher von Paul Alfred Müller:
 - Die Erde stirbt
 - Die Seifenblasen des Herrn Vandenberg
 - Die Unsterblichen
 - Jan Mayen 1- Ruf in die Welt
 - Jan Mayen 11
 - Jan Mayen 4
 - Jan Mayen 5 - Das unsichtbare Feuer
 - Jan Mayen 6
 - Jan Mayen 8: 100.000 KM über der Erde
 - Jan Mayen Band 10
 - Jan Mayen Band 12
 - Jan Mayen Band 2
 - Jan Mayen Band 3- Durchbruch in Maracaybo
 - Jan Mayen Band 7
 - Jan Mayen Band 9
 - Sprung über die Zeit
 - Sun Koh 1- Ein Mann fällt vom Himmel
 - Sun Koh- Ein Mann fällt vom Himmel

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