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Science Fiction (diverse)



Frank W. Haubold

Die rote Kammer

rezensiert von Thomas Harbach

Nach der Einstellung der „Visionen“ von Helmuth Mommers ist die Jahresanthologie des EDFC der einzige wiederkehrende Almanach mit Kurzgeschichten überwiegend deutscher Autoren. Zwar hat Herausgeber Frank Haubold auch Kurzgeschichten übersetzt bzw. auf Autoren aus den europäischen Nachbarländern zurückgegriffen, aber der Fokus ist eine bunte Mischung aus bekannten Profis wie Michael Iwoleit oder Malte Sembten, semiprofessionellen Autoren und Newcomern mit ersten Veröffentlichungen. Wie Frank Haubold in seinem Vorwort herausstellt, hat er mit den fast dreißig Geschichten versucht, einen möglichst breiten Fokus von der lustigen Fantasy über die soziale Satire bis zu klassischer Science Fiction abzudecken. Ganz bewusst möchte Haubold keine Themenanthologien zusammenstellen, sondern möglichst vielen Autoren in dem wieder enger gewordenen Markt eine Bühne geben, auf denen sie sich präsentieren können. Unabhängig von der Qualität der einzelnen Geschichten ist die Unterstützung des Projektes eminent wichtig und daher sollte „Die rote Kammer“ zu den Pflichtanschaffungen gehören. Mario Franke hat ein schönes sehr stimmungsvolles Titelbild zur Anthologie beigesteuert und Gabriele Behrend die Sammlung wie in den Vorjahren passend illustriert.

Christian Schmitz macht mit “Willkommen bei Iris- Space” den Auftakt.. Der Vertreter Bauknecht - niemand kennt mehr den Werbespruch - ist auf dem Weg zum Titan- Mond, um neue Märkte zu erschließen. “Iris- Space” versucht es nicht nur ihren Reisenden möglichst bequem zu machen, sondern auch ihre zukünftigen Wünsche von den Lippen bzw. Augen abzulesen. Christian Schmitzs Geschichte ist kompakt geschrieben. Die satirischen Seitenhiebe sind gut gesetzt. Die Pointe bösartig, aber irgendwie wirkt sie aufgesetzt und zumindest für den Leser im Gegensatz zum Protagonisten vorhersehbar.


Hahnrei Wolf Käfer überspitzt die Gesellschaftskritik in „Para Situs Wien AG“ noch deutlicher. Ein österreichisches Volk im Kauf/ Verkaufsrausch. Alles hat seinen Preis und über die Konsequenzen wird in dieser Ebayspielwiese nicht nachgedacht. Pointiert legt der Autor den Finger der Kritik in die Wunden. Überzeichnet das Geschehen bis zur Groteske, agiert allerdings eher fragmentarisch. Eine echte Annäherung an die einzelnen Figuren inklusiv des Ich- Erzählers findet nicht statt, ist aber vom geradlinigen Plot auch nicht unbedingt von Nöten. Es zählt alleine der Eindruck... und der Preis.
Aus dem Englischen hat Herausgeber Frank W. Haubold Gill Ainsworths Geschichte “Auge um Auge” übersetzt. Sie enthält keine phantastischen Elemente. Das im Titel angesprochene biblische Motiv wird von der Protagonistin umgesetzt, während ihr Mann betrunken im Fernsehen Rugby Spiele setzt. Die Hintergrundinformationen werden von der Autorin eher bruchstückhaft und impliziert angeboten. Die Geschichte leidet unter der oberflächlichen Charakterisierung der einzelnen Protagonisten, dabei ist eine Identifikation zwischen Leser und Charakter wichtig, um zumindest das angedeutete Motiv nachvollziehen zu können. Der Tonfall der Geschichte ist cool bis lakonisch zynisch, der Zweck soll die Mittel heiligen. Die Geschichte hätte mit einem etwas umfangreicheren Handlungsbogen deutlich besser funktioniert und schockierender gewirkt.
Hartmut Kaspers „Besuch aus dem Nichtraucher- Universum“ steht im Grunde zwischen allen Stühlen. Mit sanfter Ironie beschreibt der Autor den eher zufälligen Besuch eines Dimensionstouristen in einem kleinen Lokal oder besser einer typischen Bochumer Kneipengastwirtschaft. Der Besucher versucht mit der Kellnerin zu kommunizieren, ihr seine Herkunft zu erläutern. Am Ende kehrt der Reisende zur „Haltestelle“ in seiner Dimension und seine wahre Gestalt zurück. Wie so oft in seinen Texten sind insbesondere die Dialoge pointiert und überzeugend natürlich geschrieben, ein Plot ist allerdings kaum vorhanden. Die Pointe ist nicht unbedingt überzeugend herausgearbeitet und erscheint als ein Anti Höhepunkt. Die Geschichte wirkt eher wie ein Fragment, das der Leser gerne betrachtet, aber ebenso schnell wieder vergessen hat. „Die Vierdritteluniversum“ von Frank Neugebauer zielt ihn eine ähnliche Richtung. Mittels Ramschwaren ist es möglich, die Brücke zu einem Paralleluniversum zu schlagen. Die Idee selbst ist solide, aber irgendwie verliert Frank Neugebauer im Verlaufe des nicht sonderlich komplexen, aber teilweise sehr humorig dargestellten Plots den Fokus. Ihm gelingt es nicht, den Handlungsbogen überzeugend abzuschließen und die Pointe wirkt trotz ihrer Ironie aufgesetzt.

„Die Guerilla erwacht“ von Heidrun Jänchen funktioniert in erster Linie aus der verschobenen Perspektive der Leser. Im Gegensatz zu den Charakteren – Zwergen – verfügt der Leser über das Wissen, die den erwachten Anarchisten noch unbekannten Begriffe zuzuordnen. Dadurch folgt er ihrem Abenteuer in Hagi Land und der Begegnung mit dem allmächtigen Zauberer aus einer gewissen Distanz. Der Plot ist relativ geradlinig und die Autorin bemüht sich um eine Reihe von pointierten bis ironischen Seitenhieben, aber als Geschichte spricht „Die Guerilla erwacht“ den Leser nur bedingt an- irgendwie fehlt dem Text eine gewisse überdrehte Anarchie, die zum Beispiel Joe Dantes „Small Soldiers“ so auszeichnete.

Ein erster Höhepunkt der Anthologie ist Thomas Wawerkas „Der alte Mann und das Glück“. Ein Zwei Personenstück, dessen Pointe der Leser nach guten Zwei Drittel der Geschichte ahnt, die aber nicht zuletzt aufgrund der spärlich, aber überzeugend gezeichneten Figuren gut funktioniert. Den Dialogen stellt der Autor Gesten gegenüber, deren Bedeutung der außen stehende Betrachter erst am Ende des Textes umsehen kann. Dann schließt sich der Kreis und er betrachtet das im Grunde Stillleben aus einer leicht verzerrten, aber greifbaren Perspektive.
Mit wenigen Worten entwickelt Wawerka eine melancholische, aber überzeugende Atmosphäre. Die Grundidee ist zeitlos, sie lässt sich in jede Situation versetzen, in welcher Menschen oder Wesen eine grundlegende Veränderung anstreben und ihrer eigenen Erwartungshaltung nicht gerecht werden.



Judith Raus „Der Tokee“ ist eine dieser Geschichten, denen sich manche Leser besser nähern können als andere. In groben Zügen entwirft sie ein Sozialsystem, das auf der einen Seite an die indischen Kasten erinnert mit einer rabiaten Fortpflanzungspolitik, in der in erster Linie die männlichen Nachkommen zählen. Um sich intensiver mit der durchaus kritisch überspitzten Thematik nähern zu können, verzichtet die Autorin auf ein all umfassendes Portrait. Der Erzähler versucht dem Leser diese sehr komplexen Strukturen näher zu bringen. Zu Beginn noch unnötig fragmentarisch strukturiert gewinnt der Text im Verlaufe der ungewöhnlich kompakten, fast zu dicht gedrängten Handlung an Tiefe. Der Leser hat aber nicht die Möglichkeit, sich mit den einzelnen Figuren zu identifizieren. Vielleicht wäre eine Novelle die bessere Erzählform für dieses Thema gewesen.

„Der Zauberkasten“ von Andrea Tillmann ist eine dieser Kurzgeschichten, in denen der aufmerksame Leser die Pointe schon im voraus erahnt, dem Plot aber aufgrund des guten Schreibstils der Autorin und vor allem der überzeugend gezeichneten Figuren weiterhin folgt. Die Autorin präsentiert in der Art des magischen Realismus eine unterhaltsame Geschichte, bei welcher der Leser nicht wirklich weiß, ob das Ende für die Figuren nicht doch ein ersehnter Neuanfang ist. Michael Iwoleit dagegen überrascht in „Leere Alternativen“ alle seine Kritiker - Rezensenten bekomme in der Geschichte selbst einen Seitenhieb ab- , die ihm bislang Schwierigkeiten bei der Charakterisierung seiner Protagonisten und eine mangelnde Wärme hinsichtlich seiner Figuren unterstellt haben. Eine romantische Liebesgeschichte, die augenscheinlich autobiographisch eingefärbt sein könnte. Der Ich- Erzähler hat bislang einen Roman und viele Kurzgeschichten geschrieben, beschäftigt sich mit Alternativwelten und hat sich laut eigenen Aussagen von der Welt isoliert. Eine attraktive Kellnerin, Mutter und Ehefrau führt ihn wieder ins Leben zurück. Der Rahmen deutet möglich utopische Elemente an, sie sind aber nicht von Nöten. Sehr warm, sehr romantisch ohne gleich ins Kitschige zu verfallen, mit einem Hauch verbitterter Melancholie und ein wenig zu viel unecht wirkender Lebensweisheit. Die beiden Protagonisten werden dem Leser sehr schnell vertraut. De Spannung der Begegnung zweier sehr unterschiedlichen Menschen resultiert aus der Frage, ob sich ihre Lebenswege weiter verschlingen oder sie wie zwei Schiffe auf dem unendlich erscheinenden Meer wieder getrennt werden. „Leere Alternativen“ zeigt, das Michael Iwoleit seine Leser immer wieder mit einer neuen Variante seiner Fähigkeiten als Kurzgeschichtenautor überraschen kann.

Der Titel von Stephan Peters Geschichte „Todesschatten“ weißt eher auf eine Horrorstory hin. Er ist zwar hinsichtlich des bitterbösen Endes adäquat, lenkt aber vom Fokus auf die grotesk überzeichnete Organisation der Bücherfreunde und ihr dämonisch subtiles Verhalten ab. Es stecken sehr viele kleine, subversive Ideen in der Geschichte, auch wenn das Ende an sich ein wenig zu einfach, zu konstruiert und hinsichtlich der Ausgangsprämisse unbefriedigend ist. „Kilphire Hoe“ von Anke Laufer stellt den Leser mehr zufrieden. Eine interessante Science Fiction Idee, die zumindest beim agierenden eher langweiligen Protagonisten nicht zu hundert Prozent wirkt. Dazu ein ansprechender Stil und trotz der Kürze des Textes ein adäquater Hintergrund machen die Story zu einer interessanten, empfehlenswerten Lektüre. Uwe Schimuneks „Das Tor“ ist wie Isaac Asimovs Roman „Die phantastische Reise“ davon abhängig, das der Leser die Deus Ex Machina Erfindung akzeptiert. Ist das der Fall, entwickelt sich eine über weite Strecken nicht nur geradlinige Verfolgungsgeschichte mit anarchistischen Untertönen, sondern eine zumindest oberflächliche Parodie auf den EU Wahn. Glaubt der Leser die Prämisse hinsichtlich des Zusammenhangs von Masse und Größe nicht, sollte er die Lektüre nach den ersten eineinhalb Seiten lieber einstellen.

„Pilz im Glück“ von Hubert Katzmarz gehört zu den moralisierenden Stories, die irgendwie nicht funktionieren. Der Protagonist gewinnt bei der Fernsehquizsendung eine Millionen Euro und spendet diese an eine Hilfsorganisation. Warum er dann allerdings seinen Liebesstil ändert, ohne über das Geld zu verfügen, wird ebenso wenig herausgearbeitet wie die Tatsache, das er sich bei der Scheidung nicht wehrt und so tut, als habe er das Geld noch. Mechanisch spult Katzmarz fast schon bösartig den Niedergang seiner Figur ab, ohne dass die emotionale Ebene dem Leser einen Zugang zu dieser Figur öffnet. Die Motivation des Charakters ist zu eindimensional herausgearbeitet und wenn Katzmarz die Geschichte mit zwei in diesem Fall eher aufgesetzten Volksmundsprichwörtern enden lässt, wirkt dies besserwisserisch. Hinsichtlich des Titels von einem „Pilz im Glück“ zu sprechen, würde nur funktionieren, wenn der Protagonist das Geld im Lotto oder mit einem Los gewonnen hätte, hier hat er mit seinem Wissen überzeugt.

Volker Großs „Das Nornen- Artefakt“ ist eine der Kurzgeschichten, die an der Ambition des Autoren scheitern. Es befindet sich eine Reihe von guten Ideen im Plot. Die Besessenheit des Schreibens, das Nornen- Artefakt an sich, später die Expedition ins Ewige Eis und die offensichtliche Diskrepanz zwischen der Geschichte und den Fakten. Auf der anderen Seite wirkt der futuristische Rahmen störend und aufgesetzt. In erster Linie leidet aber die Story unter Volker Groß sehr sperrigen Stil. An Stelle die Handlung fließen zu lassen, wird jede Bewegung der Figuren steif und übertrieben beschrieben. Die Ereignisse selbst sind schaurig, wirken aber durch Groß Hang, der Tatsache noch eine weitere Beschreibung anzufügen, sperrig und viel zu distanziert. Für eine Kurzgeschichte ist der Plot zu umfangreich, eine Vorgeschichte hätte dem Text gut getan. Im Kern steckt eine Novelle in „Das Nornen- Artefakt“, die Volker Groß mit einem etwas mehr zurückhaltenden und vor allem deutlich geschmeidigeren Stil, besser gezeichneten Charakteren und unter Verzicht auf die störende Rahmenhandlung irgendwann einmal schreiben sollte.

Matthias Falks „Klio ging voran“ beginnt mit einem wunderschönen surrealistischen Bild. Ein Raum voller Uhren, die alle stillstehen. Von diesem Stillleben erholt sich die gut geschriebene Geschichte im Grunde nicht mehr. Die Erwartungshaltung des Lesers wird durch einige gut Beschreibungen Falkes noch gesteigert, bevor er seine Zuschauer in ein sehr offenes, vages Ende entlässt. Die Interpretationsmöglichkeiten sind sehr breit, es ist für den Leser in erster Linie die Frage, ob er sich auf die verschiedenen Ideen einlässt. Matthias Falke reißt zu viele Fragen an und weigert sich, irgendwelche Antworten zu geben. Stilistisch aber eine der am meisten ansprechenden Geschichten dieser Sammlung. Christian Weis „Der schwarze Mann in weiß“ ist eine sehr vielschichtige Geschichte, die an Ray Bradburys Texte erinnert, ohne dessen stilistische Brillanz und vor allem seine melancholische Erzählweise zu erreichen oder zu imitieren. Seine Figuren sind überzeugend gezeichnet, natürlich und doch vielschichtig. Er beginnt sehr realistisch mit der Furcht weniger vor dem Tod als den Schatten, die überall lauern. Mit dem Einzug des Zirkus in die Stadt erreicht die Bedrohung eine andere Dimension, weckt aber auch in den jugendlichen Charakteren die Neugierde vor dem Unbekannten. Wie viele anderen Geschichten dieses Sammlung lässt das Ende sehr viel Interpretationsspielraum, da die Figuren aber gut gezeichnet worden sind, möchte der Leser die einzelnen Protagonisten auch gerne über den Rahmen der Story hinaus in seinen Gedanken begleiten.

Christel Schejas „Eine andere Wahrheit“ ist nur vordergründig eine Fantasy- Geschichte. Die Autorin spielt mit den aus Kurosawas „Rashomon“ bekannten Elementen. Eine alte Frau erzählt von den Toden ihrer drei Männer, während sie von der Inquisition bedroht wird. Wie immer liegt die Wahrheit fast ausschließlich im Auge des Betrachters. Eine unterhaltsame Analogie auf gegenwärtige Strömungen, stilistisch sehr kompakt geschrieben. Manuela P. Forsts humorvolle Fantasy “Von Spitzohren und Spezialisten” überträgt die moderne Globalisierung in das Reich der Elfen, Zwerge und Kobolde. Sehr pointiert beschreibt die Autorin die Veränderungen, die der neue Besitzer einer Zwergen Miene – ein Elf – einführen möchte und welche folgen dieser angebliche Fortschritt hinsichtlich der Arbeitsabläufe und der Produktion für die plötzlich degradierten Spezialisten hat. Der Humor ist wohl dosiert, die Handlung sehr geradlinig und droht nicht in eine Farce abzugleiten. Die Kritik an gegenwärtigen Entwicklungen ist solide in den Hintergrund der Fantasywelt integriert. Ein weiterer Höhepunkt der Anthologie. Im Mittelpunkt von Uwe Posts Geschichte „Der letzte Atemzug des Amli Kimlisohn“ stehen auch Zwerge, bzw. der erste Zwergastronaut. Glänzend geschrieben, humorvoll ist die kurzweilig zu lesende Geschichte eine ideale Synthese aus den erwarteten „Klischees“ der Fantasy Literatur sowie der viktorianischen Science Fiction eines H.G. Wells mit ungewöhnlichen Charakteren und einer sehr schönen, pointierten Hommage am Ende der Geschichte.

Wolfgang Fienholds ironische Farce „Der Keller“ funktioniert bei einmaliger Lektüre gut. Geschickt spielt der Autor mit der Erwartungshaltung der Leser und spekuliert dank der neugierigen Nachbarn einer alten Dame, die immer wieder für einige Tage von ihren Töchtern, heißen Motorradbräuten auf schweren Maschinen, abgeholt wird. Aus der intimen Ich- Erzählerperspektive und mit einer fast boshaften Abrechnung mit der klassischen Durchschnittsfamilie garniert streift Fiendhold vom Horror über die Satire bis zur Science Fiction. Auch wenn der Geschichte vielleicht ein satirischer Höhepunkt fehlt, handelt es sich um ein unterhaltsames Garn, das man nicht unbedingt ernst nehmen sollte. Ohne den satirischen Unterton schlägt Hartmut Schönherrs „Die Rückkehr der Salamander“ in eine ähnliche Kerbe. Allerdings wird die Botschaft gegen Ende des sehr geradlinigen Plots ein wenig zu stark betont und nach den ersten amüsanten Zeilen verliert sich der Text in einer bekannten und nicht sonderlich überzeugend gezeichneten Pointe.

„Zwischen den Dimensionen“ von Jürgen Thomann versucht auch in den letzten Absätzen den Fokus der Handlung noch einmal zu drehen. Der Plot beginnt auf den blutigen Schlachtfeldern Flandern während des Ersten Weltkriegs. Die Beschreibungen sind intensiv, aber im weiteren Verlauf der Handlung beginnt Thomanns Geschichte eher merkwürdig antiquiert und stellenweise ein wenig zu steif konstruiert zu wirken. Da auch der Hauptcharakter nicht sonderlich dreidimensional gezeichnet worden ist, verliert der Leser nach der ersten Hälfte ein wenig das Interesse an der ganzen Geschichte. Die Titelgeschichte “Die rote Kammer“ ist eine dunkle, düstere Hommage an Poes „Die Grube und das Pendel“. Ein Gefangener wird von einer ihm fremden Inquisition gefoltert, die Sprache seiner Folterknechte kann er nicht verstehen. Die Beschreibungen sind drastisch, aber sprachlich „ansprechend“. Obwohl als Kurzgeschichte sehr kompakt, fast komprimiert geschrieben gelingt es dem Leser, eine zumindest kurzzeitige Beziehung zum Gequälten und seinem fortwährenden Alptraum aufzubauen. Paul Felbers „der Baum“ ist eine stilistisch überzeugend geschriebene und handlungstechnisch von der Atmosphäre her sehr stimmige Story. Der eher implizierte Plot wird durch die intensiven Beschreibungen eher zur Seite gedrückt. Der Text spricht den Leser stimmungstechnisch zwar an, irgendwie fehlt allerdings ein belebendes Element und das Ende wirkt ein wenig verkrampft und nicht fließend genug. Die zweite übersetzte Geschichte der Sammlung ist „Schuld hat Dr. Moreau“ aus der Feder des Argentiniers Fernando Sorrentino. Eine klassische Weird Geschichte vom Beginn bei den Eltern oder in diesem speziellen Fall dem Vater der Braut. Stimmungstechnisch sehr gut ist der Plot allerdings vorhersehbar und keine Überraschung. Mit einem humorvollen Unterton beschwört der Autor zu Beginn die klassischen Ängste des Jungverliebten vor der ersten Begegnung mit den Eltern herauf, um dann festzustellen, dass zumindest der Vater sich sehr seltsam verhält. Friedirike Steins „Rosensommer“ kolportiert in Tagebuchform ebenfalls eine inzwischen oft angewandte Idee von der Natur, die plötzlich aus den Fugen gerät und sich von Menschen nicht mehr kontrollieren lässt. Dass Rosen die Täter sind ist die einzige originelle Idee dieser geradlinig, aber nicht besonders aufregend geschriebenen Geschichte.

Achim Stößers „Alois hinter den Spiegeln“ ist eine kurzweilig zu lesende Farce. Ein Spiegel reflektiert das Bild mit einer kleinen Zeitverzögerung. Vielleicht ist es sogar ein Durchgang zu einer anderen Dimension. Die Geschichte hätte bis zum gut positionierten Ende ein wenig humorvoller, überdrehter oder eine deutlichere Hommage an entsprechende Klassiker sein sollen. So befindet sich Achim Stößer mit seinem lesenswerten, aber nicht herausragenden Plot zwischen allen Stühlen.

Den Abschluss der Sammlung bildet die längere Geschichte „Die Stadt am Meer“ von Frank W. Haubold. Wie fast alle seiner Texte ist sie stilistisch sehr ansprechend geschrieben worden. Frank Haubold bemüht sich auf den ersten Seiten, eine surrealistische Umgebung zu erschaffen, in der sich nicht nur der Protagonist erst zu Recht finden muss. Für den Leser und ihn bleibt lange Zeit unklar, um was es sich bei der seltsamen Stadt wirklich handelt und welche Rolle der offensichtlich von „Rauschmitteln“ abhängige „Dichter“ spielt. Im Schlussdrittel versucht Haubold dieses irreale Szenario mit einer realistischeren Handlungsebene zu verbinden. Diese Vorgehensweise ist nicht unbedingt neu und wirkt teilweise auch ein wenig schwerfällig. Das Ende ist romantisch offen. Die Zeichnung insbesondere seines Protagonisten ist zufrieden stellend. Insgesamt ist „Die Stadt am Meer“ eine ansprechende Geschichte.

Wie schon eingangs besprochen ist das Spektrum der präsentierten Geschichten breit und die Qualität ansprechend. Insbesondere die humorigen Fantasy Storys Uwe Posts und Manuela P. Forst zeigen, welches Potential noch in diesem auf dem ersten Blick ausgeschriebenen Sektor steckt. In der Breite sprechen die hier zusammengefassten Kurzgeschichten hinsichtlich des auch stilistischen Niveaus deutlich mehr an als in der qualitativ schon guten letzten Jahresanthologie „Das Mirakel“. Teilweise wirken sie allerdings in Punkto Ideen ein wenig zu bieder und zu wenig experimentierfreudig. Unabhängig von dieser Schwäche ist die EDFC Jahresanthologie neben NOVA das letzte kontinuierlich erscheinende Sprachrohr deutscher Kurzgeschichten Science Fiction und alleine aus diesem Grund absolut anschaffenswert.


Frank W. Haubold: "Die rote Kammer"
Anthologie, Softcover, 325 Seiten
EDFC 2008

ISBN 9-7839-3991-4075

Weitere Bücher von Frank W. Haubold:
 - Das Mirakel
 - Die Jenseitsapotheke
 - Die Kinder der Schattenstadt
 - Götterdämmerung

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