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rezensiert von Thomas Harbach
Phantastische Kurzgeschichten aus der Großstadt präsentiert die neue im Atlantis- Verlag veröffentliche Anthologie von David Grasshoff. Der Band entstand augenscheinlich in Zusammenarbeit mit dem Projekt Kopfgeburten. In den insgesamt sechzehn Kurzgeschichten und einem Gedicht wird ein dunkles, nihilistisches Bild des Molochs Großstadt gezeichnet und wie er schließlich die Seelen seiner Bewohner frisst. Nur wenige der Texte gehen auf die Charaktere an sich ein, nicht selten bilden die beschriebenen Menschen Schablonen für eine unmenschliche Entwicklung. Der Tenor vieler Geschichten ist weniger die klassische Unterhaltung, sondern mit grellen, schockierenden und verstörenden Szenen auf unaufhaltsame Trends hinzuweisen. Wahrscheinlich sind aus diesem Grund einige der Texte bewusst deutlich roher, aggressiver und provozierender geschrieben worden als es die nicht immer originellen Plots suggerieren. Die Autoren der Anthologie sind bis auf Tobias Bachmann, Christoph Marzi und Markus Korb sowie mit Einschränkungen Michael Schmidt und Nina Horvath eher unbekannte, aber nicht unbedingt deswegen unerfahrene Autoren. Sie stammen aus dem Umfeld realistischer Rollenspiele. Sie sind jung und experimentierfreudig. Nicht selten sind die eigenen Ambitionen größer als die vorgelegten Texte, aber keinem kann man den Mut abstreiten, etwas versucht zu haben. Das am Ende der Moloch Großstadt den Sieg davonträgt, ist sicherlich keine Überraschung. Aber die kleinen Pyrrhussiege seiner Einwohner lassen sich in den hier versammelten Geschichten nicht immer angenehm verfolgen.
„Das neugierige Herz“ von Markus Korb ist eine im Grunde klassische Weird Fiction Geschichten in der bösartigen Tradition der E.C. Comics. Der Autor vermischt die Schnüffelei der „freiwilligen“ Spitzel in der ehemaligen DDR mit einer grotesken Prämisse direkt aus dem Schattenreich eines H.H. Ewers oder Lovecrafts. Gerade wegen ihrer Kürze und ihrem offenen Ende bleibt ausreichend Raum für den Leser, seine Phantasie spielen zu lassen. Mit seinem sprachlich sehr ansprechenden Stil erschafft Korb aus dem Nichts heraus eindrucksvolle Szenen, in denen die Charakterisierung der einzelnen Figuren oder evtl. logische Schwächen wie in diesem Fall überall ein durchgehender Zwischenraum in dem Mehrfamilienhaus untergehen. Durch die geteilte Perspektive wird das übernatürliche Element betont. Viele andere Geschichten auch dieser Sammlung lassen die Frage offen, ob das Geschehen real ist und/oder der Protagonist inzwischen verrückt geworden ist. Korb liefert zwar keine Erläuterungen für seine phantastische Prämisse, aber mit der Überzeugungskraft eines routinierten Autoren lässt er das Geschehen stringent ablaufen. Der Leser hat keinen Raum, den Plot zu hinterfragen und wird von der dunklen Stimmung von Beginn an beeinflusst. Eine gute, dunkle Auftaktgeschichte.
Daniel Mayers „Samstag“ ist eine dieser Geschichten, die sich routiniert lesen lässt, welche aber weder plottechnisch etwas Originelles bringt, noch dem Leser einen Zugang zum Protagonisten gewährt. Mayer überlässt es den außen stehenden Betrachtern, in die Jekyll und Hyde Positur des Charakters mehr zu hinzudeuten als im Text vorhanden ist. Selbst das drastische Ende wirkt eher wie Stückwerk auf der verzweifelten Suche nach einer eindrucksvollen Pointe. Insgesamt eine schwache Kurzgeschichte, wobei es sich anscheinend laut der Biographie um einen ersten Versuch Mayers handelt, über Rollenspielszenarien hinaus etwas zu verfassen. In eine ähnliche Richtung zielt Fabian Mauruschats „Sendersuchlauf“, dessen Grundidee eine Überspitzung des Michael Douglas Films „Falling Down“ ist. Ob der alltägliche Wahnsinn wie in der offenkundigen Pointe suggeriert durch Rapmusik ausgelöst worden ist, spielt in der näheren Betrachtung der stringenten, kompakt geschriebenen, aber irgendwie leblosen Geschichte keine Rolle mehr. Die Selbstjustiz nimmt ihren Lauf, bis der Richter in der Tradition des Wilden Westens sich der Verantwortung stellen muss oder seinen Staffelstab zu übergeben hat. So sehr sich der Autor auch bemüht, wie bei Mayers „Samstag“ ist der Blick in die verzerrte Psyche des Protagonisten eher eindimensional und wiederholt nur Aspekte, welche in der phantastischen Literatur schon zu oft Anwendung fanden.
Auch wenn es nur nebensächlich ist, Torsten Sträter kann sich in seiner Geschichte „Sportsfreund“ nicht auf das Alter des Sohnes des Protagonisten einigen. Zuerst drei Jahre alt, am Ende nur ein Zweijähriger. Diese Oberflächlichkeit zieht sich durch die ganze Geschichte einer Begegnung mit einem seltsamen Menschen abends in einem Sportstudio. Ein zorniger, junger, sich selbst unkritisch gegenüberstehender Mensch, der mit seinen Aggressionen nichts anzufangen weiß. Eine gescheiterte Beziehung, die Frau mit dem Kind bei einem anderen, älteren Mann. Dem Leser gelingt es nicht, in die Persönlichkeit des Protagonisten einzudringen. Der Ich- Erzähler ist übertrieben unsympathisch und verdient am Ende der Geschichte auch nicht die zweite Chance. Die Ehefrau wird in den wenigen Begegnungen als zickig beschrieben, aber das Verhalten ihres Ex- Freundes rechtfertigt auch diese ablehnende Haltung. Die am meisten faszinierende Figur ist der natürlich der Bodybuilder mit seinen Rabattmarken, für die Kunde nicht einkaufen braucht. „Sportsfreund“ ist einer dieser Texte, in denen die Ambitionen des Autoren größer sind als das erreichte Ziel. Schnodderiger Stil ist nicht gleich Unterhaltung. Eine sperrige Geschichte mit unsympathischen Figuren und vor allem einem eher zweifelhaften Ende. Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt die implizierte Aussage, das der Protagonist ausgerechnet für das charakterlose Verhalten „belohnt“ wird, das er bei anderen Menschen kritisiert und indirekt bestrafen lässt.
„Menschenmüll“ von Markus Richter beginnt mit einigen grotesk surrealistischen Bildern, aus denen der Autor im Verlaufe seines Textes weniger eine klassische Geschichte als eine Parabel auf die Verrohung der Sitten gestaltet. Der Autor bemüht sich, immer wieder gegen die Erwartungen seiner Leser zu argumentieren und baut sehr schön eine Sympathieebene zwischen seinen Figuren und den Außenstehenden auf. Das Ende ist überraschend positiv gestaltet worden. Im Vergleich auch zu einigen Texten dieser Sammlung bleiben die Bilder, welche Richter im Grunde auf dem Abfall der Gesellschaft produziert dem Leser im Gedächtnis und der Begriff Mühlmann bekommt eine neue Bedeutung. Vor allem aber gibt sich Richter nicht der Versuchung hin, nach einem starken Anfang eine einfache Slashergeschichte mit einer neuen überirdischen Bedrohung entgegen der Erwartungshaltung der Leser niederzuschreiben. Der Titel von Andre Wiesners „Hand drauf!“ ist blanke Ironie, denn seine Protagonisten haben keine Hände. Entweder haben sie sich selbst diese Gliedmaßen abgetrennt, weil sie diese durch mechanisches Handwerkszeug ersetzt haben oder sie litten unter der Contergankrankheit. Oder sie wurden ihnen abgetrennt. Auf jeden Fall macht Wiesners überdrehter „Punisher“ Ersatz Jagd auf Schatten. In weit diese Jagd wirklich der Realität dieser Geschichte entspricht, wird nur an einer Stelle deutlich. Ohne diesen kurzen Hinweis könnte es sich auch um einen weiteren überdrehten Charakter mit Wahnvorstellungen handeln. Insgesamt wie viele Texte dieser Sammlung in einem zynischen Ton geschrieben, aber atmosphärisch insbesondere zu Beginn grimmig stimmig.
Der Herausgeber David Grashoff steuert mit „Seelenlos“ einen Beitrag zur Faust- Legende bei. Ein Mann wird bei einem Überfall erschossen, seine Seele trennt sich vom Körper und wird von einem Herrn Rabe - ein zu deutlicher Hinweis - durch die nächtliche Stadt geführt, bis sich der Kreis schließt. Der Plot selbst ist nicht originell und der Leser ahnt das Ende des Textes weit im voraus. Liegt wahrscheinlich daran, das er nicht gerade niedergeschossen und nun körperlos durch die Stadt gleiten muss. Stilistisch reiht sich „Seelenlos“ in die Anzahl der Geschichten ein, die mit einer Charles Bukowski Imitation Stimmung zu erschaffen suchen. Es ist erstaunlich, dass viele der hier gesammelten Autoren auf nihilistischen Note herumreiten. Insbesondere „Seelenlos“ hätte überzeugender gewirkt, wenn David Grashoff einen anderen Ansatz gewählt hätte. Schönheit in der Gosse, um den Neu- Seelenlosen noch ein wenig zu verwirren und vor allem für die Leser falsche Spuren zu legen. Insgesamt eine routinierte Arbeit, aber im Gegensatz zu anderen Texten wie „Samstag“ oder „Sendersuchlauf“ gelingt es dem Autoren, eine Sympathieebene zwischen Leser und Protagonisten aufzubauen, die er mit diabolischem Vergnügen am Ende der Story wieder demontiert. Deutlich effektiver ist Christin Endres „Feuerteufel“. Er nimmt diese Floskeln wörtlich und baut sie in die Geschichte eines Feuerwehrmanns ein, der in „Backdraft“ Manier seinen Beruf liebt und von der Faszination des Feuers immer mehr eingenommen wird. Endres Text ist sehr stimmig, stilistisch ansprechend und fließend. Ihm gelingen einige eindrucksvolle Bilder vom brennenden Haus. Die eigentliche Begegnung zwischen Feuerwehrmann und geheimnisvoller Gestalt ist gut vorbereitet worden, das Ende packend und vor allem nachvollziehbar mit einer Schlussbemerkung, die nicht aufgesetzt wirkt. Eine der besseren Geschichten der Anthologie.
„Solets Stimme“ von Oliver Plaschka ist dagegen schwerer einzuordnen. Ein solider, interessanter Anfang, in welchem der Leser seinem Charakter mit mehr Fragen als potentiellen Antworten begegnet. Handelt es sich um Wahnvorstellungen oder steckt mehr hinter der Stimme? Im Verlaufe des Textes verliert sich Plaschka mehr und mehr in allgemeinen Plattitüden und der Handlungsbogen entwickelt sich nicht weiter. Am Ende bietet der Autor auch keine auf den ersten Blick nachvollziehbare Lösung an. Die Idee einer eher unerklärten Seelenreise wird impliziert, aber nicht weiter ausgearbeitet.
Eine der längsten Geschichten der Sammlung ist Tobias Bachmanns „Hybris“. Ein Mann mit einem Auftrag kommt in eine fremde Stadt. Er kümmert sich um Topmanager, die aus der Spur geraten sind. Meistens reichen Einschüchterungen, in diesem Fall soll er den Mann töten. In der fremden Stadt wird ihm die Legende des Hybris erzählt. Die Stadt ist auf einem alten Fundament gebaut worden und sein Opfer interessiert sich sehr stark für die Legende. Natürlich wird schnell aus der klassischen Hard Boiled Krimisuche ein Spießrutenlauf. Der Protagonist kann wie der Leser nicht mehr zwischen der Realität und einer möglichen Vision unterscheiden. Am Ende der Geschichte steht die Veränderung. Bachmann beginnt seinen Text auf einer zynisch- melancholischen Note. Die Großstädte werden sich in ihren dunklen Herzen immer ähnlicher, ihr Einzigartigkeit wird von den großen Konzernen systematisch eliminiert. Bachmann beschreibt einen Mann mit einer Mission, der sich gut dafür bezahlen lässt, die schmutzige Wäsche anderer zu waschen. Emotionslos verrichtet er seinen Job, bis er schließlich zum Bestandteil wird. Nach einem sehr soliden Auftakt mit einer grotesken Szenen beginnt die Geschichte im folgenden Abschnitt ein wenig zu hacken. Bachmann hat Schwierigkeiten, die Motivation des Protagonisten fortzuschreiben und das Argument, er hätte sowieso die Kanalisation aufgesucht, um nach der legendären Hybris zu suchen, wirkt nicht überzeugend. Das Ende selbst ist dann wieder gut geschrieben. Insgesamt eine unterhaltsame Geschichte. Bachmanns Stärke liegt im Aufbau einer überzeugenden, fast greifbaren Atmosphäre. Handlungstechnisch verbindet er Moderne und alte Sagen zu einer stringenten Geschichte, die aber auch ein wenig zu konstruiert wirkt. Wäre das Absicht gewesen, hätte Bachmann mit einigen wenigen Federstrichen seinen Protagonisten zum Bestandteil des großen, göttlichen (?) Plans machen können. Zusammen mit Markus Korbs Text trotz dieser kleinen Schwäche der Höhepunkt der vorliegenden Anthologie.
„Zukunftsauge“ von Nina Horvath ist eine der wenigen eindeutigen Science Fiction Geschichten dieser Sammlung. Ein junges Mädchen und ein Androide bilden in einer vollkommen zerstörten Welt eine Zweckgemeinschaft Das Mädchen verfügt über ein künstliches Auge, das es ihr ermöglicht, einen kleinen Moment in die Zukunft zu sehen und der Androide ist auf einer wichtigen Mission. Eine kurzweilig geschriebene Geschichte mit einem nihilistischen, aber pointierten Ende. Mit wenigen Sätzen gelingt es Nina Horvath, ihre Figuren zu entwickeln und eine Beziehung zwischen ihnen sowie dem Leser aufzubauen. Der Hintergrund ist von ihr bewusst vage entwickelt worden, im vorliegenden Fall stört es auch nicht. Der Leser kann sich so besser auf die Charaktere und ihren gemeinsamen Weg konzentrieren.
„Zeitenwechsel“ von Christoph Hardebusch versucht die Verfolgung von Minderheiten über die Jahrhunderte in wenigen einprägsamen Bildern darzustellen. Die grundlegende Idee ist nicht schlecht, aber bei der Ausführung versucht er seinen Text zu sehr zu komprimieren und überfliegt einige interessante Ansätze. Er macht allerdings nicht den Fehler, eine deutlich zu erkennende Botschaft belehrend seinen Lesern vorzusetzen, sondern lässt die Handlung für sich sprechen. „Gute Ansätze“ von Torsten Scheib ist eine der wenigen Storys, die eine klassische Horrorprämisse - Wiederbelebung von totem Fleisch - in den Mittelpunkt stellt. Die anderen Texte der Sammlung beinhalten nur selten wirklich gruselige und damit phantastische Elemente. Der alltägliche Wahnsinn reicht den Autoren schon, um grotesk gruselige Situationen heraufzubeschwören. Scheibs Geschichte steuert sehr geradlinig auf ihr in dieser Form nicht erkennbares, aber ein wenig zu dick aufgetragenes Ende zu. Das sich schließlich die Beschwörung gegen die Beschwörer richtet, gibt der Story eine gewisse zusätzliche Würze. Das Problem liegt wieder in der eher oberflächlichen Charakterisierung der einzelnen Protagonisten. Wie eine Reihe anderer Geschichte entwickelt Scheib seine Figuren eher eindimensional, ein wenig überzeichnet, aber nicht sympathisch noch wirklich für den Leser zugänglich. Auf dieses Mankos wirken eine Reihe von Texten ein wenig zu sperrig, zu konstruiert als das sie wirklich überzeugen können.
„Ansichtssache“ von Andreas Mehlhorn arbeitet auf verschiedenen Ebenen, die sich in der Auflösung des Plots zielstrebig verbinden. Auf der anderen Handlungsebene die Aufzeichnungen eines offensichtlich geistesgestörten Gewaltverbrechers, auf der zweiten Handlungsebene seine Tagebuchaufzeichnungen. Auch hier ist die zugrunde liegende Idee - der perfekte Mord - nicht unbedingt neu, aber mittels eines zynischen Ende negiert Mehlhorn in dieser dunklen, aber gut geschriebenen Story die bekannten Elemente.
Michael Schmidt beginnt seine „Oststadt- Silbermond“ Geschichte mit der gleichen Stilisierung, die cineastisch Walter Hills „Streets of Fire“ ausgezeichnet hat. Ein Mann kehrt nach drei Jahren zurück, weil ihn seine verflossene Liebe um Hilfe angerufen hat. In der „Stadt“ hat sich viel verändert, natürlich gerät er wieder zwischen die Fronten. Aber nicht alle ehemaligen Freunde sind ihm treu geblieben. Schmidt dreht nach dem lakonisch „heldenhaften“ Auftakt die Spirale der Gewalt bis zu einem grotesk widerlichen Ende konsequent immer weiter. Die Charaktere sind - wie auch in Walter Hills Film - nur Schatten, Chiffren, mit denen sich der Leser nicht identifizieren kann und darf. Am Ende ein offener dunkler Ausblick. Stilistisch sehr ansprechend, handlungstechnisch durch die verschiedenen Zeitebenen unterhaltsam, stellt „Oststadt- Silbermond“ vor allem aufgrund ihrer markanten Ausführung einen weiteren Höhepunkt der vorliegenden Anthologie dar.
Christoph Marzi fügt den vielen sehr unterschiedlichen Geschichten mit „Die träumende Stadt“ noch ein kurzes, modernes Gedicht hinzu. Gut geschrieben, pointiert und eine interessante Ergänzung dieser Anthologie. Weiterhin hat Christoph Marzi die Geschichte „Tranquil Gardens“ von Aino Laos aus dem Englisch übersetzt. Eine Familie will aus der Stadt in eine neue Oberschichtsiedlung ziehen, die allerdings noch nicht fertig gestellt worden ist. Die junge Frau beobachtet, wie ein Android offensichtlich bei einer Straftat erwischt und mit dem „Tode“ bestraft wird. Sie versucht ihm zu helfen und gerät dabei zusammen mit ihren Angehörigen in tödliche Gefahr. Laos gelingt es sehr schön, neben einer melancholischen und der Wirtschaftspolitik kritischen Grundhaltung seine Figuren mit wenigen einprägsamen Zügen zu entwickeln. Diese Vorgehensweise ist notwendig, um die solide Pointe zum schwingen zu bringen und den Leser nachdenken zu lassen. Im Vergleich zu vielen anderen Texten dieser Anthologie versucht der Autor nicht mit drastischen bis grotesken Bildern zu schockieren, sondern das Grauen vor dieser dunklen Zukunft baut sich sehr subtil im Handlungsbogen auf. Bis Charaktere und Leser am Ende erkennen, das es nicht nur die Anderen sind, die es betrifft. Zusammen mit Bachmanns und Korbs Geschichte der Höhepunkt der Sammlung.
Zusammengefasst ist „Disturbania“ eine thematisch interessante Anthologie mit vielen nicht immer gänzlich befriedigenden Geschichten. Dabei sind die Schwächen sehr unterschiedlicher Natur. Das Spektrum reicht von zumindest cineastisch oder literarisch bekannten Plots über mangelnde Charakterentwicklung bis zu einfach gestrickten Handlungsbögen.
Dabei spielt die Stadt als Persönlichkeit keine Rolle, fast alle Autoren setzen sich mit Menschen in den Städten auseinander. Mit dem äußerlichen Verfall der Betonkultur geht eine moralische Degeneration einher. Diese Perspektive ist auf den ersten Blick überraschend, haben Markus Korb in seinen beiden Themenstorysammlungen sowie Episodenromane wie „Cosmogenesis“ oder „Die Stadt der Heiligen oder Verrückten“ oder der Cyberpunk mit Werken eines Lewis Shiners durchaus ansprechend bewiesen, das Stadt nicht nur Handlungshintergrund, sondern im Mittelpunkt stehen kann. „Disturbania“ präsentiert also nicht immer nur phantastische, sondern auch satirisch überzeichnete Kurzgeschichten AUS DER GROSSSTADT. Die Routiniers ragen mit guten, soliden und vor allem originellen Texten aus der Masse der hier versammelten Texte heraus. Trotz der aufgezählten Schwächen sind die anderen Geschichten zumindest aufgrund der Ambitionen der Autoren empfehlenswert. „Disturbania“ ist eine der wenigen deutschen Themenanthologien. Das Thema Großstadt ist umfangreich genug, um für alle Geschmäcker etwas zu bieten, auch wenn sich die meisten Autoren auf den alltäglichen Wahnsinn, der schließlich die Psychen ihrer angeschlagenen Protagonisten gänzlich vernichtet, konzentriert haben. Es ist erstaunlich, wie wenig die Autoren auf zukünftige Wohnmodelle zurückgegriffen haben. Es ist nicht erstaunlich, dass sie die Zukunft des Menschen nicht in den Millionenstädten mit ihren immer stärker wachsenden Slums und der sozialen Verelendung sehen. Trotzdem ähneln sich viele Texte - trotz unterschiedlicher Plots - in ihren Grundstrukturen. Hier hätte der Herausgeber vielleicht seine Autoren etwas mehr anleiten müssen bzw. versuchen sollen, das Themenspektrum durch die Auswahl anderer Geschichten zu erweitern. Wer sich für den Wahnsinn - oft nicht erklärt - a la „Falling Down“ wird in dieser Hinsicht in „Disturbania“ ein interessantes, nicht gänzlich gelungenes, aber alleine aufgrund des Versuchs und dem kleinen Markt für deutsche Kurzgeschichten empfehlenswertes Experiment finden.
David Grashoff: "Disturbania"
Anthologie, Softcover, 220 Seiten
Atlantis Verlag 2008
ISBN 9-7839-3674-2466
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