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rezensiert von Thomas Harbach
Im Rahmen der „Terra Astra“ Reihe verfasste Ernst Vlcek ab 1978 den Kurzzyklus „Sternensaga“. Insgesamt sieben Hefte erschienen. Vlcek vollendete die Serie wegen zahlreicher anderer Projekte nicht. Die Einstellung von „Terra Astra“ einige Jahre später nahm zahlreichen Autoren die einzige Möglichkeit, Serienunabhängige Science Fiction Heftromane zu veröffentlichen. Erst die Renaissance deutscher Heftromanautoren in den Programmen von Kleinverlagen wie Heinz- Mohlberg oder jetzt neu Fabylon macht es möglich, das Ernst Vlcek den Zyklus nicht nur grundlegende überarbeiten, sondern vor allem im vierten Paperbackband vollenden konnte. Kurz nach seinem überraschenden Tod erscheint im Juni 2008 das letzte, neue Abenteuer im vierten Band.
Vlcek hat nicht nur die Bände überarbeitet und zwei Heftromane zu einem Taschenbuch zusammengefasst. Mit „Die schlafende Welt“ (TERRA ASTRA 371) und „Arena der Nurwanen“ (TERRA ASTRA 373) bilden die Auftaktabenteuer. Erst durch die Zusammenfassung lässt sich erkennen, welch ein feines Garn Ernst Vlcek teilweise gesponnen hat. Erst mit der letzten Episode fallen die einzelnen Bestandteile seiner Geschichte wie von selbst zusammen.
Das Ziel einer jeden Legendensammlerin ist es, auf dem Treffen der Legendensammler die großartigste Geschichte zu erzählen und die anderen auszustechen. Das höchste Auszeichnung wäre es, eine Legende für die zehnte Ausgabe der ANALECTA GALACTICa beizusteuern.
Ihre erste Reise führt die junge Legendensammlerin Fini-Ani Vanda auf den Rat eines Sternenvagabunden zum inzwischen halb in der Bedeutungslosigkeit versunkenen Planeten Jakchos. Sie trifft dort auf Mitglieder der menschlichen Bevölkerung. Aus den ehemals 100 Millionen Menschen ist nur noch ein kleines Volk mit unter zehn Millionen geworden. Aber niemand scheint diese Tendenz zum Aussterben zu stören. Nachts feiern sie heidnische Rituale in den Ruinen ihrer Städte. Vandas Roboter beobachtet mit sichtlicher Unruhe diese Feiern. Sie selbst lässt sich die Geschichte von der Gründung der ersten menschlichen Siedlungen bis in die Gegenwart in einzelnen Episoden erzählen. Zu Beginn schlägt Vlcek im Grunde den Bogen zur Besiedelung der USA. Der Planet wird in Parzellen aufgeteilt, die von den interessierten Parteien – Privatpersonen und Firmen – gekauft werden können. Die Nutzung ist vorgegeben. Der umtriebige Golwin Kelfer und sein bodenständiger Freund Horace wollten eigentlich eine kleine Parzelle ersteigern, um das Land zu kultivieren. Als sie bei einer Aktion einen Großkonzern ärgern, droht ihnen Ärger. Erst später offenbart Kelfer, das er von vorneherein im Auge hatte, das größte zusammenhänge Landstück für einen Spottpreis zu erwerben, weil dort die Natur erhalten werden soll und keine Landwirtschaft erlaubt ist. Kelfers Frau stirbt während der Aktion im Kindbett und hinterlässt ihm einen Sohn. Horace ist von diesem Plan entsetzt, fliegt aber zusammen mit Kelfer auf den Kontinent. Dort offenbart dieser seinen Plan, das Landstück zu einem der größten Exporteure von exotischen Tieren umzugestalten. Unter dem Deckmantel des ökologischen Gleichgewichts. Bevor die beiden Partner ihren Plan umsetzen können, machen sie im Dschungel eine überraschende wie bedrohliche Entdeckung mit schicksalhaften Folgen im Grunde für den ganzen Planeten.
Der Aufbau des Romans ist geschickt. Immer wieder werden die einzelnen Geschichten durch Einschübe der Ich- Erzählerin und Legendensammlerin Fini-Ani Vanda unterbrochen. So fügt sich Mosaik artig, aber interessant kommentiert ein fesselndes Bild zusammen. Ist die erste Episode im Grunde eine Mischung aus „Lockruf des Goldes“ oder besser des Planeten und der Frontiermentalität der Eroberung des Wilden Westen mit allen seinen Verlockungen und Herausforderungen, endet sich dieses Szenario mit dem Auftreten der ersten Planetenbewohner – oder für die Menschen Außerirdische – für eine wenige Generationen schlagartig. Es ist keine klassische First Contact Story, die Ernst Vlcek hier erzählt. Wie bei einer Zwiebel schält er eine Schicht nach der anderen von seiner Schöpfung, dem Planeten Jak
chos, ab. Der Leser lernt im ersten der ursprünglich zwei Heftromane an Hand der Familiengeschichte der Kelfers über zwei Generation Flora und Fauna dieser Welt kennen. Aber nur das, was insbesondere Golwin Kelfer für sein Geschäft kennen möchte. In einer der effektivsten und eindrucksvollsten Geschichten lernen Menschen und Leser kennen, wie sehr der äußere Schein trügen kann. Vollkommen überraschend wird diese Sequenz im zweiten Band noch einmal aufgenommen und als Legende nacherzählt. Die unterschiedliche Wirkung der im Grunde gleichen Ereignisse zeigt für den weiteren Verlauf des Buches, wie unterschiedlich nicht nur die Auffassungsgaben sind, sondern was unter gut und schlecht verstanden wird. Die beginnende Resignation, die schließlich zum Aussterben der Bewohner aufgrund keiner Neugeburten führen wird, beschreibt Vlcek plastisch und überzeugend, es fehlt zunächst aber der Bogen zwischen der letzten Geschichte, dem Zwangsweisen Exitus der bislang willigen außerirdischen Sklaven und der anschließenden Verweigerungshaltung. Am Ende des Plots öffnet sich erst für den Leser das ganze Szenario und er erkennt die Intention des Autoren. Da sich der Außenstehende Betrachter immer nur auf Augenhöhe der Legendensammlerin befindet, wirkt diese Vorgehensweise in der Mitte des ursprünglich geteilten Textes ein wenig überhastet, das Ende ist allerdings sehr zufrieden stellend.
Auch die Legendensammlerin lässt sich nach einigen eher belanglosen Rückfragen schnell von dieser Welt vertreiben. Das sie mit den vorhandenen Informationen den Planeten der Bedeutungslosigkeit entreißen könnte, erscheint fraglich. Sie lässt sich schließlich überreden, den Planeten noch einmal zu besuchen und die fehlenden Geschichten zu hören. Wie im ersten Band beginnt Vlcek mit einer Sequenz, die vielen Lesern aus den Western vertraut sind. Die Wesen teilen das Schicksal der Indianer. Erst werden sie vertrieben, als Wunder bestaunt und dann von den Weißen zu ihresgleichen gemacht. In einer der besten Passagen des Buches macht einer der Einheimischen seinem Herzen endlich Luft und verteufelt das gekünstelte Verhalten der Eindringlinge. Als sich die Einheimischen unter der Führung eines Sumpfteufels erheben - dieser behauptet, einen der letzten Nurwanen in sich zu tragen - droht der Roman in eine durchschnittliche Space Opera abzugleiten. Mit einer überraschenden Wendung, welche den Plot bis zu seinem Ende sehr gut trägt, blockt Vlcek jegliche Vermutungen in diese Richtung ab. Sehr routiniert schließt Vlcek mit einer Figur, welcher der Leser im Grunde schon aus seinem Gedächtnis verbannt hat, den Kreis und bringt der Legendenerzählerin die Tragik, aber auch die Triumphe der Nurwanen näher.
Die Nurwanen sind eine beeindruckende und überzeugende Schöpfung, charakteristisch für das humanistische Weltbild Vlceks. Auch wenn selbst für die damalige Zeit die Idee nicht unbedingt neu erscheint - sowohl Perry Rhodan als auch „Star Trek“ haben ähnliche Prämissen benutzt - erzählt der Autor ihre lange Geschichte mit der richtigen Mischung aus Melancholie und Spannung. Neben diesen Wesen in ihren verschiedenen Inkarnationen und letzt endlich ihrer Idee, sich im Tageslicht zu verstecken, verblassen natürlich die Menschen.
Bei der Beschreibung der menschlichen Protagonisten greift der Autor manchmal ein wenig zu sehr in die Klischeekiste – siehe Golwin Kelfer – und zeichnet die Figuren zu grob, zu eindimensional ohne über Jahre ihr Verhalten nuanciert zu betrachten. Diese Distanz durchzieht den ganzen Roman und macht einige der Ereignisse erträglicher. Aber Vlcek manipuliert auch geschickt seine Leser, in dem er deutlich seine Neigungen und Abneigungen gegen die arroganten und selbstverliebten Menschen - nicht nur der Zukunft, sondern auch der Gegenwart - in die verwoben erzählte Handlung integriert. „Arena der Nurwanen“ ist ein mehr als zufrieden stellender Auftakt zur „Sternensaga“. Vlcek hat seinen Text sehr behutsam - der Vergleich zu den TERRA ASTRA Heften lohnt sich - , aber pointiert entschlossen an die Gegenwart angepasst. Die Geschichte, welche der Legendensammlerin erzählt wird, ist allerdings zeitlos und am Ende hat der Leser Verständnis, das Jakchos Bewohner gerne von der galaktischen Bühne verschwinden möchten.
Ernst Vlcek: "Sternensaga 1- Arena der Nurwanen"
Roman, Softcover, 241 Seiten
Fabylon- Verlag 2007
ISBN 9-7839-2707-1070
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