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Science Fiction (diverse)



Kage Baker

Die Frauen von Nell Gwynne´s

rezensiert von Thomas Harbach

Mit der im amerikanischen Kleinverlag “Subterranean Press” veröffentlichten Novelle “Die Frauen von Neel Gwynne´s“ präsentiert der Verlag “Feder & Schwert” unter dem Label “Steampunk” - für das Werk Kage Bakers zu einschränkend - eine interessante kurzweilige Arbeit, die in den erweiterten Kreis ihres umfangreichen “Company” Zyklus eingeordnet werden kann. Die Geschichte der allmächtigen die Zeitreise beherrschenden “Dr. Zeuss” Company wird weder direkt noch indirekt angesprochen. In anderen Novellen wie “Empress of Mars” - von Kage Baker zu einem Roman erweitert - tauchen zumindest Nebenfiguren aus dem trotz ihres frühen Todes zehn Roman umfassenden Zyklus auf. In wie weit diese Novelle wirklich der “Company” Serie zugerechnet werden muss oder auch nur kann, darf der Leser selbst entscheiden. In Bezug auf die technischen Entwicklungen bleibt Kage Baker ausgesprochen vage und lässt sich zumindest was die “Deus Ex Machina” Idee angeht, zu deren Erwerb sich vier reiche Männer in einem abgelegenen Schloss treffen eine magische Hintertür offen. Ansonsten erinnert die anfänglich so vielschichtige wie überzeugend charakterisierte, an eine weibliche Version Oliver Twists mit reicheren Wurzeln erinnernde Protagonistin Lady Beatrice sowohl an die vom Schicksal mehrfach bestrafte Mendoza aus den “Company” Romanen als auch die über ihre Kneipe herrschende resolute wie attraktive Mutter aus “Empress of Mars”.

Lady Beatrices Schicksal - in reichem Hause geboren, der Vater zieht in den Krieg nach Indien, die Familie bricht auseinander - könnte im Grunde an eine Reihe von Klischees erinnern. In Indien vergewaltigt muss sie von ihrer restlichen Familie verstoßen in London als Prostituierte im gehobenen Stand arbeiten, bevor sie von der seltsamen, eigentlichen seit ihrem zwölfen Lebensjahr blinden - die am meisten ergreifende wie wahrscheinlich auch wahre auf historischen Fakten beruhende Episode des ganzen Kurzromans - Nell Gwynne rekurriert wird, die ein Etablissement der ganzen gehobenen Art diskret betreibt. Gwynne kann dank der technischen Entwicklungen einer ebenfalls geheimen Organisation wieder sehen. Die von Kage Baker beschriebene, den historischen Fakten dieses im viktorianischen England spielender Geschichte, erinnern weniger an die teilweise zu übertriebenen Exzesse des Steampunks, sondern wirken wie eine Hommage auf Alan Moore herausragende und leidlich verfilmte Comicserie “The League of Extraordanary Gentlemen”, wobei Kage Baker auf die Integration markanter wie bekannter historischer Figuren gänzlich verzichtet. Unter den Fittichen der sympathischen und wenig kapitalistisch eingestellten Bordellmutter - Sonntags bleibt das Etablissement zum Beispiel geschlossen - erhält Lady Beatrice den letzten Schliff, wobei sie vieles schon vom Leben gelernt hat. Sie ist weder für Uniformspiele noch Bestrafungen zuständig, sondern scheint mit ihrer Mischung aus Schönheit und Intelligenz das Verwöhnen der nicht selten adligen, politisch wie militärisch an höchsten Stellen agierenden Männer zuständig zu sein. Kage Baker belässt es hinsichtlich der wenigen sexuellen Szenen bei Anspielungen mit einem Hang zur ironischen Übertreibung. Eines Tages erhält Lady Gwynne den Auftrag, zusammen mit vier ihrer Damen zum Schloss Lord Basmonds aufzubrechen, der anscheinend die Versteigerung einer absolut geheim gehaltenen Erfindung an fremde Mächte vorantreibt, welche dem britischen Imperium bis ins Mark schaden könnte. In Geheimmissionen, die viel Körpereinsatz - als ironische Persiflage auf die machohaften James Bond Filme sehr gut extrapoliert - erfordern, geschult, machen sie sich auf den Weg, das Königreich zu retten.

Die Handlung des Kurzromans ist ausgesprochen stringent. Im Vergleich zum eigentlichen “Fall” nimmt die Exposition einen ausgesprochen breiten Raum auf. Kage Baker versucht, dem Leser insbesondere Lady Beatrice vorzustellen, die allerdings bei den späteren Ermittlungen nicht unbedingt die entscheidende Rolle spielt. In Bezug auf einen umfangreicheren Roman ist dieses Vorgehen opportun, im Falle dieses Kurzromans erscheint die Balance ausgesprochen unausgeglichen. Dabei wäre ausreichend Stoff für einen umfangreichen Roman vorhanden. Die fast klischeehafte Jugend in einer Art Upper Class Paradies, die Abenteuer in Indien und schließlich das Einarbeiten in Gwynne Etablissement wirken ausgesprochen kompakt, fast hektisch niedergeschrieben. Die einzelnen Facetten sind interessant, hätten aber ausführlicher und vor allem emotional ansprechender gestaltet werden können. In Lord Basmonds Schloss folgt der Plot im Grunde einer Agatha Christie Konstellation, ohne dem Leser - und damit auch den Charakteren - ausreichend Möglichkeit zu geben, um den/die möglichen Täter nachzudenken. Viel zu viele Ereignisse überschlagen sich und insbesondere Lady Gwynnes Ermittlungsarbeit wirkt teilweise arg sehr dem Zufall unterworfen. Es fehlen auch die skurrilen Nebenideen, die aus der gut beschriebenen viktorianischen Atmosphäre einen abgerundeten Text machen. Die wenigen falschen Fährten, welche die Autorin eher widerwillig legt und das zumindest aus Sicht der wieder einmal unfähigen Behörden falsche Schlussfolgerungen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner gezogen werden, hätten eine bessere Integration in den eigentlichen Plot verdient. Zumindest darf Lady Beatrice in einer der wenigen Femme Fatale Actionszenen neben ihrer Ausdauer ihre körperlichen Reize dem Gegner überdeutlich zeigen. Die eigentliche Auflösung wirkt zu konstruiert und ist zu wenig wirklich überraschend/Bahn brechend oder aufregend gestaltet. Irgendwie hat sich Kage Baker an den zahlreichen schwächeren Agentengeschichten orientiert, deren Ende auf dem möglichst kleinsten gemeinsamen Nenner hin konzipiert worden ist. Das es die Autorin ganz anders kann, hat sie neben den zahlreichen, allerdings auch deutlich umfangreicheren “Company” Romanen insbesondere beim überdrehten, aber eindrucksvollen Ende von “Empress of Mars” bewiesen.
Im Gegensatz zur etwas enttäuschenden Handlung ist der viktorianisch gotische Hintergrund ausgesprochen gut gezeichnet. Immer wieder gibt es Querverweise auf die zahlreichen frühen Vertreter der englischen Unterhaltungsliteratur und wenn Lady Beatrice beim gekauften Sex an die letzte Folge des neusten Charles Dickens Mehrteiler denkt, ist die Vorbeugung vor den ganz Großen der Literatur perfekt. Kage Baker hat nicht den literarischen Raum, um ihre Welt in allen Einzelheiten auszumalen, das ist aber angesichts der fast hektischen Ereignisse auch nicht nötig. Ihre Figuren agieren vor einem überzeugend gezeichneten Hintergrund zumindest im Rahmen der plottechnischen Prämissen nachvollziehbar und überzeugend. In Bezug auf die Beschreibung der einzelnen Figuren gelingen der Autorin eine Reihe von ausgezeichneten Sequenzen. Während die anfängliche dominante Beatrice unnötig mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wird und dadurch eindimensionaler erscheint als sie anfänglich angelegt worden ist, überzeugt die Lebens erfahrene und trotz ihrer Behinderung ausgesprochen bodenständige Lady Gwynne nicht als Puffübermutter, sondern als resolute Frau, in deren Händen schließlich ein großer Teil des Rätsel liegt. Sie bildet einen interessanten Kontrast zu der noch jungen, impulsiven Beatrice, während die anderen Liebesdienerinnen teilweise zu eindimensional, zu viele verschiedene Klischees erfüllend erscheinen. Lange Zeit ist der Leser - wie auch alle anderen Figuren - der Meinung, das Lord Basmond alleine der einzige Schurke des Buches ist. Diese Annahme wird im Verlaufe des Plots teilweise relativiert, da Kage Baker aber keinen anderen Charakter als Gegenspieler etabliert, wirkt die Figur für den ganzen Kurzroman ein wenig zu blass, zu stereotyp gezeichnet. Die Erklärung hinter der geheimnisvollen “Deus Ex Machina” Waffe ist dagegen zu schwach, zu stark konstruiert um wirklich gefallen zu können. Sie öffnet auf der einen Seite den Vorhang zu weiteren Figuren, die eher auf dem Niveau einer Karikatur charakterisiert worden sind.
Zusammenfassend ist “Die Frauen von Neil Gwynne” sicherlich nicht Kage Bakers stärkste Arbeit. Im Bereich der Kurzgeschichte/ des Kurzromans hat sie deutlich stärkere, emotional überzeugendere Arbeiten abgeliefert. Als erster, aber ausbaufähiger Einstieg in ihr nicht immer wirklich ganz ernstzunehmendes “Universum” ist das vorliegende Taschenbuch mit einem interessanten Titelbild und einer ausgesprochen zufrieden stellenden Übersetzung trotz der angesprochenen Schwächen empfehlenswert.



Kage Baker: "Die Frauen von Nell Gwynne´s "
Roman, Softcover, 160 Seiten
Feder & Schwert 2010

ISBN 9-7838-6762-0741

Weitere Bücher von Kage Baker:
 - The Empress of Mars
 - The Graveyard Game
 - The Life of the World to come
 - ZeitstĂĽrme 2- Die Ufer der Neuen Welt
 - ZeitstĂĽrme 3: Die Schatten des Krieges
 - ZeitstĂĽrme- Feuer der Inquisition

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