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rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Im Jahre des Kometen“ aus dem Jahre 1906 legt der britische Autor und Visionär eine interessante Mischung aus utopischer Fiktion und bitterböser Kritik an der gegenwärtigen britischen Gesellschaftsordnung zu Lasten des einfachen Volkes und zu Gunsten vor allem der Großindustriellen vor. Selten grenzte der Autor Realität inklusiv einer eher kitschigen sowie unterentwickelten Liebesgeschichte und Ideal – eine neue Weltordnung – so scharf voneinander ab wie in diesem Roman. Der Ich- Erzähler William „Willie“ Leadford verkörpert dabei eine Art Musterbeispiel beider Welten. Gleich zu Beginn des Buches negiert Wells jeglichen Spannungsaufbau, in dem er den wichtigsten Protagonisten über die vergangenen Ereignisse resümieren lässt. Der eigentliche Plot vor dem Kometeneinschlag wird in erster Linie in Berichtsform erzählt. Leadford hat die Ereignisse in einer Anzahl von Heften niedergeschrieben. Beim Wechsel vom ersten Heft zur Fortsetzung hebt Wells diese Art der Erzählstruktur noch einen Moment auf, bevor er im Verlaufe der weiteren Handlung auf dieses im Kern unnötige literarische Attribut verzichtet. Der Leser weiß, dass Leadford nicht nur die Ereignisse überlebt, sondern dass der Einschlag des Kometen nicht das Ende der Welt, sondern der Beginn der neuen Ordnung ist.
Vorher stellt H. G. Wells teilweise sehr polemisch und wenige bis gar keine Alternativen aufzeigend die alte Ordnung vor. Nicht umsonst ist William Leadford ein aggressiver, rebellischer Sozialist, der in seinen Agitationen nicht selten den Kern der Probleme trifft, in anderen Punkten aber jegliche Einsicht und Selbstkontrolle vermissen lässt. So will er seiner Mutter helfen, die in einem Haus mit einem durchlässigen Dach leben muss. Er wendet sich an den Hausverwalter und schließlich auch den Eigentümer, einen Lord. In beiden Fällen vergeblich. Hinsichtlich seiner Gefühle für eine junge Frau namens Nettie, welche er seit seiner Kindheit kennt, schießt er über das Ziel hinaus, als er erfährt, dass sie einen reichen aus sozial höheren Verhältnissen stammenden Mann liebt. Verstört macht sich Leadford mit einem Revolver bewaffnet auf die Suche nach dem Paar, nachdem er einen Pfarrer bestohlen hat. Außerhalb dieser kleinen familiären Tragödie beschreibt Wells, wie es zum Krieg mit Deutschland kommt. So treffen in einer Nacht drei Ereignisse aufeinander, die in dieser Form nur in einem Roman funktionieren können. Leadford stellt an der Küste das junge Paar und droht, sie zu erschießen. In unmittelbarer Nähe dieses Küstenabschnitts findet eine Seeschlacht statt. Einzelne Granaten schlagen auf dem Festland ein. Und der Komet dringt in die Erdatmosphäre ein und löscht die Menschheit nicht aus. Stattdessen wird durch dessen Einschlag ein grünes Pulver freigesetzt, das Mensch und Tier für drei Stunden in einen Tiefschlaf versetzt. Nachdem sich das Pulver aufgelöst hat, erwachen alle Lebewesen in der gleichen Umgebung, aber ihr Bewusstsein ist erweitert. So werden die Kriegshandlungen zwischen Deutschland und England umgehend eingestellt, weil es keine aggressiven Gefühle mehr in den Menschen gibt. An einer anderen Stelle durchdringt der sozialistisch- kommunistische Gedanke die Menschen und sie beginnen umgehend, ein neues Utopia zu bauen. Auf der persönlichen Handlungsebene schlägt Nettie eine Art Menage-de-Trois zwischen ihrem Liebhaber und Leadford vor. Sie könnten doch gemeinsam zusammenleben. Ein interessanter Gedanke, der unterstreicht, wie stark der rebellische Leadford H.G. Wells ähnelt. Wells hat Zeit seines Lebens nicht viel von ehelicher Treue gehalten und neben seiner Ehefrau zahlreiche Geliebte gehabt. Leadford wie Wells stammen aus armseligen Verhältnissen. Zeit seines Lebens ist H.G. Wells eine Art Pseudosozialist gewesen, der zwar das Großkapital und den Adel öffentlich verschmähte, aber seinen eigenen Reichtum – gepaart mit Geiz – genossen hat. Diese Ambivalenz politischen Themen gegenüber zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Wells übt in Form seines Alter Egos Leadford ständig zum Teil sehr berechtigte Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Im zweiten Teil des Buches entwirft er auch konsequenterweise einen Alternativentwurf, der dem kommunistischen Volksgutgedanken entspricht. Er versucht, die grundlegende Idee des Kapitalismus in Form einer rücksichtslosen Ausnutzung des Faktors Mensch – dem schwächsten Glied der Kette – ad absurdum zu führen. Nur gesunde Menschen sind in der Lage, eine gute Arbeit zu leisten. Er beschreibt, wie Leadfords Schwester gestorben ist, weil sich die Mutter den Arzt nicht leisten konnte, der sein Honorar im Vorwege verlangt hat. In dieser Hinsicht ist Wells Sprache direkt und drastisch, Leadfords teilweise philosophische Dialoge insbesondere mit dem väterlichen Freund erinnern an Reden und Zitate Marxs. Literarisch kraftvoll und durchaus für den Beginn des 20. Jahrhunderts realistisch zeichnet Wells ein düsteres Bild des Proletariats, das widersinnig durch den heraufdämmernden Krieg gegen Deutschland kurzzeitig aus seiner Lethargie gerissen wird. Jahre später wird Wells erkennen, dass man die Arbeiter statt in den Fabriken nur auf den Schlachtfelder verheizt hat. Hinsichtlich seiner Utopie, seiner sozialistisch- kommunistisch Zukunft beginnt der Autor dagegen zu übertreiben. Keine Kriminalität ist vielleicht angesichts eines Gesamtbesitzes noch hinnehmbar. Die Ausschaltung aller negativen Gefühle wie Hass oder Eifersucht dagegen wirkt aufgesetzt und arg konstruiert. Wells schlägt seine Thesen wie Pfähle in den Boden seiner Utopie, er gibt sich auf nicht die Mühe, auf diesem Fundament ein Haus zu bauen. Vielmehr impliziert der Autor, dass – nicht zu Wells persönlichem Unwillen – der neuartige Sozialismus auch das Ende der Familie bedeuten kann. Er löst nicht zuletzt aufgrund der beschriebenen Angriffe der Sozialisten auf Einzelhäuser in mehreren englischen Städten die klassische Einheit der allein lebenden Familie auf. Ohne Zufluchtsort und Heimat sind sie gezwungen, in den sich nicht selten in Wells Utopien findenden Großstädten anzusiedeln und die bisherigen Hierarchien aufzugeben. Mit dem Fall der Standesgrenzen soll laut Wells ein neuer Geist in den Menschen einkehren. Nicht umsonst hat der Autor zu Beginn des Buches so viel Zeit aufgewandt, um nachhaltig zu zeigen, dass in seiner Realität die Reichen unwillkürlich und ohne körperliche wie geistige Anstrengung reicher und reicher werden, während die Armen in ihrem Elend versinken. Um diese Art der Gedankenführung allerdings zu beleben, wären überzeugendere und vor allem für den Leser plakativ erkennbare Beispiele erforderlich. In dieser Hinsicht wird „Im Jahre des Kometen“ eher pragmatisch als dogmatisch. Immer wieder kehrt Wells in Form Leadfords zu „seinen“ persönlichen Bedürfnissen zurück und anstatt das Ganze zu sehen, reduziert er viele Ideen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. So gehört zu den kitschigsten Passagen des Buches – wahrscheinlich eine Hommage an die eigene Mutter – der Handlungsabschnitt, in welchem Leadfords verarmte Mutter schließlich von dem Adligen Lord Redcar aufgenommen wird. Ihr ehemaliger Vermieter hat seine umfangreichen Anwesen in Altersheime umgewandelt.
Die Anspielungen auf Charles Dickens als Antithese sind unübersehbar. Zu Beginn des Buches versucht Wells seine Form der Oliver Twist Geschichte zu erzählen, in welcher der Autor den obligatorischen Scrooge zumindest theoretisch durch einen Kometen ersetzt. Während das überwiegend einfache Volk schon die neue Weltordnung im Kleinen erprobt – siehe die teilweise absurd wirkenden Versuche Leadford, seinen Willen nicht immer ganz fair durchzusetzen und dabei insbesondere auch auf die eigene Mutter keine Rücksicht zu nehmen – wird der Adel und die Großindustrie dank des Kometeneinschlags reformiert. Das wirkt ein wenig zu drastisch und teilweise sehr polemisch, aber um seine Thesen an den Mann zu bringen, spielt der Autor ganz geschickt und auf die Erfolge seiner Science Fiction Romane anspielend mit den Science Fiction Elementen. Das der Komet für den Autoren nur einen MacGuffin darstellt, wird gleich im Prolog aufgezeigt. Trotz oder gerade wegen des wenig sympathischen, sehr arrogant gezeichneten ich- Erzählers, der dank des grünen Gases auch innerlich „gereinigt“ wird und gereift die neue Welt betrachtet funktioniert „Im Jahr des Kometen“ als theoretisches Denkmodell erstaunlich gut. Provozierend und ganz bewusst die Probleme drastisch darstellend extrapoliert der Autor mittels eines literarischen Tricks eine faszinierende Utopie, die aufgrund der Erfahrungen mit dem gelebten Sozialismus sich als Trugbild herausgestellt hat. Diese komplette Fehleinschätzung des großen Visionärs Wells lässt den vorliegenden Roman auf den ersten Blick altern, auf den zweiten Blick ist es zumindest ein ebenso interessantes Denkmodell wie es Wells schon in „Things to Come“, „Mr. Britling sees it through“ und auf einer ähnlichen Ebene – nur dank eines Riss in der Realität erfolgt der Übergang einer Handvoll Briten – „Men like Gods“ zufrieden stellender und weniger plakativ fabuliert hat. Zumindest hat der Brite mit seinen provokanten und auch heute noch diskussionswürdigen Thesen den Finger auf zahlreiche Wunden des britischen Imperiums gelegt. Als Science Fiction Roman weniger effektiv, aber Gesellschaftsstudie zumindest auch heute noch lesenswert und überdenkenswert. Die teilweise naiven Lösungen negieren aber den sehr guten, interessant erzählten, wenn auch dank der konstruierten Liebesgeschichte ein wenig zu kitschigen Auftakt.
H.G. Wells: "Im Jahre des Kometen"
Roman, Softcover, 285 Seiten
Ullstein Verlag 2002
ISBN 9-7835-4820-2600
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