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Science Fiction (diverse)



Matthias Robold

Hundert Tage auf Stardawn

rezensiert von Thomas Harbach

Der erste und bislang einzige Roman des 1969 in Südbaden geborenen Matthias Robold ist ein Jahr nach seinem Erscheinen 1999 mit dem Deutschen Science Fiction Preis des SFCDs auszeichnet worden. Liest ein aufmerksamer neutraler Betrachter den Roman heute ohne Kenntnis des Veröffentlichungsdatums, erscheinen Parallelen zu den Anschlägen des 11. Septembers frappierend bis verstörend. Dabei liegt wahrscheinlich der politisch expliziert dargestellte Fokus des lesenswerten und vor einen Erstling erstaunlich souverän und überzeugend konzipierten und strukturierten Buches eher auf einer interessanten Extrapolation der in erster Linie europäischen Kolonialpolitik mit ihren die Würde und Existenzberechtigung „Fremder“ gegenüber verachtenden Exzessen. Bis zum überraschenden, aber dank der emotionalen Ebene auch ansprechenden explosiven Showdown ist es ein langer Weg, auf dem der Leser den Psychotherapeuten Angelius Corros begleitet.
Matthias Robold hat für seinen Roman eine neue Zeitrechnung als Grundlage genommen. Die Handlung spielt also im 2. Jahrhundert dieser neuen Zeit. Die Menschheit ist mittels einer Transmitterähnlichen Antriebstechnik ins All aufgebrochen. Zahlreiche Planeten sind kolonisiert worden. Dabei stehen den Entdeckern dieser „verwendbaren“ Welten Anteile an allen Schürfrechten in diesem Sonnensystem zu. Bislang konnten diese Welten nur dank der finanziellen Beteiligungen der Erdregierung erschlossen werden. Zu den mächtigen Großkonzernen gehört Overmars, die in den Sonnensystemen gewaltige Raumstationen erbauen lässt, die Dreh- und Angelpunkte zur Erschließung. Eine dieser Stationen ist „Stardawn“, auf welcher Millionen von Menschen leben können. In einer der wenigen Anlehnungen an die Gigantomie der Perry Rhodan Serie ist diese Station in weniger als zwei Jahren erbaut worden. Angelius Corros wird als Seelenspezialist insbesondere für Transferierte an Bord der Station gerufen. Die Transfertechnik ermöglicht es, das Bewusstsein von Menschen zu kopieren und in Androidenkörper zu übertragen. Damit wird der Mensch praktisch unsterblich. Diese Technik wird in erster Linie angewandt, um schwerverletzte Menschen zu retten oder im Falle des Wissenschaftlers/ Forschers Nantal, dessen Forschungen für die Nachwelt zu retten. Bei diesem Transfer kommt es unerklärlicherweise zu Störungen. Die Spezialisten haben den Eindruck, als wäre Nantals Bewusstsein zweimal in ein und denselben Körper kopiert worden. Nantal verhält sich auffällig und berichtet Corros von seinen Forschungen hinsichtlich einer Antimateriewaffe für den bislang eher durch friedliche Forschung positiv aufgefallene Overmars Konzern.
Gleichzeitig wird eine im All treibende Raumkapsel geborgen. An Bord sind die Leichen von drei Menschen. Die Kapsel gehört zu einem vor einigen Jahren verschwundenen Raumschiff, die Leichen dagegen sind Besatzungsmitglieder eines gestohlenen Forschungsschiffes, mit dem die damalige Besatzung eine bewohnbare Welt finden und ohne die Hilfe der Erde kolonisieren wollte. Es drängt sich in der Öffentlichkeit der Verdacht auf, als haben Politiker in Kooperation mit Verantwortlichen des Overmars Konzern diese Aussteiger um ihre Schürfrechte bringen und die Spuren beseitigen wollen. Dass nicht nur diese beiden fast gleichzeitig stattfindenden Geheimnisse in einem engen Zusammenhang, sondern ihre Bedeutung eine viel größere Tragödie verschleiern sollen, erfährt Angelius Corros sehr spät.

Matthias Robold eröffnet seine Zukunftschronik sehr geschickt. Der Leser bleibt auf Augenhöhe Angelius Corros, der sich erst im Verlaufe der Handlung als wichtigste Figur der verschachtelten, aber trotzdem gut zu verfolgenden Geschichte entpuppt. Corros tritt zu Beginn des Romans seinen Dienst auf der Raumstation Stardawn an. Das ermöglicht Robold nicht nur, dem Leser unauffällig ohne belehrend zu agieren die gewaltige Station näher zu bringen. Dabei ist Corros ein Techniklaie und wird so stellvertretend für den Leser „aufgeklärt“. Auch hinsichtlich der Bewusstseinsverlagerung in Androidenkörper agiert der Autor ähnlich geschickt. Einer seiner ersten Patienten ist ein Arbeiter, der bei einem Unfall im All tödlich verletzt worden ist. Nur dank eines schnellen Transfers hat er im neuen „Körper“ überlebt. Ihn plagen jetzt Schuldgefühle, die Corros Therapien soll. Das erste praktische Beispiel eines Bewusstseinstransfers an dem etwas überzogen dargestellten Wissenschaftler Nantal geht dramaturgisch notwendig schief. Es ist erstaunlich, dass alle Protagonisten keine weiteren Schlüsse aus dieser unwahrscheinlichen Kette von Fehlern ziehen. Immerhin hat Nantal im Vorwege mehrmals betont, dass er sein Wissen um eine Deus Ex Machina Waffe überwiegend in seinem Gedächtnis gespeichert und nicht Datenaufzeichnungsgeräten anvertraut hat. Die Protagonisten schließen zu lange aus, dass irdische Parteien oder fremde Mächte an Nantals Wissen interessiert sind und sich dank technischer Manipulation einfach eine weitere Kopie gezogen haben. Es ist schade, dass Matthias Robold etwas zu auffällig von dieser Möglichkeit abzulenken sucht.
Deutlich besser gelingt es ihm hinsichtlich der aufgefundenen Raumkapsel mit den drei Toten, die seit vielen Jahren vermisst worden sind. Hier legt der Autor eine Reihe von falschen Spuren, denen der Leser überzeugt und willig folgt. Höhepunkt ist das Schuldanerkenntnis der Overmars Kooperation, das anscheinend diesen packend beschrieben Handlungsstrang zufriedenstellend abschließt.
Erst rückblickend ergeben allerdings die kursiv gedruckten Passagen einen allerdings grundsätzlich überzogenen Sinn. Matthias Robold hätte auch auf diese inneren Monologe verzichten können, der Raum wäre stringenter und die Pointe noch effektiver wie überraschender gewesen. Hinsichtlich dieses über weite Strecken im Hintergrund angelegten Handlungsstranges bleibt allerdings eine Reihe von Fragen offen. Ähnlich unglaubwürdig wie eine gigantische Raumstation in nur eineinhalb Jahren mit der von Matthias Robold eher bodenständig realistisch beschriebenen Technik in einer Art Fertigbauweise im All zu errichten und zu positionieren, erscheint es unwahrscheinlich, dass die menschliche Technik wie auch geheime Informationen für Außenseiter so leicht zugänglich sind. Immerhin verfügen selbst Teile der Obermars Geschäftsführung nicht über alle Informationen. Dem Buch fehlt im übertragenen Sinne – ohne all zu viel vom Plot zu verraten – eine Art Transformationsszene, in welcher wichtige und letzt endlich zumindest nach Corros Theorie wichtige Informationen hinsichtlich der Hintergründe zahlreicher Protagonisten sowie ihrer Motivation in andere Hände gelangen. Außerdem wirkt ebenso wenig schlüssig, warum der Antagonist einzelne Verantwortliche fast in einem persönlichen Kreuzzug auf perfide Art und Weise hinrichtet, dann wiederum auf den letzten handlungstechnischen Metern nicht das ultimative und logische Ziel, sondern sich zumindest vorläufig mit einem Stellvertreter begnügt. Dass es allerdings eine Art Wunderwaffe gibt, deren Einsatz keine Spuren hinterlässt und die – wie im vorliegenden Fall – die natürliche Ordnung nicht durcheinanderbringt, wirkt überzeugen. Hier schuldet die zugrundeliegende, auf den ersten Blick interessante wie auch aus der Geschichte der Menschen gut ins Überdimensionale extrapolierte Idee der „Natur“ Abbitte. Unabhängig von diesen logischen Unstimmigkeiten, die im Gesamtkontext des Plots zwar relevant, aber angesichts der Komplexität der Handlungsstränge auch verschmerzbar sind, ist „Hundert Tage auf Stardawn“ eine vielschichtige, nachdenklich stimmende und ansprechende Geschichte, die nach einem etwas phlegmatischen und teilweise aufgrund nicht immer schlüssige philosophischer Diskussionen und Exkurse durchsetzten Auftakt sehr viel Spass macht. Matthias Robold scheut nicht, wichtige und sympathische Figuren umzubringen und damit nicht nur Corros, sondern vor allem die Leser zu überraschen wie zu schockieren. Der Autor bemüht sich, den vielen den Spannungsbogen auf unterschiedliche Art tragenden Charakteren individuelle Züge zu geben. Dabei kehrt der Autor mehrmals vom Ganzen zum Einzelschicksal zurück und macht mit diesem kleinen, sehr effektiven literarischen Trick die Tragik wie auch die seltenen Triumphe für den Leser greifbarer und einschätzbarer. Corros ist ein solider Handlungsträger, der weniger auf einer emotionalen Ebene überzeugt denn als erfahrener Beobachter, der auf vorschnelle Urteile verzichtet. Die meisten der Antagonisten sind deutlich vielschichtiger gezeichnet. Das ist auch in der Tatsache begründet, dass Robold von der klassisch schwarzweißen Kapitalismuszeichnung abweicht und die Erschließung des Alls zumindest kommerziell einzuordnen sucht. Erst auf den letzten Metern entlarvt er die Politiker und Konzerne als reine Opportunisten, deren Vorgehensweise noch skrupelloser und unmoralischer ist als die Taten, die sie in der Öffentlichkeit mittels ausgewählter Sündenböcken zugeben.
Matthias Robolds Stil ist angenehm zu lesen. Seine Dialoge drohen zwar manchmal in theoretisierende Monologe abzuschweifen, breiten aber die unzähligen Fakten zufriedenstellend auf und ergänzen die notwendigerweise umfangreichen Beschreibungen der Autoren sehr zufriedenstellend. Zusammengefasst ist „Hundert Tage auf Stardawn“ nicht nur ein würdiger Preisträger, sondern ein auch heute noch lesenswerter Roman, der zu den besten Science Fiction Romanen deutschsprachiger Autoren der letzten zwanzig Jahre gehört.

Matthias Robold: "Hundert Tage auf Stardawn"
Roman, Softcover, 278 Seiten
Suhrkamp Verlag 1999

ISBN 9-7835-1839-5165

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