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Science Fiction (diverse)



George Mann

Affinity Bridge

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Affinity Bridge” liegt der erste Roman einer geplanten Trilogie der Abenteuer der Ermittler Newbury und Hobbes als schön gestalteter Paperback auf Deutsch im Piper- Verlag vor.
Der 1978 in England geborene George Mann hat sich anfänglich als Editor des „Outland Magazine“ und der „Solaris“ Anthologien neuer Science Fiction einen guten Namen gemacht. Neben einer Retrospektive der im 19. Jahrhundert veröffentlichten Sexton Blake Geschichten veröffentlichte Mann neben einigen Novellen eine Handvoll Doctor Who Audiobooks und hat einen Vertrag für ein neues, originelles Sherlock Holmes Hörbuch unterzeichnet. In England liegt inzwischen der Mittelband der geplanten Trilogie vor.
Mit seiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielenden Geschichte – dieser Übergang vom noch erkennbaren viktorianischen England in eine allerdings eher alternativ zu sehende technokratische Zukunft wird mehrmals impliziert – vereinigt oder fast verdampft George Mann verschiedene Subgenres. Zum einen finden sich viele Themen des Steampunks in Kombination mit einer offensichtlichen Hommage an Sherlock Holmes allerdings mit umkehrten Rollen sowie etwas überzogen Aspekte des Zombie- Romans. Nur heißen die lebenden Toten Widergänger und sind scheinbar vor vielen Jahren schon einmal in Indien aufgetreten. Das ausgerechnet einer der beiden wichtigsten Protagonisten – der Ermittler der Krone und gleichzeitig für die Recherche in Hinblick auf übernatürliche Phänomene am britischen Museum zuständig Sir Maurice Newbury - nicht nur dieser Erkrankung schon einmal begegnet ist, sondern sich als einer der wenigen Menschen als immun erwiesen hat, wirkt überambitioniert und unterstreicht Manns Hang, seine Protagonisten zu stark und zu Lasten der Spannung zu heroisieren.
Gleich zu Beginn des Plots nach einem deftigen Prolog lernt der Leser Sir Maurice Newbury und seine neue wie attraktive Assistentin Victoria Hobbes kennen. Während George Mann seinen Privatdetektiv sehr stark an Sherlock Holmes anlehnt, ist Victoria Hobbes das genaue Gegenteil von Doktor Watson. Sir Maurice Newbury ist abhängig von Laudanum, das es ihm ermöglicht, zu schlafen. Er sammelt Kunstgegenstände archaischer Kulturen und ist ein aufmerksamer Beobachter. Er kennt sich in fast allen Gebieten solide aus und schreckt auch nicht vor auf dem ersten Blick primitiven Ritualen zurück. Er ist Sonderermittler der Königin Victoria – eine der interessantesten Steampunkideen des vorliegenden Romans – und dient der Krone von ganzem Herzen. Wie Holmes lebt er zwar als Junggeselle unter der Obhut einer fast mütterlichen Haushälterin und schließt sich gerne für Tage in sein Studierzimmer ein, aber im Gegensatz zum britischen Detektiv bewegt er sich nicht nur selbstsicher in den höchsten englischen Gesellschaftskreisen, sondern ist ein attraktiver Charmeur. Seine neue Kollegin/Assistentin dagegen ist eine Art Dose der Pandora mit vielen Rätseln. In der Öffentlichkeit ist sie eher eine scheue, zurückhaltende wie attraktive junge Frau, die ganz bewusst die Aufmerksamkeit der männlich dominierten Gesellschaft von sich ablenkt. Auf der anderen Seite ist sie – trotz der potentiellen Geisteskrankheit ihrer Schwester, die George Mann Plot fördernd ebenfalls in die laufende Handlung integriert – eine selbstbewusste, unabhängige und entschlossene Frau, deren Schwäche für Newburys nicht zu übertrieben erscheint. So drückt sie mit ihrer zarten Schulter die Tür von Newburys Studio aus dem Rahmen, um ihren Kollegen vor einer potentiellen Gefahr zu retten. Sie dringt in das abgestürzte Luftschiff ein und untersucht die verbrannten Körper der Passagiere. Intellektuell ist sie Newbury durchaus ebenbürtig, hinsichtlich ihrer Fähigkeiten und ihres jeweiligen Wissens beginnen sie sich schnell zu ergänzen. Im Gegensatz zur berühmten Holmes´schen Arroganz kennt Newbury seine junge Assistentin schnell gesellschaftlich nicht akzeptabel an und sieht in ihr nicht die devote Stichwortgeberin, wie es Holmes zu oft mit Doktor Watson gemacht hat. Im Epilog dreht George Mann in Hinblick auf die kommenden Konfrontationen die Vorzeichen sogar um und lässt Victoria Hobbes als den zukünftig dominierende und manipulierend leitend erscheinenden Part erscheinen. Eine interessante Prämisse, die George Mann allerdings auch verpflichtet, die Idee zu früh nicht in einer kitschigen Romanze – vielleicht am Ende des letzten Bandes – enden zu lassen.
Dankenswerterweise ist auch Newbury ist nicht perfekt und mehrmals in der nicht selten unnötig verschachtelten Handlung führt George Mann seinen bodenständigen Ermittler in die Irre, obwohl sich der einzige in Frage kommende Antagonist und sein perfider Plan sehr schnell im Voraus erkennen lässt. Mann muss – bis auf eine Nebenhandlung – die drei auf den ersten Blick konträren Handlungsbögen zusammenführen. Im packenden Prolog werden diese lebenden Toten oder Widergänger eingeführt. Dann verschwinden sie über weite Teile der Handlung, obwohl sie angeblich durch die dunklen Gassen Whitechapels streifen, um dann einen weiteren effektiven Auftritt zu haben. Im Grunde braucht George Mann sie eher als MacGuffin, um den eigentlichen Plot um den geheimnisvollen Absturz des Luftschiffes und die neue Automatengeneration mit „Fehlern“ zu füttern, die es Newbury überhaupt ermöglichen, hinter die geheimnisvollen, für den Leser aber schon sehr viel früher erkennbaren Zusammenhänge zu kommen. Es ist kein Zufall, dass George Mann die Haupthandlung gute sechzig Seiten vor Ende des Buches in einem fulminanten wie cineastischen Showdown abschließen kann. Der Rest des Buches gehört dem Aufräumen und Abschließen eher in der Luft hängender Fäden.
Auch eine Mordserie eines bläulich glühenden Polizisten wird eher opportunistisch abgehandelt. Vor Jahren haben sich die Kollegen eines ermordeten Polizisten gerächt, in dem sie dessen Mörder in Selbstjustiz umgebracht haben. Daher stammt die Legende eines inzwischen legendären und von Mythen umgebenden glühenden Polizisten. Jetzt werden wieder Menschen ermordet und an den Tatorten findet man ähnliche Spuren. George Mann ist bei diesem Subplot unentschlossen, ihn in die Haupthandlung zu integrieren und macht nur halbherzige Versuche, um ihn am Ende doch wieder zu isolieren.
Der eigentliche Hauptplot – der Absturz eines Luftschiffes mit mehr als fünfzig Toten, gelenkt von einem neuen „Automaten“, der angeblich mittels Lochkarten programmiert werden kann – ist die interessanteste Facette des ganzen Buches. Mit einer Mischung aus viktorianischen Abenteuerflair – Jules Verne lässt grüßen – und „The Avengers“, wobei Newburys Auseinandersetzung mit den archaischen Robotern stark an die beliebten „Cybernauts“ Folgen erinnern. Zu Lasten der Gesamtstruktur verzichtet George Mann auf ablenkende Charaktere, so dass einzige für die Tragödie in Frage kommenden Antagonisten schnell ausgemacht sind. Ihr Verhalten ist zu exzentrisch, zu unnötig auffällig. Auch die Schwäche der Maschinen ist ausgesprochen schnell ausgemacht, alleine die perfiden Hintergründe als eine Art Hommage an H.G. Wells „Dr. Moreau“ bleiben über zwei Drittel des Buches im Dunkeln. Kaum sind die Fakten sowohl Newbury/Hobbs als auch dem Leser bekannt, konzentriert sich George Mann auf eine rasante Verfolgungsjagd mit einem sicherlich packenden Höhepunkt, der allerdings auch aus einem James Bond Film stammen könnte und enger mit Guy Ritchies „Sherlock Holmes“ Verfilmung bzw. dem Mockery „Sir Arthur Conan Doyle´s Sherlock Holmes“ verwandt ist als es der Leser wahrhaben möchte.
Hinsichtlich der viktorianischen Atmosphäre Londons am Rande der neuen Zeit überzeugt „Affinity Bridge“ – der Titel wird auf den letzten Seiten erläutert und hätte auch gut übersetzt werden können – ausgesprochen gut. George Mann gelingt es, das Portrait einer Stadt zu zeichnen, die sozial noch im 19. Jahrhunderts gefangen ist. Der Autor zeichnet die insbesondere in den Clubs herrschende Zweiklassengesellschaft zwischen Männern und Frauen nach. Alte „Technik“ wie Pferdewagen werden in erster Linie von den Frauen und im Besonderen von Victoria Hobbs geliebt, während Newbury auf die neuen noch stinkenden Automobile steht. Die gigantischen Zeppeline – ein Ärgernis, wenn sie zu tief über die Stadt fliegen – haben Transport wie Reisen revolutioniert. Die Maschinenmenschen wirken auf der einen Seite antiquiert – Programmierung mit Lochkarten! – und modern für die Zeit zugleich. „Affinity Bridge“ wirkt wie eine Sherlock Holmes Geschichte aus einer Art Paralleluniversum. Wie Sir Arthur Conan Doyle das ihn umgebende London literarisch lebendig auf Papier gebracht hat, so erweckt George Mann sein spezielles London aus einem Abstand von einhundert Jahren zum Leben. Die detaillierten, den Handlungsfluss niemals erdrückenden Beschreibungen gleichen die Schwächen im zu stringenten Plot ohne Frage aus.
„Affinity Bridge“ ist ein sehr unterhaltsam geschriebener Roman, dessen Epilog düstere Zeiten insbesondere für Sir Maurice Newbury andeutet. Als Einführung neuer interessanter Helden vor einer vertrauten und doch fremdartigen Kulisse ein sehr lesenswerter, flott bis auf die Längen nach dem eigentlichen Showdown geschriebener Roman, der zusammen mit Kage Bakers lesenswerter Novelle „Die Frauen von Nell Gwynne´s“ das unverminderte Potential des Steampunk Subgenres unterstreicht.



George Mann: "Affinity Bridge"
Roman, Softcover, 464 Seiten
Piper Verlag 2011

ISBN 9-7834-9270-2386

Weitere Bücher von George Mann:
 - Das Osiris Ritual
 - The Immorality Engine

Leserrezensionen

Leserrezensionen
30.12.11, 09:04 Uhr
huyanghui
unregistriert


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