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Science Fiction (diverse)



Eoin Colfer

Cosmo Hill- der Supernaturalist

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Cosmo Hill- der Supernaturalist” legt der List- Verlag den ersten Band einer wahrscheinlich neuen Serie von Romanen des “Artemis Fowl” Schöpfers Eoin Colfer vor. Während die Geschichten um den trickreichen Fowl eine Mischung aus Fantasy und Mafia- Parodie gewesen sind, setzt sich Colfer vor dem futuristischen Hintergrund der “Cosmo Hill” Serie mit einer Reihe auch heute aktueller Themen sehr pointiert, aber ernsthaft auseinander.

Ganz bewusst zeigt Colfer seinen Lesern eine Zukunft auf, in welcher die kapitalistische Großmannsucht, der Shareholdervalue ins Extreme überzeichnet worden ist. Wie manches Kind ist Cosmo Hill, der Held der Serie, nicht unbedingt das Ergebnis einer großen Liebe. Seine Eltern übergeben ihn kurz schließlich an ein Erziehungscamp für “parentally challended boys”, wie es in der Originalfassung so treffend und satirisch heißt. Wie alles in der Zukunft werden die Waisenhäuser nur unter Profitgedanken gesteuert und das größte Assett sind die Kinder. Sie werden als Produkttester an die Industrie verliehen. Diese Prämisse ist eine interessante Extrapolation natürlicher von Charles Dickens “OLiver Twist” und die Ähnlichkeiten zu Jonathan Swift entsprechen einer Hommage. Colfer nimmt sich sehr viel Zeit, diese lebensunfreundliche Zukunft ausführlich zu beschreiben. Damit fällt es ihm später im Verlaufe des geradlinigen, sehr unterhaltsam zu lesenden Roman leichter, die einzelnen Protagonisten einzuführen und ihre Andersartigkeit zu betonen. Da die Arbeit als Produkttester mit Risiken besonders für den Körper verbunden ist, beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung in den Heimen fünfzehn Jahre. Colfer bemüht sich, ein dunkles, antiutopisches Bild der Zukunft zu zeichnen. Auf der anderen Seite will er allerdings sein eher jugendliches Leserpublikum nicht zu sehr schockieren. Dieser Zwischenschritt gelingt nicht immer überzeugend. So fällt jegliche gesellschaftliche Opposition - dafür erschafft der Autor später die “Supernaturalisten” - und die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind teilweise floskelhaft und mit der Brechstange formuliert. Hier opfert der Autor, um eine größtmögliche Schockwirkung zu erzielen, doch einige Schlussfolgerungen. Dem Leser bleibt nicht anderes übrig, als diese Prämisse zu akzeptieren. Natürlich ist Cosmo Hill sich mit seinen vierzehn Lebensjahren bewusst, dass zumindest im Camp seine Lebensuhr abzulaufen beginnt. Also flieht er schließlich auf eine raffinierte Weise, welche den Artemis Fowl Bänden in nichts nachsteht, aus dem Lager. Allerdings wird er bei der Flucht schwer verletzt. Als er aufwacht, findet er auf seiner Brust einen Parasiten wieder, welcher beginnt, ihm die letzte Lebensenergie im wahrsten Sinne des Wortes auszusaugen. In letzter Sekunde wird er von einer Gruppe von Jugendlichen, die sich die “Supernaturalisten” nennen, gerettet. Hill schließt sich ihnen an. Die Jugendliche kämpfen nicht nur einen im Grunde aussichtslosen Kampf für eine humanere Gesellschaft, sie versuchen auch, gegen die unsichtbaren blauen Wesen zu kämpfen. Nur wer über besondere Fähigkeiten verfügt, um diese Fremden sehen zu können, wird in die Gruppe aufgenommen. Natürlich verfügt Cosmo Hill über diese Fähigkeiten und wird aufgenommen. Handlungstechnisch verläuft der Spannungsbogen in “Cosmo Hill” sehr geradlinig und mit nur wenigen wirklich Überraschungen. Der Leser ahnt die Entwicklung des Plots einige Kapitel im voraus. Colfer gibt sich keine Mühe, seinen sehr geradlinigen geschriebenen Roman mit unnötigen Ballast zu überfrachten. Gerade wegen dieser Zielstrebigkeit liest sich das Buch sehr angenehm flüssig. Der Unterschied zwischen dem Plot und den Hintergründen Colfers neuer Welt ist allerdings spürbar. Ohne zu belehrend zu wirken baut der Autor seine dystopische Zukunft sehr klar, fokussiert und vor allem intelligent auf. Es gibt keine neuen Komponenten, welche der Autor dunklen Zukünften wie in “Blade Runner” oder den Cyberpunk - Romanen hinzufügt. Ganz vorsichtig sucht er sich die einzelnen Komponenten aus diesen unterschiedlichen Werken heraus und kombiniert sie mit einer “Invasion of the Body Snatchers” Story mit Einlagen der Marvel oder DC Comics. Das alles wirkt auf der einen Seite sehr vertraut, auf der anderen Seite mit Colfers trockenem, leicht schwarzen Humor unterlegt eine interessante Mischung. Vor allem verzichtet er trotz aller Vorhersehbarkeit auf den Pathos vieler Heldenromane. Natürlich überwinden die “Supernaturalisten” die unmöglichen Chancen und erringen zumindest am Ende des ersten Buches einen Pyrrhussieg. Natürlich wachsen die jugendlichen Helden an ihren Herausforderungen. Der Leser ist von Beginn an auf ihrer Seite. In Colfers Welt gibt es nur - im Vergleich zu den “Artemis Fowl” Bänden - schwarz oder weiß, gut oder böse. Was den Band allerdings von vielen anderen, deutlich schlechter geschriebenen und einfacher fokussierten Young Adult- Bänden unterscheidet, ist die Charakterisierung der “Supernaturalisten” nicht als Individuen - hier sind die einzelnen Mitglieder manchmal zu holzschnittartig beschrieben - sondern erstaunlicherweise die Gruppendynamik. Auf den ersten Blick sind sie klassische Helden, die natürlich ihre Handlungen nicht begründen müssen, sondern für den Leser auf den ersten Blick als notwendig und obligatorisch dargestellt werden. Von diesem Klischee weicht Colfer allerdings im Verlaufe des Romans immer mehr und immer intelligenter ab. Die “Supernaturalisten” beginnt ihre Handlungen im Vorwege durchzusprechen und konträr zu diskutieren. Colfer gelingt es, diese Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner überraschend fundiert und überzeugend darzustellen. Der Leser kann den unterschiedlichen Argumenten der einzelnen Teammitglieder nicht nur gut folgen, er kann sich mit jeder einzelnen Positionen identifizieren und trägt am Ende impliziert die Entscheidung der Gruppe mit. Diese ungewöhnliche Vorgehensweise muss vom Leser akzeptiert werden. Es gibt sicherlich Leser, welche die scheinbar endlosen Debatten als ermüdend empfinden, in der heutigen kommunizierend unterentwickelten Welt stellen sie eine herrliche altmodische, aber effektive Brücke zwischen dem guten alten Buch und der Verlinkung der diversen Chatrooms dar. Colfer versucht überzeugend darzustellen, wie aus verschiedenen sehr unterschiedlichen Individuen ein Team werden kann. Ein lobenswertes Bemühen, das noch einmal extra und nicht zu wenig betont werden muss. “Cosmo Hill” fehlt aber vielleicht auch wegen dieser Vorgehensweise die anarchistische Leichtigkeit der “Artemis Fowl” Bände und das atemberaubende Tempo Colfers bislang besten und vor allem tief schürfenden Buches “The Wist List”. Um diese deutlich dunklere Geschichte überzeugend erzählen zu können, opfert Colfer fast gänzlich den Humor. Es gibt einige wenige Szenen, in denen für Colfer so markanter irischer Humor eine ganz kleine Rolle spielt, aber er verteilt sich über zu viele sehr dunkle, aber nachdenklich stimmende Kapitel. Diesen fehlenden Humor kann der Autor nicht mit einem deutlich überzeugenderen Hintergrund ausgleichen.

Was “Cosmo Hill- Der Supernaturlist” zu einem empfehlenswerten Lese”vergnügen” macht, ist Colfers Versuch, eine deutlich dunklere Geschichte von wahrem Heldentum und sich den Herausforderungen stellen zu erzählen. Die Idee einer Handvoll futuristischer Robin Hoods enthält trotz einiger plottechnischer und charakterlicher Schwächen immer noch ausreichend viele Idee, um sich rasant und pointiert erzählen zu lassen. Was dem Buch fehlt, ist die Unbekümmertheit und teilweise Frechheit, mit welcher Colfer unglaubwürdige Plots - ein pubertärer Superverbrecher auf der Jagd nach dem Elfengold - unglaublich überzeugend erzählen konnte. In “The Wish List” hat er sich auf eine einzigartige Weise mit dem Thema Tod und Sterben auseinandergesetzt. Diese Souveränität fehlt “Cosmo Hill” in einigen elementaren Phasen und rückt den Roman näher an die etwas schwächeren Folgen der “Artemis Fowl” Serie heran als seine literarischen Triumphzüge wie den ersten “Artemis Fowl” Band und vor allem sein bisheriges Meisterwerk “The Wish List”. Im Vergleich allerdings zu den Detektivabenteuer um Fletcher Moon eine deutliche Steigerung. In dieser Hinsicht stellt “Cosmo Hill” eine der empfehlenswertesten Science Fiction Serien für ein jugendliches Publikum der Gegenwart dar.

Eoin Colfer: "Cosmo Hill- der Supernaturalist"
Roman, Softcover, 287 Seiten
List- Verlag 2008

ISBN 9-7834-7177-2812

Weitere Bücher von Eoin Colfer:
 - Artemis Fowl - die verlorene Kolonie
 - Artemis Fowl- Der Geheimcode
 - Fletcher Moon - Privatdetektiv
 - Meg Finn und die Liste der vier Wünsche

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