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Science Fiction (diverse)



Sergej Lukianenko

Labyrinth der Spiegel

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Labyrinth der Spiegel“ erscheint ein weiterer Science Fiction Roman aus der Feder des russischen Bestsellerautoren Sergej Lukianenko als Paperback im Heyne- Verlag. Im Gegensatz zu seinem bislang originellsten Science Fiction Werk „Spektrum“ greift der Autor für diesen in Russland schon Mitte der neunziger Jahre veröffentlichten Band auf eher bekannte virtuell Reality Ideen zurück, die er über weite Strecken zumindest unterhaltsam mit einer inzwischen für ihn signifikanten, wie allerdings auch vorhersehbaren Handlung kombiniert, um am Ende des Romans leider wenig zufrieden stellend den Spannungsbogen abzuschließen und sich konsequent weigert, wenigstens eigene Wege zu gehen. In Russland ist drei Jahre später noch eine Fortsetzung und im Jahre 2001 eine Kurzgeschichte erinnern, die sich dem gleichem Hintergrund annehmen. In „Labyrinth der Spiegel“ erinnert seine Vorgehensweise eher an klassischen Rollenspiele denn ein gänzlich durchkonstruiertes Konzept. Im Vergleich zu seinen engmaschig strukturierten ersten „Wächter“ Romanen, die basierend auf einer faszinierenden Idee zumindest unterhaltsame Geschichten mit sorgfältig ausgefeilten Charakteren geboten haben, bleibt vieles oberflächlich. Im Mittelpunkt der Geschichte steht wieder ein auf den ersten Blick typischer Außenseiter. Leonid ist ein Computerexperte. Dank der von ihm entwickelten „Diver“ kann er die scheinbar aus dem Nichts heraus entwickelte neue Form des Internets austricksen. „Die Tiefe“ genannt vermittelt dem menschlichen Gehirn den Eindruck, es bewege sich in einem realen Raum. Ein „Austieg“ ist nur mittels Timer möglich. In dieser Hinsicht greift Lukianenko Christopher Nolans viel gepriesenem „Inception“ deutlich voraus. Nur dank der Diver kann man sich aus dieser Tiefe wieder eigenständig herausklicken, wenn die Timer nicht funktionieren. Sie lösen anscheinend die dann krude werdenden 3 D Simulationen auf. Obwohl die Vorteile von Lukianenko nicht unbedingt überzeugend herausgearbeitet worden sind, schielen die in erster Linie kapitalistisch orientierten Konzerne nach möglichst originellen Diverkonzeptionen.
Der Auftakt des Buches ist klassische „Matrix“. Nach einem auch finanziell ausgesprochen lukrativen Run wird Leonid von einem Mann ohne Gesicht angesprochen. Er soll aus dem sogenannten „Labyrinth des Todes“ einen Mann virtuell herausholen, der nicht mehr zurückfindet. Zwei Diver sind bislang an diesem Problem gescheitert. Da die finanzielle Belohnung aber so enorm ist, macht sich Leonid ein wenig naiv an die Aufgabe, die natürlich sehr viel mehr als nur eine simple Rettungsaktion ist.

Auch wenn aus heutiger Sicht der Streifen zu sehr an „Inception“ mit dem Austausch einer Traumirrealität mit einer überwiegend virtuellen „Realität“ erinnert, folgt Lukianenko eher Konzepten des Cyberpunks – auf welche Missionen haben William Gibson, Bruce Sterling und Co. Ihre allerdings überwiegend von mehr oder minder gefährlich attraktiven weiblichen Beschützern begleitete Antihelden nicht schon geschickt ? - , die in den achtziger Jahren in den USA so ungemein populär gewesen sind, aber im Grunde mit dem ersten „Matrix“ Streifen ihren visuellen Höhepunkt und im Grunde trotz der religiösen Obertöne ihre Erfüllung gefunden haben? Lukianenko versucht den Plot noch mit einer aus heutiger Sicht ebenfalls antiquiert erscheinenden Idee anzureichern, dass diese über weite Strecken ambivalent ominöse Tiefe im Grunde wie eine Art sensorische Werbesendung daherkommt, die aufgrund des unterschiedlichen Konsums von so genannten Introclips ferngesteuert werden kann. Aber aus diesem guten, sicherlich auch sarkastisch extrapolierbaren Ansatz macht Lukianenko viel zu wenig und konzentriert sich fast ausschließlich auf Leonids Mission, die im Verlaufe der allerdings positiv ausgesprochen unterhaltsam geschriebenen Handlung eher an ein liebevoll gestaltetes, aber inhaltlich vorhersehbares Computerspiel erinnert.
Lukianenko hat sich entschlossen, den Roman fast ausschließlich aus der Perspektive seines „Helden“ zu erzählen. Wie fast alle seiner Figuren wächst Leonid natürlich mit seinen Aufgaben. Anfänglich ein klassischer Opportunist, der zwar in seinem „Job“ – das Schreiben von Computerprogrammen und das Entwickeln von ziel gesteuerten Divern – gut ist, aber nicht zu den obligatorisch Besten gehört. Nach einer plastisch beschriebenen Mission nimmt sich der russische Schriftsteller allerdings nicht die Zeit, den Leser mit Leonid wirklich vertraut zu machen. Insbesondere im Vergleich zu den sehr viel humorvoller, nuancierter und auf der Charakterebene vielschichtiger geschriebenen Wächterromanen greift sich Lukianenko einen für ihn so typischen Charakter – im Vergleich zu den „Spektrum“ Arbeiten oder seinen Doppelbänden wie „Weltengänger“ sind die Figuren austauschbar – und schmeißt ihn in einen in diesem Fall virtuellen Alptraum.
Jeder Lukianenko Charakter scheint eine Art verträumter Loser zu sein, der am Ende des für ihn vorgesehenen Abenteuers nichts nur charakterlich gewesen, sondern entweder reich und/oder verliebt/verlobt ist. In ihre Junggesellenbuden müssen alle Figuren nicht mehr zurückkehren. Positiv wäre anzumerken, dass Leonid zu Beginn des Buches mehr in der virtuellen Irrealität denn in seiner kargen Gegenwart lebt und sich dieses Missverhältnis am Ende des Plots ein wenig relativiert. Aber auch hier wirken diese Teilfacetten des Plots eher schematisch zusammenstellt als aus Überzeugung erzählt. So sind auch Leonids Reaktionen auf die einzelnen Herausforderungen wenig überraschend und teilweise vorhersehbar. Auch wenn er flucht und schimpft hat der Leser nur an wenigen Stellen das Gefühl, das er wirklich vor Herausforderungen steht. Wenig Unterstützung findet Leonid dann in dem altbackenen und von Lukianenko für diese Neuausgabe nicht überarbeiteten Rahmen. Der Vergleich zwischen IBM und Apple ist heute genauso lächerlich wie die gigantische Rechnerleistung, die inzwischen fast in jedem Handy – eine inzwischen weit verbreitete Erfindung, die im Grunde elementare Leonids Fähigkeiten so wichtig machende Stellen des Buches in dieser vorliegenden Form ad absurdum führt - vorhanden ist. Zumindest manifestiert sich in der Idee der „Tiefe“ kein neuer Gral, sondern Lukianenko bleibt erzähltechnisch dieser Idee ausgesprochen distanziert und realistisch nüchtern gegenüber. Auch wenn seine Protagonisten genau das Gegenteil in ihr sehen. Diese Diskrepanz überwindet der Autor erst im letzten Drittel des Buches, um folgerichtig, aber nicht konsequent ein enttäuschendes Ende zu präsentieren. Es stellt sich unwillkürlich die Frage, welche Themen Lukianenko für den noch nicht aufgelegten Band übernehmen wird.
Während die technischen Begriffe und der Umgang mit der grundlegenden Idee insbesondere aus heutiger Sicht antiquiert bzw. viel zu nüchtern erscheinen, ist Lukianenkos virtuelle „Irrealität“ deutlich interessanter. Schon in seinen späteren „Wächter“ Romanen hat der Autor hervorragend die Balance zwischen phantastischem Elementen und dem dunkel kriminellen Russland der Gegenwart getroffen. Zwar bezog sich Lukianenkos Kritik nicht selten auf die blinde Übernahme von Amerikanismen und die Vernachlässigung der im Grunde zaristischen Traditionen, aber im vorliegenden Roman im Schutz der virtuellen Realitäten zeichnet er kein romantisch verklärtes Bild des Russlands der Gegenwart mehr. In diesen Augenblick überzeugt „Labyrinth der Spiegel“ aufgrund der atmosphärischen Dichte und Lukianenkos unterhaltsam mahnend belehrenden Plauderstil.
Zusammengefasst ist „Labyrinth der Spiegel“ insbesondere im Vergleich zur russischen Phantastik ausserhalb des Werkes der Strugatzkis ein oberflächlich kurzweiliges Lesevergnügen, das aus heutiger Sicht natürlich eher nostalgisch verklärt denn virtuell unterhaltend ist. Viele Idee hat Lukianenkos aus amerikanischen Vorbildern – sei es die angesprochenen Filme bzw. eine Reihe von Cyberpunk Werken – entlehnt und für russische Verhältnisse leicht entfremdet, in manchen Punkten nimmt seine Arbeit aber auch Filme wie „Inception“ vorweg. Der Versuch, die Leser nicht nur vor einem Übergreifen der künstlichen Welten zu warnen, sondern belehrend moralisierend diese Entwicklungen im Keim zu verurteilen, schießt aber weit über das Ziel hinaus und lässt wie das einfallslose Ende die guten Aspekte des Romans untergehen.

Sergej Lukianenko: "Labyrinth der Spiegel"
Roman, Softcover, 608 Seiten
Heyne- Verlag 2010

ISBN 9-7834-5352-7751

Weitere Bücher von Sergej Lukianenko:
 - Das Schlangenschwert
 - Der falsche Spiegel
 - Der Herr der Finsternis
 - Die Ritter der vierzig Inseln
 - Spektrum
 - Sternenschatten
 - Sternenspiel
 - Trix Solier- ein Zauberlehrling voller Fehl und Tadel
 - Weltengänger
 - Weltenträumer
 - Wächter der Ewigkeit
 - Wächter der Nacht
 - Wächter des Morgen

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