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Science Fiction (diverse)



John Scalzi

Agent der Sterne

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Agent der Sterne“ legt der Heyne- Verlag nicht einen neuen Roman aus der Feder des jungen aufstrebenden Amerikaners vor, sondern sein erstes literarisches Projekt. Im Nachwort erläutert John Scalzi, das er 1997 „Agent der Sterne“ – der Originaltitel ist eine wunderbare Hommage an Robert A. Heinlein, den der Hollywoodagent Thomas Stein auch als seine Science Fiction Erfahrung angibt – als Versuchsballon begonnen hat, ob er wirklich Romane schreiben kann. Zwei Jahre später stellte er das Buch auf seiner Homepage ins Netz und forderte seine Leser auf, bei Gefallen einen Dollar zu spenden. Immerhin kamen viertausend Dollar auf diese Art und Weise zusammen. Später druckte ein Kleinverlag den Roman nach, bevor er im Zuge von John Scalzis zweiten ausgezeichnet Science Fiction Roman wie „Old Man´s War“ neu als Taschenbuch veröffentlicht worden ist. John Scalzi hat das Buch nur behutsam überarbeitet und an die Gegenwart anzunähern. Herausgekommen ist eine sehr unterhaltsame Satire auf Hollywood, die im Grunde jegliche Moral über Bord werfende Medienlandschaft und eine böse, aber nicht zynische Parodie auf die zahlreichen First Contact Geschichten, die insbesondere das inzwischen medientechnisch die Welt beherrschende Hollywood auf unschuldige Amerikaner und überforderte Ausländer in schöner Regelmäßigkeit loslässt. Vor allem funktioniert John Scalzis Roman auch ohne die Science Fiction Elemente über weite Strecken als unterhaltsame, aber weder oberflächliche noch alberne Farce.

Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt. Intelligentes, technisch hochstehendes außerirdisches Leben hat die Erde aufgrund ihrer inzwischen seit mehr als fünfzig Jahren ins All ausgestrahlten Fernseh- und Rundfunksendungen entdeckt. Die Außerirdischen sind den Menschen gegenüber freundlich gestimmt und freuen sich auf die erste Begegnung. Nur handelt es sich um eine gallertartige Lebensform, die in erster Linie über für Menschen nur übel riechende Düfte kommuniziert. Die Yherajk – wie die Rasse phonetisch ausgesprochen und nicht geduftet heißt – haben aufgrund ihrer passiven Erfahrungen mit irdischen Medien beschlossen, ihr Image aufzupolieren. Dazu engagieren sie eine Hollywoodagentur. Der Chef der Agentur wird nach einem nächtlichen Anruf, der Landung des Yheraij Raumschiffes in seinem Pool und einer kostenlosen Flugstunde davon überzeugt, den ungewöhnlichen Auftrag an seinen besten jungen Agenten zu geben: Thomas Stein, der gerade für eine Bikinischönheit einen Multimillionendollarvertrag ausgehandelt hat und erst knappe drei Jahre der Poststelle der Agentur entkommen ist. Thomas Stein erhält eine Carte Blanche, seine Klientenliste auszudünnen und sich zukünftig um die Belange der Yherajk im Allgemeinen und ihres Botschafters Joshua im Besonderen zu kümmern. Allerdings möchte Thomas Stein sein bestes Pferd im Stall – die Jungschauspielerin Michelle Beck – nicht fallen lassen. Diese stellt sich als nächstes Engagement die Rolle einer deutlich älteren jüdischen Widerstandskämpferin und Rassismusgegnerin vor. Eine Aufgabe, die Thomas Stein vor fast größere Probleme stellt, als die übel riechenden Außerirdischen gesellschaftsfähig zu machen.

Ähnlich wie in seinen Hard Science Fiction Romanen bemüht sich John Scalzi um eine kontinuierliche Handlung. Ganz bewusst stellt der Autor den Ich- Erzähler und sympathisch- verschlagenen Thomas Stein in den Mittelpunkt der Handlung. Wie es sich für eine gute Screwballkomödie gehört, stürzen gleich mehrere positive wie negative Ereignisse auf Stein ein. Scalzi nimmt sich nicht den Raum, seinen im Grunde nach Gary Cooper frühen Werken gezeichneten Protagonisten zu charakterisieren. Im Verlaufe der überdrehten Handlung erfährt der Leser einiges über Thomas Steins Herkunft und seinen ambivalenten Ehrgeiz. Dabei wirkt die Science Fiction Ebene trotz einiger Ausflüge ins Groteske – Freundschaft zwischen außerirdischen Qualle und alterndem Golden Retriever – im Vergleich zu der Hollywoodsatire fast schon bodenständig und bieder. Natürlich verstehen sich Thomas Stein und Joshua nach anfänglichen leichten Missverständnissen schnell sehr gut. Stein findet aber keinen Weg, diese Außerirdischen in die irdische Gesellschaft zu integrieren, geschweige denn, sie den Menschen vorzustellen. Erst eine Tragödie öffnet den bizarren, vielleicht ein wenig zu konstruierten, aber unterhaltsamen Weg in die gegenwärtig absolut medial ausgerichtete Gesellschaft. Viel interessanter, überdrehter und unterhaltsamer sind die Bemühungen Thomas Steins, mit seinen neurotischen, egozentrischen, dummen bzw. hypersensiblen Möchtegernstars und seiner einzigen wirklichen „Entdeckung“ Michelle Beck auszukommen. Die zehn Prozent Honorarbeteiligung müssen bei diesen Leuten schon fast als Schmerzensgeld verbucht werden. John Scalzi entwickelt ein förmliches Feuerwerk von Ideen, um Thomas Stein als gefühlvoller wie auch entschlossener Agent ins rechte Licht zu rücken. Seine Situation wird durch einen schmierigen Klatschblattjournalisten erschwert, der eifrig Lügengeschichten über ihn verbreitet. Insbesondere das schwierige Verhältnis zu seinem Star Michael Beck – blond, Traumfigur und einfach dumm – bestimmt den auf den ersten Blick hin und her schwankenden Handlungsfaden. Mit Becks Unfall beim Anpassen einer Latexgesichtsmaske nimmt der Roman nicht nur an Fahrt auf, sondern erhält eine dunklere Note. Scalzi schlägt den Bogen zum Schicksal von deutschen Juden während des Holocaust und spart auch nicht mit Kritik an der amerikanischen Nachkriegsrassenpolitik. Er übertreibt sicherlich mit seiner Ersatzlösung für die im Koma liegende Beck. Der aufmerksame Leser kann den folgenden Plotverlauf schon weit im voraus erkennen. Diese Berechenbarkeit gleicht Scalzi durch wundervoll überzogene Beschreibungen und gut von Bernhard Kempen übersetzte Dialoge aus.

„Agent der Sterne“ funktioniert aber in erster Linie als bissige Satire auf die gegenwärtige Gesellschafts- und Medienentwicklung. Noch vor dem 11. September 2001 geschrieben wirkt mancher Trend, den John Scalzi extrapoliert, noch verhalten gegenüber den gegenwärtigen Exzessen. Nicht umsonst impliziert der Autor, das sich sein Charakter und zumindest ansatzweise dessen Vorgesetzter vom fast kranken Run auf immer mehr Geld, bessere Gagen für durchschnittliche Schauspieler und die Macht der alles ruinierenden Gewerkschaften distanzieren. Alternativen werden allerdings nicht aufgezeigt und der Autor hüllt auch den Mantel des Schweigens über die Tatsache, wie Stein und seine Firma schließlich von den Außerirdischen wirklich bezahlt werden. Vorurteile werden genauso wie soziale Exzesse der Ellenbogengesellschaft angerissen, aber nur selten bis zum Ende durchdacht. Insbesondere hinsichtlich des Showdowns greift Scalzi auf das Mittel der indirekten Erzählung dank zahlreicher Zeitungsausschnitte zurück. Das lässt leider nur auf den ersten Blick den Roman rund erscheinen. Es wirkt im Gegenteil ein wenig zu hektisch, bis der Autor beim grandiosen Schlussvorhang schließlich die Maske fallen lässt und seinen Lesern zumindest theoretisch den Spiegel ins Gesicht hält. Zu Gute halten muss der Leser Scalzi weiterhin, das er seiner Linie von den friedlichen, neugierigen Aliens treu bleibt und sie schließlich nicht als böse Invasoren mit einem fiesen Plan al a „V“ entlarvt. Sie sind anders, sie sind für Menschen auf den ersten Blick und aufgrund ihrer Ausdünstungen unsympathisch. Vielleicht hätte der Autor die Idee der Metamorphose etwas besser herausarbeiten müssen, da Joshua die Menschen nur „überzeugen“ kann, in dem er sie täuscht und ihnen etwas ihren Erwartungen entsprechendes vorspielt. Auch die sozialen Regeln der Außerirdischen werden in wichtigen Punkten nur angerissen, ohne das der Leser wirklich etwas über ihre Kultur erfährt. Teilweise vermenschlicht sich John Scalzi zu sehr und die wenigen moralischen Unterschiede werden von einem guten Agenten – der Thomas Stein ohne jede Frage ist – schnell wegdiskutiert. Etwas schwerer hätte es der Autor seinem wichtigsten Protagonisten im Mittelteil der Geschichte schon machen können. Die menschlichen Figuren sind – wie bislang in allen Scalzi Romanen – sehr zufriedenstellend und überzeugend entwickelt worden. Insbesondere Thomas Steins intelligente, unter den Attitüden des Chefs leidende, teilweise sarkastische und doch mit einem Herzen aus Gold und viel Gefühl für ihren Chefs ausgestatte Sekretärin Miranda sowie die neurotische, auf den ersten Blick unsympathische, mit ihrer neuen Rolle nicht zu Recht kommende Jungschauspielerin Michelle Beck gehören neben Thomas Stein zu den am besten entwickelten Figuren des Romans. Der Sensationsreporter Jim van Doren vollzieht von allen Charakteren die rasanteste Kehrtwende und überrascht den Leser in der zweiten Hälfte des Buches am ehesten. Das der alternde Golden Retriever mit sehr viel Herzenswärme und Liebe zum hündischen Detail beschrieben worden ist, dominiert rückblickend das erste Drittel des Romans. Der Außerirdische Joshua wird- wie schon erwähnt – zu menschlich dargestellt, auch wenn Scalzi ihm eine Reihe von sehr guten pointierten Dialogen auf seinen fließenden Leib geschrieben hat. Zusammengefasst sind alle Figuren für einen Erstling ausgesprochen dreidimensional gezeichnet und geben der Geschichte auf der emotionalen Ebene die notwendige Tiefe.
Das Ende mit dem Hinweis, das eine kleine gute Tat und weniger Zynismus sich in Reichtum auszahlt, negiert einige der Botschaften des Romans und hinterlässt ein zu überzogenes gutes Gefühl im Leser. Trotzdem ist „Agent der Sterne“ eine interessante Hommage an Robert A. Heinlein und ist positiv gesprochen so gut geschrieben wie zahlreiche Romane Spider Robinsons. Die Mischung aus nachdenklich stimmender Screwballkomödie und Parodie auf die Science Fiction Klischees funktioniert vor allem in einem Umfeld immer dunkler und zynischer werdender Science Fiction ausgezeichnet und unterstreicht, das John Scalzi von seiner ersten Arbeit an ein begnadeter und natürlicher Erzähler ist, dessen Bücher inklusiv des vorliegenden Romans uneingeschränkt empfohlen werden können.


John Scalzi: "Agent der Sterne"
Roman, Softcover, 447 Seiten
Heyne- Verlag 2010

ISBN 9-7834-5352-6259

Weitere Bücher von John Scalzi:
 - Androidenträume
 - Der wilde Planet
 - Die letzte Kolonie
 - Geisterbrigaden
 - Krieg der Klone
 - Zwischen den Sternen

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