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Science Fiction (diverse)



John Scalzi

Zwischen den Sternen

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Zwischen den Sternen“ aus der Feder des Amerikaner John Scalzi legt der Heyne- Verlag ein Experiment des Autoren vor. Beim vorliegenden Roman handelt es sich um eine Parallelarbeit zu „Die letzte Kolonie“, den ebenfalls im Heyne Verlag veröffentlichten und für den HGUO vorgeschlagenen bislang besten Roman Szalzis. Wie Orson Scott Card mit „Enders Schatten“ die Geschichte seines markantesten Werkes „Ender“ noch einmal aus einer anderen Perspektive erzählte und ergänzte, versucht Scalzi ein ähnliches Kunststück. Nur liegen zwischen den beiden Card Romanen mehr als zwanzig Jahre und eine schwierige Weiterentwicklung des Autoren. Nur hat sich in dieser Zeit nicht nur das Bewusstsein der Menschen verändert, sondern alleine technologisch und soziologisch in der Realität eine gänzlich andere Kultur gebildet. Vieles was bis auf die Pointe des Buches noch Utopie gewesen ist, hat die Realität insbesondere hinsichtlich der virtuellen Strategiespiele eingeholt. Zwischen den beiden Scalzi Büchern liegen keine fünf Jahre. Es empfiehlt sich, obwohl es nicht unbedingt notwendig ist, „Die letzte Kolonie“ zu erst zu lesen. Es erhöht das Lesevergnügen, die Hintergründe zu kennen. In einer überzeugenden Hommage an die Jugendabenteuer Robert A. Heinleins lässt der Autor die fünfzehnjährige Zoe aus ihrer Perspektive die Besiedelung der Kolonie Roanoke erzählen. Im Gegensatz zu Spider Robinson, der sich nicht zuletzt aufgrund der posthumen Zusammenarbeit mit Heinlein in „Variable Star“ als legitimer Erbe des Grandmasters of Science Fiction sieht – gelingt es John Scalzi, interessante Elemente der überwiegend in den fünfziger Jahren geschriebenen Jugendbücher in die Gegenwart der Leser und darüber hinaus in eine interessante, eher dunklere Zukunft zu übertragen. Zu den Elementen aus Heinleins Werken, welche der Leser auf den ersten Blick erkennt, gehören Anspielungen auf „Tunnel in the Sky“, „Farmer in the Sky“, aber auch „Podkaine of Mars“. Im Gegensatz zu Scalzis bisherigen Romanen, die sich in erster Linie an ein erwachsenes Publikum wenden, funktioniert „Zwischen den Sternen“ als eine interessante Mischung aus Jugendbuch und Führer für bislang genretechnisch eher unbedarfte Interessenten. Der freche Grundton des Buches – eine fünfzehnjährige, die sich nicht zuletzt aufgrund ihrer beiden außerirdischen Leibwächter und natürlich einem niedlichen, aber großen Hund, vor nichts zu fürchten hat – erinnert die Leser im positiven Sinne an Heinlein. Ganz bewusst sich Scalzi wie Heinlein die subjektive Perspektive und ist sich nicht zu schade, unabhängig vom Plot manchmal ein wenig zu schwafeln. Scalzi wie Heinlein spricht sein Publikum direkt an und zieht es von dem gut geschriebenen Prolog auf seine Seite. Wer „Die letzte Kolonie“ gelesen hat, wird von der Pointe des Prologs natürlich nicht überrascht, aber insbesondere Neuleser erhalten gleich ein Gefühl für die Leere und die Einsamkeit dort draußen. Wie Heinlein reduziert Scalzi sehr schnell die technischen Möglichkeiten seiner futuristischen Siedlergemeinschaft und predigt eine Rückbesinnung auf die eigenen Fähigkeiten, die zumindest impliziert an die Tugenden der Pfadfindergemeinschaften erinnert. Trotz einiger Meinungsverschiedenheiten ist das Verhältnis zwischen Zoe und ihren Adoptiveltern gut. Beide Seiten respektieren sich und so braucht Zoe nicht lange überlegen, als John Perry und Jane Sagan – beide ehemalige Elitekräfte der irdischen Streitkräfte – das Angebot annehmen, auf dem abgeschiedenen Planeten Roanoke eine neue Kolonie zu gründen. Im Gegensatz zu den bisherigen Siedlungen auf verschiedenen Planeten soll diese Kolonie eine Art Schmerztiegel aller irdischen Kulturen sein. Das erfordert von den Verantwortlichen Perry und Sagan mehr Fingerspitzengefühl. Vor allem als bekannt wird, dass die Verantwortlichen auf der Erde das Raumschiff absichtlich zu einer anderen Welt geschickt haben, das jegliche Verbindung zur Erde und ihren Kolonien zu unterbleiben hat und das eine aggressive außerirdische Macht mit aller Gewalt versucht, das Experiment zum Scheitern zu bringen. Notfalls mit einem Überfall auf die unbewaffnete Kolonie und die Ermordung aller Siedler.

Plottechnisch greift John Scalzi auf altbekannte und über die Jahrzehnte in vielen Variationen durchgespielte Ideen zurück. Auch in seinen ersten Büchern hat er diese Spannungsbögen vornehmlich ergänzt und variiert als neu definiert. Im Gegensatz zu Werken wie „Krieg der Klone“ verzichtet der Autor auf übertrieben wirkende Actionszenen und versucht „Zwischen den Sternen“ eher von der charakterlichen Seite aufzubauen. Dabei steht und fällt das Buch mit der Glaubwürdigkeit Zoes. Akzeptiert der Leser diese etwas vorlaute, intelligente, pubertierende junge Frau, so gewinnt der Plot an Spannung, Intensität und vor allem Emotionalität. Kann der Leser mit Zoe in dieser Form nichts anfangen, findet sich kein ausgleichendes Element. Diese starke Fokussierung birgt insbesondere mit der Kombination einer ein zweites Mal erzählten Geschichte eine Reihe von Risiken, welche John Scalzi zusammenfassend allerdings sehr solide und zufrieden stellend, teilweise sogar überraschend überzeugend umschifft.

Im Nachwort erläutert John Scalzi nicht nur, warum er noch einmal entgegen anders lautender Äußerungen zu seinen Charakteren und in sein Universum zurückgekehrt ist, sondern auch, das zwischen Zoe und seiner Tochter keine Ähnlichkeit besteht. Unabhängig von dieser Aussage negiert der Roman mit jeder Seite und jeder Zeile diese These. Im Vergleich zu seinen bislang eher durchschnittlich mit einem Hang zur Eindimensionalität und klischeehaften Stilisierung beschriebenen Charakteren lebt Zoe. Ganz der Stolz der Eltern bzw. insbesondere des schreibenden Vaters entwirft der Autor hier eine Figur, einen Charakterkopf, der nicht zu gut, zu strahlend ist, der aber aus der Nähe betrachtet auch keine Entscheidungen trifft, welche den leisesten Erwartungen der Eltern widerstreben. Zoe ist mit viel Wärme, aber auch einem subtilen, sarkastischen Humor gezeichnet worden. Zu den frühen Höhepunkten des Buches gehört die Begegnung zwischen Zoe und einem Mitglied der Spezialeinheiten. Der Dialog ist zwei Stufen über klassischem Slapstick, lässt aber die Leser auch in der guten deutschen Übersetzung mehr als einmal schmunzeln. Wenn sie mit ihrer Freundin über Jungs spricht und dabei sich die Unterschiede auf „Grabscher“ sowie „Dichter „reduzieren, wirken diese Gespräche lebensnah und überzeugend. Für eine fünfzehnjährige Waise – die Begegnung mit dem eigenen Grabstein gehört zu den Passagen, in denen John Scalzi zu nahe an den Kitsch heransteuert – ist Zoe manchmal ein wenig zu selbstbewusst, zu kokett, zu altklug. Aber für jeden etwas übertriebenen Ausschlag nach oben präsentiert John Scalzi an einer anderen Stelle des Buches ein überraschend warm, emotional überzeugend geschriebene Szene, welche die Ecken und Kanten der Charakterisierung negiert. John Scalzi ist inzwischen bekannt dafür, dass er nicht nur cineastisch schreibt, sondern „große“ Momente in der Tradition Hollywoods liebt. Auf den ersten Seiten hält er sich in dieser Hinsicht zurück. Diese Zurückhaltung macht „Zwischen den Sternen“ zu einem der besten Bücher Scalzis. Vor allem stimmt die Balance zwischen der Zeichnung der Protagonisten und dem Einsatz der Violinenmusik im Hintergrund der etwas zu kitschigen, zu melodramatischen Szenen.

„Enders Schatten“ unterstrich nicht nur, wie sich Orson Scott Card als Autor im Vergleich zu „Ender“ weiter entwickelt hat. Card hat den Plot der ursprünglichen Geschichte sorgfältig überarbeitet und an seinen Schwächen gearbeitet. Ähnlich hat John Scalzi gehandelt. Plottechnisch erzählt der Autor im Groben die gleiche Geschichte wie in „Die letzte Kolonie“. Allerdings hat er sorgfältig die Plotlöcher mit weiteren Fakten und Hinweisen, Nebenhandlungen und sorgfältigen Ideen gefüllt. Insbesondere die zweite Hälfte von „Die letzte Kolonie“ wirkte überhastet geschrieben und die Außerirdischen – eine werwolfähnliche Rasse – erschienen unterentwickelt. Um diese Schwäche hat sich der Autor sehr intensiv gekümmert und die zweite Hälfte des Romans wirkt deutlich stringenter, aber hinsichtlich des ganzen Spannungsbogens harmonischer. Zwar ist der Hang zur Übertreibung – John Perry wird einfach durch Zoe ersetzt – immer noch zu erkennen, aber die dichterische Freiheit schiebt der Autor einfach auf seine jugendliche Erzählerin ab. Ein ebenfalls geschickter Schachzug, mit dem er jegliche negative Kritik von Beginn an abblockt. „Die letzte Kolonie“ ist eine klassische Actionstory gewesen. Mit „Zwischen den Sternen“ erzählt Scalzi sehr viel behutsamer und strukturierter eine „Coming of Age“ Geschichte, welche in einem Plot zur Wirkung kommt, der funktioniert und besser entwickelt ist als in der eigenen Vorlage. Für Neueinsteiger macht der Autor allerdings den unverzeihlichen Fehler, zu viele Kenntnisse aus „Die letzte Kolonie“ vorauszusetzen. Für die Leser des früheren Romans hält der Autor eine Reihe von neuen Details bereiht, um neue Leser kümmert er sich zu wenig. Dabei bietet die Struktur des Plots ausreichend Ansätze in Form von Tagebucheintragungen, manuellen Aufzeichnungen oder den Rückgriff auf einen unvollständigen Rahmen.

Unabhängig von diesen Schwächen ist „Zwischen den Sternen“ in erster Linie wegen der überzeugenden Zeichnung der Protagonisten, der unterhaltsam geschriebenen Dialoge, der Dynamik der allerdings bekannten Geschichte und Scalzis Hang, einfach cineastisch zu schreiben nach „Krieg der Klone“ der bislang am meisten zufrieden stellende Roman des Amerikaners. Und die beste Heinlein Hommage im positiven Sinne seit der Autor mit dem Schreiben seiner Science Fiction Jugendbücher aufgehört hat.

John Scalzi: "Zwischen den Sternen"
Roman, Softcover, 445 Seiten
Heyne- Verlag 2009

ISBN 9-7834-5352-5610

Weitere Bücher von John Scalzi:
 - Androidenträume
 - Die letzte Kolonie
 - Geisterbrigaden
 - Krieg der Klone

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