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Science Fiction (diverse)



Alastair Reynolds

Aurora

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Aurora“ liegt inzwischen Alastair Reynolds siebenter Roman vor. In Hinblick auf den Hintergrund seiner Geschichte greift in die Zeit vor seinen ersten vier Romanen zurück. Unabhängig von dieser Art Prequell versucht der Autor einzelne Elemente seiner bisherigen Werke in die in seiner Grundsubstanz aus einer klassischen hardboiled bestehenden Story zu integrieren. Es ist für einen Neuling in Alastair Reynolds Universum nicht unbedingt notwendig, die ersten Romane zu kennen. Es ist allerdings empfehlenswert, denn die Stärken und Schwächen des in den Niederlanden lebenden Briten zeigen sich im vorliegenden Band sehr viel deutlicher als in stärkeren Werken wie zum Beispiel „Chasm City“. In „Chasm City“ hat der Autor allerdings einige Komponenten aus Iain Banks deutlich besser strukturiertem Werk „Use of Weapons“ übernommen und dann geschickt extrapoliert. Auch in „Aurora“ hat der Leser den Eindruck, als wäre Reynolds ein intuitiver, aber wissenschaftlich gut geschulter Autor, dem es sehr schwer fällt, zu seinem Werk zurückzukehren und an den Ecken und Kanten zu feilen, um seine Bücher zugänglicher zu machen. Eine seiner größten Schwächen ist die Strukturierung seiner Werke. Es gibt Romane aus seiner Feder, in denen die Extrapolation den größten Teil der Handlung einnimmt und sich Reynolds in unnötigen sowie unwichtigen Details verliebt. Im vorliegenden Buch versucht der Autor den anderen Weg zu gehen und scheitert ebenfalls. Alleine die Prämissen und Themen sind so gewaltig und gewalttätig, das das hier präsentierte Ende wie ein Antihöhepunkt erscheint. Warum sein Stammverlag Gollancz dem sympathischen Briten keinen starken Lektor an die Seite gestellt hat, ist sicherlich eine diskussionswürdige Frage. Bei der Betrachtung des vorliegenden Romans muss deutlich zwischen der Vielzahl von nicht unterinteressanten Ideen und den spürbaren Ambitionen des Autoren und der technischen Ausführung unterschieden werden. Alastair Reynolds beginnt seinen Roman als klassischen Thriller nur in einer fernen Zukunft. Die menschliche Zivilisation hat sich um den Planeten Yellowstone angesiedelt. Die Menschen leben in tausenden von Habitaten, welche den Planeten umkreisen. Der passend poetische Name ist Glitzerband. Mehr als sechzig Millionen Menschen leben hier und jeder einzelne muss ein Bürger des Glitzerbandes bleiben. Gleich zu Beginn wird dem Leser drastisch gezeigt, was ein kleiner Verstoß gegen die scheinbar so demokratischen Gesetze bedeutet. Durch einen Zufall finden der Prefect – der Originaltitel des Buches – einen Fehler in der Wahlsoftware eines Habitats. Das Habitat wird gesperrt und für Jahrhunderte isoliert. Niemand darf es mehr verlassen, auch wenn er im Grunde nur das Habitat besucht hat. Eine drakonische Strafe, welche jeglichen Wahlbetrug ausschalten soll. Während Dreyfuss mit seinen Helfern NG und Sparver noch die Software untersucht, werden sie zu einem außergewöhnlichen Vorfall gerufen: ein anderes Habitat ist zerstört worden und alle Menschen sind bei dieser Katastrophe ums Leben gekommen. Ein Vorfall, wie es ihn bislang nicht gegeben hat. Gleich zu Beginn des Buches lassen sich die Stärken und Schwächen des vorliegenden Plots ablesen. Der Ausgangspunkt mit der Isolation eines Menschenklans aufgrund des Fehlers eines einzigen Regierungsmitgliedes ist cineastisch gut umgesetzt, die Prämisse ist in dieser Form aber weder glaubwürdig noch nachhaltig. Reynolds verlässt diese Ebene – nichts wird aber im vorliegenden Band für immer verlassen – und wendet sich dem eigentlichen Katalysator der Handlung zu: der Vernichtung des Habitats. Im besten Teil des Buches beginnt Dreyfuss seine Ermittlungen und kommt natürlich relativ schnell einer großen Verschwörung auf die Spur, welcher ebenfalls natürlich das ganze Leben der verschiedenen Habitate des Glitzerbandes beeinträchtigt bzw. bedroht. Die Mischung aus „übermenschlichen“ künstlichen Intelligenzen, Genozid und Korruption stimmt. Aber im Verlaufe des Buches verliert Reynolds mehr und mehr den Fokus seines Plots aus den Augen und begnügt sich bis zum enttäuschenden Ende mit Nebenkriegsschauplätzen, die in Form einzelner Kurzgeschichten für sich isoliert interessant und lesenswert sind, in Hinblick aber auf eine komplexe Handlungsführung aber vom immer schwammig werdenden Kern ablenken. Hinzu kommt Reynolds übertriebene Neigung, Dialoge langläufiger amerikanischer Kriminalserien zu kopieren und den Slang futuristisch ein wenig aufzumotzen. Mit ihrer Übersetzung bemüht sich Irene Holicki, diese in einem in ferner Zukunft spielenden Roman störende Tendenz zu negieren, es gelingt ihr aber nur selten. In Hinblick auf die Charakterisierung der menschlichen Protagonisten gehört der Roman zu Alastair Reynolds schwächsten Arbeiten. Viel zu sehr klebt er an Klischees, die er nur ungeschickt in seine ferne Zukunft extrapoliert. Dreyfuss als vordergründige Identifikationsfigur des Lesers ist eindimensional gezeichnet. Nur selten kann sich Reynolds vom Copimage abwenden und zumindest zeitweise seinem Protagonisten eine Persönlichkeit geben. Zu Beginn der Ermittlungen wirkt die Figur noch ein wenig zugänglicher und damit auch sympathischer. Die Zusammenarbeit mit seinen beiden Detektives Ng und Sparver funktioniert. Hier gelingen Reynolds aber keine befreienden Dialoge, welche die bekannten Szenarien irgendwie auflockern oder lesenswerter machen. Stattdessen wird jede kleine Information dialogtechnisch durchgesprochen und analysiert, während die Seiten des Buches dem Leser unter den Fingern zerrinnen. In Hinblick auf die politische Front zeichnet Reynolds ein Bild, das als Parodie sicherlich interessant gewesen wäre, das aber in der übertriebenen und stellenweise lächerlichen Form den grundlegenden ernsthaften Konflikt des Buches unterminiert. Immerhin wird hier der Tod von mehreren tausend Menschen untersucht. Um Spannung aufzubauen, wechselt Reynolds bis zur Mitte des Buches die Perspektive zwischen Ng und Dreyfuss. Eher impliziert gibt der Autor der Detektivin zu wenig zu tun, während Dreyfuss Sequenzen vor Informationen schier überquellen und den eigentlichen Plot mit erstaunlichem Tempo vorantreiben. Reynolds konzentriert sich nicht auf seinen Charakter und gibt ihr nur rudimentäre Züge mit auf den Weg. Mit dieser Fahrlässigkeit schwächt der Autor diese labile Handlungsebene noch mehr. In der Mitte des Romans gibt er ohne Gründe die zweite Ebene ganz auf und erzählt die zweite Hälfte des Buches ausschließlich aus Dreyfuss Sicht. Anstatt dieses Ungleichgewicht im Plot von Beginn an zu eliminieren, zeigt der Autor offensichtlich, das ihm eine starke Hand in Hinblick auf die Strukturierung des Buches gefällt hat. Der Plot hätte sehr gut alleine aus Dreyfuss Sicht erzählt worden können. Ng oder Sparver hätten wichtige Informationen vor ihrem Chef ausgebreitet und damit den Leser auf Augenhöhe in die Ermittlungen einbezogen. Reynolds macht nicht den Eindruck, als könnte er zumindest im vorliegenden Band wirklich Prioritäten setzen. Damit zerbricht der fragile, aber packende Plot in zu viele Nebenschauplätze, die alle interessant und verführerisch ablenkend sind. Die Konzentration auf den roten Faden fehlt sowohl dem Autoren als auch dem Leser schwer und nimmt dem Roman an vielen wichtigen Stellen den notwendigen Schwung, um den nächsten plottechnischen Höhepunkt vorzubereiten. Dabei gibt es von diesen eine ganze Reihe im Verlaufe des Geschehens. Sie wirken aber stellenweise so distanziert und nachlässig vorbereitet, das der Leser am Sinn des ganzen Romans per se zu zweifeln zu beginnt.

Wie aber in seinen anderen Romanen gehört eine gewisse Technikaffinität im positiven Sinne zu den markanten und einzig empfehlenswerten Zügen des vorliegenden Buches. Im Gegensatz zu den oft barocken Space Operas seiner britischen Kollegen, zeichnet Reynolds eine ferne Zukunft, in welcher ein Hauch Menschlichkeit trotz aller Nanotechnologie erhalten geblieben ist. Mit besser definierten Charakteren als im vorliegenden Roman eine von Reynolds hervorzuhebenden Stärken. Er betrachtet diese Technologie nicht als Teufelswerk, sondern Ergebnis eines kontinuierlichen technologischen Evolutionsprozesses. So fließen auch biologische oder genetische Veränderungen natürlich in seine futuristische, aber nicht kühle Welt ein. Wie zum Beispiel auch Robert Heinlein ist sich der Autor der Effekte seiner Entwicklungen deutlich bewusster als seitenlangen theoretischen Beschreibungen. Es ist desto überraschender, das Reynolds im Vergleich zu Stephen Baxter sowohl den technologischen Hintergrund seiner Romane farbenprächtig entwickeln kann – vielleicht eine Kleinigkeit nicht zuletzt aufgrund seiner Ausbildung als Techniker bei der ESA – als auch mit wenigen überzeugenden Bildern eine fremdartige Kultur mit eindeutig menschlichen Wurzeln beschreiben kann. Die Hintergründe seiner Romane im Allgemeinen und im Falle „Auroras“ auf den ersten einhundert Seiten im Besonderen gehören momentan zu den am meisten überzeugenden Szenarien. Es ist traurig, dass der Autor so selten in der Lage ist, seine Visionen auf das Individuum herunter zu brechen. Der Mensch bleibt Alastair Reynolds fremd. In „Aurora“ steckt sicherlich ein deutlich besseres und vor allem stringenteres Buch als es in dieser Version vor dem Leser liegt. Die vielen kleinen zum Teil angesprochenen Probleme summieren sich im Verlaufe der Lektüre und schrecken insbesondere hinsichtlich des überhasteten sowie niemals wirklich zufrieden stellenden Endes ab. Im Vergleich zu seinen letzten Romanen wie insbesondere „Ewigkeit“ eine eher frustrierende Lektüre.

Alastair Reynolds: "Aurora"
Roman, Softcover, 733 Seiten
Heyne- Verlag 2008

ISBN 9-7834-5352-5023

Weitere Bücher von Alastair Reynolds:
 - Chasm City
 - Die Arche
 - Ewigkeit
 - Haus der Sonnen
 - Offenbarung
 - Unendliche Stadt
 - Unendlichkeit
Weitere Links zu diesem Thema:
 - Alastair Reynolds: Biographie

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