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Science Fiction (diverse)



Sergej Lukianenko

Weltenträumer

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Weltenträumer“ liegt die Fortsetzung und wahrscheinlich auch abschließende Band von Sergej Lukianenkos „Weltengänger“ Serie vor. Die Handlung im vorliegenden Band setzt unmittelbar mit der Flucht Kirill Maximows ein, einem jungen Verkäufer für Computerartikel, der eines Tages in seiner Wohnung auf eine fremde Frau trifft, die behauptet, die Wohnung wäre ihre. Kirills Nachbarn erkennen ihn nicht. Nur sein Frau Kolja scheint ihn noch zu kennen. Im Verlaufe seiner Jagd nach seiner eigenen Identität erfährt Kirll, dass er ein Funktional ist. Diese Funktionale bewachen die Dimensionstore zu anderen Welten und verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten. Wie Kirill auf seiner Flucht feststellen muss, verführt diese Machtfülle auch zum Missbrauch. Und in dieses Wespennest hat Kirill eher unabsichtlich am Ende des ersten Romans gestoßen. Bei „Weltenträumer“ von einer Fortsetzung zu sprechen, ergäbe ein widersprüchliches Bild. Im Grunde bilden „Weltengänger“ und „Weltenträumer“ einen gewaltigen und sehr umfangreichen Roman. Dabei streckt Lukianenko insbesondere im vorliegenden zweiten Teil seines Epos die Handlung bis zum Äußeren. Da Kirill sowohl als Ich- Erzähler auch als einzige Identifikationsfigur dem Leser gegenüber fungiert, nutzt Lukianenko diese Stellung auch waidlich ist. Seine eigene Flucht, seine zerbröselnde Welt kommentiert Kirill oft sehr selbstironisch bis zynisch. Lukianenko missbraucht aber die Stellung seines Charakters, um mit den gekonnten Seitenhieben nicht die Handlung voranzutreiben, sondern vor allem seine Mitmenschen und ihr Lemmingverhalten im immer gesichtsloser werdenden Russland zu kritisieren. Dabei überschreitet der Autor die selbst gesetzten Regeln. Lukianenko verkauft eben seine Bücher sehr viel besser im Ausland als nur in Russland. Da nützen dann entsprechende Hinweise auf das eingeforderte russische Erbe wenig. Wobei sich der Autor auch nicht im Klaren ist, was wirklich Russland ist. Der jetzige Staat, die Förderation in den Grenzen vor 1990 oder der Nachfolger des Zarenreichs ? Weiterhin zitiert Lukianenko sehr viele westliche Filme und Bücher. Immer wieder verweist Kirill auf Harry Potter ähnliche Situationen oder zitiert „Matrix“ sowie „Star Wars“. Das wirkt auf der einen Seite unterhaltsam, belustigend, auf der anderen Seite allerdings auch kontraproduktiv. Zu den surrealistischen Höhepunkten des Romans gehört eine Unterhaltung zwischen einem Roboter und Kirill. Hier erreicht Lukianenko das Niveau eines Douglas Adams. Aber auch diese großartig geschriebene Szene wirkt weniger vom Russen eigenständig entwickelt sondern eher wie eine Hommage an Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ Serie oder John Carpenters „Dark Star“. Auch sein offensichtliches Alter Ego – der Science Fiction und Fantasy Schriftsteller Melnikow – hat wieder einen dieses Mal allerdings reduzierten Auftritt. Das Zitieren insbesondere aus westlichen und seltener russischen Werken geht über eine Hommage hinaus. Es ist erstaunlich, dass Kirill keine Welt gefunden hat, in welcher Tolstois Mammutwerk „Krieg und Frieden“ anders abgelaufen ist. Der Leser begegnet auch weder Gogol noch Dostojewski und ihren Arbeiten. In Bezug auf die Phantastik hätte auch eine Würdigung Stanislaw Lems oder Tarkowskis sehr gut gepasst. Aber diese Szenen wirken nicht in die Handlung integriert und erinnern an Zitate um des Zitieren Willens. Weiterhin holt Kirill oft sehr weit aus, um dem unbedarften Leser auch den Hintergrund der entsprechenden Würdigungen zu erläutern. Hier fehlt Lukianenko als Initiator der Mut, diese Szenen einfach in die Handlung zu integrieren, und es dem Leser zu überlassen, ob der Roman mit oder ohne das entsprechende Hintergrundwissen genießt.

Viele seiner Schwenks sind einfach ermĂĽdend, die Aneinanderreihung von Klischees funktioniert im vorliegenden Buch nicht sonderlich ĂĽberzeugend.
So ereifert sich der Autor über das Verschwinden des Samowars und der Tee- Tradition. Er vergleicht den Ausverkauf des Samowars an Tourristen mit Schottland, wo eben nur die Urlauber gerne Kilts tragen und diese massenhaft aufkaufen, während schottische Männer die Hose bevorzugen. Natürlich steckt in seiner Kritik auch sehr viel wahres, aber in dem er die gängigen überzogenen Klischees ausnutzt, negiert er seine pointierten Botschaften. Und schindet Lukianenko für eine Tasse Tee mehrere Seiten. Eher verzweifelt als überzeugend versucht er seine Leser davon abzulenken, dass er in diesem zweiten Teil der Geschichte im Grunde nichts Neues mehr zu erzählen hat. Die abschließende Konfrontation zwischen Kirill und seinem Antagonisten hätte auch sehr gut am Ende des „Weltengänger“ stehen können. Wahrscheinlich wäre die Szene am Ende des ersten Buches aufrüttelnder, effektiver gewesen. Bis dahin schleppt sich der Protagonist durch diverse Welten. Lukianenko gelingt es wie in „Spektrum“ – seinem bisher besten Roman -, diese verschiedenen Erden sehr überzeugend, sehr farbenfroh und vor allem dreidimensional zu beschreiben. Erst als er auf die jeweiligen Funktionale zurückgreift, reißt er die Leser aus diesen phantasievollen Welten in einer eher durchschnittlich beschriebene Wirklichkeit. Weiterhin gibt es keine Hintergrundinformationen zu der Entstehung der jeweiligen Erden. Lukianenko versucht sich zwar an einigen Schnittstellen der Geschichte. Diese wirken aber gezwungen als wirklich gut durchdacht. Warum immer Caesar? Insbesondere die Eiswelt, welche kaum in der Lage ist, die wenigen dorthin ausgewanderten Menschen zu ernähren, hätte in Hinblick auf ihre Entstehung umfangreicher beschrieben werden müssen. Die Einflüsse von Literatur, Kirche und Politik auf die Hintergründe der jeweiligen Welten sind interessanten Gedankenmodelle, durch welche der Autor fast beschämt eilt, um mit dem nächsten sehr umfangreichen, aber handlungstechnisch unnötigen Dialog zu beginnen.

Dieser starke Bruch zu seinen anderen Büchern und sogar zum ersten sehr viel lesenswerteren Teil der Serie liegt aber auch im Aufbau seines Protagonisten. Kirill entwickelt sich als Figur nicht weiter. Obwohl seine Funktion zerstört worden ist, verfügt er zumindest im Unterbewusstsein natürlich noch über einzigartige Kräfte und ein Wissen, das ansonsten nur Auserwählten zur Verfügung steht. Damit rückt Lukianenko seinen Protagonisten gefährlich Nahe in die Messias- Rolle der „Matrix“ Filme. Im Gegensatz allerdings zu Keanu Reeves will Kirill weder der Messias noch Held sein. Im Grunde formen diese grotesken Abenteuer seinen Charakter und machen ihm klar, dass sein bis zum Einsetzen der Handlung im Grunde unauffälliges, gewöhnliches Leben auch seine Reize gehabt hat. In diesem Punkt wird „Weltenträumer“ zu einer Art Entwicklungsgeschichte. Weiterhin begeht der Autor nicht den Fehler, Kirill seine überdurchschnittlichen Kräfte wirklich einsetzen zu lassen. Er weiß, dass er über sie verfügt, wie die tragischen Marvel Comichelden kann er sie weder kontrollieren noch wirklich steuern. Dieses ambivalente Element spielt Lukianenko inzwischen sehr routiniert aus. So bleibt der Spannungsbogen hoch, da der Held nicht unbesiegbar erscheint. Zu den Schwachpunkten des Buches gehört allerdings der finale Showdown. Lukianenko ist kein provozierender Autor, der seinem Protagonisten Böses tun will. Auch wenn Kirill im Verlaufe des Romans in erster Linie als Selbstverteidigung Funktionale getötet hat, ist es unglaubwürdig, dass er seinen ehemaligen Freund auch in einem direkten Duell töten würde. Stattdessen nutzt Lukianenko diese Zuspitzung des Plots, um die im Roman implizierte Botschaft noch einmal seinen Lesern deutlich zu machen.

Den eigentlichen Spannungsbogen opfert der Autor zu Gunsten umfangreicher und philosophischer Diskussionen sowie Monologe über Macht und Machtmissbrauch. Kirill klagt die Funktionale und ihre Aufseher an, den freien Willen der Menschen zu manipulieren und wie Schmarotzer in den jeweiligen Gesellschaften zu leben. Im übertragenen Sinne setzt der Autor die Hierarchie der Funktionale und ihre Struktur mit einer politischen Diktatur gleich, welche ihre Bürger manipuliert und verführt. Trotz aller pointier und teilweise sehr zutreffender Kritik kann sich Lukianenko nicht entschließen, Alternativen anzubieten. Der Rückzug des mit mächtigen Fähigkeiten ausgestatteten Kirills hinterlässt zumindest oberflächlich ein kleines Machtvakuum. Der Protagonist hat die Hoffnung, das sich die Funktionale wieder auf ihre eigentliche Bestimmung konzentrieren. Seinen eigenen Beitrag möchte der Protagonist aber nicht leisten. Es ist diese Ambivalenz, welche „Weltenträumer“ zu einem teilweise frustrierenden Lesevergnügen macht. Das Buch ist seicht, unterhaltsam und flüssig geschrieben. Es weißt sehr viele unnötige Längen auf. Sehr gute Szenen stehen verbalen Monologen gegenüber, welche den nicht unbedingt starken Handlungsfluss fast bis zum Abwürgen abbremsen. Als Ende dieser hoffnungsvoll mit „Weltengänger“ begonnenen Serie zeigt der Roman sehr eindeutig Lukianenkos Grenzen als Schriftsteller auf. Er hat die Phantasie, wundervoll fremdartige Welten zu erschaffen, ihm fehlt allerdings die literarische Schärfe, um zumindest im vorliegenden Band originelle Geschichten auf ihnen zu erzählen.


Sergej Lukianenko: "Weltenträumer"
Roman, Softcover, 596 Seiten
Heyne Verlag 2008

ISBN 9-7834-5352-4606

Weitere Bücher von Sergej Lukianenko:
 - Das Schlangenschwert
 - Der falsche Spiegel
 - Der Herr der Finsternis
 - Die Ritter der vierzig Inseln
 - Labyrinth der Spiegel
 - Spektrum
 - Sternenschatten
 - Sternenspiel
 - Trix Solier- ein Zauberlehrling voller Fehl und Tadel
 - Weltengänger
 - Wächter der Ewigkeit
 - Wächter der Nacht
 - Wächter des Morgen

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