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Robert Charles Wilson

Chronos

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Chronos“ legt der Heyne-Verlag allerdings ohne den entsprechenden Hinweis ein Frühwerk Robert Charles Wilsons aus dem Jahre 1991 wieder auf. Der Roman ist im Goldmann- Verlag unter dem Titel „Bis ans Ende aller Zeiten“ mit einem Titelbild, das unverfroren von Schwarzeneggers „Terminator“ Filmen abgekupfert worden ist, in den neunziger Jahren schon einmal veröffentlicht worden. Mit dieser graphischen Verunstaltung hat der Goldmann- Verlag diesem sensiblen Frühwerk Wilsons keinen Gefallen getan. Auch der Heyne- Verlag mit seiner Neuauflage versucht sich an den Erfolg des prämierten „Spin“ mit einem Ein-Wort-Titel und einer ähnlichem Titelbild heranzutasten. Einige Stärken von Spin“ mit seinen überzeugend gezeichneten Charakteren, aber ohne den auf einer einfachsten Idee basierenden und dann unglaublich diszipliniert und intelligent extrapolierten Plot, sind vorhanden. Trotzdem handelt es sich um einen Roman aus der Frühphase Wilsons, in welcher er noch nicht die Souveränität gefunden hat, welche kurze Zeit später „Darwinia“ und „Die Chronolithen“ kennzeichnen sollte. Für den Käufer wäre es fair gewesen, den Roman als frühe Arbeit und vor allem als Neuauflage zu kennzeichnen.

Wie andere Romane Wilsons ist die eigentliche Prämisse unauffällig aber unwahrscheinlich effektiv. Tom Winter hat sich von den Menschen zurückgezogen und lebt in einem kleinen bescheidenen Haus auf dem Lande in der Nähe des Pazifiks. Er ist in seine Heimat zurückgekehrt. Er ist ein Alkoholiker, der gerade gelernt hat, sich seiner Sucht zu stellen. Seine Ehe ist gescheitert. Die Wunden trägt er noch in sich. Unter diesen verhältnismäßig schwierigen Umständen findet er eine Zeitmaschine im Keller dieses kleinen Hauses. Anscheinend hat der frühere Besitzer das Haus fluchtartig verlassen und neben kleinen Robotern auch diese Maschine zurückgelassen. Winter reist ins Jahr 1962 nach Greenwich. Für ihn die einmalige Chance, sein Leben wirklich noch einmal von vorne zu beginnen und sowohl im übertragenen wie auch tatsächlichen Sinne alle Brücken hinter sich abzubrechen. Das Jahr 1962 ist eine Zeit, in welcher Frustration und Hoffnung sich noch in der Bevölkerung die Waage gehalten haben. Vor allem als Tom Winter feststellt, dass er nicht der einzige Zeitreisende in dieser Epoche ist. Zu den Stärken des Romans gehört die persönliche Entwicklung Winters von einem menschlichen Wrack, einem Mann, der in erster Linie sein persönliches Schicksal beweint zurück zu einer Persönlichkeit, die bereit ist, für die eigenen Ideale und die eigenen Ziele zu kämpfen. Diese Rückverwandlung beschreibt Wilson in einer Reihe von effektiven Szenen. Der Leser muss sich allerdings zunächst durch den etwas pathetischen Auftakt kämpfen. Wilson macht es seinem Charakter Winter nicht leicht, Sympathien zu gewinnen. Da sich der Autor ausschließlich auf ihn konzentriert, lässt sich kein Urteil über Schuld oder Unschuld fällen. Ganz bewusst versucht sich Wilson hier an einer Charakterstudie, in welcher er erst die Extreme formuliert, bevor er beginnt, seinen Protagonisten wieder moralisch aufzubauen. Mehr und mehr wird der Roman zu einer Würdigung des menschlichen Geistes und des Überlebenswillens eines Menschen. Die Zeitreise dient als eine Art MacGuffin. Durch die Zeitreise zurück in einer für Charakter und vor allem Leser greifbare Epoche versucht Wilson eine Brücke zwischen den oft rückblickend seltsamen Irrungen zu schlagen, die ein Leben nehmen kann und einem SF Sujet. An einigen Stellen seines Romans macht es sich Wilson einfach zu einfach. Die Idee, das man nicht in die Illusion eines Zuhauses einfach zurückkehren kann, sondern sich eine neue Heimstatt quasi „erkämpfen“ muss, ist erstens keine unbedingt richtige Botschaft und zweitens ein handlungstechnisches Element, das eine solide Basis erfordert. Da Tom Winter dem Leser erst am Ende eines schwierigen Lebensabschnitts heimatlos vorgestellt wird, fehlt hier ein wichtiger Bezugspunkt. Im Verlaufe des Buches wird „Chronos“ mehr und mehr zu einer Charakterstudie. Ganz bewusst verzichtet Wilson in diesem Teil des Buches auf jegliche SF Klischees und bemüht sich wie zum Beispiel auch in „Die Frau des Zeitreisenden“ einige Jahre nach Entstehung dieses Buches die Zeitreise ausschließlich als Katalysator, aber nicht als Bestandteil des Plots zu benutzen. Erstaunlich erwachsen ist die Liebesgeschichte. Es geht weniger um Sex oder Romantik, sondern in erster Linie um das eigene Leben. Die Romanze ist Bestandteil des Weges zurück in ein eigenes, normaleres Leben. Ganz bewusst stellt der Autor die Versuchung, das Leben anderer zu kopieren, und die schwierige Entscheidung, ein eigenes Leben trotz der Gefahr der Vereinsamung zu leben, gegenüber. Ab diesem Moment beginnen Wilsons Charaktere zu leben und der vorliegende Roman lässt erahnen, zu welchen Taten er einige Jahre später in „Spin“ fähig sein wird. Er hat schwierige, dreidimensionale, erstaunlich leidenschaftliche und doch ängstliche Figuren erschaffen. Der Autor gibt ihnen über weite Strecken des Buches eine solide, eine gut recherchierte und fundamental überzeugende Bühne.

Leider sind diese positiven Aspekte nur ein Teil dieses Buches. Um die Leser nicht mehr einer Charakterstudie zu schockieren, hat sich Wilson entschlossen, auch eine reine Spannungshandlung in den Roman zu integrieren. Und hier beginnt „A Bridge of Years“ an einen infantilen Terminator- Klon zu erinnern. Wilsons Killer aus der Zukunft ist ein Soldat, der dank verschiedener Operation genetisch verändert worden ist. Erst durch das Töten kann er sexuelle Erfüllung erlangen. Keine neue oder sonderlich innovative Idee. Unabhängig von dieser bekannten und stellenweise eher brachial umgesetzten Prämisse nimmt sich der Autor nicht die Zeit, diese Figur mit einem entsprechenden Hintergrund zu entwickeln. Vielleicht wäre dieser handlungstechnische Bruch noch verzeihbar gewesen, wenn der Autor eine solide Brücke zwischen den beiden konträren Szenarien geschlagen hätte. Wilson nimmt sich aber nicht den Raum, diesen Handlungsstrang wirklich überzeugend zu entwickeln. Diese Reise führt schließlich zurück in die Gegenwart und zum obligatorischen Showdown zwischen Winter und dem eiskalten Killer. So sehr sich der Autor auch bemüht, den „Terminator“ Klischees zu entkommen, so stark übersteigert er letzt endlich die finale Auseinandersetzung und nimmt insbesondere Tom Winter die Dreidimensionalität, die er über viele Seiten im gut geschriebenen Mittelteil aufgebaut hat. Die Verbindung zwischen den beiden Handlungsebenen ist stellenweise so fragil, dass der Leser unwillkürlich das Gefühl hat, als lese er zwei Novellen, die vom Autoren wie die Buchveröffentlichung gegen die eigene Überzeugung zusammengefasst worden sind. So stilistisch ansprechend insbesondere die 1962 spielenden Szenen sind, so trivial und vor allem absichtlich schnodderig geschrieben wirken die anderen Abschnitte. Auch in seinen Romanen „Darwinia“ und insbesondere „Bios“ hatte Wilson Probleme, die Plots für den Leser zufrieden stellend abzuschließen. Zwar ist der Showdown packend und durchaus spannend geschrieben worden und weiterhin wünscht sich der Leser ein gutes Ende, nachdem er Tom Winters Entwicklung im Verlaufe der Handlung verfolgt hat, aber rückblickend macht es sich Wilson viel zu einfach. Er greift auf Versatzstücke der Pulpunterhaltung zurück. Alleine aufgrund ihrer jeweiligen Fähigkeiten ein von Beginn an ungleiches Duell. Zumindest gelingt es dem Autor, sowohl den Killer aus der Zukunft als auch die Leser an einigen Stellen zu überraschen. Die zweite Handlungsebene ist zusammenfassend allerdings deutlich schwächer und klischeehafter. Insgesamt ist „Chronos“ ein nicht immer befriedigendes Lesevergnügen. Auf gute und vor allem mit viel Wärme erzählte Passagen folgen scharfe Brüche in Form unnötiger und teilweise zu exzessiver Ausbrüche von Gewalt. Die Einblicke in die Zukunft der Menschheit mit ihrem Bürgerkrieg erinnern zu sehr an „Terminator“, dagegen ist das Jahr 1962 überzeugend und dreidimensional beschrieben worden. Zusammenfassend ein stilistisch ansprechender Roman mit einer Reihe von Stärken, aber auch unübersehbaren Schwächen. In erster Linie für Robert Charles Wilson komplett Leser.

Robert Charles Wilson: "Chronos"
Roman, Softcover, 410 Seiten
Heyne 2008

ISBN 9-7834-5352-4484

Weitere Bücher von Robert Charles Wilson:
 - Axis
 - Quarantäne
 - Spin

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