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Science Fiction (diverse)



Peter Watts

Abgrund

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Peter Watts “Abgrund” legt der Heyne- Verlag nicht nur den ersten Band einer Trilogie stillschweigend vor, sondern vor allem veröffentlicht der Verlag zum wiederholten Male die Werke einzelner Autoren ganz bewusst entgegen der chronologischen Reihenfolge ihres Entstehens. Dabei wird wie zum Beispiel bei Robert Charles Wilson der Eindruck erweckt, als handele es sich um den neusten Roman eines Preis gekrönten Autoren, während es in Wirklichkeit ein Frühwerk ist. Nichts gegen frühe Arbeiten, ab dem deutschen Leser wird die Möglichkeit genommen, die Entwicklung eines Autoren und seines Werkes chronologisch zu verfolgen und insbesondere bei Robert Charles Wilson und Peter Watts ist die teilweise verblüffend steile Entwicklung ihrer literarischen Fähigkeiten und ihre kontinuierliche Neuinterpretation schon einmal behandelter Themen reizvoll. Wie Peter Watts in seinem kurzen Nachwort ausführt, basiert der vorliegende Roman “Starfish” - der deutsche Titel ist in mehrfacher Hinsicht pointierter und passender - auf einer Kurzgeschichte, welche Watts zu dem vorliegenden Roman erweitert hat. Diese Episodenartige Struktur überdeckt der Autor durch verschiedene in sich isolierte Handlungsorte und unterschiedliche Teams, welche sich zu den auf den ersten Blick fast selbstmörderisch erscheinenden Missionen auf dem Meeresgrund mehr oder minder freiwillig bereit finden. Weiterhin geht Peter Watts auf die technischen Möglichkeiten der Unterwasserforschung ein. Bevor er sich fast ausschließlich der Schriftstellerei gewidmet hat, arbeitete Peter Watts zehn Jahre als Meeresbiologe, der sich gefährdeten Säugetieren widmete. Diese technische Expertise fließt nahtlos in die klaustrophobische Atmosphäre ein, welcher er hier in der Tradition von James Camerrons “Abyss” entwickelt. Vor allem ein Vergleich seiner technischen Quellen mit der Umsetzung im Roman enthüllt eine Reihe von interessanten Aspekten und zeigt, wie weit insbesondere auch die Unterseeforschung trotz oder gerade wegen der begrenzten Mittel außerhalb der militärischen bzw.Erdölfördenden Technik vorangeschritten sind. Obwohl sein Roman im Jahre 2050 spielt, scheint es auf den ersten Blick keinen Unterschied zwischen dem Heute und dem Morgen zu geben. Ein Konglomerat namens Grid Authority möchte die unterseeischen geothermen Aktivitäten in Energie umwandeln. Die Brüche auf dem Meeresgrund mit ihrer austretenden Lava versorgen aber eine Reihe von exotischen Tieren mit notwendiger Wärme und durch die Umwandlung in chemischen Prozessen auch mit Nahrung. Natürlich ist der Mensch begierig, nach dieser in Übermaß und vor allem “umsonst” vorhandenen Energie zu greifen. Dazu werden eine Reihe von Stationen auf dem Meeresgrund gebaut, die allerdings von Menschen betrieben werden müssen. Die Firma heuert einen Psychologen an, welcher die geeigneten Kandidaten finden soll. Mit einer perversen Logik ist Yves Scanlon der Meinung, dass nur “beschädigte”, kranke Persönlichkeiten das Jahr in der ewigen Dunkelheit und mit der ständigen Angst, von Tonnen von Wasser erdrückt zu werden, fertig werden können. Um seiner perversen Logik eine Spitze zu geben, kombiniert er die unterdrückten, die vergewaltigen und masochistischen Opfer Jahrelangen Missbrauch mit sadistisch veranlagten Tätern. Den Tätern wird der Aufenthalt auf dem Meeresgrund als Alternative zu einer Jahrelangen Strafe angeboten, die Opfer spüren in sich nach den Verbrechen an ihren Seelen und Körpern den Drang, sich von ihrer Umwelt zu verschließen. Und kein Ort könnte geeigneter sein als die Tiefsee. Die Kompanie bildet eine Handvoll von mehr oder minder Freiwilligen aus, ohne das sie die Vergangenheit ihrer zukünftigen Arbeitspartner kennen. Scanlon soll die einzelnen Gruppen zusammenstellen und so für einen reibungslosen Ablauf während des Unterwassereinsatzes sorgen. Der Leser erfährt diese einzelnen Fakten erst im Verlaufe des Romans. Zu Beginn lernt er die Spannungen zwischen zwei Teammitgliedern auf dem beengten Raum der Station kennen. Mit zynischen Vergnügen entlarvt Peter Watts das Szenario schließlich als Simulation und Trockenübung. Der Leser ahnt schon, welches Martyrium auf einige der waidwunden Menschen zu kommen wird. Der Autor Watts steht insbesondere den anonymen Großkonzerne mit Ablehnung gegenüber. Er sieht zwar die Notwendigkeit, den wachsenden Hunger der Menschen nach neuen Energiequellen zu bändigen, immer wieder weißt er zumindest im Mittelteil des Buches auch auf die diversen Gefahren hin. In diesen Passagen wirkt sein Roman trotz einer Reihe von Anklängen an die virtuellen Welten des Cyberpunks und ihre falschen Träume sehr aktuell. Leider bietet der Autor seinen Lesern auch keine Alternativen an. Natürlich stellt sich durch einen geheimnisvollen Laserstrahl heraus, dass die Motive des Konglomerats vielschichtiger und geheimnisvoller sind als es die Besatzungen der einzelnen Forschungsstationen überhaupt ahnen können. Die Auflösung dieser hier nur angedeuteten Entwicklungen nimmt Watts in den nächsten beiden Teilen seiner Serie vor. Dieses Hinausschieben hinterlässt insbesondere bei dem zu offenen und abrupten Ende ein Gefühl der Leser. Wie viele von Beginn an als Trilogie geplante Werke scheut sich Peter Watts, einen Handlungsbogen wirklich befriedigend abzuschließen. Unabhängig davon ist seine Handhabung der harten Wissenschaften im Kontext dieses Romans schon souverän und erinnert an einen jungen Ben Bova. Im Vergleich allerdings zu Bova überzeugt sein Roman auf der soziologischen und psychologischen Ebene sogar noch mehr. Scanlon weißt an verschiedenen Stellen des Buches darauf hin, dass es sich bei den Besatzungen schon um Außenseiter der menschlichen Gesellschaft handelt. Mit den notwendigen Operation isolieren sich die Charaktere noch mehr von einem “normalen” Leben. Es ist ihnen Möglichkeit, den Sauerstoff nicht nur der Luft zu entziehen, sondern vor allem auch dem Wasser. In ihrem Blut sind spezielle Enzyme, die es ihnen ermöglicht, auch in den Tiefen des Meeres zu agieren. Ihre Augen werden durch spezielle Kontaktlinsen geschützt, was insbesondere den Sadisten eine größere Anonymität ihrer Handlungen gewährt. Obwohl sie so weit wie möglich den extremen Verhältnissen der Station angepasst worden sind, zeigt Peter Watts auf, das jegliche Art von körperliche Veränderung keinen oder nur einen geringen Einfluss auf die Psyche, auf die Seele hat. Natürlich beginnen einige der gut gezeichneten Figuren schnell ihre Station und ihre Mitmenschen zu hassen. Einige Freiwillige werden von dem Konglomerat aus den Stationen entfernt. Der Leser kann sich ebenso wenig wie die Zurückgelassenen vorstellen, das sie jemals in die Gesellschaft wieder integriert werden. Andere sehen die Tiefen des Meeres mit ihrer atemberaubenden fremdartigen Schönheit als ihre neue Heimat an und verlassen die Stationen, um dort ein neues, wahrscheinlich trotz ihrer körperlichen Veränderungen kurzes Leben zu beginnen. Dieses Aussteigen beschreibt Peter Watts nicht nur überzeugend, sondern vor allem emotional überzeugen. So gelingen ihm für einen Erstling einige sehr eindrucksvolle, nachhaltige Sequenzen, die unterstreichen, dass sich Peter Watts sowohl mit der Technik als auch seinen gebrochenen Figuren sehr intensiv auseinandergesetzt hat. Mehr und mehr fokussiert er die Handlung auf die junge Frau Clarke - sicherlich kein Zufall, das sie den Nachnamen Arthur C. Clarkes trägt -, welche in jungen Jahren missbraucht worden ist. Sie zieht sich erst in die Station und später von dort in sich selbst zurück. Durch ihre Augen und ihre Handlungen zeigt Watts dem Leser eindrucksvoll und nachhaltig, das auf dem Meeresgrund jeder Fehler bestraft wird. Dabei drückt er eine klar erkennbare Dualität mit prägnant bescheidenen Bildern aus: einmal tötet das Meer, die Tiefe die Menschen, die zu schwach sind und zum anderen quälen sich die Besatzungsmitglieder mehr und mehr gegenseitig. Während die junge Clarke sehr nuanciert, dreidimensional und vor allem überzeugend gezeichnet worden ist, droht der Roman in Person Ken Lubins die Balance zu verlieren. Von Beginn an überzeichnet Peter Watts diese Figur. As er schließlich mit den zum Überleben in den Tiefen des Meeres notwendigen Chemikalien zu experimentieren beginnt, verwandelt er sich in eine bizarre “Kreatur”, deren menschliche Züge mehr und mehr verschwinden. Diese Umwandlung beschreibt Peter Watts solide und humorlos, sie wirkt allerdings im Kontext dieses Buches grotesk und teilweise überzeichnet. Watts fehlt auf dieser Handlungsebene das Einfühlungsvermögen, das Autoren wie Spier & Jeanne Robinson in ihrer “Stardancers” Trilogie oder Alastair Reynolds vor allem in seinen Novellen gezeigt haben. Trotz dieser Ambivalenz bei der Charakterzeichnung hat Peter Watts seinen Roman “Abgrund” als Wissenschaftsthriller konzipiert und von Autoren wie Michael Crichton die guten Seiten abgeschaut. Ihm gelingen eine Reihe von Szenen, in denen die Spannung förmlich greifbar ist. Vor allem überspannt er den Bogen weder in Richtung Horror/ Monster on the Run, noch lässt er sich von dem technischen Hintergrund zu sehr beeinflussen. Für einen Erstling hat Peter Watts das Ruder souverän in der Hand und steuert leider zu früh einen packenden Höhepunkt an. Viele Ideen - Menschen in extremen Situationen, das gegenseitige Mißtrauen, eine isolierte Atmosphäre - wird er in seinen folgenden Büchern und dem schon auf Deutsch vorliegenden Roman “Blindflug” intelligent extrapolieren, die Wurzeln lassen sich sehr gut in dem empfehlenswerten “Abgrund” klar und deutlich erkennen.

Peter Watts: "Abgrund"
Roman, Softcover, 494 Seiten
Heyne 2008

ISBN 9-7834-5352-4460

Weitere Bücher von Peter Watts:
 - Blindflug
 - Mahlstrom
 - Wellen

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