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rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Diktator“ – im Original poetischer und deutlich passender „Weaver“ betitelt – schließt Stephen Baxter mit dem vorliegenden vierten Band seine „Zeit- Odyssee“ Serie ab. Dabei ist sich der Brite durchaus der Wurzeln des Zeitreise bzw. Parallelgenres bewusst. So befindet sich in der umfangreichen Bibliothek seines Charakters Ernst Trojan de Camps Klassiker „Lest Darkness Fall“, sicherlich der Großvater der Parallelweltgeschichte. An einer anderen Stelle darf der Hinweis auf H.G. Wells Klassiker „Die Zeitmaschine“ ebenso wenig fehlen wie die Tatsache, dass sich Stephen Baxter zahlreiche Protagonisten durchaus bewusst sind, das irgendetwas in ihrer Zeitebene nicht zu stimmen scheint. In den ersten drei Bänden der Serie „Emperor“, „Conqueror“ und vor allem „Navigator“ hat Stephen Baxter auf den ersten Blick entweder eher unwichtige oder epochale historische Ereignisse in den Mittelpunkt seiner souverän recherchierten Romane gestellt. Das erste wirklich phantastische Element in „Emperor“ stellt eine ominöse Prophezeiung dar, die absichtlich der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nach empfunden worden ist. Und dieser Hinweis findet sich auf der letzten Seite des Buches, in dessen Mittelpunkt die Errichtung des Adrianwalls zwischen Schottland und England steht. Der zweite Roman setzt sich mit der Wiege der Christenheit auseinander, während „Navigator“ Columbus Reise eben nicht nach Westen beschreibt. Die Hinweise auf eine Manipulation der Zeit werden von Roman zu Roman deutlicher, ohne das der Leser irgendwelche mechanische Ursachen, sprich Zeitmaschinen in den einzelnen Büchern erkennen kann.
Gleich im ersten Kapitel von „Diktator“ beginnt der Brite bislang wohl gehütete Geheimnisse seiner Geschichte offen zulegen. Baxter geht davon aus, das die Zeit ein dicht gewebter Teppich ist. Sehr stabil und ihn seiner Struktur fließend. Um diesen Zeitteppich durcheinander zu bringen, müssen mittels umgekehrter Webtechnik einzelne Fäden aus dessen Struktur gelöst werden. Die nächsten Bahnen werden dadurch automatisch ein wenig anders liegen, sprich die historische Entwicklung ein wenig anders verlaufen. Das Zupfen an den Fasern hat der Leser in den ersten drei Bänden der Serie verfolgen können. Im ersten Roman eine kaum merkliche und eher aus dem Bereich der Mystik kommende Veränderung, mit jedem folgenden Band ist die Veränderung stärker. Bis der Leser Ben Kamen trifft. Einen österreichischen Juden und ein Protege des brillanten, aber exzentrischen Mathematikers Kurt Gödel, auf dessen Theorien dieser Zeitteppich basiert. Er ist aber nicht der einzige, der sich für die Struktur der Zeit interessiert. Sein Antagonist ist der SS Offizier Josef Trojan, der zusammen mit der attraktiven Spionin und Kollaborateurin Fiveash mehr oder minder direkt an diesem Projekt arbeitet. Der Schlüssel ist Ben Kamen, der mittels seiner Träume Botschaften und Hinweise in der Zeit zurückbewegen und entsprechend platzieren kann. Die Bewegung wird mittels eines auf mathematischen Formeln programmierten Webstuhls durchgeführt. Auf den letzten Seiten erläutert Baxter dank seiner Figuren die einzelnen Knotenpunkte in der Zeit, welcher der Leser in den ersten Büchern besucht hat. Dabei betrachtet der Autor diese Parallelwelt aus einer verzerrten Perspektive. Im Mittelpunkt von „Diktator“ steht nämlich die Invasion Englands durch die deutsche Wehrmacht im Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Wie Baxter in seinem Nachwort ausführlich erläutert, hat der Autor die in den Schubladen ruhenden Aufmarschpläne einfach extrapoliert. Er beschreibt nicht nur die Invasion Englands über den Kanal, sondern auch die Schreckensherrschaft der SS mit ihren Exempel sowie schließlich wenig überraschend den Widerstand und schließlich den Sieg der unbeugsamen Engländer in Zusammenarbeit mit den Amerikanern über die Deutschen. Die Zeit kehrt mit dem Beginn des Unternehmens Barbarossa langsam, aber spürbar in die uns bekannten Bahnen zurück. Die Wehrmacht ist einem Ansturm der gemeinsamen alliierten Truppen nicht mehr gewachsen, wird über den Kanal zurückgetrieben und die unserem Geschichtsverlauf entsprechende Invasion wird nach Abschluss von „Diktator“ beginnen. Die Blitzkriegsstrategien des Reichs basierten auf zu vielen Zufällen und litten schon von Beginn an unter der falschen Prämissen, das sich die Truppen vom Land versorgen und ihre Panzer in den verlassenen Tankstellen auftanken konnten. Im Gegensatz zu vielen Romanen, die einen Endsieg der Deutschen und die Folgen für die Welt beschreiben, greift Baxter nur auf einen einzelnen womöglich Kriegsentscheidenden Punkt in der Geschichte zurück: der Verzicht der Deutschen, die englische Armee vor Dünkirchen gefangen zu nehmen und auszuschalten. In seinem Nachwort erwähnt der Autor eine Reihe von Büchern, die sich ebenfalls mit diesem Szenario auseinandergesetzt haben. Baxter beschreibt die einzelnen Kämpfe aus unterschiedlichen Perspektiven von beiden Seiten der Front. Die geschilderten Auseinandersetzungen sind hart und brutal, ihnen fehlt allerdings die Intensität von Filmen wie „Saving Private Ryan“. Danach greift der Autor auf eine Handvoll von Charakteren zurück, die sich im Verlaufe des chaotischen Krieges und der Besetzung/ Befreiung Großbritanniens immer wieder finden und verlieren. Das wirkt rückblickend literarisch notwendig, um den Leser mit nicht vielen unterschiedlichen Figuren zu konfrontieren, plottechnisch aber teilweise arg konstruiert und unlogisch. Allerdings verzichtet Baxter auf das typische und hervorstechende Happy End und lässt sympathische Figuren entweder sterben, sie werden hingerichtet oder sie opfern sich für den „Endsieg“. In Hinblick auf die Atmosphäre und vor allem die Intensität sowie fiktive Realität gehört „Diktator“ zu den besten Stephen Baxter Romanen. Überzeugten schon die ersten Bücher der „Zeit- Verschwörung“ Serie durch ihre Authentizität, wirkt der vorliegende Roman teilweise beklemmend und einschüchternd. Zwar werden die meisten Greueltaten der SS zugeschrieben, aber zumindest in einer Szene gesteht Baxter ein, dass die Menschlichkeit auf beiden Seiten mit Füßen getreten worden ist.
Die größte Überraschung des vorliegenden Bandes ist die Intimität der Verschwörung. Die Motive werden im vorliegenden Band klar herausgearbeitet. Die Deutschen in Person Josef Trogans möchten die Niederlage Harolds II gegen die eindringenden Normannen in Hastings 1066 aus den Geschichtsbüchern ausmerzen. Diese Schlacht hat Baxter im zweiten Band der Serie ausführlich beschrieben. Nach der Invasion Großbritanniens errichten die Deutschen ein monumentales Bauwerk, das ausgerechnet auf einem Schlachtfeld errichtet wird, auf dem gute zweitausend Jahre vorher die Römer Großbritannien erobert haben. Damit nimmt der Autor Bezug auf den ersten Band. Der Schlüssel, den Zeitteppich zu heilen, bezieht sich auf den dritten Roman der Serie. Erst im vorliegenden abschließenden Band kann der Leser erkennen, wie kompakt auf der einen Seite und komplex auf der anderen Seite Baxters Planung für die vorliegende Serie gewesen ist. Allerdings erwartet der Leser nach der Vorgeschichte deutlich mehr als den Konflikt zweier Individuen, die für ihre Ideologien streiten und mittels Hinweisen versuchen, möglichst für die Geschichte zu den eigenen Gunsten zu manipulieren. Ob eine derartig komplexe Planung wirklich nur von im Grunde einer Handvoll Menschen unter Anleitung zweier dominanter, aber nicht unbedingt charismatischer Persönlichkeiten ausgeführt werden kann, ist eine der offenen Fragen, auf die Stephen Baxter im Verlaufe des ansonsten sehr stringent geschriebenen Romans keine Antwort anbietet. Unabhängig von dieser potentiellen Schwäche ist „Dktator“ allerdings ein überzeugender Abschluss einer der besten Zyklen in Stephen Baxters langer und erfolgreicher Karriere.
Eher eindimensional und alle Klischees mitnehmen sind die einzelnen Figuren gezeichnet. Unabhängig von den Zufällen, unter denen sie sich nicht nur immer wieder finden und vor allem wichtige Informationen wie bei einem komplexen Puzzle freiwillig oder unfreiwillig ineinander fügen, hat der Autor viele Figuren eher eindimensional, wenn auch nicht unsympathisch beschrieben. Die unfreiwillige Hure mit dem Herzen aus Gold. Der deutsche Landser, der bei einer englischen Familie Unterkunft findet und ihnen schließlich nicht gänzlich erfolgreich in einer schweren Stunde hilft. Sein Bruder, Mitglied der Waffen SS und ein Vorzeigenazi. Die Spionin, drall, blond, ohne Gefühle und mit eiskaltem Blick, die mit jedem um des Erfolgs Willen schläft. Alles Charaktere, die Baxter erfolgreich über sein Schachspiel des Schicksals bewegt, die aber rückblickend nur wenig Eigenleben entwickeln und stellenweise nicht komplex genug wirken. Vor allem die Nebenfiguren erinnern an die Kriegsfilme wie „The Great Escape“ mit Steve McQueen oder an die Kriegsfilme mit dem großartigen David Niven.
Unabhängig von dieser kleinen Schwächen und der etwas zu einfachen Lösung eines sehr komplexen Zeitreiserätsels ist „Diktator“ ein souveräner Abschluss einer interessanten und nach einem eher phlegmatischen, wenn auch historisch faszinierenden Auftakt stetig von Roman zu Roman besser werdenden Serie. Bedenkt der Leser außerdem, dass Stephen Baxter in diesem Jahr zumindest in England noch die mit Arthur C. Clarke begonnene Zeitodyssee Serie abgeschlossen und einen interessanten, für ein jugendliches Publikum geschriebenen Alternativweltroman geschrieben hat, ist die Qualität des vorliegenden Bandes noch höher zu bewerten. Anscheinend hat Stephen Baxter in der Komplexität der Zeit nach seinen Evolutionsromanen nicht nur ein neues Betätigungsfeld gefunden, sein Werk ist packender und vor allem zugänglicher geworden.
Stephen Baxter: "Diktator"
Roman, Softcover, 605 Seiten
Heyne- Verlag 2008
ISBN 9-7834-5352-4262
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