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Science Fiction (diverse)



Kage Baker

ZeitstĂĽrme 3:
Die Schatten des Krieges

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Die Schatten des Krieges“ legt der Heyne- Verlag den dritten der insgesamt acht Romane umfassenden „Zeitstürme“ Saga der amerikanischen Autorin Kage Baker vor. Der Originaltitel „Mendoza in Hollywood“ fasst die Handlung vielleicht sogar noch treffender, aber auf jeden Fall ironischer zusammen. Dabei hält sich die Protagonistin des ersten Bandes „In the Garden of Iden“ Mendoza nur räumlich in Hollywood auf, zeitlich noch vor der Gründung der Traumfabrik. Die Geschichte spielt in den Jahren um 1860. Wie auch bei den vorangegangenen Bänden geht Kage Baker kurz auf ihre ungewöhnlichen Konzepte der Unsterblichkeit und der Zeitreise ein. Insbesondere für Neuleser sind diese einführenden Worte elementar. Aber auch wer sich schon mit den ersten beiden Romanen dieser Serie auseinandergesetzt hat, wird einige Hinweis entdecken, welche in Bezug auf den sehr spät einsetzenden Hauptplot des Buches sehr wichtig sind. Mendoza ist nach ihrer gescheiterten ersten Mission auf einen sehr ruhigen Außenposten versetzt worden. Hier soll sie in Kaliforniens Weiten seltene Pflanzen kultivieren und für ihren Arbeitgeber, die scheinbar allmächtige Dr. Zeus Cooporation archivieren. Ihr Posten ist eine Postkutschenstation. Zu ihren Mitstreitern gehört unter anderem der Leiter Porfirio, der sich immer wieder Sorgen ums Budget macht und später offenbart, das er sich um seine menschliche Familie heimlich gekümmert hat, der Tierpfleger Juan Bautista, für den die seltenen Vögel, die er fängt, Freunde und nicht Studienobjekte sind sowie Irmata, die nicht nur Geschichten ihrer Studienobjekte sammelt, sondern als Prostituierte das Budget der Station aufbessert. Oscar ist der Filmbesessene, der immer wieder in den Vor Hollywood Zeiten Filmabende mit Meisterwerken einer noch entstehenden Kultur organisiert. Danach gehen die Mitglieder der Teams hinaus und wandeln auf den Straßen, die einmal fünfzig bis sechzig Jahre später berühmt werden. Gleich zu Beginn des Romans baut Kage Baker eine Rahmenhandlung auf, aus welcher der Leser entnehmen kann, das erstens etwas sehr Wichtiges und Unvorgesehenes passiert und zweitens Mendoza diese Ereignisse überleben wird. Auf der einen Seite nimmt sich die Autorin mit diesem literarischen Trick einiges an Spannung, auf der anderen Seite versucht sie in ihrem humorvoll, aber sehr ruhig aufgebauten Buch das Interesse der Leser durch die eingestreuten Bemerkungen hochzuhalten. Der Leser weiß aus den vorangegangenen Romanen schon, dass Mendozas Arbeitgeber nicht nur humanitäre Ziele vertritt, sondern ein starkes Interesse am Geldverdienen hat. Diesen Gedanken spinnt die Erzählerin vor ihren Lesern weiter. Zunächst dominiert allerdings das Einleben die Handlung des Buches. Mit sehr viel Humor beschreibt Kage Baker die teilweise ein wenig exzentrischen Charaktere, die sich in ihrer Postkutschenstation einleben und ihren auf den ersten Blick scheinbar sinnlosen Aufgaben nachgehen. Während die Prostituierte Irmata noch eher eindimensional, wenn auch sympathisch charakterisiert worden ist, erinnert der enthusiastische Juan Bautista an ein männliches Gegenstück zu Mendoza, welche der Leser bei ihrem ersten Auftrag in „In the Garden of Iden“ kennen lernen konnte. Es ist auch kein Wunder, das Kage Baker sich mit dieser plottechnisch eher unwichtigen Figur sehr viel Zeit nimmt. Wer seinen Raubvogel „Erich von Strohheim“ nennt, muss eine interessante Persönlichkeit sein. Zu den besten frühen Abschnitten dieses Buches zählen die zahlreichen Anspielungen auf Hollywood. Dabei offenbart Kage Baker ein fundiertes Wissen vor allem über die bekannten, aber gescheiterten Heroen des Stummfilms. Am ersten Filmabend wird die neun Stunden Fassung von Stroheims Meisterwerk „Greed“ aufgeführt, die längste restaurierte Version ist bislang 239 Minuten lang. In anderen Szenen finden sich unzählige Anspielungen auf John Barrymore, einen begnadeten Schauspieler, der sich schließlich wie viele andere zu Tode getrunken hat. An einem anderen Abend folgen Charlie Chaplin und Fatty Airbuckle Kurzfilme, durch deren Anschauen Mendoza wieder die Vergänglichkeit alles Menschlichen im Vergleich zur eigenen Unsterblichkeit vorgeführt wird. Zu den Höhepunkten dieses Subplots gehört sicherlich die Vorstellung von Griffiths „Intolerance“, den Kage Baker nicht nur sehr ausführlich zusammenfasst. Der Streifen wird ironisch pointiert von den Charakteren kommentiert. Der Leser muss sich dabei vor Augen halten, das dieses kleine, aber sehr ausgewählte Publikum in den Zeiten gelebt hat, die Griffith in seinem Epos darstellt. Es ist die letzte Szene, in welcher Baker das Gefühl aufrechterhält, das die Figuren in einer Oase der bewegten Geschichte leben. Mehr und mehr arbeitet die Autorin dank ihrer gut beschriebenen Figuren heraus, dass die menschliche Geschichte nicht immer zum Guten voranschreitet, dass Stillstand aber Rückschritt bedeutet. Obwohl insbesondere die Fiktion Hollywood noch nicht entstanden ist, zeichnet die Autorin das Bild eines Paradieses, das vor seiner Geburt schon verloren ist. Diese melancholische Note überdeckt eine Reihe von Längen insbesondere in der ersten Hälfte des Romans. Hier nähert sich Kage Baker den sentimentalen, aber packenden Zeitreiseromanen Jack Finneys, die unter dem Titel „Zeitspuren“ gerade ebenfalls im Heyne Verlag neu aufgelegt worden sind, an. Insbesondere Mendoza verkörpert eine ideologische Bewegung, die in der Zukunft keine Herausforderung sieht – obwohl sie persönlich von den Entwicklungen wie Unsterblichkeit profitiert -, sondern das Verlorene betrauert. Ihr persönlicher Enthusiasmus – siehe „In the Garden of Iden“ – ist gänzlich verschwunden und diese persönlichen Gefühle geben dem vorliegenden dritten Band eine ungewöhnliche Tiefe.

Deutlicher pointierter und im Rahmen des Gesamtkontexts durchaus kritisch zu würdigen ist eine auf den ersten Blick vernachlässigbare Nebenhandlung. Der Stationsmitarbeiter Oscar verdingt sich als fliegender Händler, der alle möglichen Dinge, aber vor allem eine Art primitiven Kühlschrank verkaufen will. Nur haben die meisten Menschen nicht das Geld, seine Waren zu kaufen. Mendoza beobachtet, wie geschickt Oscar eine Nachfrage für ein eher unnötiges Produkt aus dem Nichts heraus forciert. Dabei verändert der Zeitreisende sehr viel. In den einfachen Menschen wird das Verlangen nach anderen Dingen, nach Wertgegenständen geweckt, die sie nicht innerhalb ihres auf Tauschhandel und gegenseitiger Nachbarschaftshilfe basierenden Systems generieren können. Wie Mendoza zumindest dem Leser, aber nicht ihren Kollegen anvertraut, wird hier die Wurzel für die stetig sich weitende Kluft zwischen Armen und Reichen, die Urbanisierung und später die Umweltverschmutzung gelegt. Vielleicht etwas weit hergeholt, das Oscar nicht das Rad neu erfindet, sondern seine Erfahrungen aus dem alten Europa in die Neue Welt überträgt, aber Kage Bakers Kritik ist unüberhörbar. Da sie diese Szenen mit Augenblicken des Triumphs und der Tragik würzt, mildert sie ihre Botschaft ein klein wenig ab, aber nicht viel. Das diese Figur ausgerechnet nach einem der berühmtesten Filmpreise benannt worden ist, dürfte kein Zufall sein.

Ihre Protagonisten sind nicht direkt vom 1860 ausbrechenden Bürgerkrieg betroffen, aber insbesondere Mendoza weiß, dass der Bruderkrieg das Gesicht der Nation noch einmal verändern wird. Es kommt dem Plot sehr zu Gute, das Kage Baker auf eine direkte Beschreibung des Krieges – dieser steht bei vielen Alternativweltgeschichten wie „Der große Süden“ von Ward Moore im Mittelpunkt der Handlung – verzichtet hat. Im Verlauf der zweiten Hälfte des Buches begegnet Mendoza einem Ebenbild ihres Liebhabers aus dem ersten Band, der sich als britischer Geheimagent – die Assoziation zu James Bond trifft nicht unbedingt den Kern, hier wäre ein Hinweis auf die populäre Fernsehserie „The Wild Wild West“ treffender gewesen – entpuppt. Dieser sucht ein auf einer abgeschiedenen Insel verstecktes Geheimnis, das insbesondere Medozas Arbeitgeber betreffen könnte. Die zweite Hälfte des Buches wirkt impliziert wie ein Kompromiss zwischen Autoren und Verlag. Während Kage Baker den Roman in dem ruhigen, aber sehr emotionalen Stil mit einer differenzierten und überzeugenden Charakterstudie hätte beenden könnte, sucht der TOR Verlag eher handfesten Stoff für seine Leser. Die Autorin weigert sich, ihren Lesern und Mendoza die entsprechenden Antworten zu geben. Beide wissen, dass auf der abgeschiedenen Insel wichtige Informationen versteckt gewesen sind oder noch dort liegen, der Rest bleibt aber das Geheimnis der Autorin, welche den Vorhang wahrscheinlich erst in einem der folgenden Bände heben wird. Diese Vorgehensweise hinterlässt handlungstechnisch einen nicht unbedingt befriedigenden Eindruck, die lange gute Exposition löst sich förmlich in der Luft auf. Dabei gehören die der geheimnisvollen Company kritisch entgegengebrachten Passagen in allen drei Romanen zu den besten Teilen der jeweiligen Bücher. Im Vergleich zum zweiten Band „Sky Coyote“, in dem Mendoza nur eine allerdings wichtige Nebenrolle gespielt hat, gelingt es Kage Baker sehr viel besser, die Emotionen ihrer Protagonistin in einfache, aber effektive Worte zu fassen. Die fast surrealistische Kargheit der sie umgebenden Landschaften lässt ihre Gefühle deutlicher werden. Kage Baker arbeitet das Trauma, in dem sich Mendoza am Ende des ersten und den zweiten Roman durchgehend befunden hat, sehr gut auf, überrascht die Leser, in dem sie die Liebesgeschichte aus dem ersten Band ein wenig versetzt wieder aufnimmt und suggeriert den außen stehenden Betrachter, das sie am Schicksal zweier Menschen teilnehmen, die tragischerweise durch Raum und Zeit immer wieder getrennt werden. Dabei wirken die Gefühle ihrer Protagonisten niemals kitschig oder aufgesetzt. Die Balance zwischen einem interessanten Hintergrund, einem soliden, wenn auch nicht erdrückenden Plot sowie einer überzeugenden Liebesgeschichte ist in „Die Schatten des Krieges“ sehr stimmig. Nicht zuletzt aufgrund dieser Stimmigkeit ist es bislang der beste Roman der Serie.

Kage Baker: "ZeitstĂĽrme 3: Die Schatten des Krieges "
Roman, Softcover, 544 Seiten
Heyne- Verlag 2008

ISBN 9-7834-5352-4255

Weitere Bücher von Kage Baker:
 - Die Frauen von Nell Gwynne´s
 - The Empress of Mars
 - The Graveyard Game
 - The Life of the World to come
 - ZeitstĂĽrme 2- Die Ufer der Neuen Welt
 - ZeitstĂĽrme- Feuer der Inquisition

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