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rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Flash“ – im Original deutlich passender „Flash Forward“ genannt – legt der Heyne Verlag einen Roman des kanadischen Science Fiction Autoren Robert J. Sawyer vor. Für Sawyer selbst ist es der dritte Versuch, sich bei einem deutschen Verlag zu etablieren. Goldmann veröffentlichte seinen mit dem Nebula Award ausgezeichneten Roman „The Terminal Experiment“. Die kurzlebige Fest- SF Reihe folgte fast eine Dekade später mit „Hominids“, dem ersten Band der „Neanderthal Parallax“ Trilogie. Für diesen Roman ist er im Jahre 2003 mit dem HUGO Award ausgezeichnet worden. Von seinen bislang siebzehn Romanen ist weiterhin im Jahre 2006 „Mindscan“ mit dem John W. Campbell Award ausgezeichnet worden. Der 1960 in Ottawa geborene Sawyer ist ein klassischer Ideen Science Fiction Autor, dem es oft verblüffend gut gelingt, einfache Ideen auf einem überzeugend vorgetragenen wissenschaftlichen Fundament zu extrapolieren und dabei die menschlichen Komponenten nicht zu vernachlässigen.
Auch der 1999 entstandene „Flash Forward“ basiert auf einer faszinierend einfachen Idee. Eine ganze Welt erhält für knappe zwei Minuten die Chance, zwanzig Jahre in die Zukunft zu schauen und dort diese vernachlässigbare Zeitspanne zu leben. Jeder Mensch, der im Augenblick des das Ereignis auslösenden Experiments wach ist, sieht ein kleines Mosaiksteinchen dieser Zukunft. Entweder sich selbst als zwanzig Jahre reiferer Mensch, Bruchstücke der wirtschaftlichen und politischen Zukunft der Erde, Bahnbrechende Erfindungen, persönliche Schicksale. Was ist mit den Menschen, die keine Visionen haben? Leben sie in zwanzig Jahren nicht mehr? Oder haben sie nur den wichtigsten Augenblick der Menschheitsgeschichte verschlafen? Niemand war auf dieses Ereignis vorbereitet, es ist die tragische Folge eines Experiments. In der Gegenwart läuft das Leben mit teilweise verheerenden Konsequenzen weiter. Da das jeweilige Bewusstsein für zwei Minuten ausgeschaltet worden ist, stürzen Flugzeuge ab, werden Menschen von unkontrollierten Autos überfahren oder stürzen Treppen hinunter. Der Preis, einen Augenblick in die Zukunft zu sehen, ist hoch. Katalysator dieser nicht geplanten Zukunftsvision ist ein naturwissenschaftliches Experiment im Forschungszentrum CERN, tief unter den Alpen beherbergt. Dieses Ereignis haben die beiden Wissenschaftler Lloyd Simcoe und Theo Procopides bei ihren Experimenten mit subatomaren Partikeln ausgelöst. Für beide hat dieses unerwartete Ereignis sowohl privat als auch beruflich fatale Folgen. Beruflich müssen sie damit fertig werden, dass als Folge Tausende von Menschen in der Zeit des Stillstands um Leben gekommen sind, das der Schaden in Billionen zu beziffern ist und das Ergebnis so ambivalent ist, dass sie es selbst nicht einordnen können. Privat erfährt Simcoe, dass die Tochter seiner Lebensgefährtin Michiko durch einen tragischen Autounfall ums Leben gekommen ist und er in der Zukunft nicht mit seiner jetzigen großen Liebe alt werden wird. Für Theo Procopides ist die zukünftige Vision noch düsterer: er erfährt, dass er zwanzig Jahre ermordet worden ist.
Handelt es sich bei den Visionen um Blicke in eine unabänderliche Zukunft oder kann der Mensch sein Schicksal noch bestimmen? Auf sehr unterschiedliche Art und Weise versuchen die Menschen weltweit diese Frage praktisch oder theoretisch zu beantworten. Die verschiedenen nicht immer nur philosophischen Exkurse machen zum großen Teil den Reiz des Buches aus. Sawyer nutzt E-Mails, Nachrichten in verschiedenen Medien und natürlich zwischenmenschliche Kommunikation. Im Vergleich allerdings zu Sawyers anderen Romanen leidet „Flash Forward“ unter den eher eindimensional und zum Teil zu klischeehaft gezeichneten Protagonisten. Während Procopides durch seine zukünftige Ermordung im Grunde für weite Strecken des Romans gelähmt wird, beschäftigt sich Simcoe viel zu sehr damit, ob eine Ehe auf Zeit – das scheint die Vision zu implizieren – überhaupt die Mühe wert ist. Natürlich sind Wissenschaftler keine oberflächlichen Actionhelden, aber Sawyer gibt ihnen zu viel inneren Ballast mit auf den Weg. Die im Grunde interessante Handlung scheint teilweise still zu stehen. Auf der einen Seite versucht Sawyer seine Protagonisten als intelligente Forscher darzustellen, auf der anderen Seite agieren sie engstirnig. Es gibt mehr als eine Szene, in welcher der Leser sie am liebsten anschreien möchte. Leider übernimmt diese Aufgabe auch keine Figur im Roman. Während Simcoe emotional auf dem Niveau eines dickköpfigen Kindes beschrieben wird, lässt sich Procopides Mördersuche noch verstehen. Der Mensch, welcher seine Vision teilt, ist ein siebenjähriger Junge. In der Zukunft soll er den Mord an Procopides untersuchen. Zu den faszinierenden Ideen inklusiv einiger bösartiger Seitenhiebe auf Microsoft gehört das Mosaik, welches die Wissenschaftler im Internet von der zukünftigen Welt entstehen lassen. Viele Visionäre geben ihre knapp zwei Minuten der Zukunft bekannt und bis auf die paranoiden Politiker, welche Informationen über zukünftige Regierungen, geheime Waffenprojekte und Lottogewinner verheimlichen möchte, entsteht so eine auch zehn Jahre nach Entstehung des Buches lesenswerte und mögliche Vision unserer Zukunft. Leider baut Sawyer diesen Handlungsstrang nicht weiter aus. Als die Wissenschaftler auf eine tragische Weise erkennen, dass die Zukunft nicht in Stein gemeißelt ist, versuchen sie das Experiment zu wiederholen. Anstatt jetzt allerdings seine Figuren sich weiterentwickeln zu lassen, wirkt insbesondere Simcoe dickköpfig emotional stupide, während die geduldige Michiko dem Modellexemplar einer geduldigen asiatischen Schönheit mit klugen Köpfchen entspricht. Sie wartet devot jede Handlung ihres Lebensgefährten ab. Positiv gesprochen hat Robert J. Sawyer versucht, die Illusion des freien Willens dem vorbestimmten Schicksal gegenüberzustellen. Die Prämissen, welche die jeweiligen Gedankenmodelle unterstützen oder verwerfen sollen, sind gut gewählt, nur die Extrapolation ist nicht immer stimmig. Für Simcoe ist diese Prämisse nicht nur um privaten Bereich wichtig, sondern vor allem in Hinblick auf seine Entscheidungsmöglichkeiten als Wissenschaftler: in einem vorherbestimmten Universum braucht Simcoe nicht die Verantwortung für die vielen Tode und die Zerstörungen durch sein Experiment übernehmen, existiert ein freier Wille, dann muss er sich der Verantwortung stellen. Irgendwann im Verlauf des Buches legen sowohl Autor als auch Protagonist diese Idee gänzlich zur Seite, denn die folgenden Erkenntnisse hätten Spuren in Simcoes Gewissen hinterlassen müssen. Um seine Figur nicht gänzlich unter Schuldgefühlen zusammenbrechen zu lassen, konzentriert sich Sawyer im letzten Drittel auf Simcoes Privatleben. Procopides leidet unter dem Schock, zwanzig Jahre in der Zukunft nicht mehr zu leben. Dann kommt die Erkenntnis, dass er ermordet worden ist. Er will mehr über die Hintergründe erfahren, ob er eine Familie hinterlässt und warum er ermordet worden ist. Er ist wie Simcoe der Ansicht, die Zukunft lässt sich nicht verändern. Als er wie sein Kollege eines Besseren belehrt wird, muss Sawyer aus plottechnischen Schwächen heraus ein wenig tricksen und seinen Protagonisten zu der schicksalhaften Stunden natürlich an den Ort der Tat bugsieren. Diese Prämissen wirken im Gesamtkontext allerdings unglaubwürdig und zu offensichtlich konstruiert. Immerhin hat Sawyer festgestellt, dass es einen freien Willen gibt. Er bemüht aber wieder das vorbestimmte Schicksal und komprimiert seine grundlegende Idee vor den gängigen Erwartungen der Leser.
Um die zwanzig Jahre zwischen dem Experiment und dem Showdown zu überbrücken, nutzt Sawyer eine klassische literarische Vorgehensweise: den Zeitraffer. Damit nimmt er seinem insbesondere auf der wissenschaftlichen Ebene faszinierenden und intelligenten Text den Handlungsfluss. Der Leser ahnt deutlich vor Procopides, das er sich an dem ominösen Tag seinem Schicksal stellen muss. Diese folgenden Ereignisse beschreibt Robert J. Sawyer mit der Effektivität und leider oberflächlichen Spannung eines frühen Michael Crichton Thrillers. Stringent, packend und doch bei näherer Betrachtung mechanisch und nicht immer logisch. Wer Chrichtons „The Andromeda Strain“ schätzt, wird die letzten Kapitel von „Flash Forward“ lieben.
Was „Flash“ allerdings zu einem trotz der angesprochenen Schwächen unterhaltsamen Buch macht ist Sawyers sehr gut verständlicher wahrscheinlich fiktiv wissenschaftlicher Ansatz. Ihm gelingt es, Quanten Theorien fassbarer zu machen und auf dieser Prämisse eine interessante Idee aufzubauen, die er phasenweise brillant, dann wieder zu unentschlossen extrapoliert. „Flash“ ist unterhaltsamer Roman, aber routiniert und kompakt geschrieben. Das menschliche Element wird teilweise unnötig und den Plot schädigend vernachlässigt bzw. unglaubwürdig dargestellt. In vielen seiner anderen Romane machen vor allem seine bodenständigen und überzeugenden Protagonisten in einer immer technischer werdenden Welt seine ideenreichen Plots so zugänglich.
Robert J. Sawyer : "Flash"
Roman, Softcover, 432 Seiten
Heyne- Verlag 2008
ISBN 9-7834-5352-3708
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