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Science Fiction (diverse)



Robert Charles Wilson

Axis

rezensiert von Thomas Harbach

“Spin” gehörte zu den innovativsten Science Fiction Romanen der letzten Zeit und wurde nicht umsonst mit dem HUGO ausgezeichnet. Robert Charles Wilson gelang es nicht nur eine phantastische Idee ĂŒberzeugend darzulegen und vor allem gegen Ende des Buches den so notwendigen Sense of Wonder zu erzeugen, insbesondere seine Charaktere konnten durch ihre Verletzlichkeit und DreidimensionalitĂ€t ĂŒberzeugen. Mit “Axis” legt der Autor die obligatorische Fortsetzung vor. Wie so oft leiden die Fortsetzungen unter dem Drang, die Faszination des Originals zu wiederholen, mehr Informationen ĂŒber das entworfene Universum zu vermitteln und doch eine eigenstĂ€ndige Geschichte zu erzĂ€hlen. FĂŒr den Leser stellt sich die Notwendigkeit, ob “Spin” wirklich eine Fortsetzung benötigt. Auf den letzten Seiten wird das Geheimnis der Zeitbeschleunigung und der in einer Nacht verlöschenden Sterne aufgelöst, im indischen Ozean entsteht das Tor zu einer Parallelwelt, zu einem bewohnbaren Planeten, der fĂŒr die Menschheit eine neue Herausforderung darstellt. Mit dem Übergang zu dieser neuen Welt endet der Roman und ĂŒberlĂ€ĂŸt alles Weitere der Phantasie der Leser. “Axis” beginnt dreißig Jahre nach dem Ende von “Spin”. FĂŒr viele Erde in eine bessere Zukunft dar. Obwohl insbesondere die wirtschaftlichen Implikationen Menschen stellte die jungfrĂ€uliche Welt den Weg aus der immer diktatorischer werdenden spĂ€tkapitalistischen zu den Schwachpunkten “Spins” gehörten und Wilsen im Verlaufe des ersten Bandes keine ĂŒberzeugenden Theorien und ErklĂ€rungen liefern konnte, beginnt er die Fortsetzung auf einer deutlich pessimistischeren Note. NatĂŒrlich haben die kontrollierenden und unterdrĂŒckenden Organe der Erde auch die Parallelwelt ĂŒbernommen. Erde und ihre neue Schwesterwelt werden zu einer untrennbaren Einheit. Leider haben die Menschen nichts von der Ausbeutung der Erde gelernt und so beginnen sie nach einer Generation die gleichen Fehler wie auf der Erde zu machen. Diese Note impliziert Wilson mehr in der Fortsetzung als das er sie vernĂŒnftig mahnend herausarbeitet. Weiterhin hat die fremde Welt mit den wenigen, fast kargen Beschreibungen ihre Faszination fĂŒr den Leser verloren. Unbewusst erinnert die neue Welt an eine Art ĂŒberdimensionales Australien. Die Bewohner siedeln sich ĂŒberwiegend an den KĂŒsten an - der Übergang erfolgt ja auch vom indischen Ozean zu einem fremden Meer und das Landesinnere wirkt unwirtlich und lĂ€sst sich nicht kultivieren. Wilson argumentiert, dass es sich bei der ersten Parallelwelt um die bessere Alternative handelt, denn von ihr gehen die Tore weiter zu einem Methanplaneten, eine Idee, die im Verlaufe des Romans immer wieder aufgegriffen, aber niemals richtig behandelt wird. Hier droht wahrscheinlich noch ein dritter Teil. Es ist erstaunlich, wie schnell und durchgreifend Wilson in der Fortsetzung die Hoffnungen seiner Charaktere und die Erwartungen der Leser negiert. Schnell stellt sich die Frage, ob dieser immerhin Millionen von Jahre andauernden Evolutionsprozess außerhalb der im Spin gefangenen Erde wirklich sinnvoll gewesen ist und welchen Zielen er diente. Hier tappen die einzelnen Charaktere genauso im Dunkel wie der Leser und sehr konsequent - im Gegensatz zum vor Ideen ĂŒberschĂ€umenden ersten Teil hinterlĂ€sst die Vorgehensweise schnell ein GefĂŒhl der kommerziellen Leere - verweigert Wilson jegliche Antworten. Da er aber keine innovative Idee wie den “Spin” der eher langweiligen und gesetzten Handlung gegenĂŒberstellen kann, wirkt “Axis” phlegmatisch. Zumindest die Ergebnisse der ersten Expeditionen, diese Mischung aus ĂŒbersteigerter Erwartungshaltung und tief greifender EnttĂ€uschung, aus religiöser Hoffnung und wirtschaftlicher Katastrophe hĂ€tte Wilson dem Leser anbieten mĂŒssen.

Eine weitere EnttĂ€uschung sind die Charaktere des Buches. Wilson ĂŒbernimmt nur eine Figur aus dem ersten Buch und diese Charakter wird der Leser nur mit MĂŒhen wieder erkennen. NatĂŒrlich sind dreißig Jahre zwischen “Spin” und “Axis” vergangen, im Vergleich haben aber die Menschen im Grunde Millionen von Jahre in ihrem Stasisfeld der Hypothetischen gelebt. Mittels geschickter Perspektivverschiebungen hat Wilson es geschafft, selbst profane Ereignisse aufzublĂ€hen und dem Leser interessant zu vermitteln. “Axis” beginnt mit Lise, einer jungen Frau, die ihren vor zwölf Jahren verschwundenen Vater sucht. Dieser hat mit diversen Regierungsprojekten zu tun und schnell interessieren sich auch die allgegenwĂ€rtigen Geheimdienste fĂŒr sie. Sie trifft auf den Lebemann Turk, der auf der neuen Welt als im Grunde mittelloser Pilot von einem Schuldenberg zum nĂ€chsten flieht. NatĂŒrlich verlieben sich die beiden sehr unterschiedlichen Menschen ineinander und Turk scheint diverse Geheimnisse vor ihr zu haben. Auf ihrer Sucht ĂŒber den neuen Planeten treffen sie auf Menschen, welche die Nanotechnologie der Hypothetischen benutzen, um ihre eigene Lebensspanne zu verlĂ€ngern, sich selbst quasi ein viertes Quartal zu schenken. Immer mehr scheint Robert Charles Wilson die These herauszuarbeiten, dass Gott als Weltenschöpfer von den Hypothetischen ersetzt sein könnte und mit den illegal operierenden Menschen hat er eine religiöse und fanatische Sekte geschaffen, die mit den Überirdischen zu kommunizieren sucht. Alles Ideen, die weder neu noch innovativ sind. Das die menschlichen Regierungsorgane nicht unbedingt scharf sind, eine Gruppe genetisch verĂ€nderter neuer Menschen mit engen Kontakten zur Technik der Hypothetischen um sich zu haben, ist verstĂ€ndlich. Weitere Charaktere sind ein Junge, der als einziges Kind in einer der Siedlungen auf der neuen Welt aufwĂ€chst und eine alte Frau, die anscheinend - was technisch unmöglich wĂ€re - vom Mars stammt, der Welt, die wĂ€hrend des “Spins” von den Menschen besiedelt worden ist. Obwohl sich Wilson bemĂŒht, die einzelnen Charakteren individuelle ZĂŒge zu geben und sie dreidimensional zu beschreiben, fehlt seinen Figuren im Vergleich zum ersten Band eine gewisse WĂ€rme und Verletzlichkeit. Insbesondere Lise wirkt teilweise unwahrscheinlich naiv und eindimensional gezeichnet. Der Leser ahnt ihre nĂ€chsten Schritte im voraus. Am Ende des Buches fragt man sich unwillkĂŒrlich, welche Funktion Lise wirklich hat. Als Bindeglied durch die Suche nach ihrem verschwundenen Vater wird die Figur zu wenig ausgebaut und als potentielle Hauptperson eines dritten potentiellen Romans nimmt sie zu viel Raum ein. Im Vergleich bemĂŒht sich Wilson, dem Leser zumindest weitere Informationen - ob diese korrekt sind, steht auf einem anderen Blatt - ĂŒber die Hypothetischen zu geben. Aber je mehr Wilson enthĂŒllt, um so mehr demaskiert der Autor sie und das Mystische von “Spin” fĂ€llt immer mehr weg. Sie werden mehr und mehr zu einer weiteren die Nanotechnologie beherrschenden universellen Rasse mit einem Hilfskomplex fĂŒr unterentwickelte - sprich: die Menschheit - Völker und suchen ihnen einen Weg zu den Sternen. Grob zusammengefasst sind das alles Ideen, welche weder neu noch in der vorliegenden AusfĂŒhrung von “Axis” ĂŒberzeugend sind. Hier erkennt der Leser auch Robert Charles Wilsons grĂ¶ĂŸte SchwĂ€che, er ist kein Arthur C. Clarke, dessen WeltengebĂ€ude trotz seiner stilistischen EingeschrĂ€nktheit und seinen oft eindimensionalen Charakteren einfach strahlender und ĂŒberzeugender sind. Mit “Axis” spricht Robert Charles Wilsom im Grunde nur die Leser an, welche “Spin” genossen haben. Einem Neueinsteiger ist die Fortsetzung auf keinen Fall zu empfehlen. Im Vergleich zum auch allein stehenden “Spin” ist der Roman eine deutliche EnttĂ€uschung, das Buch ist mit seinen knapp vierhundert Seiten routiniert und kompakt geschrieben, aber es fehlt der innovative Auftakt, welcher “Spin” zu einer so einzigartigen und packenden Geschichte gemacht hat. Man darf nicht vergessen, dass “Spin” mit dem Verschwinden aller Sterne von der Erde aus beginnt. Ein derartig einfaches, aber ergreifendes Bild, welches der Leser wĂ€hrend der ganzen originellen Geschichte mit sich herumtrĂ€gt. Im vorliegenden Roman hofft man auf einen Ă€hnlichen Einfall, er findet leider nicht statt. So gehört “Axis” nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine Fortsetzung vom einmaligen “Spin” handelt, zu Wilsons schwĂ€cheren Arbeiten, eher mechanisch niedergeschrieben als von ganzen Herzem erzĂ€hlt. Nur aufgrund der Tatsache, dass der Leser ein wenig mehr ĂŒber die Hypothetischen erfĂ€hrt, ist das Buch sehr bedingt zu empfehlen.

Robert Charles Wilson: "Axis"
Roman, Softcover, 397 Seiten
Heyne Verlag 2008

ISBN 9-7834-5352-3357

Weitere Bücher von Robert Charles Wilson:
 - Chronos
 - Julian Comstock
 - QuarantĂ€ne
 - Spin
 - Vortex

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