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Science Fiction (diverse)



Neal Stephenson

Anathem

rezensiert von Thomas Harbach

Nach der nicht nur umfangtechnisch bahnbrechenden „Barock“ Trilogie legt Neal Stephenson mit „Anathem“ einen ebenfalls umfangreichen Science Fiction Roman vor, der insbesondere Genreanhängern auf den ersten Blick wie eine Mischung aus Ecos „Der Name der Rose“ sowie Millers exzellentem „Lobgesang auf Leibowitz“ mit einer Prise klassischer „First Contact“ Story in einer Welt vorkommt, die visuell ansprechende Regisseure wie Vincent Ward oder ein junger David Fincher – siehe „Alien 3“ – entworfen haben könnte. Der Leser darf sich darauf verlassen, das Philosoph Neal Stephenson sich aber nicht mit einer einfachen, geradlinigen Geschichte begnügt hat, sondern in seinem Epos im abstrakten und teilweise fast esoterischen Sinne mit der Menschheit als Ganzes eher hadernd ins Gericht geht.

Auf den ersten fast dreihundert Seiten ohne einen wirklichen Plot entwickelt der Autor mit Hilfe seines Ich- Erzählers – rückblickend das schwächste Element dieses zu komplexen Buches – seine Welt. Die Geschichte spielt auf dem Planeten „Arbre“, das Zeitalter ist das Jahr 3689 oder die Epoche nach der dritten Verheerung. Als Verheerung bezeichnet Stephenson anscheinend zumindest zweimal einen den ganzen Planeten umfassenden und mit Massenvernichtungswaffen eher unbekannter Definition ausgefochtenen Konflikt sowie als dritte Welle der Angriff der Barbaren auf die letzten Horde der Zivilisation. Zu Beginn der Handlung wird die auf den ersten Blick absurde, später aber sehr gut in die Handlung passende Gesellschaftsordnung beschrieben, in der Wissenschaftler in Klöstern wie Mönche inklusiv deren Mönchskutten leben. Abschieden vom weltlichen und deutlich primitiveren Leben unterwerfen sie sich wie ihre geistlichen Brüder strengen Regeln, die weder für den Leser noch für einige der Charaktere wirklich nachvollziehbar oder verständlich sind. Die Wissenschaftler werden in verschiedene Orden aufgeteilt, wobei es zwischen den einzelnen Orden oder impliziert wissenschaftlich philosophischen Richtungen Dissonanzen bis Dispute gibt. Da Stephenson sein ganzes Gedankenmodell aus der eingeschränkten wie auch Manipulationen offenstehenden Perspektive eines Lehrlings beschreibt, führt der Autor geschickt wichtigsten Protagonisten wie Leser an der Hand in seine Welt ein. Dabei überraschen einige absurde Ideen wie die Begegnung zwischen Wissenschaftler und Öffentlichkeit. Die „Zehner“ verlassen alle zehn Jahre die Klostermauern, folglich die „100er“ alle einhundert Jahre und die „1000er“ alle tausend Jahre ihre Gemäuer, wobei die Forschungen der höheren Zahlenorden sich inzwischen in einem abstrakten Bereich bewegen. Auch verdeutlich Stephenson in seinem Roman nicht die Notwendigkeit, eines Austausches zwischen weltlichen und geistigen Bevölkerungsteilen. Gleich zu Beginn des Buches unterstreicht der Autor die Diskrepanz, in dem er einen der Forscher einen einfachen Dachdecker interviewen lässt, der eigentlich nur das Dach der Klosteranlage reparieren soll. Selten sind die Elfenbeintürme der Forscher und Wissenschaftler von den Sorgen und Nöten der einfachen Bevölkerung entfernter beschrieben worden. So ist es keine Überraschung, dass sich die „1000er“ inzwischen ihre „eigene“ Welt erschaffen haben, isoliert von der Außenwelt und fokussiert auf die inneren Werte bzw. abstrakte Forschungen. Zusammengehalten wird dieses auf den ersten Blick brüchige Gebilde durch die Instrumente der klassischen Kirche. Es gibt sowohl eine Inquisition, welche die Forscher und ihre Gedankenmodelle kontrolliert wie auch ein zentrales Ethos des wissenschaftlichen Diskurses, das für alle Teilorden verbindlich ist. Zu den eindruckvollsten Schöpfungen des ersten Kapitel gehören die überdimensionalen Uhren in den Zentren der betreffenden Klostern, die im Grunde mehr und mehr zu einem Widerspruch werden, je länger sich eine Gruppe von der Außenwelt abzuschotten sucht. Stephenson hat sich in „Anathem“ noch mehr als in seinen anderen Büchern bemüht, eine neue, eine fremdartige Welt aufzubauen, die aber auf den Exzessen der menschlichen Kultur basiert und im Grunde ein entfernter bizarrer Nachfahre der gegenwärtigen menschlichen Zivilisation nach dem ersten oder zweiten globalen Atomkrieg inklusiv des Falls in die Untiefen der Barbarei sein könnte. Vielleicht hätte ein derartiger Bogen diese vielschichtige, wenn auch nicht einfach zu verstehende Kultur noch anziehender, noch fesselnder gemacht. Alle Elemente sind de Leser zumindest aus der langen Vergangenheit der irdischen Geschichte vertraut und Stephenson bemüht sich, diese nur leicht zu verändern, zu gestalten, aber auch zu manipulieren. So wirken auf den einen Leser die seitenlangen Diskussionen und intellektuellen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Schulen künstlich und steif, während insbesondere studierte Lehre interessante Variationen bekannter Erkenntnisse aus ihnen herauslesen können. Es macht sicherlich auf eine geduldigen Ebene Spaß, dem wissenschaftlichen Disput in Richtung gegenseitiger Argumentationsfehler und im Nichts endender Gedankenmodell zu folgen, aber vielschichtiger und ähnlich wie in Millers Bahnbrechendem Roman „Lobgesang auf Leibowitz“ ist das abgeschiedene Klosterleben mit seinen Normalmenschen so gut wie unverständlichen Regeln und den natürlich misslingenden Begegnungen zwischen Geist – die im Kloster lebenden Forscher – und Körper – die einfachen Arbeiter im Schatten der wissenschaftlichen Horde. Diese Szenen wirken rückblickend tragisch und komisch, sind von Neal Stephenson mit erstaunlich viel Wärme, aber auch einem Hang zum die spärlich sich entwickelnde Handlung erdrückenden Detail beschrieben worden. Sie belohnen den geduldigen Leser, erfordern aber auch eine gewisse Überwindung sowohl hinsichtlich des ungeduldigen Ich- Erzählers als auch einer stringenten Entwicklung einer nachvollziehbaren Handlung.

Die im Grunde von Anbeginn des Buches auf Aberglauben und einen spürbaren Stillstand basierende Harmonie dieser nur auf begrenztem Raum lebensfähigen Zivilisation wird durch Ereignis von außen zum wiederholten Mal gestört. Das letzte Mal drohte der Einschlag eines überdimensionalen Kometen, gegen den sich die „Menschen“ nicht zuletzt dank der Konstruktion eines Raumschiffs zu wehren hofften. Der Komet ist schließlich sehr nahe an der Welt vorbeigeflogen. Aber dieser Exkurs in den Bereich der klassischen Science Fiction wird von Stephenson nebenbei und die Spannung im Grunde nicht erhöhend abgehandelt, das der Leser nur staunend zurückbleibt. Impliziert erinnert man sich sofort an die zahlreichen, von Millers Protagonisten im Gegensatz zum Leser nicht erkennbaren Reste unserer Zivilisation, denen er auf seine Wanderung in „Lobgesang auf Leibowitz“ begegnet ist. Natürlich wird die neue Bedrohung erst einmal außerhalb der Klostermauern dank der weltlichen Autoritäten – „Panjandrums“ genannt – unterdrückt, Abweichler werden aus dem Kloster verbannt. Erst spät erkennen beide Parteien, dass sie eine Gruppe um den neunzehnjährigen Ich- Erzähler Erasmus aus dem Kloster herausschicken müssen, der mittels eines verbannten Mönchs der Bedrohung Herr werden soll. So unwahrscheinlich diese Mission auf den ersten Blick erscheinen mag, so geschickt wie manipulierend fügt Stephenson sie in die Komplexität seiner fesselnden, aber auch teilweise auf einer intellektuellen Ebene erdrückenden Weltenschöpfung ein. Die Pläne für die Raumanzüge sind auf dem Rücken eines Gelehrten unter Lebensgefahr aus einer brennenden Bibliothek während der letzten Verheerung gerettet worden. Im Gegensatz zum früheren Bau von „Raumschiffen“ werden jetzt den Freiwilligen mit ihren eigenwillig konstruierten Raumanzügen selbst gemacht Raketen auf den Rücken geschnallt. Immer ein wenig an den Steampunk angelehnt findet Stephenson wie in seinen anderen Büchern schnell zu einer einzigartigen Stimmung und Stimme.

Um sein schon detailliertes Weltbild im Grunde zu perfektionieren, hat sich Stephenson in erster Linie für die zahlreichen und das erste Drittel des Buches dominierenden Fachbegriffe neue Wortschöpfungen ausgedacht, die als Kapitalfang dem unwissenden Leser erläutert werden. Unabhängig von dieser Hilfestellung hat man teilweise extreme Schwierigkeiten, sich zwischen den unterschiedlichen Begriffen und teilweise sehr verschiedenen Definitionen zu Recht zu finden. Manchmal kritisch hinterfragt hat der im Grunde Außenstehende Betrachter dieser vertrauten und doch fremdartigen Gesellschaft das Gefühl, als baue Stephenson mit zum Beispiel auch Umberto Eco mittels der Sprache eine zusätzliche Barriere auf. An anderen Stellen wirkt das Bemühen Stephensons, selbst einfache Vorgänge zu verklausulieren, komplizierter als notwendig darzustellen ein wenig überambitioniert.

So überdeckt der Autor das relativ einfache Handlungsgerüst einer Quest, deren Ziel man dank der staatlich verordneten Schließung der zahlreichen Observatorien zumindest ahnen kann, mit unzähligen Nebenverästelungen, welche nicht nur Erasmus, sondern auch den Leser ablenken bzw. dessen Geduld strapazieren. Auch die Begegnung mit den Fremden und die Entdeckung, das man modernste Atomwaffen “mitgeschleppt” hat wirken spannungstechnisch kontraproduktiv. So originell und detailliert Stephenson seine Welt erfunden hat, so gedehnt bis phlegmatisch erscheint der Plot seiner Geschichte. Hinzu kommt, das zumindest die Begegnungen mit den Resten der natürlich außerirdischen Kultur fast metaphorisch angesehen werden kann. Stephenson impliziert, das seine bislang vertraute und als Realität betrachtete Welt eine Art Zwischentor zu unterschiedlichen Dimension mit Parallelwelten sein könnte, in denen die bislang bekannte und vom Autoren so liebevoll in Szene gesetzte Historie ganz anders verlaufen ist. Im Vergleich zum ruhigen, aus sich selbst heraus entwickelnden Anfang wirkt diese letzte Idee irgendwie aufgesetzt und teilweise zu “Deus Ex Machina” artig als das sie wirklich funktionieren kann.

Die größte Schwäche ist allerdings Neal Stephensons Charakterzeichnung. Selbst der Ich- Erzähler und Mittler zwischen Welt und Leser Erasmus wirkt teilweise wie eine Karikatur vertrauter Protagonisten, deren Handlungen eher mechanisch vorhersehbar erscheinen als wirklich intellektuell begründet oder begründbar. Hinzu kommt eine eher schwache und teilweise überdramatische, emotional unterkühlt entwickelte Liebesgeschichte, die leider den Plot nicht mit der notwendigen Energie vorantreibt, sondern stellenweise von Stephenson hinsichtlich der verschiedenen sexuellen Riten bzw. eine Abrundung der Kastenstrukturen dieser Welt bemüht wird. Die Distanz zwischen Leser und Charakteren ermöglicht es dem Autoren, seine Welt intensiv, wenn auch teilweise zu konstruiert vorzustellen und weiter zu entwickeln. Die menschliche Schwäche reduziert sich auf im Grunde sinnlose Dispute zwischen wissenschaftlichen Zweigen und dem starken Kontrast zwischen der einfachen, ums Überleben kämpfenden Öffentlichkeit, dem eher implizierten “Terror” und der kontinuierlichen Überwachung durch die Inquisition und schließlich den vorhersehbaren Aktionen der in Panik geratenen Regierung. “Anathem” wäre ein deutlich besseres Buch geworden, wenn sich Neal Stephenson insbesondere während der Quest noch intensiver mit seinen wichtigen Protagonisten auseinandergesetzt hätte. So wirken sie auf naturwissenschaftliche oder philosophische Grundrichtungen reduziert, deren einziges Ziel die Konfrontation mit den anders denkenden, deswegen aber nicht fortschrittlicheren Aliens ist.

Sicherlich ist “Anathem” ein faszinierendes Buch, ein Reiseführer durch eine fremdartige und doch vertraute Welt, durch eine Mischung aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, auf deren intellektuellen Schlachtfeld die auch heute auf unserem Planeten schwelenden Konflikte ausgetragen werden können. Als Roman an sich ist “Anathem” zu einfach, zu passend konstruiert worden und enttäuscht seine Leser teilweise durch den Kontrast zwischen gedankenschweren Monologen bzw. Dialogen und fehlender plottechnischer Fortentwicklung. Das Wort Langeweile kreist zumindest an einigen Stellen im Hinterkopf der Lesers, bevor sich Neal Stephenson endgültig besinnt, eine Geschichte, im Grunde einen klassischen Reise und Entwicklungsroman zu schreiben, in dem ein Junge die Mauern seines Klosters verlässt und als Mann zumindest theoretisch zurückkehrt. Dazwischen wird dem Leser eine einzigartige Welt geschenkt, welche alleine die Lektüre dieses mit mehr als tausend Seiten sehr umfangreichen Buches Wert ist.

Neal Stephenson: "Anathem"
Roman, Hardcover, 1021 Seiten
Manhattan 2010

ISBN 9-7834-4254-6602

Weitere Bücher von Neal Stephenson:
 - Error

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