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Science Fiction (diverse)



Christian Kracht

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

rezensiert von Thomas Harbach

Der Deutsche Taschenbuchverlag legt Christian Kracht ungewöhnlich kompakt bis zur VerkĂŒrzung herkömmlicher Satzstrukturen geschriebenen Alternativweltroman “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” mit dem sehr schönen, passenden Titelbild des KĂŒnstlers Corbis als Taschenbuch auf. Das knapp einhundertfĂŒnfzig Seiten umfassende Werk mit den technischen Voraussetzungen einer Novelle tĂ€uscht ĂŒber die Vielschichtigkeit des eigentlichen Plots hinweg.
Kracht hat die technische Struktur ganz bewusst auf den Inhalt hin ausgearbeitet und dabei mit seiner Mischung aus schweizerischen sowie afrikanischen Wortfetzen in AnfĂ€ngen eine neue Sprache fĂŒr das dunkle Zeitalter eines hundertjĂ€hrigen Krieges entwickelt. Der 1966 geborene Christian Kracht gehört mit seinem vielschichtigen Werk sicherlich zu den profilierten deutschsprachigen Autoren, die nicht nur eine Synthese zwischen Stil/ Sprache und Inhalt anstreben, sondern nicht selten eigene Lebenserfahrungen in ihren BĂŒchern zu verarbeiten suchen. Heute lebt Kracht in Buenos Aires, seine Exkursionen in die weite Welt bilden die Grundlage zahlreicher moderner ReiseerzĂ€hlungen, die ebenfalls im DTV Verlag erschienen sind. Beim vorliegenden Roman von einer klassischen Alternativweltarbeit zu sprechen, gĂ€be wahrscheinlich nicht die ganze Intention Krachts wieder. Unbestritten verlĂ€uft in seiner Welt die Zeit ab dem neuralgischen Punkt - 1917 besteigt Lenin nicht den Zug nach St. Petersburg und die russische Revolution findet nicht statt - anders, aber in der fast fragmentarischen Betrachtung dieser “fremden” Welt ist Christian Kracht eher stimmungstechnisch als historisch extrapolierend unterwegs. So hat in der Schweiz ein kommunistisches Regime die bestehende demokratische Regierung gestĂŒrzt. Das Deutsche Reich mit der UnterstĂŒtzung Frankreichs versucht mittels eines aggressiven Angriffkrieges die Macht in dem Bergstaat zu ĂŒbernehmen. Warum aber der Ich- ErzĂ€hler als Identifikationsfigur des Lesers als exportierter Afrikaner wie tausende anderer MĂ€nner in der Schweizer Armee seinen Dienst tut, wird eher unbefriedigend als Faktum dargestellt. Der Leser hat zu akzeptieren, das die plötzlich kommunistisch angehauchte Schweiz zu einer Großmacht mit Tentakelarmen insbesondere in den sĂŒdeuropĂ€ischen wie afrikanischen Raum geworden ist. Am Ende des Buches in einer implizierten Hommage an die Ende-der-Industriegesellschaft eines James Ballard verlassen die afrikanischen BrĂŒder schließlich wieder die Satellitensiedlungen und kehren der in erster Linie europĂ€ischen Zivilisation den RĂŒcken, um in der Freiheit des afrikanischen Busches wieder zu den Wurzeln zurĂŒckzukehren. FĂŒr eine Reihe von einzigartigen und dramatisch souverĂ€n erzĂ€hlten Szenen reicht die PrĂ€misse auf jeden Fall aus.
Seit fast einhundert Jahren gibt es in Christian Krachts Alternativwelt Krieg. Eindrucksvoll beschreibt er, wie BĂŒcher per se und die Sprache im Allgemeinen aufs RudimentĂ€rste zurĂŒckgefallen sind und die Menschheit nur noch mit den Scheuklappen der gewalttĂ€tigen Auseinandersetzung und damit einhergehend dem alltĂ€glichen Überleben denken kann. In seiner Fiktion hat der Krieg nicht nur die emotionale Ebene der Menschen aufgrund der begangenen wie erlebten Grausamkeiten ausgelöscht, sondern die Idee, das der Krieg der Vater des Fortschritts ist, wird
stilistisch prÀgnant negiert.
Christian Kracht greift plottechnisch auf die Idee einer Quest zurĂŒck, die in ihrer grundlegenden AusfĂŒhrung sehr stark an eine Mischung aus Joseph Conrads Geschichte “Das Herz der Finsternis” eben in der Interpretation Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” erinnert. WĂ€hrend Conrads/ Coppolas Identifikationsfigur in das Innere des menschenfeindlichen Dschungels reist, dringt Krachts Ich- ErzĂ€hler in einer phantastischen Sequenz ins Innere der Schweizer Berge ein - was konsequent ist - wo er auf die “Reste” der pazifistisch orientierten Zivilisation trifft, die sich maulwurfartig immer tiefer in den Berg und damit ins eigene “Ich” im ĂŒbertragenen Sinne bohrt.
Das Ziel seines Auftrages ist der Jude Brazhinsky, ein kleiner Kaufmann, der politisch auffĂ€llig geworden ist. Der Parteikommissar soll Brazhinsky zu verhaften und den entsprechenden juristischen Organen zur im Grunde beschlossenen Hinrichtung ĂŒberfĂŒhren. Im Chaos des Krieges - Neu-Bern ist erst letzte Woche “befreit” worden, die deutschen Luftschiffe und deren schwere Artillerie beschießen die Stellungen der hoffnungslos unterlegenen, aber moralisch ungebrochenen Schweizer Truppen, bevor die Stadt wahrscheinlich zum xten Mal wieder die Besatzer wechselt - und dank der kurzen, aber intensive Liebe zu einer hĂŒbschen Frau verliert er sein Zielobjekt aus den Augen. Brazhinsky ist aus der Stadt geflohen. Der Ich- ErzĂ€hler beginnt ihm in die karge, unwirtlich winterliche Landschaft zu folgen. Wie Coppolas Film und Conrads Buch entwickelt sich die Reise zu einer grotesken Abfolge von immer irrationaler erscheinenden Ereignissen. So lernt der Ich- ErzĂ€hler einen Gnom namens Uriel in Uniform kennen, der ihm zweimal das Leben rettet, obwohl er vom ErzĂ€hler verprĂŒgelt worden ist. Auch Brazhinsky entpuppt sich als ein gĂ€nzlich anderer Charakter als erwartet. Unter der OberflĂ€che in der Schweizer Bergfestung - der Leser fĂŒhlt sich impliziert an die afghanische Bergfestung Bora Bora erinnert - entpuppt er sich als WohltĂ€ter, der mit seinen bescheidenen FĂ€higkeiten als Arzt den “Unterirdischen” zu helfen sucht und im Grund den Vertreter der menschlichen Vernunft im Chaos darstellt. Die GesprĂ€che zwischen Brazhinsky und dem nicht mehr ganz von der Allmacht seiner Partei ĂŒberzeugten FunktionĂ€r gehören zu den intensivsten intellektuellen Auseinandersetzungen in dieser stilisierten Studie. Die wichtigsten Bereich von Kunst - so gibt es einen bekannten Maler, der auf einem der FelsenhĂ€nge stehend immer neue zeitlose Werke erschafft, wĂ€hrend um ihn herum der Krieg immer verbitterter gefĂŒhrt wird - und Wissenschaft werden ebenso gestreift wie die Unmenschlichkeit des Krieges, dessen Auswirkungen zu grotesken Selbstmorden - eine Vergiftung mit Goldstaub - in den endlosen Stollensystemen fĂŒhrt. In Form von Fresken wird im Berg eine fiktive Geschichte der Schweiz erzĂ€hlt, die zumindest fĂŒr kurze Zeit den Status einer Großmacht gestreift hat. Je weitere sich der Ich- ErzĂ€hler von seinen dogmatisch- politischen Wurzeln entfernt, um so mehr zerbricht die im Grunde unechte Idylle in den engen, dunklen Tunneln um ihn herum. Es ist kein Zufall, das mit dem Auftauchen des Politoffiziers das Ende dieses unterirdischen Reiches eingelĂ€utet wird, wie auch Martin Sheens Auftauchen in Kurzs Territorium dessen Herrschaft beendet hat. In einer fast surrealistischen Sequenz blendet sich Brazhinsky im Augenblick des Untergangs selbst. Er unterstreicht mit seiner pragmatischen, aber seinem bisher gezeigten Charakter widersprechenden Tat die brĂŒchige Balance zwischen Genie und Wahnsinn. Es wĂ€re sicherlich sinnvoll gewesen, mit dem Untergang der letzten Bastion menschlicher Intelligenz den Roman zu beenden. In einem eher konstruiert erscheinenden, leicht pathetisch belehrenden “Epilog” versucht Christian Kracht die Motivation seines Protagonisten noch vehementer herauszuarbeiten und zumindest eine schon vorher erkennbare LĂ€uterung zu begrĂŒnden. Die nihilistische Stimmung nach dem Einsatz der Bergbrechenden Bomben wĂ€re ein passendes Ende gewesen.
Die Charakterisierung der Protagonisten ist absichtlich rudimentĂ€r. Eine zusĂ€tzliche Entfremdung stellt die von Christian Kracht fĂŒr diesen Roman entwickelte Sprache des einfachen “Volkes” dar. Einige Wurzeln lassen sich noch erkennen, aber fĂŒr den Autoren stellt sie eine konsequente degenerative Entwicklung unter dem Einfluss eines im Grunde ewigen Krieges dar. Fast lakonisch vertraut der Ich- ErzĂ€hler seinem Tagebuch an, das es inzwischen keinen Menschen mehr auf der Erde gibt, der nicht wĂ€hrend des Krieges geboren worden ist. Zynismus und Pessimismus pur.
Nicht selten spielt der Autor mit der Erwartungshaltung des Lesers. So ist natĂŒrlich Brazhinsky kein klassischer Schurke; die Liebe funktioniert nur fĂŒr einen Augenblick, der auf brutalste Art und Weise unterbrochen sowie ohne Spuren zu hinterlassen förmlich ausgebrannt wird und der körperlich unterentwickelte Zwerg Uriel erweist sich schließlich trotz seiner körperlichen Defizite als sich aufopfernder Held.


Die absichtlich karge, aber wahrscheinlich stilistisch bis in kleinste Detail geplante sprachliche Ausstattung des Romans funktioniert ausgezeichnet. Intensiv wie kompakt geschrieben, ein wenig gewöhnungsbedĂŒrftig und doch faszinierend zeichnet Christian Kracht ein fremdartiges, absichtlich ins Groteske verzerrtes Portrait einer im Grunde vertrauten in unserer RealitĂ€t absolut friedlichen Landschaft. Der Leser muss sich nur den Irrsinn der GrabenkĂ€mpfe des Ersten Weltkriegs vorstellen, um einen Eindruck der IntensitĂ€t der Beschreibungen erhalten. Der Autor hat sehr viel Spaß, den Hort des Friedens und sein Geburtsland förmlich auf den Kopf zu stellen. Die wenigen schonungslosen Beschreibungen militĂ€rischer Auseinandersetzungen bleiben dem Leser in erster Linie wegen ihres Nihilismus lange im GedĂ€chtnis. Ansonsten vertraut der Autor der intensiven AtmosphĂ€re, die seine rudimentĂ€ren Beschreibungen im Leser erzeugen.
Christian Krachts “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” ist keine einfache LektĂŒre. Es ist eine vielschichtige Parabel, die sich aber am Ende konsequent
dagegen wehrt, Antworten auf die Idiotie des menschlichen Machthungers und seinem grenzenlos Hang zum Krieg zu liefern. Wie “Die Straße” nicht zuletzt auf der stilistisch atmosphĂ€rischen Ebene dem Postdoomsdaygenre neues nihilistisches Leben eingehaucht hat, ist Christian Krachts Kurzroman eine empfehlenswerte Bereichung der Alternativweltsubgenres. Beide BĂŒcher sind auf verschiedenen Ebenen Herausforderungen an den Leser. Die gĂ€ngige Struktur der RomanerzĂ€hlung wird absichtlich zerstört und in rudimentĂ€re Fragmente zerlegt, deren Absicht nicht mehr das klassische ErzĂ€hlen einer Geschichte ist. Sie verbinden positiv die Fallstricke des jeweiligen Subgenres mit den kritischen politischen Grundhaltungen ihrer Autoren geformt durch ihren jeweiligen Kulturkreis - ein Amerikaner und der global orientierte Schweizer Christian Kracht - und deren globale Mahnungen gegenĂŒber gegenwĂ€rtiger Exzesse, die sie in ihren negativen Utopien in Form von ĂŒberdenkenswerten Parabeln extrapolieren. Eine Bereichung nicht nur des phantastischen Genres stellt Christian Krachts Werk alleine aufgrund seiner sprachlichen Kraft, aber auch der zahlreichen sehr originellen handlungstechnischen Bilder allemal dar.

Christian Kracht: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten"
Roman, Softcover, 160 Seiten
DTV 2010

ISBN 9-7834-2313-8925

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