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Science Fiction (diverse)



H.G. Wells

Mr. Blettsworthy auf der Insel Rampole

rezensiert von Thomas Harbach

Im gleichen Jahr 1928 wie „Mr. Blettsworthy auf der Insel Rampole“ veröffentlichte H.G. Wells sein Sachbuch „Die offene Verschwörung. Aufruf zur Weltrevolution“. Im Sachbuch spricht er offen eine marxistisch kommunistische Gesellschaft an. Seine Ziele sind in seinem Prosawerk differenzierter. Zumindest im Kleinen hat Wells versucht, das Niveau der westlichen Zivilisation mit der Barbarei eines Kannibalenstammes zu vergleichen. Und dabei kommen die Wilden anlässlich der Greuel in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs – dieses Thema beherrscht das letzte Viertel des Buches – sogar gut weg.

Ganz bewusst spielt Wells im vorliegenden Buch mit der Erwartungshaltung seiner Leser. Er nimmt sich viel Zeit, seinen Protagonisten und dessen Familie vorzustellen. Die Blattworthys sind natürlich eine alteingesessene Familie mit weit reichendem Einfluss. Im letzten Kapitel schließt Wells scheinbar seinen Roman mit dieser familiären Idylle und Hilfsbereitschaft. Ganz so, als wolle er seinen Mitmenschen zeigen, wie unerschütterlich das britische Empire mit seinen Traditionen sein könnte. Dahinter versteckt sich allerdings sehr viel bissige Ironie, welche aus heutiger Sicht nicht mehr immer klar zu erkennen ist. Der Vater des Ich- Erzählers Blettsworthy ist aus der Art geschlagen. Er hat eine Ausländerin auf Madeira geheiratet. Nach dem frühen Tod der Mutter wird Blettsworthy vom Vater nach England zurückgeschickt. Erst zur Erziehung zu zwei Tanten, die mit dem lebhaften phantasievollen Knaben überhaupt nichts anfangen können. In dieser frühen Phase kritisiert Wells auf heftigste das unterentwickelte englische Bildungssystem, das mit seinen starren Kasten und Ansichten die Phantasie und Lebensfreude der jungen Generation einengt bzw. zerstört. Erst sein Onkel versteht den Jungen und schenkt ihm nicht zuletzt aufgrund der Erbschaft eines kleinen Vermögens eine solide Ausbildung. Während des Studiums will er sich mit einem Freund selbstständig machen. Ihnen schwebt ein Buchhandel vor, welche in ihrer Ausstattung an die englischen Clubräume erinnert. Gleichzeitig verliebt er sich unglücklich in ein blondes, zierliches Mädchen, das ihn mit seinem besten Freund betrügt. Dieser hat auch vor seiner überstürzten Flucht Schulden bei Blettsworthy. Nach einem Zusammenbruch empfiehlt ihm seine Verwandtschaft eine ausgedehnte Reise, welche er auf einem Frachtschiff als einziger Passagier antritt. Der Weg führt ihn zuerst nach Lateinamerika, dann in den Pazifik. Die Mannschaft inklusiv des Kapitäns verabscheut in ihrer proletarischen Art den jungen Aristokraten und machen ihm das Leben an Bord schwer. Diese Begegnung mit dem „gemeinen“ Volk beschreibt Wells ganz bewusst nur aus der Perspektive des teilweise doch sehr naiv agierenden Blettsworthy, welcher weder den Versuch des Ingenieurs, sich aus sekundärliterarischen Büchern zu bilden honoriert, noch versucht, auf die Besatzung per se zuzugehen. Sie bleiben für ihn fremd. Die Figur des Kapitäns überzeichnet Wells sehr stark, am Ende des Buches in einer der vielen ironischen Wendungen wird Blettsworthy ihm noch einmal begegnen. Mit dieser zweiten Chance negiert der Autor die mögliche Wahnvorstellung auf der Insel Rampole. In dem ihn ein Mensch wieder erkennt, muss er zumindest einen Schritt auf die Insel gemacht haben. Wells macht allerdings aus dieser Szene sehr wenig und so fehlt diesem zweiten Auftritt im Grunde die entsprechende Konsequenz.
Als ein Sturm die Maschinenanlage beschädigt, lassen sie Blettsworthy an Bord des Schiffes in der Kombüse eingeschlossen zurück. Er befreit sich und landet schließlich nach einigen Tagen des Treibens mit seinem herrenlosen Schiff an den Gestaden Rampoles. Auf dem Deck sinkt er in einer Ohnmacht. Bei seinem Aufwachen stehen zwei Wilde um ihn herum, die ihn nur nicht töten, weil sie in ihm einen heiligen Irren sehen. Mühselig und zum Teil widerwillig passt sich Blethsworthy der aus seiner Sicht primitiven Lebensweise an, um überhaupt zu überleben.

Der Roman zergliedert sich in drei sehr unterschiedliche Teile. Zu erst eine fast viktorianische Gesellschaftsstudie, die insbesondere zwischen den Weltkriegen aufgelegt, sehr viele Leser verblüfft hat. Der Plot selbst spielt deutlich vor dem Ersten Weltkrieg, da Blettsworthy ja insgesamt fünf Jahre auf Rampole verbringt. Dann eine Robinsonade mit dem alltäglichen Überlebenskampf gegen die im Grunde teilweise grotesk überzeichneten Wilden und schließlich die Szenen im Ersten Weltkrieg, in denen Wells auf seine Erfahrungen als Kriegsberichterstatter zurückgreift. Wells schlägt sogar den Bogen zu einem seiner bekanntesten Romane, „der Zeitmaschine“. Stark polarisiert er zwischen den Kannibalen und seinen „Vegetariern“ - also der „Zivilisation“. Der Roman überspitzt die viktorianischen Klassengegensätze, von denen Wells sehr lange geschrieben hat. Im Vergleich allerdings zu seinen frühen Werken kann der Autor den Niedergang der Zivilisation in dem immer wieder erwähnten einen Krieg, um alle zukünftigen kriege zu vermeiden, als Augenzeuge in eindringliche und auch heute noch verstörende Worte fassen. Auf der Insel Rampole muss Blettsworthy zu Verrückten werden, um in dieser brutalen und mit zahllosen Tabus versehenen Welt zu überleben. In den Schützengräben muss er im Grunde jeglichen Anstand über Bord werfen, um in barbarischen und nicht nur aus Wells Sicht veralteten Kriegsmethoden seine Gegner förmlich abzuschlachten und auch keine darf er keine Rücksicht auf irgendwelche Konventionen nehmen. Wie viele anderer seiner Romane ist „Mr. Blettsworthy auf der Insel Rampole“ eine darwinsche Entwicklungsgeschichte und es ist kein Zufall, das sich der Gestrandete ausgerechnet im Pazifik wieder findet, unweit der Galapagosinseln. Hier hat Darwin für seine Evolutionstheorie geforscht. Im Vergleich zu anderen insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg geschriebener Romane ist dieser Kampf ums Leben und Überleben handlungstechnisch deutlich realistischer und damit griffiger ausgedrückt. Wie Darwin entreißt Wells seinen Protagonisten die Krone der Schöpfung und macht sie zu einem elementaren, aber nicht einzigen Bindeglied in der Evolutionskette. Während die Kannibalen kaum dem Status des wilden Tieres entkommen sind, degenerieren die zivilisierten Zeitgenossen angesichts des grausamen Krieges wieder zu Tieren. Für Wells schließt sich zumindest vorläufig und vor allem nicht endgültig ein Kreis.
Dabei überzeichnet Wells allerdings die Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts im Vergleich zum Ersten Weltkrieg. Auch der Einsatz moderner Taktik und moderner Technik ändert nichts an der Sinnlosigkeit der Kriege. Sehr geschickt zeigt Wells in den eindrucksvollen Szenen des Buches, wie der Mensch in seinem Innersten immer primitiv und gewalttätig bleiben wird. Kurz vor dem Ende des Buches gibt es keinen Unterschied zwischen den Kannibalen und den Soldaten. In den letzten Kapiteln nimmt Wells allerdings im kleinen Rahmen auch die prophetisch proklamatische Argumentation seines „Things to Come“ - sowohl der literarischen Grundlage welche 1933 erschienen ist als auch der Verfilmung aus dem Jahre 1936, an welcher Wells intensiv mitgearbeitet hat - vorweg. Mit spürbaren Zweifeln ist der plötzlich trotz einer guten Position und einer liebenden Frau wieder weltfremd erscheinende Blettsworthy der Ansicht, das die Menschen stellvertretend in der Person seines ehemaligen Freundes und Mitfirmengründer sich durchaus positiv entwickeln könne. Er verzichtet großzügig auf die geliehenen Gelder und sieht optimistisch in die Zukunft. Das sein Freund ausgerechnet in der boomenden Werbebranche jetzt arbeitet und seinen Kunden „Träume“ statt Produkte verkauft, ist eine Facette, auf die Wells nicht weiter eingeht.

Der Mittelteil des Buches, in welchem die Robinsonade vorläufig endet, ist eine einzige Metapher. Zum Teil überzeichnet Wells diesen Part grotesk, wenn er vom Liebesleben der Echsen auf dieser kleinen Insel berichtet, mit dem sich Blettsworthy beschäftigt. Weiterhin gibt es Polygamie und freie Liebe. Sehr beliebte Züge der utopischen Gesellschaften, welche Wells in seinen Büchern immer wieder entwickelt hat. Ihm gelingt es, insbesondere die Nebenfiguren unabhängig vom tragischen Antihelden Blettsworthy ungemein dreidimensional und überzeugend zu beschreiben. Dabei versucht er nicht, seine Botschaften alleine durch die Klischees seiner Figuren zu vermitteln, wie er es wenige Jahre vorher in „Menschen, Göttern gleich“ nach gemacht hat. Auch die kommunistisch sozialistischen Ideen treten im Zusammenhang mit den eindeutig auch autobiographisch gefärbten Passagen - sowohl der erste Teil des Buches als auch die Abschnitte nach dem Ersten Weltkrieg machen diesen Eindruck - in den Hintergrund. Die Gesellschaftskritik wirkt pointierter, aber auch im Ganzen betrachtet gelassener. Denn Blettsworthy ist am Ende seiner Odyssee zwar gereift, aber dank der einflussreichen Familie im Vergleich zu vielen anderen Menschen weich gefallen. Wenn Wells mit den teilweise grotesken Erlebnissen auf der Insel Rampole aufzeigen will, das nur der Narr in dieser chaotischen Welt überleben kann, so arbeitet der Autor diesen Punkt sehr früh heraus, um dann seinem Protagonisten nach den schrecklichen Erlebnissen wieder den Mantel der Zivilisation umzuhängen. So wirkt sein Einzug in den Ersten Weltkrieg auch nicht überzeugend. Blettsworthy hat sich in den USA von seiner Odyssee erholt, die Frau, welche ihn aus der Lethargie gerettet hat, in dem Blettsworthy sie nach einem Unfall aus einem Fluss gezogen hat, liebt ihn und will ihn nicht in den krieg ziehen lassen. Sie lehnt eine Heirat aus dem Grunde ab, weil sie möchte, das ihr Geliebter weiterhin für die Welt als „verrückt“ oder „gestört“ gilt. Nur so braucht er nicht zum Kriegsdienst. Diese Passagen wirken in der Kontinuität des Romans ein wenig zu konstruiert, als wenn H.G. Wells möglichst viele auch persönliche Themen nach dem kritischen Mittelteil - die Zivilisation ist im Grunde auf dem, Niveau der primitivsten Kannibalen, die ebenso wenig Ehrfurcht und Verantwortung kennen wie insbesondere die Deutschen und Engländer im Zeitalter König Edwards - abarbeiten wollte.

Handlungstechnisch ist der vorliegende Roman einer der klassischen Entwicklungsromane. Der Leser verfolgt Mr. Blettsworthys persönliche Evolution vom behüteten Träumer zum Erwachsenen. Dieser Aspekt ist auch der lesenswerteste Teil des Buches. Er unterstreicht, wie weit sich H.G. Wells vom klassischen Abenteuerschriftsteller zu einem provokanten, aber nicht immer konsequenten Kritiker seiner Gegenwart weiterentwickelt hat. Die nicht lineare Struktur des Buches wird anfänglich einige Leser irritieren. Besonders wenn die Sterne in einem surrealistischen, aber gut geschriebenen Moment des Buches zu den Lichtern New Yorks werden. Aber im nachhinein eröffnet diese Vorgehensweise einige diskussionswürdige Flanken, die Wells in seinem eindrucksvollen Schlussspurt zumindest anreißt.

H.G. Wells: "Mr. Blettsworthy auf der Insel Rampole"
Roman, Softcover, 352 Seiten
DTV 2004

ISBN 9-7834-2312-2399

Weitere Bücher von H.G. Wells:
 - Der Unsichtbare
 - Die ersten Menschen auf dem Mond
 - Die Tür in der Mauer
 - Kinder der Sterne
 - Menschen, Göttern gleich
 - Von kommenden Tagen
Weitere Links zu diesem Thema:
 - H.G. Wells: Biographie

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