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Science Fiction (diverse)



H.G. Wells

Die ersten Menschen auf dem Mond

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “The First Men in the Moon” - und nicht wie so oft geschrieben “the First Men on te Moon”, wahrscheinlich auch als ironische Anspielung auf Jules Vernes Mondreisende gedacht, welche sich nur auf der Oberfläche des Mondes getummelt haben - greift H.G. Wells mit dem 1901 veröffentlichten Roman einen klassischen Gedanken der phantastisch- utopischen Literatur auf: den Flug zum Erdtrabanten, wobei das exzentrische Genie Cavor eigentlich den Roten Planeten als Ziel auserkoren hat. Es wäre sicherlich eine interessante Rückkehr zu der Ausgangswelt der berühmten Invasion im Rahmen des “War of the Worlds” geworden. Im Vergleich allerdings zu seinem utopisch - abenteuerlichen französischen Mitstreiter verhält sich der Brite Wells ganz unwissenschaftlich. In Vernes Doppelroman erfolgt die Reise zum Mond dank der Mitglieder des Baltimore Kanonenclubs und ihrem überdimensionalen Geschütz relativ modern. Wells dagegen lässt seinen dichtenden Bankrotteur Bedford, der später den Kern des vorliegenden Buches unter dem Pseudonym Wells in Berichtsform veröffentlich, auf das schlafwandelnde Genie Cavor stoßen. Dieser hat einen Stoff erfunden, mit welchem sich die Schwerkraft aufheben lässt. Er entwickelt eine Kugel - im Original noch mystischer “Sphere” genannt - , welche sie eher zufällig in Richtung Mond treibt. Im Gegensatz zu Vernes detaillierten, wenn auch aus heutiger Sicht viktorianisch antiquierten sehr genauen Planungen überlassen Bedford und Cavor zu viel dem Zufall. Die Ziele der beiden Männer sind unterschiedlicher Natur, werden aber im Verlaufe der Reise auf unterschiedlichste Art und Weise befriedigt. Der klassische Kapitalist Bedford erhofft sich von der Fahrt zum Mond, die dortigen Goldvorkommen zu bergen und zumindest einen kleinen Teil zurück zur Erde zu bringen. Der Idealist und Erfinder Cavor sucht in den “Weiten” des Mondes nach einer Art Utopia. Er stellt sich eine perfekte und zumindest von sozialistisch- kommunistisch geprägten Grundzügen durchsetzte Gesellschaft vor. Auf dem Mond treffen die beiden Menschen auf das Volk der Seleniten, Insekten ähnliche Wesen. Eher prophetisch zeigt Wells in den am ehesten beeindruckenden Passagen des Buches auf, dass die Mondbewohner in Wirklichkeit biologisch gezüchtet worden sind - eine Idee, die direkt seinem fünf Jahre vorher veröffentlichten Roman “The Island of Dr. Moreau” entnehmen zu sein scheint - und sie tief unter der Mondoberfläche - ein Hinweis auf die Morlocks natürlich aus “The Time Maschine” - leben. Dort haben sie sich technologisch erstaunliche Städte - in “Things to Come” wie auch einigen anderen späteren Romanen wird Architektur zumindest vordergründig für einen hohen Intellekt stehen - erbaut. Auf viele Details geht Wells plottechnisch sehr unglücklich und nicht unbedingt zufrieden stellend in einem langen Epilog ein. Cavor sendet wichtige Informationen mittels primitiver Lichtübertragungstechnik direkt in die Teleskope eines niederländischen Wissenschaftlers. Diese Idee ist nicht unbedingt neu und wird später in verschiedenen deutschen utopischen Romanen weiter entwickelt. Plottechnisch hängt sie allerdings in der Luft. Die Reise zum Mond und zurück ist abgeschlossen und der eher kompromisslose und weniger idealisierende Industrielle hat gegenüber dem reinen Sozialismus gewonnen. Er hat den Bericht niedergeschrieben und an das populäre “Strand” Magazin verkauft, in welchem nicht nur die ersten Arbeiten Wells erschienen sind, sondern natürlich auch Arthur Conan Doyle seinen weltberühmten Privatdetektiv Sherlock Holmes zum Leben erweckte. Dabei wäre es sinnvoller gewesen, diesen überlangen Epilog in die laufende Handlung zu integrieren. Das dunkle nihilistische Ende wäre zwar plottechnisch vorweg genommen worden, aber der Roman als Ganzes hätte fließender und weniger konstruiert gewirkt. Schließlich beschreiben Bedford eher oberflächlich und teilweise zu distanziert wie auch Cavor in seinen gefunkten Berichten eine interessante, vielschichtige und vor allem hinsichtlich Wells frühem Werk ungewöhnliche Gesellschaft tief unter den Felsschichten des Mondes. Wells Mond ist ein karger Planet mit einer sehr geringen Schwerpunkt. Die Beschreibungen der Sprünge und Ausflüge der beiden Erdbewohner gehören zu den unterhaltsamsten Passagen des Romans und zeigen wie prophetisch genau Wells in dieser Hinsicht die Schritte der Astronauten fast siebzig Jahre vorweg genommen hat. Auch die sehr langsame Drehung des Mondes hat die Natur an der Oberfläche beeinflusst. Gefrorene Oberfläche und eine extrem dünne, aber für Menschen noch atembare Atmosphäre. Mit dem Sonnenaufgang erwächst aber auf der Oberfläche des Erdtrabanten ein kleines Paradies: Ein Dschungel von Bäumen und Pflanzen, der in der Mondwoche aufblüht und schließlich mit dem Sonnenuntergang wieder vergeht. Da in diesen extremen klimatischen Unterschieden keine Zivilisation erblühen kann, hat er sie einfach unter die Oberfläche des Mondes verlegt. Ganz bewusst wie auch in seinen anderen Romanen ist der Ich- Erzähler ein “Amateur”, der beschreibt und nicht interpretiert. Bedford ist zwar das Auge und Ohr des Erzählers, Wells beschreibt ihn allerdings zu Beginn des Buches als Opportunisten, welcher seine Firma in den Bankrott geführt hat. Er versucht sich als Theaterdichter, um auf möglichst angenehme Weise Geld zu verdienen. Die Entdeckung des Cavor- Stoffes ist für ein im wahrsten Sinne des Wortes wie ein monetärer Lottogewinn. Die Figur an sich ist wenig sympathisch und insbesondere die kapitalistischen Ecken und Kanten ragen in der ersten Hälfte des Buchs zu stark hervor. Im Verlaufe der lunaren Abenteuer wandelt sich allerdings sein Charakter und aus Bedford wird im Grunde ein klassischer Wells´scher Held, der sich wenig um sein eigenes Leben schert. So versucht er verzweifelt in der kalten lunaren Nach Cavor zu finden und entschließt sich erst, nachdem er eine geheimnisvolle und unvollständige Warnung des Wissenschaftlers gefunden hat, zum Rückflug. Mit einem ausreichenden Goldvorrat. Sehr viel nuancierter und vielschichtiger sein Cavor charakterisiert worden. Zu Beginn des Buches ein klassisches zerstreuter Professor, der mit seiner Bahn brechenden Erfindung im Grunde nichts anfangen kann. Hinsichtlich seines Arbeit ist er allerdings erstaunlich rücksichtslos. Er nimmt weder auf das Leben seiner Angestellten - modernen Sklaven - oder auf Bedford Rücksicht, um seine Erfindung auszuprobieren. Sein Ideal, eine perfekte Gesellschaft zu finden, löst sich im Epilog fast zynisch von Wels beschrieben in Luft auf. Die Motivation über den Drang nach Wissen hinausgehend arbeitet der Autor im vorliegenden Band allerdings eher unzureichend heraus und Cavor bleibt im Gegensatz zum lebhaften und schärfer portraitierten Bedford dem Leser ein ewiges distanziertes Rätsel.

Die Idee des Antigravitationsantrieb ist auf der einen Seite faszinierend, aber auf der anderen Seite ähnlich wie die Substanz des “Unsichtbaren” nur notdürftig beschrieben. Wells gibt sich im Vergleich zu “Die Zeitmaschine” oder “Kampf der Welten” sehr wenig Mühe, seiner Fiktion einen technischen Hintergrund zu geben. Auch die Reise an sich wird sehr kompakt und stellenweise beiläufig beschrieben. Wells ist es wichtiger gewesen, das “Leben” auf dem Mond zu beschreiben. Eine Reihe von hier präsentierten Ideen wird der Leser keine Generation später in Fritz Langs Film “Die Frau im Mond” wieder finden. Allerdings ohne die Seleniten. Im Vergleich zu einigen anderen eher autobiographisch gefärbten zehn Jahre später veröffentlichten Romanen Wells ist der Stil antiquiert und durch die Berichtsform eher sachlich und distanziert. Einzelne Passagen, wie die Entdeckung der unterirdischen Höhlen und schließlich auch die immer kürzer und offensichtlich von dritter Seite gestört werdenden Meldungen Cavors vom Mond beeindrucken aber auch heute noch. Wells verzichtet gänzlich auf einen belehrenden Ton, die Kritik an der britischen industriellen Gesellschaft und eine latente Bevorzugung sozialistischer Ideen ist allerdings zwischen den Zeilen erkennbar. “The First Men in the Moon” ist aber keine der positiv abenteuerlichen Utopien, die andere Autoren am Vorabend des Ersten Weltkriegs geschrieben haben. Aus heutiger Sicht trotz der angesprochenen Schwächen und der eher antiquierten Art, in welcher der Roman verfasst worden ist, sowie der spürbaren Abneigung, außerhalb des Wunderstoffs technische Ideen einfließen zu lassen, ein immer noch interessanter Vorfahre der späteren First Contact Geschichten.

H.G. Wells: "Die ersten Menschen auf dem Mond"
Roman, Softcover, 320 Seiten
DTV 1996

ISBN 9-7834-2312-2375

Weitere Bücher von H.G. Wells:
 - Der Besuch
 - Der Unsichtbare
 - Die ersten Menschen auf dem Mond
 - Die Insel des Dr. Moreau
 - Die Tür in der Mauer
 - Die Zeitmaschine
 - Im Jahre des Kometen
 - Kinder der Sterne
 - Kipps
 - Krieg der Welten
 - Menschen, Göttern gleich
 - Mr. Blettsworthy auf der Insel Rampole
 - Tono- Bungay
 - Unsterbliches Feuer
 - Von kommenden Tagen
 - Wenn der Schläfer erwacht
Weitere Links zu diesem Thema:
 - H.G. Wells: Biographie

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