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Science Fiction (diverse)



Gabi Neumayer

Als die Welt zum Stillstand kam

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „All die Welt zum Stillstand kam“ legt die Autorin Gabi Neumayer ihren ersten Jugendroman vor. Die 1962 in Bergheim geborene Lektorin und Chefredakteurin hat schon eine Reihe von Kinderbüchern publiziert. Nicht nur in ihrem Nachwort, sondern auch der Widmung des Romans stellt sie ihre Liebe für die Science Fiction heraus. Es empfiehlt sich, nach Abschluss der Lektüre ihr ausführliches Nachwort in Kombination mit dem Glossar zu lesen. Neben den herangezogenen Quellen erläutert sie die Grundprämissen, auf denen ihr Roman basiert. Während der Lektüre werden dem aufmerksamen Leser einige grundlegende Ideen auffallen, an denen man sich reiben kann.

Die Handlung ist absichtlich nicht chronologisch erzählt. Die Autorin springt zwischen mehreren miteinander verbundenen Handlungs- und Zeitebenen hin und her, in deren Mittelpunkt die aus „Star Trek“ bekannte Idee des Beamens steht, die tragbare Einheiten ermöglichen. Auf der Vergangenheitsebene verfolgt der Leser die Entwicklung dieses Konzepts, an dem Celies Mutter Jenna maßgeblich beteiligt ist. Der eigentliche Roman beginnt mit Jenna Beerdigung, die in einem der festen das Beamen ermöglichen „Tore“ gestorben ist. Anscheinend ist ihre Materie nicht komplett übertragen worden und die erlittenen Verletzungen sind zu schwer gewesen. Jenna gibt einem ihrer beiden wichtigsten Freunde Alex eine Mitschuld, da er nicht rechtzeitig an der Unfallstelle gewesen ist. Jenna zieht sich darauf hin in eine Kommune der Mobilen zurück, die das „Beamen“ per se ablehnen, während Alex als Arzt in einem Krankenhaus mit seinen Schuldgefühlen kämpft und der dritte Jugendliche im Bunde Bernie auf eine Expedition in die Wildnis aufbricht. Als am 14. Juli 2036 das weltweite Transportnetz zusammenbricht, hat es nicht nur für die Protagonisten, sondern die ganze inzwischen von dieser zeitlosen Fortbewegung abhängigen Welt katastrophale Folgen.

Wie es sich inzwischen für die moderne Jugendbuchgeneration gehört, werden neben der stringenten Post Doomsdaygeschichte mit einem eher ambivalenten Ende die Jugendlichem einem „Coming of Age“ Prozess unterworfen, in dessen Verlauf sie Eigenverantwortung übernehmen und sie angesichts der im Grunde kurzfristig auf ein archaisch primitives Niveau zurückgefallenen Zivilisation um ihr Überleben kämpfen müssen. Um den Plot dramaturgisch besser verarbeiten zu können, setzt die Autorin bei ihren Lesern voraus, dass die Erfindung der Tore sich derartig schnell in weniger als zehn Jahren von der in Tagebuchform dokumentierten Entwicklung verbreitet und dominierend jegliche Art von Infrastruktur ausschaltet. Zwischen den Zeilen relativiert sie diese Idee wieder, in dem zum Beispiel in einigen Ländern des Nahen Osten ein Durchschreiten der Tore nur Herrschern vorbehalten ist, um den verderblichen westlichen Einfluss auf das eigene Volk gering zu halten. Es finden sich im Roman keine detaillierten Angaben über die eigentlich dahinter stehende Technik, den potentiellen Energieverbrauch und die Anschaffungskosten. Der Leser sollte davon ausgehen, dass diese Erfindung in erster Linie in der ersten und zweiten Welt wie das Internet eine derartige Akzeptanz gefunden hat. Weiterhin scheint Jenna die wichtigsten Komponenten geheim hinsichtlich der Beamtechnologie nicht der Öffentlichkeit anvertraut zu haben. Der Zeitraum bis zum industriellen Durchbruch der Tore scheint zu kurz zu sein. Weiterhin ist jeglicher Verzicht auf klassische Alternativen – Straßen, Bahn, Flugzeug – für die wenigen vergangenen Jahre zu stark fortgeschritten. Plottechnisch braucht die Autorin diese Prämissen, um den Ausfall der Tore dramaturgisch einschneidender beschreiben zu können.
Neben den Tagebuchaufzeichnungen und Jennas Unfall/ Selbstmord beschreibt die Autorin aus einer pragmatischen, sehr persönlich gefärbten Position heraus die neue absolute Freiheit der Jetsetgeneration, die um die halbe Erde beamen, um beim Lieblingsbäcker Brötchen zu kaufen oder die bevorzugten asiatischen Nudeln zu essen. Die Auswirkungen auf die dem Leser vertrauten Industrien bzw. Geschäftszweige – Autoproduktion, Nah- oder Fernverkehr, sowie die Zuliefererwerke – werden angedeutet, wobei die wirtschaftlichen Folgen eines derartigen Perpetuum Mobiles überhaupt nicht greifbar sind. Auch die Idee, das die Lagerhaltung sowohl bei Lebensmitteln oder Wasser als auch in Bezug auf die verarbeitende Industrie auf ein Minimum zurückgefahren und zeitlose kontinuierliche Lieferung durch das Beamen ermöglicht wird, reißt Gabi Neumayer an. In dieser Hinsicht überzeugen ihre Theorien bis auf wenige Einschränkungen. Das Krankenhäuser nur einen Benzinvorrat von 24 Stunden für das Notstromaggregat und knappste Wasser bzw. Lebensvorräte haben erscheint angesichts einer „jungen“, kaum zehn alten Theorie genauso auf die Spitze getrieben wie die bis auf die Mobilen komplett durchdringend der Gesellschaft. Hier berücksichtigt die Autorin zu wenig die Generationsunterschiede und setzt sich zu auf die expotentielle Neugierde der Jüngeren. Dramaturgisch unlösbar hätte die von Gabi Neumayer beschriebene beamende Gesellschaft hundert Jahre in die fernere Zukunft verlegt werden müssen. Ein Ausfall der Tore in einer Gesellschaft, deren überwiegende Mitgliederzahl nichts anderes als Beamen kennt, wäre fataler gewesen. Bei ihrem Szenario kennen bis auf die Kinder alle Menschen noch die Zeit davor, was ihre jugendlichen Protagonisten bei der Suche nach der in ein Kibbuz der Mobilen Celie deutlich unterstreichen. Natürlich brechen während des Aufalls der Tore die fragilen Nähte angeblich so moderner Zivilisationen und Barbarei macht sich breit. Aber trotz der ganzen effektiven, aber irgendwie distanziert erscheinenden Beschreibungen vermisst der Leser den Kapitulationspunkt. Trotz des Chaos, das sich jeweils in unterschiedlicher Art und Weise um die einzelnen Protagonisten ausbildet, wirkt viele zu geordnet und vor allem zu viel aus anderen Werken bekannt. Hier entwickelt die Autorin zu wenig Eigeninitiative, um atmosphärisch überzeugen zu können.

Die eigentliche Handlung mit Celie zwischen zwei Jungen, die sie zumindest mag, von denen sie teilweise geliebt wird und den auch mit ihrer Mutter in einem engen Zusammenhang stehenden Entwicklungen ist stringent geschrieben. Spannung wird durch eine dramaturgisch geschickte Abfolge von eher globalen Katastrophen und emotionalen Krise aufgebaut, wobei die Auflösung der Krise zu schnell, sowie trotz der ominösen Hinweise zu wenig nachhaltig aufgelöst wird. Natürlich wird die Welt aus dem bislang einzigen Ausfall aller Tore gelernt haben. Vor allem weil es anscheinend durch eine Fehlschaltung in einem ansonsten geschlossenen sowie von den Hauptverkehrsstraßen isolierten System stattgefunden hat. Die Autorin vergleicht dieses Szenario mit dem Internetwurm, der vor einigen Jahren fast das ganze Internet über mehrere Stunden lahm gelegt hat. Dieser Wurm hat die Weltwirtschaft Milliarden gekostet, der Ausfall der Tore dürfte aufgrund einer längeren Dauer einen Schaden verursacht haben, der erstens in der Höhe dem des Ersten Weltkriegs entspricht, zweitens zumindest teilweise eine Rückkehr zu den klassischen Verkehrsmitteln bedingen wird und drittens die zwischenstaatlichen Beziehungen in den Grundfesten erschüttert hat. Vieles bleibt am Ende des Buches mit seinem bedingt positiven Ende unausgesprochen und die Handlung wirkt teilweise ein wenig bemüht zu Ende gebracht. Dieser Hang zum Verschenken von Potentialen durchzieht den ganzen Roman.
Die Figuren sind solide entwickelt. Celie muss mit dem Tod ihrer Mutter fertig werden, die als Erfinderin der Tore gleichzeitig als indirekte Verursacherin der Katastrophe gilt. Sie muss anfänglich mit dem Verlust ihrer Mutter klarkommen. Später versucht sie wenig überzeugend ihr bisheriges Leben zu ändern, während sie in einer rauen Umgebung klar kommen muss. Erst die innere Einkehr macht sie zu einer überzeugenderen Persönlichkeit. Der junge Arzt Alex wird mit der rauen Wirklichkeit im Krankenhaus konfrontiert. Seine Liebe zu Celie wird zu Beginn des Plots auf eine harte, eher konstruiert erscheinende Probe gestellt. Er gilt als Mädchenschwarm, obwohl er sich dies zu wenig erklären kann. Von den handelnden Protagonisten wird er von der Autorin am meisten überzeugend und in seinen Aktionen deutlich konsequenter beschrieben als die anderen Figuren. Bernie als abrundendes Konfliktelement leidet als Figur unter der Tatsache, dass er im Grunde zu viele Klischees erfüllen muss. Er begibt sich freiwillig in die „Wildnis“ Mecklenburg Vorpommern, wird natürlich durch den Ausfall der Tore abgeschnitten und begibt sich wie Alex auf eine Quest, deren Ziel Celies Aufenthaltsort ist, der natürlich aufgrund der Abkehr der Mobilen von den neu geschaffenen Toren die Katastrophe zumindest phasenweise ein wenig besser übersteht. In Bezug auf die Mobilen arbeitet die Autorin zu sehr mit Klischee. Die interessante Kultur ist genau wie die neue Jetsetgesellschaft zu oberflächlich und zu konstruiert beschrieben. Viele Fragen bleiben offen und mit ihrer durchaus rasanten Handlung fegt Gabi Neumayer manchmal ein wenig zu sehr über lesenswerte Hintergrundecken oder Kanten hinweg.
„Als die Welt zum Stillstand kam“ ist ein provokanter, interessanter Buchtitel, der von einem augenfälligen Titelbild begleitet wird. Als Katastrophenroman entwirft er ein eher bekanntes Szenario, dessen Katalysator vielschichtiger hätte angelegt werden können. Die Autorin begründet zumindest überzeugend ihre Vorgehensweise. Solide unterhaltend erzählt mit einer gut strukturierten Handlung gehört „Als die Welt zum Stillstand kam“ trotz der angesprochenen Schwächen zu den besseren deutschsprachigen Science Fiction Romanen für ein jugendliches Publikum, obwohl die Autorin aus der zugrundeliegende Idee noch mehr hätte machen können und wahrscheinlich auch machen müssen.

Gabi Neumayer: "Als die Welt zum Stillstand kam"
Roman, Hardcover, 448 Seiten
Beltz Verlag 2012

ISBN 9-7834-0781-1202

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