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rezensiert von Thomas Harbach
Mit Charles Sheffields „Das Nimrod- Projekt“ legt der Bastei Verlag einen der wenigen serienunabhängigen Romane Charles Sheffields auf. Unter dem Originaltitel „the Nimrod Hunt“ hat Sheffield den Plot 1986 zum ersten Mal bearbeitet. Einige Jahre später – 1993 - hat er den Roman komplett überarbeitet und neu unter dem Titel „The Mind Pool“ wieder aufgelegt. Die deutsche Bastei Ausgabe basiert auf der Neubearbeitung. Die ursprüngliche Fassung ist schon 1990 im Heyne Verlag unter dem Titel „Die Nimrod- Jagd“ erschienen. Der neue Titel der BASTEI Ausgabe hört sich weniger martialisch an.
Diese Vorgehensweise ist insbesondere in Sheffields umfangreichem Werk nicht sonderlich neu. Immer wieder hat er seine frühen Stoffe bis auf die handelnden Protagonisten und die zugrunde liegende Prämisse überarbeitet. In vielen Fällen lässt sich an diesen Neubearbeitungen sehr gut seine Entwicklung als Schriftsteller ablesen. Von der ersten Fassung an ging es Sheffield darum, seinem literarischen Vorbild Alfred Bester und seinem herausragenden Roman „The Stars… My Destination“ nachzueifern. Im Gegensatz allerdings zu Bester griff Sheffield nicht auf dessen Prämisse, einen futuristischen Graf von Monte Christo zu schreiben zurück, sondern entnahm Besters sehr geradlinigen Plot nur die Idee eine dekadenten futuristischen Gesellschaft, die zumindest oberflächlich eine Ähnlichkeit mit dem französischen Rokoko aufwies. Leider gehört „Das Nimrod- Projekt“ nicht zu den gelungenen Überarbeitungen. Während die vielen Schwächen der ursprünglichen Fassung zumindest in Hinblick auf Ambition und Ausführung eines talentierten Jungautoren noch verständlich erschienen, gelingt es Charles Sheffield nicht, den Roman in eine adäquate und vor allem für den Leser übersichtlich nachvollziehbare Form zu bringen.
Viele von Sheffields Romanen weisen zum Teil eklatante Anfangsschwächen auf. Der Leser muss sich in den Stoff förmlich hineinquälen. Ist die Handlung erst einmal angelaufen, gelingt es dem Autoren sehr gut, eine farbenprächtige, exotische, aber technisch solide Zukunft zu beschreiben. Unter ähnlichen Anfangsschwierigkeiten leidet auch „Das Nimrod- Projekt“. Im Mittelpunkt steht die Suche nach einer bedrohlichen künstlichen Intelligenz. Dabei wollten die Wissenschaftler nur ein Wesen schaffen, das die Menschen vor äußeren Gefahren beschützt. Wie so oft sind allerdings die gerufenen Geister schwer loszuwerden. Diese künstliche Intelligenz ist nicht nur verschlagen, sondern vor allem schwer bewaffnet. Wie es sich insbesondere für Sheffields Romane gehört, wird eine kleine Gruppe von Spezialisten zusammengestellt, welche die Kastanien aus dem Feuer holen sollen. Ihr Weg führt sie zu einem bislang unbekannten Planeten, auf dem ganz andere Gefahren als die künstliche Intelligenz lauern.
Der grundlegende Plot wäre auf das Wesentliche reduziert sehr stringent und nur mit wenigen wirklichen Überraschungen gegen Ende des Romans versehen erzählt. Konnte der Leser die mechanische Vorgehensweise in der ursprünglichen Fassung des Buches noch verzeihen, wirkt die Neubearbeitung insbesondere im Vergleich Hinblick anderen Sheffield Romane dieser Ära wie ein Rückschritt. Nach dem sehr langen Auftakt mit vielen Informationen, aber nur wenig wirklicher Handlung konzentriert sich der Autor darauf, den Lesern die einzelnen Protagonisten näher zu bringen. Wirklich überzeugende, dreidimensionale Figuren zu entwickeln und sie natürlich agieren zu lassen, gehört zu Sheffields größten Schwächen. Anstatt ein kleines Team mit wirklich sympathischen oder zumindest greifbaren Charakteren ins Rennen zu schicken, versucht der Autor zu Beginn des Buches auf zu vielen, unterschiedlichen Baustellen zu gleich zu agieren. Im Verlaufe des Buches führt er die wichtigsten Handlungsebenen zumindest routiniert zusammen, aber inzwischen haben leider sowohl der Leser als auch der Autor den Überblick verloren. Es sind zu viele Figuren, welche auf unterschiedlichen Handlungsebenen im Grunde zu viel zu agieren suchen. Dabei wirkt die ganze Agitation konterproduktiv und hemmt den natürlichen Fluss des Buches. Das keine seiner Figuren wirklich überzeugend oder zumindest dreidimensional gezeichnet worden ist, ist eine grundlegende Schwäche des Buches. Dabei macht Sheffield zumindest strategisch sehr viel richtig. Eine – in diesem Fall immer noch zu große – Gruppe von Menschen muss mit Aliens zusammenarbeiten, um eine gemeinsame Gefahr zu bahnen. Im Vergleich zu den menschlichen Protagonisten sind die Aliens so gar überzeugend gezeichnet worden. Ihre Handlungen sind fremdartig, Sheffield bemüht sich über weite Strecken, mit ihnen einen starken Kontrast zu den Menschen aufzubauen. Mit viel trockenem Humor hält der Autor seine Leser noch bei der Stange.
Plottechnisch wirkt der Roman allerdings wie ein Rückgriff auf das Golden Age unter der Ägide John W. Campbells. Das Ausgangsszenario könnte ebenso aus einem Pulp- Magazin wie aus einer der alten STAR TREK Folgen stammen. Im Vergleich zu einer Reihe deutlich besserer Autoren gelingt es Sheffield nicht, seinen über weite Strecken bekannten Plot als ironische Hommage an diese Zeiten zu erzählen. Humorlos, wissenschaftlich korrekt, aber nicht stringent erzählt er seine Geschichte. Dabei gewinnt das Buch auf den letzten Seiten an Tiefe und die Auflösung seines Plots ist originell und unterhaltsam. Im Nachhinein ergeben viele von den erst verwirrenden Seitenhandlungen einen Sinn und die Bedrohung durch die künstliche Intelligenz wird zufrieden stellend aufgelöst. In den stärksten Passagen unterstreicht Sheffield, dass er nicht nur den Kern seines Plots fundamental solide aufgebaut, sondern quasi vom Ende her seinen Roman konzipiert hat. Allerdings muss er sich als Autor gefallen lassen, dass die ursprüngliche Fassung „The Nimrod Hunt“ auch in dieser Hinsicht das bessere, das lesenswertere Buch gewesen ist. Im Vergleich zu der ursprünglichen Fassung hat man das Gefühl, als habe Sheffield insbesondere in der lethargischen ersten Hälfte Ideen oder ganze Konzepte für Kurzgeschichten einfach in die laufende Handlung übertragen und dabei wenig Rücksicht auf den eigentlichen Plot genommen. Das Buch hätte mit deutlich weniger Charakteren und Situationen zu Beginn besser funktioniert, der Lesefluss wäre stärker gewesen und der Leser hätte sich auf die elementaren Bestandteile konzentrieren können. Im vorliegenden Buch stehen die sehr guten Passagen zu deutlich aus der Masse des Plots heraus. Sie wirken episodenhaft, teilweise fast isoliert. Um diese wirklich gut geschriebenen Szenen herum macht Charles Sheffield zu viele und zu unnötige handlungstechnische Kompromisse und spielt zu wenig gegen die Erwartungen der Leser. Insbesondere Kenner seines Werkes werden viele Szenen aus anderen Büchern wieder erkennen. Dieser leichtfertige Umgang mit dem vorhandenen Material ist in doppelter Hinsicht schade. Zum einen negiert der Autor mit dieser Neubearbeitung den deutlich effektiveren und stringenteren ersten Versuch und zum zweiten verliert sich eine interessante Idee – die künstliche Intelligenz ist wirklich überzeugend gezeichnet – in einer lieblosen Verpackung. „Das Nimrod- Projekt“ ist daher weder Fisch noch Fleisch. Der Leser sollte versuchen, das 1990 im Heyne erschienene „Original“ antiquarisch zu erstehen. Unabhängig davon liegen auch zwischen Sheffields Bearbeitung und der jetzigen Veröffentlichung im Bastei Verlag 15 Jahre, in denen sich die Science Fiction sehr deutlich weiter entwickelt hat. Diese Zeitspanne lässt „Das Nimrod- Rätsel“ noch älter, noch angestaubter erscheinen. Wie Michael McCollum gehört Sheffield leider zu den Autoren, die sich abhängig von ihrer wissenschaftlichen Ausbildung wie Sheffield in den Bereichen Mathematik und Physik, nur in ihren Fachgebieten weiterentwickelt haben, als Schriftsteller allerdings gehören sie in eine längst vergangene literarische Epoche der vierziger und fünfziger Jahre.
Charles Sheffield: "Das Nimrod- Rätsel"
Roman, Softcover, 412 Seiten
Bastei- Verlag 2008
ISBN 9-7834-0424-3747
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