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Science Fiction (diverse)



Charles Sheffield

Der schwarze Schlund

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Der schwarze Schlund” legt der Bastei- Verlag den fünften und letzten Band der “Heritage” Serie vor. Obwohl der vorliegende Roman ein zufrieden stellendes Ende aufweißt, lässt sich nicht von abschließend sprechen, da Charles Sheffield gerade kurz vor seinem Tod mit “der schwarze Schlund” einen neuen Unterzyklus seiner Serie angefangen hat. Ursprünglich plante er, den Zyklus mit dem vierten Teil “Das Artefakt der Meister” abzuschießen, auch wenn sehr viele Fragen frustrierend offen geblieben sind. Mit dem vorliegenden Band nimmt er dagegen nicht den Handlungsfaden wieder auf, sondern bemüht sich auf das bestehende Universum fast wie ein kleines Zwiebelschalenmodell eine neue, interessante, noch mehr Fragen aufwerfende Handlungsebene drüber zu legen. Zu Beginn des Buches sind die Artefakte verschwunden und die Forscher haben keinen Grund mehr, als unterschiedliche Teams durch die Galaxis zu streifen. In einem der vorhersehbaren Handlungselemente wird ein außergewöhnliches Ereignis sie wieder an einem Ort des Universums zusammenrufen. Charles Sheffield nimmt sich dafür frustrierend viel Zeit. Wie in seinen anderen Heritage- Romanen bis auf den Auftaktband “Summertide” dauert die Exposition im Verhältnis zum folgenden Plot eindeutig zu lange. Graves unterrichtet seine ehemaligen Kollegen, dass im Sagittariusarm Artefakte gefunden worden sind. Eine Gegend, die man bislang nicht nur aufgrund der Entfernung, sondern vor allem astronomischer Phänomene noch nicht erforschen konnte. Dank moderner Raumfahrttechnik ist die Gegend im Grunde nur noch wenige Raumsprünge entfernt. Auf einer zweiten Handlungsebene, welche natürlich eng in einem Zusammenhang mit den Funden steht und sich vor allem schon in “Das Artefakt der Meister” angekündigt hat, droht eine unbekannte Raumseuche die verschiedenen Zivilisationen auszulöschen.

Es ist zwar ungewöhnlich, aber in diesem besonderen Fall notwendig, mit dem Ende zu beginnen. Das Buch endet mit dem Hinweis, dass weitere Expeditionen in den Sagitarius Arm ausgeschickt worden sollten. Durch Charles Sheffields frühzeitigen Tod ist es dazu nicht mehr gekommen. Auch wenn es vielleicht pietätlos klingt, wäre die Serie in den Händen seiner Witwe Nancy Kress in besten Händen. Vielleicht entschließt sie sich eine Tages, die letzten Geheimnisse der Artefakte aufzudecken, denn an diesem konsequenten und spätestens nach dem dritten Buch nicht mehr verständlichen Aufschieben jeglicher Antworten krankt auch der letzte Band. In “Das Artefakt der Meister” sind die stummen Zeugen einer unendlich fernen Vergangenheit zum ersten Mal wieder aktiv geworden. Charles Sheffield ist im Vergleich zu Jack McDevitt kein Schriftsteller, der mittels Mythen und Gerüchten ganze Epochen als bedrohlich und doch faszinierend darstellen kann. Unter seinem kritischen Auge wird die Vergangenheit wissenschaftlich korrekt und so trocken wie eine Doktorarbeit seziert. Der “Sense of Wonder”, den solche Begegnungen mit einer so unglaublich fortgeschrittenen Zivilisation hervorrufen sollten, geht Sheffields Romanen über weite Strecken ab. Da hilft es auch wenig, dass er neben der archäologischen Arbeit auch eine Art soziales Engineering eingeführt hat. Im Vergleich zu den fremdartigen, aber anrührenden Zivilisationen, welche Nancy Kress vor allem in ihren “Probability” Romanen - von denen nur der ersten Band in der Festa- SF Reihe erschienen ist - scheinbar aus dem Nichts erschaffen hat, wirken Sheffields Weltenentwürfe unvollendet und trocken. Weiterhin leiden seine Bücher unter der eindimensionalen Zeichnung seiner Figuren. Dieses Manko gleicht er allerdings zumindest durch eine stringentere Handlungsführung und vor allem eine konsequente und kontinuierliche Logiküberprüfung im vorliegenden Band aus. Aussetzer wie die fast klischeeschaft überzeichneten Karikaturen außerirdischer Schurken direkt aus den Pulp finden sich im vorliegenden Buch nicht. Weiterhin teilt er wie in den vorangegangenen Büchern seine Teams auf, so dass diese parallel wichtige Erkenntnisse sammeln. Im Vergleich aber zu anderen Autoren verzichtet Sheffield fast gänzlich auf den Vorgriff. Der Leser als allmächtiger Beobachter verfügt nicht über das gesamte Wissen des Romans und ist deswegen nicht an einigen wichtigen Stellen den forschenden Protagonisten voraus. Insbesondere in den planetaren Abschnitten des Buches hätte diese Vorgehensweise die Spannung deutlich erhöht und das Buch weniger sperrig, weniger veraltet erscheinen lassen. Um nicht nur alle Protagonisten, sondern vor allem auch die Leser auf dem aktuellen Stand des Geschehens zu halten, müssen durch diese sehr stringente, aber nicht effektive Vorgehensweise immer wieder längere Erklärungen eingefügt werden. Charles Sheffield nimmt sich insbesondere im Vergleich zum zweiten und dritten Band der Serie deutlicher zurück, aber die Handlung könnte schneller und damit effektiver voranschreiten, wenn er auf andere literarische Techniken zurückgegriffen hätte. Viele Szenen werden Fans der Serie aus den vorangegangenen Bänden bekannt vorkommen und teilweise hat der Leser den Endruck, als hätte Charles Sheffield nicht absichtlich, aber zumindest impliziert auf diese vorhandenen Strukturen zurückgegriffen. Niemand weiß, wie krank Sheffield zum Zeitpunkt der Niederschrift des vorliegenden Romans gewesen ist. Alleine aus diesem Grund verbietet es sich, den Stab allzu hart über ihm zu brechen, aber an einigen Stellen wäre ein wenig mehr Originalität empfehlenswert gewesen. Sehr viel virtuoser spielt er mit den Versatzstücken in Bezug auf die Artefakte der Meister. Hier erwartet Sheffield von seinen Lesern gewisse Vorkenntnisse aus den ersten vier Bänden der Serie, um dann einige sehr packende und wahrscheinlich für die nicht mehr geschriebenen weiteren Teile der Serie elementare Szenen sehr fundiert aufzubauen. Der Effekt des Wiedererkennens und die wenigen Ansätze, die Ideen zu extrapolieren, lassen “Resurrgence” als einen besseren Roman erscheinen als er nüchtern betrachtet in Wirklichkeit ist. Das interstellare SWAT Team wirkt insbesondere aus heutiger Zeit betrachtet - immerhin ist das Buch vor knapp sechs Jahren in den USA veröffentlicht worden - eher fragwürdig und Sheffield schreitet auf dem schmalen Grad zwischen unnötiger Heldenheroisierung und militärischer Selbstbeweihräucherung. Das emotionale Dreieck zwischen Rebka, Nenda und Lang entwickelt sich - eine der Stärken des Buches - erstaunlich einfallsreich weiter und im Vergleich zu den ersten Bänden der Serie kann der Leser staunend verfolgen, wie weit sich der Autor in Bezug auf außerirdische Rassen und ihre Lebensräume weiterentwickelt hat. Dieser Beziehungsdschungel ist vielleicht handlungstechnisch das überzeugendste Element des Buches und hier sollte auch jede Fortsetzung pointiert und emotional ebenso überzeugend einsetzen. In wenigen guten Szenen untersucht Sheffield die der Befreiung folgende geistige Unabhängigkeit der ehemaligen Sklaven Kallik und J´merlia, ein Plotelement, das insbesondere in “Das Artefakt der Meister” nur unterdurchschnittlich gespielt worden ist.

Nicht zuletzt aufgrund Sheffields frühen Tod bleibt “Der schwarze Schlund” im Rahmen der Heritageserie ein in sich abgeschlossener Torso. Einige wenig sehr gute Szenen wechseln sich mit den schon aus den ersten Bänden bekannten Schwächen ab. Als Autor hat Sheffield im vorliegenden Band einige wirklich schöne Szenen, welche zu den Besten der Serie gehören. Als Gesamtwerk betrachtet finden sich zu wenig wirklich neue und provozierende Ideen, um die Lektüre mehr als nur den “Heritage” Anhängern zu empfehlen. Der erste Band des Zyklus “Summertide” bleibt von seiner Konzeption und Idee her weiterhin der beste Roman und sei als Lektüre hier noch einmal ausdrücklich empfohlen.

Charles Sheffield: "Der schwarze Schlund"
Roman, Softcover, 524 Seiten
Bastei- Verlag 2008

ISBN 9-7834-0424-3709

Weitere Bücher von Charles Sheffield:
 - Das Artefakt der Meister
 - Das Nimrod- Rätsel
 - Der kalte Tod
 - Der wundersame Dr. Darwin
 - Die Reliktjäger
 - Gezeitensturm
 - Kalt wie Eis
 - Schwarz wie der Tag

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