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Science Fiction (diverse)



Kathryn Kathrin Rusch

Kallisto

rezensiert von Thomas Harbach

Kristine Kathryn Ruschs „Kallisto“ ist in der inzwischen sechste Science Fiction Krimi ihrer „Retrievel Agent“ Serie. Die Bände sind an sich abgeschlossen. Es ist nicht unbedingt notwendig, alle Romane in der richtigen Reihenfolge gelesen zu haben. Mit dem fünften und qualitativ nach einigen Hängern insbesondere im dritten und vierten Teil der Serie sehr überzeugenden Werk „Paloma“ schlägt die Autorin zusammen mit dem vorliegenden „Kallisto“ einen direkten Bogen zum Auftaktroman „Die Verschollenen“. Diese Bücher sollten unbedingt in der Reihenfolge ihres Erscheinens goutiert werden. Paloma ist die langjährige Mentorin und Ausbilderin des Ermittlungsspezialisten Miles Flint gewesen, der sich in der Zukunft auf die Suche nach Verschwundenen macht. Diese Verschollenen haben sich neue Identitäten aufgebaut, weil sie in erster Linie von außerirdischen Zivilisationen für ihre Verbrechen oder Taten auf deren Welten gesucht und nach deren jeweiligen Gesetzen zum Teil drakonisch bestraft werden sollen. Paloma ist verstorben und hat Miles Flint als Alleinerben eingesetzt. Flint dachte, seine Vertraute zu kennen, doch mit den Geisterdateien, welche er in ihrem Computer findet, öffnet sich nicht nur eine neue Persönlichkeit, sondern kommen neuen Fakten über den gewaltsamen Tod seiner einzigen Tochter zu Tage. Bislang ist Flint der Meinung gewesen, das sie in der Kindestagesstätte von einer Aufsichtsperson zu Tode geschüttelt worden ist. Kurz nach der Tag hat sich seine Frau von ihm getrennt. Sie hat versucht, bei ihrem allmächtigen Arbeitgeber – der Aleyd Corporation – mit einem geheimen, aber wichtigen Auftrag über ihren Schmerz hinweg zu kommen.

Zu Beginn von „Kallisto“ wird Rhonda Shindo von zwei Kopfgeldjägern aus ihrem Haus auf dem unter Kuppeln besiedelten Jupitermond Kallisto entführt. Ihre Tochter wird zurückgelassen. Sie ist ein Klon, eine von insgesamt sechs Kopien. Nur wusste sie es bislang nicht. Verstört wendet sie sich an die allmächtige Anwaltskanzlei ihrer Mutter. Ausgehend von dieser Prämisse entwickelt die Autorin den Plot auf insgesamt drei, sehr gut voneinander getrennten und sehr unterschiedlichen Handlungsebenen weiter. Zum einen beschreibt sie ausführlich das Schicksal der knapp dreizehnjährigen Tochter, die von einem netten Polizisten geschützt und von einem Anwalt bedrängt plötzlich alleine auf eigenen Füßen steht. Weiterhin wird ihr Status als Mensch durch das Bekannt werden des Klonens in Frage gestellt. Auf der zweiten Handlungsebene erfährt der Leser, wie sich Rhonda Shindo – selbst Namen sind im vorliegenden Buch wie Schall und Rauch – gegen die Entführer mit viel List und Entschlossenheit auf dem alten Raumfrachter zur Wehr setzen sucht. Der dritte Handlungsbogen beschreibt, wie sich Miles Flints Welt plötzlich aufgrund seiner Recherchen komplett zu verändern beginnt. Seine Vergangenheit erscheint plötzlich nicht mehr so wie er sie in der Erinnerung hat und insbesondere der Tod seiner Tochter wirkt nicht mehr nur wie ein schreckliches Verbrechen, sondern wie ein ausgefeilter und hinterhältiger Plan, um jemanden vor der Lynchjustiz eines außerirdischen Volkes zu schützen. Dieses Volk begnügt sich nicht mehr mit den lapidaren Hinweisen, das die Verschollenen nicht auffindbar sind, sondern will statt den Tätern die Helfer bestrafen.

Die Autorin schließt den Roman zufriedenstellend ab, obwohl es sich rückblickend offensichtlich um den Mittelteil einer lose verbundenen Trilogie innerhalb der Serie handelt. Nach dem soliden handlungstechnischen Aufbau auf den angesprochenen drei Ebenen ist das Ende nicht unbedingt hektisch, aber zumindest abrupt. Vor allem hinterlässt Kristine Kathryn Rusch sehr viele offene Fragen und der versierte Leser hat nicht das Gefühl, als wäre das Schicksal eines wichtigen Charakters wirklich endgültig. In Ruschs Zukunftsvision sterben zwar die Menschen eines natürlichen oder unnatürlichen Todes, aber Kloning wie Gedächtnistransfer ermöglichen zumindest eine Alternativexistenz. Die erste und zweite Handlungsebene laufen dagegen sehr überzeugend, wenn auch vorhersehbar – Miles Flint ist ein solider Charakter, der eher mit seiner Intelligenz als hektischen Aktionen hervorsticht – zusammen. Wie es sich für einen sehr guten Kriminalroman gehört, müssen die einzelnen Protagonisten die wahren Fakten hinter der Entführung recherchieren bzw. die entscheidenden Nebenfiguren finden. Diese Suche wird spannend und sehr kompakt beschrieben. Die Entdeckungen mit der Kritik am skrupellosen und vielleicht sogar kriminellen Vorgehen der Konzerne stehen in einem starken Kontrast zu den Erwartungen der Leser. Schon in einem früheren Band hat eine Wissenschaftlerin in Selbstüberschätzung viele Menschen umgebracht, weil sie nicht rechtzeitig das Serum gegen den von ihr entwickelten Supervirus gefunden hat. In „Kallisto“ impliziert die Autorin einen noch perfideren Plot gegen ein ganzes außerirdisches Volk. Sachlich ohne Emotionen werden diese unglaublichen Pläne aufgedeckt und überschatten die persönliche, aber nicht weniger intensiv geschriebene emotionale Handlungsebene. Ihre Romane zeichnet vor allem ein ungewöhnlicher dichter Plot aus, der ohne Ablenkung oder komische Gimmicks sich abspult. Nicht selten bewegen sich die Leser ausschließlich auf der Augenhöhe der Protagonisten, wobei sie gegenüber den einzelnen Charakteren den Vorteil des allgegenwärtigen Beobachters haben und Informationen aus den einzelnen Handlungsebenen sehr viel schneller zu einem nicht selten unangenehmen Gesamtbild zusammenfügen können oder müssen. Dazu kommt eine überzeugende, sich insbesondere an der gegenwärtigen Situation hinsichtlich der Machtbeugung durch Großkonzerne orientierende Zukunftsvision. Die Romane bauen hintergrundtechnisch sehr stark verzahnt aufeinander auf. Die Siedlung auf Kallisto wird detailreich, dreidimensional und ähnlich wie im ersten Band die Mondkolonie „real“ beschrieben. Eine Bereicherung sind die zahlreichen Nebenfiguren, die manchmal ein wenig klischeehaft herausgearbeitet worden sind, aber einen guten Kontrast zu den dominierenden Protagonisten bilden. Polizist mit Herz, kompromisslose Anwältin, die plötzlich mit ihrem Latein am Ende ist und ein überforderter Entführer, der mit dem intelligenten Widerstand seines Opfers keine Sekunde rechnen konnte.

Miles Flint steht im Mittelpunkt der Handlung, auch wenn er über weite Strecken des Buches passiv ist und nicht in das Geschehen eingreift. Er selbst recherchiert sehr lange in den Geisterdateien seiner verstorbenen Partnerin, liest verschiedene Berichte über den Tod seiner Tochter und schließlich die Arbeiten seiner Frau für einen multinationalen Konzern, entschließt sich mit ihrem damaligen Anwalt zu sprechen und reist er nach ca. Zweidritteln der Handlung in Richtung Kallisto ab, nachdem er erfahren hat, das der Anwalt ebenfalls sich auf dem Jupitermond befindet. Wie geschickt „Kallisto“ aufgebaut ist, erfährt der Leser erst rückblickend. Miles Flints Recherchen ergänzen die auf dem Jupitermond bzw. in den Tiefen des Alls abspielende Handlung perfekt. Auf dem Mond erfährt der Leser mehr über das Schicksal der Klontochter Rhondas und im All verfolgt man Rhonda Shindos Auseinandersetzung mit den Entführern. Beide Spannungsbögen haben einen direkten wie indirekten Einfluss auf Miles Flints zukünftiges Leben. Direkt und indirekt kann der Leser die Zerstörung von Miles Flints nicht perfekter, aber nach dem Tod seiner Tochter einzig erträglicher Welt verfolgen. Diese Destruktion setze schon in „Paloma“ ein, als Flint erkennen musste, dass seine Mentorin gegen die goldenen Regeln immer wieder verstoßen hat, welche sie ihm immer wieder predigte. „Kallisto“ geht den notwendigen Schritt weiter. Es folgt Miles Flint emotionaler Absturz. Zwar rettet er sich in Floskeln, dass seine Frau sein Leben und später das Leben der gemeinsamen Tochter schützen wollte, aber diese Anspielungen sollen in erster Linie den Charakter von Miles Ex- Frau positiver gestalten als das sie wirklich überzeugend und konsequent erscheinen. Rusch behandelt eine Reihe von emotionsgeladenen und wichtigen Themen, ohne dass sie pathetisch wird, ohne kitschige Szenen zu entwickeln und vor allem ohne auf Klischees zurückzugreifen. Auch wenn Miles Flint nur knapp die Hälfte des Buches – großzügig geschätzt – präsent ist, überrascht die dreidimensionale, nuancierte und in jeglicher Hinsicht wirklich überzeugende Weiterentwicklung seines Charakters. Miles Flint findet fast gegen seine Überzeugung sein Gleichgewicht wieder und wird mit einer neuen Aufgabe konfrontiert, die seinen jeglichen Erfahrungen widerspricht.
„Kallisto“ ist ein sorgfältiger ausbalanciertes Buch, das einen spannenden und stringent aufgebauten Plot mit einer gut herausgearbeiteten emotionalen Ebene verbindet. Als Mittelteil einer Trilogie besteht es vor allem aus einer Handlung, die sich nicht als Bindeglied zwischen dem Auftakt – und dem Abschlusswerk sieht, sondern eine eigene Geschichte erzählen möchte. Der Aufwärtstrend der Serie, der sich schon in „Paloma“ abzeichnete, geht weiter und „Kallisto“ gehört trotz der angesprochenen kleineren Einschränkungen zu den besten Romanen der kurzweilig zu lesenden und sehr empfehlenswerten „Retrievel Artist“ Serie.




Kathryn Kathrin Rusch: "Kallisto"
Roman, Softcover, 432 Seiten
Bastei- Verlag 2009

ISBN 9-7834-0423-3397

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