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rezensiert von Thomas Harbach
Neal Asher gehört zu den produktivsten britischen Science Fiction Autoren. Jahr für Jahr legt er einen weiteren umfangreichen Roman vor. Dabei drohten seine Ideen sich ins Groteske zu extrapolieren. Erst mit den letzten beiden Bänden hat neal Asher eine goutierbare Balance zwischen guter, stringenter Science Fiction und seinen teilweise sehr bizarren Plothintergründen gefunden. Eine der Grundideen, welche der englischen Originalausgabe ihren Titel gegeben hat, beschäftigt sich mit einem Krieg zwischen zwei Planeten, welche auf unterschiedlichen Bahnen die gleiche Sonne umkreisen. Brumal und Sudoria sind von Menschen besiedelt worden, die sich den teilweise sehr harschen Umweltbedingungen angepasst haben. Wie so oft in der Geschichte erinnert sich niemand mehr so richtig an die Anfänge des Konfliktes. In dem schmalen Zeitfenster, in welchem sich die Planeten so weit genähert haben, das auch Angriffe technisch möglich gewesen wären, haben sie sich gnadenlos bekriegt. Schließlich gelang Sudoria ein Pyrrhussieg Sie haben gewaltige Raumschiffe – sogenannte „Hilldigger“, wie der Roman im Original heißt entwickelt, welche auf der gegnerischen Planetenoberfläche für Verwerfungen gesorgt haben. Die Sudorianer haben den Krieg gewonnen, ihre Gegner leben auf einer im Grunde verbrannten Welt. Die Sieger beherrschen nicht nur das Sonnensystem aufgrund der Hilldigger, welche den Krieg überstanden haben. Inzwischen dienen sie als zuverlässige Transportschiffe. In Sudorias Orbit befinden sich eine Reihe von Raumstationen, welche die Diskrepanz zwischen Siegern und Verlierern sowohl auf wissenschaftlicher, kommerziell industrieller und militärischer Ebene fast täglich größer werden lassen. Dieses Szenario bildet im Grunde nur den Hintergrund von Neal Ashers Roman. Auf der Augenhöhe eines Gesandten der Polity – David McCrooger – lernt der Leser diese Fakten durch eine Mischung aus Dialogen und sekundärliterarischen Texten scheinbar kennen. Vom Hintergrund ausgehend könnte ein Leser den Fehler machen, „Kinder der Drohne“ für einen utopischen Film aus den sechziger Jahren oder gar STAR TREK Plot um vierzig oder zwanzig Jahre in die literarische Zukunft der Science Fiction versetzt zu halten. Alle Komponenten sind vorhanden. Zwei feindliche Planeten, ein Kampf bis aufs Blut, ein Überlebender und doch kein befriedigendes bzw. befriedendes Ergebnis. Ein Fremder, der mit seinem Auftauchen für Unruhe sorgt. Auch wenn der Gesandte der Polity noch strengere Richtlinien als die Mitglieder der diversen ENTERPRISE Crews mit auf den Weg erhalten hat, setzt er mit seinem Erscheinen eine Kette von Ereignissen in Bewegung. So taucht fast zeitgleich eine Schrift auf, in welcher der Geheimbund der Uskaron augenscheinlich eine andere, vielleicht wahre Geschichte des Krieges niedergeschrieben hat. Die Idee von der falschen Historie hat Jack Mcdevitt in seinem herausragenden Roman „A Talent for War“ im Grunde abschließend behandelt. Auf dieser Handlungsebene gelingt es Neal Asher so gut wie gar nicht, dem Leser etwas Neues oder Überraschendes anzubieten. Der deutsche Titel „Kinder der Drohne“ bezieht sich auf Ereignisse unmittelbar nach Ende des Krieges. Eine gigantische Wurmkreatur ist im Sonnensystem entdeckt worden. Die übergebliebene Flotte hat den neuen feind unmittelbar angegriffen und konnte den Körper in vier Teile zerschlagen. Die vier Komponenten sind heimlich in entsprechende Container verladen worden. Um diese Container haben die Suorianer ihre Orbitalstation gebaut. Unter strengster Geheimhaltung ist diese unbekannte Kreatur untersucht worden. In einem bizarren Szenario – so typisch für Neal Ashers Bücher – ist die Forscherin Elsever Stone mit Sekreten des Wurms direkt in Berührung gekommen. Kurze Zeit später ist sie schwanger geworden und hat vier Kinder geboren. Diese vier Kinder sind mehr sehr unterschiedlichen, aber überdurchschnittlichen Fähigkeiten beschenkt worden. Bis zum Einsetzen der Handlung mit David McCoogers Einreise in das Sonnensystem haben sie wichtige politische bzw. gesellschaftliche Schlüsselstellungen eingenommen. Auch diese Informationen erfährt der Leser fats ausschließlich durch sehr unterschiedliche Rückblenden, während McCooger sich direkt mit den vier Kindern auseinandersetzen muss. Auf dieser Handlungsebene ist der Leser in einem klaren Vorteil gegenüber dem Ich- Erzähler. Im Vergleich zu vielen anderen Autoren ist die Ich- Perspektive spannungstechnisch kein Nachteil für den Roman. Obwohl der Leser weiß, dass McCooger auch diverse Anschläge auf sein Leben überleben wird und muss, ist in einem Neal Asher Roman Überleben sehr breit definiert. Nicht selten entlarvt er die bislang dem außen stehenden Betrachter als real und vertraut vorkommende Ebene als virtuelle Realität. Im vorliegenden Buch ist das nicht der Fall, aber der erfahrene McCooger hinterlässt beim Leser den Eindruck, als könne ihn kein Alien mehr erschüttern. Es ist zwar nicht notwendig, die anderen Polity- Bücher zu lesen, um diesen Roman zu verstehen, aber wie so oft erhöht es das Lesevergnügen, wenn der Leser die Szenen und Romane kennt, aus denen McCooger lakonisch bis zynisch erzählt. Was für „Kinder der Drohne“ spricht, ist die überzeugende Disziplin, mit welcher Neal Asher seinen vielschichtigen Plot stringent und vor allem zusammenhängend erzählt. In einigen seiner bisherigen Bücher hat er sich bei seinem rasanten Tempo selbst überholt und wichtige Charaktere oder Szenen für mehrere hundert Seiten vergessen, um sie dann im überhasteten Showdown an unglücklichen Stellen wieder aus der Versenkung zu holen. Im vorliegenden Buch macht er diesen Fehler nicht. Obwohl die McCooger/ Krieg – Ebenen die Griffigsten des Buches sind, gehören sie eher zu den bodenständigen Passagen. Wobei unter Bodenständigkeit für einen Neal Asher Roman zu verstehen ist und nicht mit anderen Pulpautoren des Genres zu vergleichen ist. Im Vergleich zu Cormac ist McCooger ein zugänglicher Charakter mit Vergangenheit, aber einer gut entwickelten Persönlichkeit. Neal Asher spielt teilweise sehr augenscheinlich mit den Klischees des Genres und liebt es, die Erwartungen seiner Leser immer wieder mit neuen, bizarreren Ideen in die Irre zu führen. Im Vergleich zu einigen seiner anderen Bücher weiß er allerdings inzwischen, dass er diese Schraube nicht überdrehen darf. Und vor allem funktioniert diese Vorgehensweise nur wirklich effektiv, wenn dem Leser auch eine Alternative, ein Boden, auf welchem er sich zusammen mit den Charakteren bewegen kann, angeboten wird. Und diese Alternativen bietet Neal Asher seinen Lesern kontinuierlich auf den anderen Handlungsebenen erstaunlich erwachsen und vor allem gut durchdacht an.
Sehr viel effektiver und nachhaltiger sind die Lebensweise der vier Kinder des Wurms. In Rückblicken erzählt er ihre sehr unterschiedliche Entwicklung. Der Leser bekommt so nicht nur einen Einblick in ihre Bestimmung, sondern durch ihre im Kern fremden Augen ein solides Bild von der sie umgebenden Gesellschaft. Dieses Bild kann der Leser sehr viel effektiver mit McCoogers Beobachtungen in Verbindung bringen. Neal Asher beschäftigt sich sehr intensiv mit den vier Kindern und seine Charakteristik gehört zu den bislang am meisten Überzeugenden seines bisherigen Werkes. Die dank Nanotechnologie und Genmanipulation gezüchteten Supermänner machen dreidimensionalen Aliens aus dem Äquivalent von Fleisch und Blut Platz. Der Leser kann deren Handlungen sehr viel besser nachvollziehen und ihren Gedankengängen folgen. In vielen seiner anderen Bücher hat sich Neal Asher auf eine kontinuierlich sich steigernde Actionhandlung, exotisch bis bizarre Hintergründe und teilweise skurrile Ideen verlassen. Im vorliegenden Roman sind diese Komponenten reichlich vorhanden, aber die Aufmerksamkeit der Leser fällt automatisch auf sein wundervoll groteskes außerirdisches Leben mit erkennbaren menschlichen Zügen. Seine Bücher vermitteln den Eindruck, als gäbe es für den Menschen in den Tiefen des Alls nur eine Zukunft – die der kompletten Anpassung an die fremden bis unwirtlichen Welten und die Aufgabe des heiligen Körpers zu Gunsten einer halbmaschinellen Existenz. Diese Idee spiegelt sich in einer Reihe von Bildern wieder, sie ist aber nicht die einzige. Ganz bewusst versucht sich Neal Asher aus dem teilweise zu engen Korsett seiner Cormac- Romane zu befreien und vor allem sein Universum in verschiedener Hinsicht zu erweitern. Trotz einiger kleiner Schwächen wie teilweise zu grotesken und damit unglaubwürdigen Beschreibungen, einigen etwas klischeehaft geschriebenen Actionszenen, sowie zum wiederholten Male wirklich GROSSEN Waffen zeigt „Kinder der Drohne“, das beim Neal Ashers der schriftstellerische Reifungsprozess in vollem Gange ist ohne das er die übersprudelnde Phantasie seiner bisherigen Polity- Romane verloren hat.
Neal Asher: "Kinder der Drohne"
Roman, Softcover, 598 Seiten
Bastei- Verlag 2008
ISBN 9-7834-0423-3236
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