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Science Fiction (diverse)



Erkki Ahonen

Blackboxbaby

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Erkki P. Ahonens „Blackboxbaby“ legt der Waldgut Verlag einen der Schlüsselroman des finnischen Autoren vor. Der 1932 in Kiuruvesi geborene Autor studierte Geisteswissenschaften an der Universität Turku. Anschließend arbeitete er als Lehrer, in den sechziger Jahren widmete er sich verstärkt dem Schreiben. Neben seinen utopischen Werken trat er als Lyriker und Theaterautor hervor. Blackboxbaby gilt als Ahonens Schlüsselroman. Wie viele europäische Werke ist der Roman bislang nicht in Deutsche übersetzt worden. Waldgut schließt diese Lücke und präsentiert den Roman als ansprechendes Hardcover mit einem Titelfoto von Dr. Thomas Ortner.


Der Übersetzer Miika Müller spricht in seinem Nachwort davon, dass die Wissenschaftler des vorliegenden Romans in der Tradition Frankensteins ein „Kind“ bauen, Leben erschaffen. Die Ähnlichkeiten zu anderen populären Science Fiction Werken als zu Shelleys Roman sind dagegen vielschichtiger und deswegen faszinierender. Die erste Quelle ist sicherlich „Colossus“, nicht nur der 1969 entstandene Film, sondern vor allem die verschiedenen Buchvorlagen aus der Feder Dennis Feltham Jones, die ab 1966 erschienen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Erkki Ahonen die Verfilmung gekannt hat, denn im Verlaufe seines Experiments greift er zumindest die Idee auf, dass die von Menschen geschaffene „Macht“ die Kontrolle über die Atomwaffen ergreift und diese aus Sicht der Schöpfer zweckentfremdet. Von einem anderen Autoren hat sich Ahonen zumindest auf der philosophischen Ebene sehr beeindrucken lassen: Daniel Keyes „Flowers for Algernon“ . In beiden Fällen versuchen die Wissenschaftler den Menschen zu manipulieren und darüber hinaus zu formen. Ahonen geht in seinem Werk einen wichtigen Schritt weiter, denn das menschliche Gehirn, das den Forschern durch einen Zufall zur Verfügung steht, ist noch gänzlich unberührt und ungeformt. Im ersten Schritt versuchen die emotionslos agierenden Wissenschaftler dem Kind ihre persönliche Weltsicht zu vermitteln und kontrollieren jegliche Datenströme. Diese Vorgehensweise gipfelt in absurden Formen: so spielt das Gehirn im Körper eines Roboter schließlich Fußball, ohne das es seine eigene Existenz wirklich einschätzen kann. Der Leser selbst kann sich dem Textobjekt und Opfer nur über den Ich- Erzähler nähern. Wie alle Forscher bleibt er - bis auf einen Ausbruch von weiblichen Muttergefühlen bei seiner Kollegin - distanziert und emotionslos. Der Ich- Erzähler ist nicht nur ein Teilnehmer an allen Stadion des Experiments, er filtert auch das Material, das er von ominösen Andeutungen begleitet schließlich in Form eines Berichts, dessen Ziel im Dunklen bleibt, an die Nachwelt stellvertretend für den Leser weitergibt. Mit der Reduzierung seines Romans auf das Wesentliche und den kompletten Verzicht auf jegliche tiefer gehende Charakterisierung der einzelnen Protagonisten raubt Ahonen seinem Werk eine wichtige emotionale Grundlage und nähert sich mit seiner Geschichte einem philosophischen Exkurs. Insbesondere Olaf Stapledon hat diese erzähltechnische Perspektive in seinen grundlegenden und Bahn brechenden Werken hervorragend umgesetzt. Ahonen gelingt es nur teilweise, einen packenden Stoff zu schreiben und gleichzeitig die Forschung zu geißeln, welche die Geschichte erst möglich gemacht hat.

Ausgerechnet der Ich- Erzähler ist allerdings in diesem Experiment für die emotionale Seite des „Kindes“ zuständig. Über Dialoge versucht sich Ahonen durch die Hintertür dieser Ebene zu nähern, umschifft sehr gelungen Ansätze eines HAL Syndroms wie in „2001“. Der Autor beantwortet aber nicht immer wirklich konsequent die kritischen Fragen des „Blackbox Kindes“, welches es im Grunde stellvertretend für die Menschheit stellt. Zu den wenigen wirklich emotional überzeugenden und schriftstellerisch aufgrund ihrer Kargheit umgesetzten Szenen gehört die Begegnung mit dem „Wirtskörper“. Das Bewusstsein möchte unbedingt seine Stammzelle sein, das am Leben erhaltene Gehirn. Das „Kind“ bittet darum, den Körper zu verhängen. Diese Szene nimmt nicht nur tragische Züge an, sie erinnert in ihrer Konsequenz ganz bewusst an einzelne Passagen aus Shelleys Frankenstein.

Obwohl der Roman in den frühen siebziger Jahren geschrieben worden ist, extrapoliert Ahonen nicht nur die atomare Bedrohung durch „Terroristen“ und den leichtfertigen Umgang insbesondere der Politiker mit Atomwaffen/ Atomenergie, sondern setzt sich sehr konkret und realistisch mit einem globalen Datennetz auseinander. Der Schritt von der Datenkontrolle – immerhin wollen die Wissenschaftler den Input ihres „Kindes“ genau kontrollieren - zum Zugriff auf das Datennetz ist in seiner Logik nicht unbedingt konsequent und folgerichtig, aber in dem Augenblick, in welchem das Blackbox Baby Zugang zum Weltwissen erhält, beginnt es nicht nur seine Stellung zu begreifen, sondern die Position seiner Schöpfer sehr konsequent zu hinterfragen. Nur in seltenen Fällen hat es die Möglichkeit, das theoretische Wissen an praktischen Beispielen zu überprüfen. So möchte er – ebenfalls ein direktes Zitat aus „Colossus“ – den menschlichen Körper kennen lernen und fordert seine Kontaktperson mit drastischen und überraschend entschlossenen Worten auf, sich zu entkleiden und zu berühren. Darüber hinaus bestimmt die zweite Hälfe des Buches die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der menschlichen Zivilisation. Im Gegensatz allerdings zu „Colossus“, welcher die Menschen schließlich zu ihrem eigenen Schutz kontrollieren will und wird, sucht das „Blackbox Baby“ nicht nur, den Hass aus dem Unterbewusstsein der Menschen zu befreien, sondern versucht diese für ihn nur schwer verständlichen Emotionen auf sich zu projizieren. Mit diesem indirekten Schritt soll sich auch die wirkliche Welt ändern, der Finne beschreitet diesen auch literarisch kritisch zu sehenden Weg über die Gestalt des Sehers, wie Müller ebenfalls in seinem Nachwort extrapoliert. Darin liegt auch die Problematik des Romans, denn das Black Box Baby versucht die eigene Wesensform zu ändern ohne wirklich über das Wissen zu verfügen, eine neue erschaffen zu können. Ahonens Schöpfung fehlt die Bedrohlichkeit und Anonymität des „Colossus“ Supercomputers. Ihm gelingt es nur selten, dieses neue Wesen wirklich als eine Bedrohung der bestehenden Ordnung darzustellen. Weiterhin agieren die Wissenschaftler sehr behäbig. Durch den Ich- Erzähler und den Rahmen wird dem Bericht einiges an Spannung genommen, der hier beschriebene Prozess hat schon stattgefunden und die Drohungen/ Warnungen wirken nachträglich integriert. Unabhängig von dieser Einschränkung stellt sich Ahonen den wichtigsten Fragen der Wissenschafter und versucht aus einer philosophischen und vor allem Genre untypischen Perspektiven Antworten zu finden. Was macht wirklich einen Menschen aus? Wie entsteht ein Bewusstsein? Ab welchem Moment beginnt es zu „leben“, also eigene Ideen umzusetzen? Die Fragen sind interessante Prämissen, die in dem sehr kompakt geschriebenen Roman oft gestreift, aber nicht immer konsequent zu Ende gedacht werden. Ahohnen vertraut den Instinkten seiner Leser und in dieser Hinsicht ist „Black Box Baby“ ein auf den ersten Blick zeitloses Buch, auf den zweiten wichtigeren Blick allerdings auch ein Produkt seiner Zeit. Die Auseinandersetzung mit einer Globalisierung sowohl in Hinblick auf soziale Strukturen als auch technische Komponenten wird auf einem nicht unbedingt negativ ausgedrückt „primitiven“ Niveau geführt. Für den Autoren erwacht insbesondere eine junge Generation aus dem zivilisatorischen Dämmerschlaf und sucht sich von den Eltern noch deutlicher abzugrenzen als bisher. Die Stille nach dem Zweiten Weltkrieg und abgeklungen und die neuen Ufer sich viel steiniger als es Ahonenen Charaktere wirklich erwarten. Die Grenzen von Anstand und Moral sind noch nicht definiert. Der Autor lässt viele Fragen unbeantwortet, so verfolgt der Leser zwar die Veränderungen im Black Box Baby, er weiß allerdings nicht, ob es sich um einen Einzelfall handelt oder sich dieser „künstliche“ Mensch fortpflanzen kann? Insbesondere diese Frage wird gar nicht angesprochen, ebenfalls ein interessanter Unterschied zu „Colossus“, der seine komplette Herrschaft zu festigen sucht. In beiden Romanen bzw. der Verfilmung versucht „Frankenstein“ seinem Schöpfer intellektuell überlegen zu sein. Der größte Unterschied zum Urwerk, in welchem die Kreatur nur auf der gleichen Stufe wie ihr Schöpfer stehen wollte. Im vorliegenden Buch ziehen die Wissenschaftler zwar einige Schlüsse aus ihrem Experiment – spätestens ab dem Augenblick, in welchem sie die Kontrolle verloren haben -, sie wachen aber aus ihrem Forscherwahn nicht auf. Sie werden von der „Welle“ quasi mitgerissen, die kritische Reflektion der eigenen Tat beschränkt sich von Beginn auf eine Reihe von Floskeln. Die Neugierde überwiegt. Erstaunlicherweise werden die mit dem Projekt betrauten Wissenschaftler die Codierten genannt. Ihnen stehen scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten zur Verfügung und nicht selten hat der Leser das Gefühl, als präsentieren sie sich als Vorgänger des Blackboxbabys auf einem gerade noch zugänglichen Level. Die Unterschiede sind nicht so groß, wie es das Experiment erscheinen lässt. Es sind diese kleinen Zwischentöne, welche den sehr ruhig und teilweise zu getragen geschriebenen Roman seine Faszination geben. Die Ideen und ihre Extrapolation sind in Hinblick auf die Science Fiction nicht grundsätzlich neu, nur lesenswert interpretiert und in philosophischer Hinsicht solide extrapoliert. Auf den ersten Blick irritiert die Distanz zu allen Figuren. Diese Vorgehensweise rückt den Roman in die Nähe klassischer Anti Utopien. Diese Möglichkeit wird allerdings vom grundlegenden griffigen, kompakten und sehr stringenten Plot nicht unterstützt. Ahonen reizt den Leser mit einigen sehr zeitlosen Thesen, stiehlt sich an anderen Stellen allerdings auch nach der entsprechenden fragentechnischen Provokation konsequent aus der Verantwortung, zumindest eine diskussionswürdige Antwort zu geben. Trotz dieser Schwächen ist die Veröffentlichung des „Blackboxbabys“ zum ersten Mal in deutscher Sprache begrüßenswert, vor allem öffnet das Buch die Tür in den bislang eher unterrepräsentierten skandinavischen Raum einen Spalt weiter. Die angesprochenen Sehnsüchte und Ängste sind von globaler Natur, in gewisser Weise zeitlos und heute noch aktuell.


Erkki Ahonen: "Blackboxbaby"
Roman, Hardcover, 124 Seiten
Waldgut Verlag 2008

ISBN 9-7830-3740-3792

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