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Science Fiction (diverse)



Frederik Pohl

All the lives he led

rezensiert von Thomas Harbach

Mit ihren neusten Romanen setzen sich zwei Altmeister der Science Fiction, die jeweils mehr als sechzig bis siebzig Jahre aktiv im Genre gewesen sind, mit der Idee des modernen Terrors in erster Linie von islamitischen Fundamentalisten und die paranoid ĂŒberzogene Reaktion der westlichen IndustrielĂ€nder auseinander. WĂ€hrend Brian W. Aldiss “Terror” zu einer intimen Studie einer AtmosphĂ€re der Angst und der gegenseitigen VerdĂ€chtigen komprimiert worden ist, versucht Frederik Pohl in “All the lives he Led” globaler Fragen zu beantworten. Im Gegensatz zu Aldiss lesenswerter Arbeit versucht Pohl viel, wahrscheinlich zu viel in einen Roman zu packen, der rĂŒckblickend eher wie eine nicht selten interessante Sammlung von Ideen erscheint, aus denen man mehr als nur einen Roman hĂ€tte machen können und vielleicht sogar machen mĂŒssen.
Technisch geht Pohl dabei einen ungewöhnlichen Weg, der nicht nur die volle Aufmerksamkeit seiner Leser erfordert, sondern neben Geduld auch viel zu viel VerstĂ€ndnis. Pohl nutzt einen Ich- ErzĂ€hler - Brad Sheridan - als Identifikationsfigur der Leser, der bei den meisten Ereignisse nur mittelbar dabei ist und deswegen aus einer zu weit zurĂŒckgezogenen Positionen berichten soll. Die Nutzung eines Ich- ErzĂ€hlers reduziert in zweifacher Hinsicht den Spannungsbogen. Ein ehrlicher Autor lĂ€sst seinen Ich- ErzĂ€hler niemals sterben oder zumindest so lange leben, bis er seine persönliche Geschichte in erster Linie dem Leser erzĂ€hlt hat. Die Persönlichkeit des “Helden” bestimmt fĂŒr den Leser die Wichtigkeit und vor allem die emotionale Einordnung der Ereignisse. Und hier liegt vielleicht das grĂ¶ĂŸte Problem des vorliegenden Romans. Brad Sheridan ist nicht nur alt und damit altklug weise, er betrachtet viele der beschriebenen Ereignisse inzwischen aus einer nicht nur emotionalen, sondern vor allem auch zeitlichen Distanz, die ihn dazu reizt, weniger zu erzĂ€hlen als zu kommentieren. Mit seiner begleitenden, Geschehnisse zu relativierenden Art und Weise lĂ€sst er die einzelnen Handlungsbogen noch sachlicher, noch gedehnter und angesichts des Buches auch leider stellenweise phlegmatischer erscheinen. Brad Sheridan erscheint als eine Art Opfer und TĂ€ter zu gleich, der auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner symbolisiert, das die OrdnungsmĂ€chte in ihrem inzwischen paranoiden Kampf gegen jede Art von Terror jegliche Kontrolle verloren haben. Auf der anderen Seite prĂ€sentiert Fredereik Pohl allerdings auch eine Zukunftswelt des 21. Jahrhunderts, in der die einzelnen, nicht mehr zu ĂŒberschauenden Terrorismusorganisationen ihre IdentitĂ€t alleine durch spektakulĂ€re, nicht immer mit den Zielen verbundene terroristische Aktionen bestimmen.

Genauso unbestimmt oberflĂ€chlich geht Pohl mit seiner Welt des Jahres 2079 um. Vor einigen Jahren ist die USA durch die Eruption des Vulkans unter dem Yellowstone Park zumindest in der Theorie untergegangen. Gigantische Lavamassen haben große Teile des Landes unbewohnbar und die ehemals grĂ¶ĂŸte Wirtschaftsmacht der Welt zu einem Entwicklungsland gemacht. Globale Auswirkungen auf die anderen Nationen scheint dieses Ereignisse nur in Form eines Aufstieges der dritten Welt gehabt zu haben. Und Brad Sheridan musste sich erst in Ägypten als TouristenfĂŒhrer, spĂ€ter zu Beginn des Romans in einer Art virtuellen Erlebniswelt in Pompeji verdienen. Positiv fĂŒr den ganzen Plot folgt Pohl nicht den Michael Crichton Vorgaben, sondern entwickelt den Themenpark als eine Mischung aus virtuellem Freudespender natĂŒrlich mit entsprechenden GenĂŒssen, Touristenfalle mit ĂŒberteuertem schlechten Weinausschank und zu selten als informativen Themenpark. Das Problem an diesem ausfĂŒhrlich beschriebenen Hintergrund ist, das er genauso unnötig ist wie die durch den Vulkanausbruch vernichtete USA. Der Leser erhĂ€lt eine Reihe von teilweise verblĂŒffenden ausfĂŒhrlichen Informationen, die unterstreichen, wie sorgfĂ€ltig Pohl im Vergleich zum Plot den Hintergrund seiner Geschichte geplant hat, bevor diese positiven Aspekte von den inneren Monologen zurĂŒckgedrĂ€ngt und viel schlimmer am Ende des Buches ins Vergessen gedrĂ€ngt werden. Selbst Brad Sheridans Onkel, der Millionen zu Gunsten einer obskuren terroristischen Vereinigung in den USA unterschlagen hat, spielt plötzlich keine Rolle mehr.
Pohl hat in den achtziger Jahren mit Satiren wie “Der Stellvertreter- Krieg” bewiesen, dass er ein gutes GespĂŒr fĂŒr die Strömungen der Zeit hat. Dieses hat ihn vordergrĂŒndig auch im vorliegenden Roman nicht verlassen. Er warnt vor der drohenden Verrohung jeglicher Interessengruppen, die selbst nur fĂŒr die kleinste Minderheit interessante Ziele mit BombenanschlĂ€gen durchzusetzen suchen. Er zeigt mit dem Finger auf die Randstaaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen nicht nur fĂŒr Geld jegliche Art von Waffe gekauft worden kann, sondern in denen sich eine Art Safe Heaven Strategie fĂŒr Terroristen entwickelt hat. Leider manifestiert Pohl die Zeitströmung am Portrait eines Superterroristen namens Brian Bossert, ĂŒber den der Leser eher rĂŒckblickend sehr viel, vielleicht sogar zu viel erfĂ€hrt. Vor einigen Jahren hat er mit seinem Team einen Supertankeranschlag auf Toronto durchgefĂŒhrt. Bossert scheint eher am Publikum, an der Aufmerksamkeit des Boulevards interessiert zu sein, als das er nachhaltige politische Motive verfolgt.
Der Leser erhofft sich jetzt einen stringenten Plot, in dem Terroristen vielleicht eine Vulkanexplosion zum 2000. Jahrestags des Vesuvausbruchs einleiten, die Brad Sheridan zumindest eine Art Deja Vu prĂ€sentiert. Diese Idee wird zumindest mehrfach impliziert, dann wieder fallen gelassen. Wenn selbst eine Vergiftung des Wasserreservoirs durch einen microterroristischen Anschlag dank regelmĂ€ĂŸiger Kontrollen vereitelt wird, verliert der Roman langsam an SchĂ€rfe. Pohl konzentriert sich darauf, Brad erst einmal aufgrund seiner Herkunft zu isolieren. Ein eher gegenwĂ€rtiger Aspekt, bei dem vergessen wird, das Amerika nicht mehr die Welt kontrolliert, sondern durch eine Naturkatastrophe von den Hilfslieferungen der anderen LĂ€nder abhĂ€ngig geworden ist.
Genauso unwahrscheinlich erscheinen die beiden plottechnisch wichtigsten Aspekte des Romans. Brad verliebt sich in die nicht sonderlich attraktive, aber zumindest ihm gegenĂŒber aufgeschlossene Gerda Fleming, wĂ€hrend er nĂ€heren Kontakt mit dem ihm unbekannten, aber terroristisch aktiven Maury. Ohne zu viel vom Plot zu verraten, steht Gerda in einem bizarren Zusammenhang mit dem Superterroristen Bossert. Hier tun sich plötzlich plottechnische LĂŒcken auf. Ganze Nebenhandlungen basieren auf einer angeblichen FehleinschĂ€tzung der Behörden, die einen Superterroristen trotz genetischen Tests laufen lassen. Der Rest quasi einmal ums Mittelmeer, um schließlich wieder in Italien zu landen, wo man ihn tötet. In letzter Sekunde kann er Brad Sheridan ein Geheimnis verraten, auf das sich der letzte frustrierende Teil des Buches aufbaut. Immer wieder hat de Leser das unbestimmte GefĂŒhl, als habe Frederik Pohl durchaus lesenswerte einzelne Facetten der Geschichte entwickelt und sie spĂ€ter mit einer Art Holzhammer miteinander verbunden. Diese VerbindungsstĂŒcke ergeben weder einen Sinn noch beginnen sie die immer zahlreicher werdenden Fragen nach der Motivation der einzelnen Figuren zu beantworten. Wenn Sheridan dann auch noch die menschliche Geschichte unter der Perspektive des Terrorismus in jeglicher Form - hierzu zĂ€hlt Pohl auch Massenmord, wobei natĂŒrlich Hitler und Stalin mehrfach expliziert als perverse Spitze des Eisberges hervorgehoben werden - recherchiert, wĂ€hrend er selbst das Serum gegen eine Supergrippe in HĂ€nden hĂ€lt, zerfĂ€llt die Geschichte endgĂŒltig. Dabei ragen aus diesem Teil des Buches die immer brutaler, rĂŒcksichtsloser und vor allem nihilistischer werdenden Taten der Terroristen wie ein Dorn im Fleisch der natĂŒrlich verweichlichten Zivilisation heraus.
Frederik Pohl ist immer ein Ideenautor gewesen, der seine Figuren pragmatisch und teilweise stereotyp des Plots untergeordnet hat. Diese SchwĂ€che zeigt sich auch im vorliegenden Buch. Notwendig EmotionalitĂ€t in SchlĂŒsselszenen scheitert an der distanzierten Charakterisierung wichtiger Personen. Eine Identifikation insbesondere mit der Hauptfigur kann nicht stattfinden, das Brad Sheridan im Grunde ein eindimensionales Klischee eines distanzierten Ich- ErzĂ€hlers ist, der davon profitiert hat, das es zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen ist. Insbesondere die Liebesgeschichte wirkt so unglaubwĂŒrdig, das man an David Cronenbergs Film “M. Butterfly” denken muss. Nur gibt es im vorliegenden Roman ausschließlich TĂ€ter und keine handelnden Opfer. Als Roman wirkt “All the live he Led” wie eine Aneinanderreihung von einigen herausragenden Szenen und Ideen vor einem minutiös entwickelten Hintergrund, aber weniger wie ein klassisch stringenter Roman oder eine nachhaltig ĂŒberdenkenswerte Satire auf die Exzesse der Gegenwart. Es ist schade, dass der Autor sich nur vordergrĂŒndig mit seinen durchaus relevanten Thesen auseinandergesetzt hat und das sie von dem zu wenig dreidimensional extrapolierten, aber sehr zufrieden stellend fragmentarisch entwickelten Hintergrund zu stark abstehen, als das die vorliegende Arbeit harmonisch bezeichnet werden kann. Viel Schein, aber wenig Substanz zeichnet Pohl bislang letzten Roman aus. Dabei hĂ€tte wie schon mehrfach angesprochen alleine die Idee eines Supervulkanausbruchs in den USA und deren Folgen ausgereicht, um eine ĂŒberdurchschnittliche, emotionale und vor allem auch politisch- wirtschaftlich gut entwickelte Geschichte zu erzĂ€hlen. Da hĂ€tte es der halbgaren Nebenhandlungszweige nicht bedurft, die “All the live he Led” so frustrierend nicht zusammenhĂ€ngend machen.

Frederik Pohl: "All the lives he led"
Roman, Softcover, 386 Seiten
Tor 2012

ISBN 9-7807-6536-1455

Weitere Bücher von Frederik Pohl:
 - Gateway Trilogie
 - The Coming of the Quantum Cats

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