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Science Fiction (diverse)



Matt Ruff

Bad Monkeys

rezensiert von Thomas Harbach

Auch wenn der Vergleich hinkt, mehrmals hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als verfolge er eine literarische Allegorie auf Terry Gilliams markanten Film "The twelve Monkeys". In Matt Ruffs vierten Roman ist sich der Leser aufgrund der interessanten Struktur niemals bis in das etwas zu konstruiert erscheinende nihilistische Finale hin sicher, ob Jane Charlottes "Lebensgeschichte" einen wahren Kern beinhaltet oder die kranke Ausgeburt ihrer Phantasie ist. Jane Charlotte sitzt in einer Zelle und unterhält sich mit dem ihr zu geordneten Psychiater, der ihre lebendig sarkastischen Beschreibungen immer wieder durch die Beibringung von widersprechenden Beweisen zum Einstürzen zu bringen sucht.

Zwischen der ersten Episode und denn nachfolgenden Aufträgen für die Geheimorganisation besteht ein zeitlicher Unterschied von mehr als zwanzig Jahren. Geschickt etabliert sich Jane Charlotte als Opfer einer distanzierten, zu Liebe nicht fähigen Mutter, die den Verlust ihres Ehemanns dem Gewissen der älteren Tochter aufhalst, während der jüngere Bruder verhätschelt wird. Diese emotionalen Ungerechtigkeiten schüren natürlich Neid und Hass. Anfänglich setzt Jane Charlotte während ihrer Trotzphase ihren Bruder an Orten wie der örtlichen Bücherei aus, um ihre Freiheit zu genießen. Eines Tages verschwindet ihr Bruder spurlos. Gleichzeitig treibt sich auf ihrem Schulgelände ein Kinderschänder und Kindermörder herum, der von der Presse als "Engel des Todes" bezeichnet wird. Jane Charlotte vermutet im Hausmeister den Massenmörder. Untersuchungen der Polizei, sowie eigene eher unfreiwillig ins Detail gehende Ermittlungen führen ins Nichts. Der Hausmeister verschwindet spurlos. Eines Nachts wird Jane Charlotte im Haus ihrer Mutter durch einen Einbrecher geweckt, den sie mit einer aus dem Nichts gedanklich hervor gezauberten Strahlenpistole - dem ersten phantastischen Element dieses Buches - tötet. Gleichzeitig beseitigt die Wucht der Waffe alle Spuren des Eindringlings.

Aufgrund der nach dem ersten Geständnis vorgelegten Akten, handelt es sich bei dem Angreifer weder um den Hausmeister noch um den "Engel des Todes", der wenige Monate später wieder zugeschlagen hat. In der Theorie bricht Jane Charlottes Welt zusammen, während der Leser in klassischer Philip K. Dick Manier das Eindringen phantastischer Elemente in eine fast bieder zu nennende amerikanische Gegenwart inklusiv einer kurzen fast deplatziert erscheinenden Verbeugung vor dem Anschlag des 11. Septembers noch einzuordnen sucht.

Zwanzig Jahre später wird Jane Charlotte nach eingehenden Tests, die sie mit stoischem Fanatismus in den Sand setzt, Mitglied der anarchistischen "Bad Monkey" Organisation, die aus eigenem Antrieb mit den schon angesprochenen Strahlenwaffen in erster Linie Kinderschänder und Massenmörder als Vigilanten hinrichtet. Jedes der sich anschließenden Kapitel beschreibt einen absurder werdenden Auftrag nach dem Anderen, bis es auf einer eher intellektuellen Ebene zu einer direkten Konfrontation zwischen Jane Charlotte und ihrem "Verhörspezialisten" kommt.

„Bad Monkeys“ ist von der ersten Zeile an ein sehr ungewöhnliches „Lesevergnügen“. Jane Charlotte ist ohne Frage eine Soziopatin, ohne dass der Leser ihre Wahnvorstellungen wirklich in den Griff bekommen kann. In einem Dick Roman sind am Ende der Geschichte die Verrückten die normaleren Menschen, während ihre sie umgebende Welt aus den Fugen gerät. Jane Charlotte ist eine hinreichend tragisch wie sympathisch beschriebene Figur, die nicht zuletzt aufgrund ihres lieblosen Elternhauses, was keine Entschuldigung für ihr teilweise asoziales Verhalten sein soll, sich frühzeitig von den Mitmenschen isoliert hat. Matt Ruff geht auf diesen Phasen in einer fast ketzerischen Suche nach Selbstverwirklichung ein. Jane Charlottes Liebhaber werden immer jünger. Sie unterschreitet dabei die vom Gesetz her vorgegebenen Grenzen, an denen eine Verführung von Minderjährigen strafbar ist. Wie vieles in ihrem Leben endet ausgerechnet die Verführung des einzig wirklich noch unschuldigen Jungens mit einem Notarzteinsatz. In Bezug auf die späteren Auftragsmorde macht es sich Matt Ruff vielleicht ein wenig zu einfach. Die Männer, die Jane Charlotte auf sehr unterschiedliche Art und Weise mit ihren Strahlenpistolen tötet, haben es verdient. Dabei handelt es sich über den Kreis der Schwerkriminellen hinausgehend auch um einige wenige unsympathisch beschriebene Unschuldige, die eher unter Betriebsunfall abzuheften sind. Sie könnten aber, in einem Umkehrschluss der plottechnischen Logik, auch Mitglieder einer noch geheimnisvolleren Gegenorganisation sein, welche die Vigilanten auszuschalten sucht. Nur Jim Thompson in seinem mit Stacy Keach verfilmten Roman „The Killer in me“ hat ein eindringlicheres Portrait eines geistig verwirrten Menschen geschrieben und seine Leser noch näher an die dunklen Seiten der von ihm geschaffenen Charaktere herangelassen. Es ist vielleicht ein wenig zu viel, Jane Charlotte mit dem verwirrten Bruce Willis in „Twelve Monkeys“ zu vergleichen, aber die beiden tragischen Antihelden können über weite Phasen der Geschichte nicht beurteilen, ob sie sich noch in einer der möglichen Realitäten befinden oder schon dem Wahnsinn verfallen sind. Ganz geschickt entzieht sich Matt Ruff jeglicher Wertung und behandelt Jane Charlotte fast manipulierend ambivalent.

Geht der Leser davon aus, dass die Gegenwartsebene „real“ ist, dann bleibt ihr Gesprächspartner ausgesprochen gesichtslos. Er dient über weite Strecken als Stichwortgeber, bevor Matt Ruff im letzten und entscheidenden Kapital die Kräfteverhältnisse nicht nur auf den Kopf stellt, sondern sein Publikum verblüfft und schließlich schockiert. Wie ein geschickter Geschichtenerzähler lässt Matt Ruff trotz der eher unwahrscheinlich erscheinenden fatalistischen Haltung seiner Protagonistin sich einige Hintertürchen offen, zumal es keinen schlagenden Beweis für die Identität ihres Gesprächspartners gibt. Philip K. Dick folgend besteht die Möglichkeit, das Jane Charlotte ihren paranoiden Wahnvorstellungen einfach eine weitere „Handlungsebene“ hinzufügt und dadurch ihren Schuldgefühlen zu entkommen sucht. Genau wie die Morde an den diversen Männern trotz der aus der Handlung phantastisch, aber nicht pragmatisch herausragenden Strahlenwaffe auch gewalttätige Kompensation des Unterbewusstseins sein könnten. Entsprechende Diskussionen werden im vielleicht zu stark konstruierten Ende diskutiert und dann gleich wieder ohne Gegenbeweise verworfen. Zusätzlich scheinen alle Nebenfiguren aus Jane Charlottes ausgesprochen flüssig geschriebenen „Rückblenden“ eher dazu zu dienen, verschiedene Botschaften nicht zu sehr belehrend, aber erkennbar zu extrapolieren.

Wenn Charaktere in der die Grundlage der Rezension bildenden englischen Originalausgabe „Wise“, „True“ und „love“ heißen, dann versucht der Autor schon die Eckpfeiler der auf tönernen Füßen stehenden Zivilisation zumindest in der Theorie auf ihre Standfestigkeit zu prüfen. Hinzu kommen interessante philosophische Diskussionen um „gut“ und „böse“. Zwar geht Matt Ruff bei diesen Punkten nicht sonderlich in die Tiefe und seine Figuren kommen eher auf abstruse Alternativen als definitive Erklärungen, aber das Spiel mit einer Reihe von philosophischen Kerngedanken funktioniert insbesondere das Jane Charlottes bodenständigem Ansatz sehr gut.

„Bad Monkey“ ist kein Roman, der Antworten auf diverse selbst aufgeworfene Fragen liefern möchte. Es geht weder um Schuld und Sühne, noch suchen Protagonist und Autor Antworten auf den Sinn des Lebens. Das Buch ist aber auch nicht das Portrait eines egozentrischen Massenmörders, der entweder für eine Vigilantenorganisation handelt oder aus schlechtem eigenem Gewissen die Straßen Amerikas von Verbrechern säubert. Es ist eine sehr modern geschriebene pointierte Verbeugung vor den paranoiden Visionen, die Philip K. Dick so gekonnt wie einzigartig geschrieben hat. In dieser Hinsicht funktioniert sehr viel in „Bad Monkeys“. Darüber hinaus spielt Matt Ruff wie in einem guten Thriller mit seinen Lesern und provoziert absichtlich falsche Reaktionen, um im nächsten Augenblick die Perspektive nur ein wenig zu verschieben und ein gänzlich anderes Bild zu präsentieren. „Bad Monkey“ ist ohne Frage kein gewöhnlicher Science Fiction Roman, auch wenn ihn das „Locus“ Magazin zu den zwanzig besten Arbeiten eines Jahres gezählt hat. Es ist aber auch keine „normale“ Geschichte. Irgendwo zwischen allen Stühlen sitzen der Autor, der Leser und Jane Charlotte und versuchen das Chaos ihrer Welten nicht zu ordnen, sondern erst einmal zu begreifen.

Matt Ruff: "Bad Monkeys"
Roman, Softcover, 231 Seiten
Bloomsbury 2007

ISBN 9-7807-4759-3232

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