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Science Fiction (diverse)



Connie Willis

All Clear

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “All clear” liegt die zweite Hälfte des Doppelromans “Blackout/All clear” aus der Feder Connie Willis vor. Abgeschnitten von der relativen Zukunft des Jahres 2060 müssen sich die insgesamt vier Zeitreisenden - die Anzahl ist dabei ausgesprochen variabel, wie der zweite Band dank eines verblüffenden Wechsels der Perspektive ausgesprochen effektiv zeigt - mit den Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkriegs im Allgemeinen und des Luftkrieges über London im Besonderen auseinandersetzen. Ausgangspunkt der Untersuchungen der Chronisten war das Verhalten von “normalen” Menschen unter extremen Umständen und nicht die Huldigung der berühmten Kriegshelden. Mit viel Liebe zum Detail hat die Autorin aufgezeigt, dass in extremen Situationen jeder Mensch über sich hinauswachsen kann. Eingeschlichen in die vielschichtige Handlung hat sich eine gänzlich andere Facette: bislang sind die Historiker immer davon ausgegangen, dass ihre Beobachtungen minutiös geplant die Vergangenheit nicht verändern können und sollte eine derartige Gefahr bestehen, die Zeitzone für zukünftige Reisen gesperrt werden würde.
Jetzt werden die drei in den Jahren 1940 bis 1941 gefangenen Menschen Michael Davies, Polly Churchill und Eileen O´Reily selbst mit den Fakten konfrontiert, dass ihre Anwesenheit die Vergangenheit beeinflusst und diese Veränderungen schon so gravierend sind, dass sie nicht mehr in die Gegenwart zurückkönnen oder noch schlimmer, die ihnen bekannte Gegenwart nicht mehr existiert.
Michael Davies hat im Hafenbecken von Dünkirchen einen jungen Soldaten gerettet, der inspiriert von Michael Davies Tat eigenhändig 519 andere Soldaten bei weiteren Überfahrten aus Dünkirchen gerettet hat. Eileen O´Reily hat sich um zwei Halbwaisen gekümmert, deren Mutter in der Munitionsfabrik arbeitet. Aufgrund ihres Wissens über die zukünftigen Ereignisse hat sie verhindert, dass die Jungen nach Kanada auf dem Schiff überführt werden, das von einem deutschen U- Boot angegriffen worden ist. Eileen O´Reily und Michael Davies sind sich ihrer Verantwortung gegenüber der Zukunft durchaus bewusst. Aber sie lieben inzwischen auch die Menschen, die sie in den extremen Zeiten der ständigen Luftangriffe mit Herzenswärme aufgenommen haben bzw. hinter deren brüchige Fassaden sie sehen können. Unmerklich werden sie ebenfalls zu Helden des Alltags und brechen alle Chronistenregeln.
Die indirekten Auswirkungen verheimlicht die Autorin sehr geschickt lange vor ihren Protagonisten und Lesern. Der Roman beginnt am Tag der Siegesfeier im Mai 1945. Auf den ersten Blick ein gewaltiger Sprung in eine bislang dem Leser nicht bekannte Epoche. Polly Churchill erkennt in der Nähe der Löwen auf dem Trafalgarsquare Eileen. Polly ist auf einer Beobachtungsmission aus der Zukunft, Eileen scheint schon länger in dieser Zeit zu leben. Polly ahnt nicht, dass eine vergangene oder zukünftige Mission vielleicht in einem leicht anderen Universum sie auf mehrere Monate, wenn nicht sogar Jahre aneinander bindet.
Zusätzlich zu den bislang bekannten Handlungsebenen fügt die Autorin neben der Siegesfeier im Jahre 1945 die Eröffnung der Ausstellung über den Blitz im britischen Kriegsmuseum 1995 und die hektischen Bemühungen Mr. Dunworthys im Jahre 2060 hinzu, nach den verschollenen Chronisten zu suchen und vor allem die Unstimmigkeiten bei der Justizierung der Zielpunkte - zum Teil schießen die Zeitreisenden mehrere Monate entweder über die Anlaufpunkte hinaus oder kommen viel zu früh in der ihnen bestimmten Zeit an - zu finden.
Fängt man chronologisch rückwärts schauend die einzelnen Zeitebenen an, so entspinnt sich insbesondere in der zweiten Hälfte des Romans vor den Augen des Lesers ein verwirrendes Geflecht unterschiedlichster Abhängigkeiten, die von Connie Willis ausgesprochen souverän erzählt werden. Dabei verzichtet sie auf die typischen Floskeln, das man sich erstens in der Vergangenheit nicht selbst begegnen kann - kommt in dem Roman nicht vor - und zweitens die Vergangenheit nicht veränderbar ist. Irgendwann scheinen Michael Davies und seine beiden Kollegen theoretisierend zu erkennen, dass der Zeitstrom sie aus der jeweils “falschen” Epoche auszusondern sucht. Die Zeit versucht nicht nur sie zu töten, in dem sie die drei Menschen in immer gefährlichere Situationen “bringt”, sondern auch alle Menschen zu eliminieren, die mittelbar oder unmittelbar mit ihnen Kontakt gehabt haben. Eine grundlegende faszinierende Idee, die leider nach kurzen Spekulationen und einer Reihe von falschen Abzweigungen wieder fallen gelassen wird. Vor allem weil sich Connie Willis wie im ersten Teil nicht entschließen kann, Menschen sterben zu lassen. Nicht nur der Leser ist überrascht, wenn tot geglaubte Charaktere aus “Blackout” nicht heldenhaft bei der Erfüllung ihrer patriotischen Pflicht gestorben sind, sondern plötzlich wieder Leben und an wichtigen plottechnischen Wendepunkten eingreifen. Da gibt eine rührende geschriebene Sterbeszene, in welcher Polly den ihr lieb gewonnen Shakespearedarsteller Sir Godfrey nach einem Bombenangriff vor dem Verbluten rettet. Sir Godfreys Liebeserklärung an die viel viel jüngere Polly Churchill ist ergreifend schön, wie Liebe im Grunde alle Figuren mehr oder minder antreibt, wie der Leser auf den letzten Seiten formvollendet ohne Pathos oder Kitsch erkennen wird.
Nach ungefähr zwei Dritteln des Doppelromans haben alle relevanten Figuren mindestens einen Menschen gerettet, der nach ihrem Empfinden ohne ihr Eingreifen gestorben sein müsste. Ab diesem Augenblick beginnt aus dem historisch detaillierten Roman eine interessante, eine intelligente Zeitreisegeschichte zu werden. Es ist eine Frage der Perspektive. Hat Großbritannien wirklich den Zweiten Weltkrieg gewonnen, als die Zeitreisenden aus dem Jahre 2060 in die Vergangenheit reisen ? Oder haben sich die Erinnerungen der Zeitreisenden aufgrund ihrer Veränderungen in der Vergangenheit unwillkürlich verschoben? Mussten diese Menschen gerettet werden, damit das nationalsozialistische Deutschland den Zweiten Weltkrieg verlieren wird?
Die bislang ambivalente 1944 Handlung - von den ersten V- Raketen bis zum D- Day
Verwirrt ein wenig, da hier ein bekannter Charakter unter anderem Namen - es ist ja auch eine andere Mission - zwar historisch wichtige Informationen zum Hintergrund des Romans beisteuert, aber ansonsten bis auf eine der wenigen endgültigen Sterbeszenen eher den Plot aufblähend erscheint. Aber auch diesen handlungstechnischen Seitenarm ignoriert die Autorin nicht und fügt ihm eine pointierte, im Grunde zum Anfang von “Black out” den Bogen schlagende Sequenz hinzu, die zeitreisetechnisch in Bezug auf den bisher angenommenen, aber im Kern falschen Ablauf Anfang und Ende darstellen könnte.
In den letzten angesichts des etwas phlegmatischen Mittelteils atemberaubenden Abschluss beantwortet Connie Willis nicht nur alle die oben aufgeworfenen Fragen, sie zeigt vielmehr, wie sie sich in das Mosaik einpassen. Viele Nebenfiguren bekommen plötzlich eine ganze andere Art von Tiefe. Ihre bisherigen Handlungen stellen nur einen vorbereitenden Akt auf den Heroismus dar, den sie wenige Jahre später zeigen werden oder müssen erkennen, dass selbst die platonische Liebe Menschenleben retten kann.
Eingewoben wird die 1995 Handlungsebene, die im Grunde Schlussakt und Startpunkt zu gleich ist. Zukunft und Vergangenheit begegnen sich auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Viele bis dato eher humorvolle Szenen bekommen in einer Art Doppelung einen ernsten Unterton. Zwei junge Menschen - beide siebzehn Jahre alt und vor ihren ersten Zeitreisemissionen - gestalten die mögliche Zukunft auf ganz andere Art und Weise. Während ein bislang ehrenwerter und über den Ereignissen schwebender Charakter erkennen muss, dass ihn die Fehler der Vergangenheit immer wieder einholen, erweist sich ein bis dahin jugendlich unbeschwerter Student als stoisch recherchierender “Schlüssel“, der -anfänglich fast als Karikatur beschrieben - zur dominierenden und aufgrund seiner ehrlichen abgrundtiefen Liebe vielschichtigsten Figur wird. Zwar macht Connie Willis den kleinen Fehler, auf der letzten Seite auch die letzten Fäden verwandtschaftstechnisch miteinander verbinden zu wollen. Das wirkt angesichts der interessant gezeichneten Figuren übertrieben.
Wie “Blackout” lebt “All clear” von einer Vielzahl faszinierender Charaktere, wobei die Autorin mehrmals ihre tragischen Helden zu oft Schicksale bejammern lässt. Trotzdem halten sie das Heft des Handelns entschlossen in der Hand. Wenn am Ende die verschiedenen Knoten aufgelöst werden - hier sei nur auf die Handlungen der schrecklichen Geschwister verwiesen wie auch die erste von zwei Heldentaten des jungen von Michael Davies geretteten Offiziers Hardy, der für den erfahrenen Chronisten zu einer Art Alptraum wird - , erweist sich der Doppelroman als vielschichtige, emotional ansprechende Geschichte, deren Konzept an den Grundfesten der bisherigen Zeittheorien der Universität Oxford des Jahres 2060 rüttelt. Elegant wird nicht nur der Bogen zu “The Doomsday Book” geschlagen, ihre berühmte Novelle “Die Brandwache” in einer ergreifenden wie elegant geschriebenen Szene integriert und der komödiantische Ton von “To say nothing of the dog” auf das Szenario des Blitzkriegs über den Dächern Londons übertragen. Es ist nicht ihr reifstes Buch - hier bleibt “Passage” das unerreichte Meisterwerk - und vielleicht wirken manche Abläufe ein wenig zu verspielt, zu vordergründig provozierend und nur aus falschen Spuren und Vermutungen bestehend. Aber es ist eine ungewöhnliche intensive Verknüpfung von sehr gut recherchiertem realem Hintergrund und einer Reihe von intelligenten Ideen zum nicht selten arg strapazierten Zeitreisethema sowie eine Versammlung von ungewöhnlich lebendigen und realistischen Charakteren, die den Herausforderungen genauso getrotzt haben wie den Unbilden des Zweiten Weltkriegs und dabei Mensch geblieben sind.

Connie Willis: "All Clear"
Roman, Softcover, 656 Seiten
Spectra 2011

ISBN 9-7805-5359-2888

Weitere Bücher von Connie Willis:
 - Blackout
 - Die Jahre des schwarzen Todes

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