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Science Fiction (diverse)



Connie Willis

Blackout

rezensiert von Thomas Harbach

Für ihren in zwei Teilen veröffentlichten Roman „Black Out“/ „All Clear“ hat Connie Willis verdientermaßen sowohl den NEBULA als auch den HUGO Award erhalten. Die überwiegend im Zweiten Weltkrieg spielende Geschichte ist eine konsequente Extrapolation bekannter Themen ihres umfangreichen Werkes wie auch eine homogene Einbindung in den letzten Jahren erschienener Geschichte in ihre umfangreiche Geschichte der bürokratisch überforderten Geschichtsformers aus Oxford des Jahres 2060, die dank der Erfindung der Zeitmaschine zu allen bedingt relevanten Brennpunkten als stille Beobachter reisen. Es finden sich Anspielungen auf ihren Roman „Doomsday Book“ sowie die ebenfalls prämierte Kurzgeschichte „Brandwache“ – ein Zeitreisender beobachtet die freiwilligen Helfer, die in den Bombennächten über London das Dach von „St.Paul“ geschützt haben -, die Connie Willis in ihrem Werk „To say nothing of the Dog“ ebenfalls integriert hat. Der vorliegenden Doppelband greift die Ideen stellenweise nur im Nebensatz wieder auf und beginnt mit den strengen Regeln der Zeitreise / der historischen Beobachtung konsequenter und über den ganzen Plot betrachtet deutlich ernster als in ihrer Komödie der Irrungen – „To say nothing of the Dog...“ zu experimentieren.
Dass der Zweite Weltkrieg im Allgemeinen und Großbritannien im Besonderen der Autorin ans Herz gewachsen ist, spürt der Leser auf jeder Seite dieses exzellenten, insbesondere auf der Charakterebene sehr ansprechenden Romans. Kritisch gesprochen könnte es sich allerdings beim vorliegenden Doppelroman auch um ein ideentechnisches Remake ihres „Doomsday Book“ Werkes handeln, in dem eine Beobachterin aus dem Jahre 2060 in das Zeitalter der Pest gereist ist. Da beim Rückholen einiges schief geht, muss sie in dieser von der tödlichen Seuche gebrannt markten Epoche nicht nur leben, sondern vor allem überleben. Im vorliegenden Doppelband verschlägt es insgesamt vier Historiker in zwei signifikante Jahre des Zweiten Weltkriegs. Drei beobachten Ereignisse im Jahre 1940, während ein vierter Mann die Ereignisse um den D- Day vier Jahre später kategorisieren möchte. Wie in „Doomsday Book“ geht hinsichtlich der Rückholung einiges schief. Auch im Jahre 2060 – im Vergleich zu den ersten Büchern dieses lose zusammenhängenden Zyklus von den Ereignissen des 11. Septembers durch eine noch deutlich von terroristischen Aktivitäten in den Jahren 2010 bis 2020 geformte „Zukunft“ geprägt – geht weiterhin einiges schief, wobei die ersten Passagen der Zukunftshandlung schon andeuten, das irgendein Ereignisse insbesondere im Jahre 1940 nachhaltigen, aber nicht unbedingt positiven Einfluss auf die Zukunft zu nehmen scheint und diese zu verändern droht.
Connie Willis scheint im vorliegenden Doppelroman die originären Prämissen ihrer Zeitreisechronologie auf Herz und Nieren prüfen zu wollen. Zu den ungeschriebenen und im Grunde unbewiesenen Gesetzen hat bislang gehört, dass die Chronisten bei ihren Reisen in die Vergangenheit nicht zu Knotenpunkten – wichtigen Ereignissen – reisen können. Sie können diese nur aus einer „sicheren“ Distanz beobachten. Sollte ihr Eingreifen/ Beobachten die Gefahr eines Zeitanachronismus in sich bürgen, würde dieses Ereignis quasi geschlossen und den Chronisten weitere Reisen in diese Zeit verwehrt. Trotzdem müssen sich die Historiker in der Vergangenheit vorsichtig bewegen, auch wenn die Idee des getöteten Schmetterlings, der im Grunde die Zukunft grundlegend verändert, von Connie Willis in den ersten Geschichten negiert worden ist.
Der Fokus der vorliegenden, im Grunde epochalen Geschichte liegt aber auf den einfachen Menschen, die in extremen Zeiten über sich hinauswachsen und gegen ihren „Willen“ zu Helden werden, wobei die Definition des Heldenbegriffs nicht nur den Historikern ihres Romans schwerfällt. Hinzu kommt, dass Geschichte niemals wirklich objektiv ist. Sie wird aufgezeichnet von fehlbaren Menschen und besteht im Grunde mit jedem niedergeschriebenen aus subjektiven Wertungen. Erst im Zeitalter der digitalen Sofortaufnahmen könnte der Fokus mehr auf einer gewissen Objektivität liegen. Willis Historiker spüren die Diskrepanz zwischen selbst der gründlichsten Aufzeichnung der Vergangenheit und der plötzlich zu erlebenden Realität. Voller Wärme und gutmütigen Humor demontiert Connie Willis die angeblich so „sicheren“ Positionen ihrer um die Zukunft wissen Beobachter und gleicht sie den Menschen an, die stoisch dickköpfig den Unbilden der über ihnen tobenden Luftschlacht um England genauso trotzen wie sie in Dünkirchen eingeschlossen von den deutschen Armeen ausharren, um selbst von der kleinsten Nussschale über den Kanal transportiert zu werden.

Der Roman folgt auf verschiedenen, sehr elegant miteinander verbundenen Handlungsebenen den Schicksalen von anfänglich vier Zeitreisenden. Polly Churchill – es ist erstaunlich, das NIEMAND Polly anspricht, ob sie um unzählige Ecken mit Winston Churchill verwandt ist – soll das tägliche Leben auf einer der belebten Einkaufsstraßen mit ihren systematisch von den deutschen Luftangriffen zerstörten mehrstöckigen Luxusgeschäften beobachten und schlüpft dafür in die Rolle einer Verkäuferin. Eileen O´Reilly – ihr Einsatz ist über den längsten Zeitraum ausgelegt – soll die Folgen der Kinderevakuierungen ins britische Umland beobachten und schlüpft in die Rolle eines Kindermädchens/ einer Haushaltsangestellte in einem adligen Landhaus in Warwickshire. Mike Davies ist im Grunde nur auf der Durchreise. Erst einige Tage lang im britischen Dover die ankommenden Soldaten der aus Dünkirchen über den Kanal evakuierten Soldaten beobachten, dann direkt weiter nach Pearl Harbour. Da er sich schon auf den Einsatz auf Hawai vorbereitet hat, schlüpft er in die Rolle eines amerikanischen Kriegskorrespondenten. Der Chef der Zeitreiseabteilung reist dagegen ins Jahr 1944, um die Invasionsvorbereitungen von britischer Seite zu beobachten.
Leser von Connie Willis Zeitreiseromanen wissen, das in der Gegenwart des Jahres 2060 in Oxford trotz minutiöser, aber rein theoretischer Planungen nichts wirklich reibungslos funktioniert. Aber die Hektik, die zu Beginn von „Blackout“ in dieser auf der einen Seite fernen, aber dank der liebevoll exzentrisch gezeichneten Charaktere doch indirekt nahen Zukunft herrscht, überrascht nicht nur die Leser, einen jugendlichen heimlich in Polly verliebten Studenten und schließlich auch die Reisenden selbst. Abreisetermine oder ganze Expeditionen werden verschoben, abgesagt, neu angesetzt. Eine solide Vorbreitung inklusiv entsprechender Kleidung und Dokumente fast unmöglich gemacht. Das aufgrund dieser desolaten Vorbereitungen die eigentliche Reise auch schwierig sein muss, steht außer Frage.

Da – wie schon angesprochen – „Blackout“ nur der erste Teil eines Doppelromans ist, kann der ganze Plot erst nach dem Abschluss der Lektüre von „All Clear“ – beides Fachbegriffe aus der Zeit des Blitzes, wobei der erste die ganze Verdunklungsphase als Schutz gegen die Angriffe aus der Luft umfasst und „All Clear“ im eigentlichen Sinne das Ende eines Luftsangriffes bezeichnet sowie im übertragenen plottechnischen Sinne das erfolgreiche Abschließen der Luftschlacht um England per se – möglich. Alleine die Interaktion der vier Zeitreisenden, deren zukünftiges Wissen natürlich nicht nur ihr Leben schützen soll, sondern mehr und mehr im Verlaufe des Romans zu einer Belastung wird, mit ihrer Umgebung wird von der Autorin ausgesprochen souverän und emotional sehr zufriedenstellend ausbalanciert gehandhabt. Dass der Hintergrund bis in die kleinsten Details überzeugend recherchiert worden ist, versteht sich von selbst. Aber wie diese Informationen in erster Linie über die Zeitreisenden zum Leser weitergegeben werden, ist ein Lesevergnügen. Manchmal wirkt Connie Willis Hang, jedes Kapitel möglichst mit einem auf den ersten Blick schockieren, im Verlaufe des nächsten an diesen Spannungsbogen anknüpfenden Abschnitts aber nicht öfter relativierten Cliffhangar, in der hier vorhandenen Masse ein wenig störend. Aber wie Agatha Christie in ihren Thrillern baut sie auch Falltüren ein, welche den Boden unter den Chronisten aufgehen lassen. Mike Davies ist der Ansicht, sein Auftreten in Dünkirchen direkt aufgrund eines „Unfalls“ könnte die Geschichte verändert haben. Er hat einen Soldaten auf der Rückfahrt von Dünkirchen nach Dover aus dem Wasser gezogen, der wahrscheinlich historisch korrekt ertrunken wäre. Voller Glück und zu Davies Entsetzen teilt dieser Mann ihm wenige Wochen später im Hospital mit, das er sich an seinem Mut orientierend auf den folgenden Fahrten insgesamt 512 Soldaten das Leben gerettet hat, in dem er immer wieder von Dover nach Dünkirchen und zurück übergesetzt hat. Eine geschichtliche Veränderung, die aus Davies Sicht vom Zeitstrom nicht mehr korrigierbar erscheint. An andere Stelle ist sich Davies sicher, dass bei einem Bombenangriff auf ein Londoner Kaufhaus drei Menschen ums Leben gekommen sind und keine der anderen beiden weiblichen Zeitreisenden unter den Opfern sein kann. Aus dem Bunker kommend sieht er eine mit Leichen übersäte Straße. Im nächsten Kapitel stellt sich heraus, das es sich um Schaufensterpuppen handelnd. Im Gegensatz zum plötzlich beruhigten Davies erfährt der Leser, dass insgesamt fünf Menschen und nicht die historisch verbürgten drei beim Angriff ums Leben gekommen sind.
Die zweite Hälfte des Plots wird von der natürlich in „Blackout“ unbeantwortet gelassenen Frage überschattet, ob insbesondere Davies eher unfreiwillige Aktion in Dünkirchen die Geschichte per se verändert und damit insbesondere die Entdeckung der Zeitmaschine sowie die Forschungsaktionen der Universität Oxford verhindert hat.

Während die beiden weiblichen Zeitreisenden Polly Churchill und Eileen O´Reilly sich charakterlich etwas zu sehr ähneln, ist der leicht zynische, schnell überforderte Mike Davies ein interessanter wie abgerundeter Charakter, der noch mehr wie die in London während der Luftangriffe „gefangenen“ Frauen unter der Zeit leidet, die er unbedingt besuchen wollte. Es ist rückblickend erstaunlich, dass diese Eindringlinge nicht aus dem lebendigen und dreidimensional charakterisieren Figurenessemble herausragen, sondern sich im Kern – wie es ihre Aufgabe – ist, in eine ihnen fremde Zeit einpassen. Ohne Kitsch oder Pathos beschreibt Connie Willis das alltägliche Leben und Überleben in dem täglich von der Luftwaffe angegriffenen London. Die Exzentrik der Überlebenskünstler genauso wie der verzweifelte Versuch, das imperialistische England auf dem kleinen gemeinsamen Nenner zu erhalten. „Blackout“ ist nicht nur eine lebendige Würdigung des menschlichen Überlebenswillens, es ist ein literarisch anspruchvolles und doch sehr unterhaltsam geschriebenes Beispiel für die Flexibilität und die Leidensfähigkeit des Menschen. Zwar stellt Connie Willis jeder noch kleinen Heldentat ein Beispiel menschlicher Arroganz und Gleichgültigkeit gegenüber, aber die fein geschnittenen Figuren lassen das Szenario dadurch realistischer erscheinen. So lernt der Leser die sehr unterschiedlichen Menschen kennen, mit denen sich Polly in den Bombennächten der Bunker teilt. Jeder hat anscheinend eine Art Stammplatz. Nach den ersten Nächten beschließen sie, ein kleines Theaterstück während der Angriffe einzustudieren. Eileen wird von zwei Geschwistern schwer geprüft. Die beiden knapp acht Jahre alten Kinder stellen in der beschriebenen Form den Alptraum jeder Mutter dar. Im Laufe ihrer Odyssee durch London muss Eileen erkennen, das die ihr anvertrauten Kinder ihrer Mutter gleichgültig sind und das eine rechtzeitige Abgabe bedeuten eine Verschiffung auf dem nächsten Dampfer nach Kanada bedeuten könnte. Auf einem Schiff, das als einziges Evakuierungsschiff von einem deutschen U- Boot angegriffen und versenkt worden ist. Ohne Überlebende.
Ohne Kitsch oder Pathos beschreibt Connie Willis den schmalen Grad zwischen dem Studium der Geschichte und dem Leben in der Geschichte. Diese den Zeitreisenden immer wieder eingebläute Distanz bricht insbesondere in der zweiten Hälfte des vorliegenden ersten Teils buchstäblich an allen Fronten zusammen. Diese emotionale Wärme versucht Connie Willis vergeblich im letzten Viertel des Buches mit einem in den Ansätzen stecken bleibenden Versuch einer „Screw Ball“ Komödie in Kriegszeiten zu relativieren. Im Gegensatz zum einfach nur unterhaltsam lustigen „To say nothing of the Dog“ wird es schnell ermüdend, wenn sich drei der vier Zeitreisenden in London immer wieder um Minuten verpassen, während die Bomben immer näher einschlagen und ihr erlerntes historisches Wissen aufgrund des langen Aufenthaltes in der Zeit nicht mehr ausreicht. In diesen Abschnitten wirkt manches zu mechanisch konstruiert, obwohl die rein menschliche „Geschichte“ bzw. Geschichten ausreichen, um den Roman noch mindestens einhundert Seiten weiter zu tragen. Wenn es einer Autorin gelingt, den Leser mit dem immer wieder sinnlosen Tod sympathischer Nebenfiguren zu schockieren oder in ihrem tiefsten Inneren zu berühren, hat sie ihr Ziel als Erzählerin erreicht. Und während des „Blackouts“ ist das mehrmals der Fall.
Die übergeordnete Idee, dass ein ganz kleines Ereignis in der Theorie den Geschichtsverlauf nachhaltig beeinflussen kann, hat sie am Ende des ersten Teils ausreichend etabliert. Vergleichbar dem unterschützten, aber sehr lesenswerten „Passage“ – ihrem letzten vor mehr als acht Jahren veröffentlichten Roman – ist „Blackout“ auf der emotionalen, hintergrundtechnischen Ebene ein souverän wie intelligent erzähltes Meisterwerk, das plottechnisch der Idee der Zeitparadoxa bislang wenig hinzugefügt hat. Das Buch endet – wie es sich für einen überlangen, in der Mitte durch geteilten Roman gehört- sehr abrupt.

Connie Willis: "Blackout"
Roman, Softcover, 512 Seiten
Spectra 2010

ISBN 9-7803-4551-9832

Weitere Bücher von Connie Willis:
 - All Clear
 - Die Jahre des schwarzen Todes

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