Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂĽcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Science Fiction (diverse)



John Crowley

Lord Byrons Novel

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Lord Byrons Novel: The Evening Land” legt John Crowley nach “The Translator” einen weiten, auf den ersten Blick realistischen Roman vor. Sowohl vor als auch nach der Veröffentlichung der beiden Romane hat Corwley seine schon 1987 begonnne Ägypten- Tetralogie fertiggestellt. Der 1942 in Maine geborene Crowley besuchte sowohl die High School als auch die Universität in Indiana, siedelte schließlich nach New York um und begann Drehbücher für Kurzfilme und Dokumentationen zu schreiben. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehört sein Drehbuch zu „Die Hindenburg“, der im Auftrag des ZDFs produziert worden ist. 1975 veröffentlichte Crowley mit „The Deep“ seinen ersten Science Fiction Roman, es folgte „Beasts“ und 1979 „Maschinensommer“, der nicht nur für den American Book Award nominiert worden ist, sondern als einer der besten Science Fiction Romane des Jahrzehnts gilt. Mi „Little Big“ wechselte Crowley nicht nur in den Fantasy- Bereich über, sondern ist mit zum ersten von bislang zweimal mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet worden. Seit 1980 bis zum Jahre 2007 arbeitete Crowley neben seiner Tätigkeit für die eigene Filmproduktionsfirma am „Ägypten“ Zyklus, im Grunde ein vierbändiger umfangreicher Roman vergleichbar Thomas Manns Epos „Josef und seine Brüder“. Den ersten Band überarbeitete er komplett für die Gesamtausgabe im Jahre 2007. Seit 1993 unterrichtet Crowley auch in den Fächern Film und Kreatives Schreiben.
Auch wenn die Geschichte von „Lord Byrons Novel: The Evening Land“ nicht in einer fiktiven Parallelwelt spielt, erinnert hinsichtlich der Struktur einiges an Mary Gentles unerreichtes Epos „Ash“. Drei Handlungsebenen, die nicht nur eng miteinander verbunden sind und in deren Mittelpunkt ein fiktiver Roman steht, sondern die sich scheinbar mit fortschreitender Lektüre des einzigen langen Prosatextes Lord Byrons verändern und aufeinander zu bewegen.
Lady Byron hat sich von ihrem berühmten und berüchtigten Mann wegen unanständigem Verhalten gegenüber ihrer Halbschwester Augusta getrennt. Ken Russel hat in seinem Film „Gothic“ Einblicke in Byrons sicherlich auch durch Drogen beeinflusste Psyche, seinen Drang, sowohl auf einer gesellschaftlich- sozialen wie auch literarischen Ebene zu provozieren und seinem rücksichtslosen Lebensstil gegeben. In der Fiktion Crowleys hat sich Byron im Jahre 1813 von seiner damaligen Frau getrennt. Dadurch konnte in der englischen Gesellschaft seine Inzestbeziehung nicht ruchbar, seine Vorliebe für Sodomie unter den Teppich gekehrt, aber die Liebesgeschichte mit Jungen in Griechenland nicht verhindert werden. Byron hat England verlassen und die Arbeit – laut eines Briefes an Thomas Moore, seinen langjährigen Freund – an einem Prosaroman begonnen. Angeblich hat Byron diesen aus seiner Sicht zu realistischen, in Crowleys Fiktion zu autobiographischen Text verbrannt. Die Prämisse ist, dass der Roman Byrons von seiner Tochter nach einem mathematischen Code verschlüsselt worden ist und so in die Gegenwart gerettet werden konnte. Im Gegensatz zu Realität hat in Crowleys vielschichtigem Epos nicht Byron, sondern dessen Frau und ihre Freunde den Roman bis auf eine als Beweis notwendige Seite verbrennen lassen. Schon in seinem Vorwort bestehend aus einer sekundärliterarischen Einleitung hat John Crowley herausgestellt, dass Ada Byron nicht nur mathematisch überdurchschnittlich begabt gewesen ist, sondern sowohl an einem Vorläufer der Rechenmaschine – ein herrlicher Hinweis auf Stirling/ Gibsons „The Difference Machine“ – indirekt mitgearbeitet hat. Weiterhin gab es eine Art archaischer Computer mit einer Lochkartenfunktion in Großbritannien im 19. Jahrhundert entwickelt worden ist. John Crowley hat sich einen umständlichen, aber im Verlaufe des Plots faszinierenden Weg ausgedacht, ein Szenario zu entwickeln, in dem Byrons Roman vor dem Zorn der Ehefrau und Adas Mutter gerettet werden kann und über die Verschlüsselung des Buches Ada Zugang zu ihrem Vater findet. Dieses Aufeinanderzugehen extrapoliert John Crowley noch in der dritten Handlungsebene – die erste stellt Byrons Roman dar, die zweite Ebene sind Adas ausführlich begleitende Notizen - . Hier müssen Vater und Tochter per E- Mail kommunizieren, um einen Weg zu finden, die mathematischen Zahlenspiele erst zu entschlüsseln und dann später zu erkennen, um welch einen literarischen Schatz es sich handelt, der ihnen sicherlich nicht durch Zufall von einem Fremden in die Hände gespielt worden ist.

Die Handlungsebenen sind leider von erstaunlich unterschiedlicher Qualität. Die Doppelung eines Verhältnisses Vater- Tochter sowohl in der Gegenwartsebene als auch der Auseinandersetzung Adas sowohl mit dem Werk als auch noch stärker mit der exzentrischen Persönlichkeit ihres Vaters dominieren den Roman. Dabei kommt es in beiden Fällen zu keinem direkten Kontakt zwischen den Generationen. Auf der einen Seite den verlorenen Roman und Adas Kommentare. Dabei enthüllt sich erstaunlicherweise ein doppelter Zeitgeistkonflikt. Zum einen die Unverträglichkeit zwischen dem romantisch- leidenschaftlichen Lord Byron und seiner eher dem viktorianischen und damit wissenschaftlich ausgebildeten Zeitalter seiner Frau. Obwohl der Leser sowohl Byron als auch Lady Byron ausschließlich aus einer indirekten Perspektive kennen lernt, ist es erstaunlich, wie pointiert ohne belehrend zu sein, John Crowley ein Portrait dieser beiden sehr unterschiedlichen Menschen zu zeichnen im Stande ist. Ada Byron, Lord Byrons Tochter, ist von der Ausrichtung her ganz viktorianisch und damit die Mutter. Nur aufgrund des verschollenen Romans hat sie die Möglichkeit, etwas über ihren Vater zu lernen und im Grunde vollzieht sich in ihr die Synthese zwischen Kunst - Lord Byron - und Wissenschaft -Lady Byron. Es ist vielleicht eine ironische Fußnote, dass Ada Byron zumindest impliziert sehr stark an Mary Shelley erinnert, die auf Anregung Byrons und seiner Freunde den „Frankenstein“ geschrieben hat. Im Verlaufe des fiktiven Romans kommt es zu einer Begegnung zwischen Byrons Protagonisten und seinem Alter Ego, die nicht zufällig auch aufgrund der philosophisch etwas zu übertriebenen Dialoge an Shelleys Roman erinnert. Am Ende der zahlreichen Fussnoten erkennt der Leser zusammen mit Ada, das sie die vielen Fehler ihres Vaters zumindest billigt, wenn auch nicht entschuldigen kann. Nicht umsonst wird sie - hier schlägt John Crowley wieder den Bogen zur Realität - im gleichen jungen Alter von 36 Jahren wie ihr Vater verstorben an dessen Seite begraben. In Crowleys Fiktion bleibt der Eindruck, als haben sie sich angenähert und als konnte Ada zumindest etwas Leben inhalieren, das ihr Vater in zu mächtigen Zügen goutiert hat. John Crowley bemüht sich, Lord Byrons verschollenen Prosatext zu imitieren. An dieser Stelle scheitert er, da die Geschichte zu prosaisch, zu scherschwerfällig und vor allem stilistisch nicht sauber der Zeit des sehr frühen 19. Jahrhunderts angepasst. Außerdem ist der Prosatext stellenweise unnötig sprunghaft. Die Idee, das Byron aus der Erzählebene heraus indirekt mit dem Leser spricht, negiert viele interessante Ansätze und der Vergleich zwischen Byrons Romanhelden und seinem eigenen tragischen Leben ist weniger autobiographisch als bemüht.

Sehr viel interessanter ist die fast ausschließlich aus E- Mail Korrespondenz bestehende Gegenwartsebene. Die amerikanische Forscherin und Historikerin Alexandra Novak ist aus den Staaten nach England gereist, um für eine Frauenforschungsgruppe den Eintrag über Ada Byron zu aktualisieren. Dabei wird ihr ein geheimnisvolles Manuskript in die Hände gespielt, das aus mathematischen Zahlenkombinationen und eben den Hinweise Ada Byrons besteht. Ihr zu Hilfe kommen Passenderweise - einzige wirkliche Schwäche der Gegenwartsebene - ihre Lebensgefährtin Thea, eine Mathematikprofessorin, und ihr Vater Lee, ein Dokumentarfilmer und ehemaliger Byronschüler. Die E- Mails sind humorvoll, pointiert geschrieben, neigen aber insbesondere hinsichtlich Thea fast kryptischer Ausdrucksweise zur Übertreibung. Im Zuge der elektronischen Korrespondenz erhält sie - wie Ada - einen tieferen Einblick in das Leben ihres Vaters, der anscheinend auch eine Roman Polanski Episode hinter sich gebracht hat und deswegen nicht in die USA zurückkehren darf. Die Polanski- Hinweise gehen soweit, dass Lee Novak für seinen Dokumentarfilm für den Oscar nominiert worden ist und auf die Ehre verzichtet, am Präsentationsabend teilzunehmen. Unabhängig von diesen Anspielungen erweist sich ausgerechnet die eher trockene Historikerin Alexandra - kurz Alex genannt - als schärfere und bessere Kritikerin von Byrons Werk als ihr Vater, der den britischen Lord und Dichter jahrelang studiert hat.

Unabhängig von den angesprochenen Schwächen bleibt „Lord Byrons Novel: The Eveneing Land“ eine sehr interessante, teilweise allerdings auch herausfordernde Lektüre, die in erster Linie von der Dualität der Ereignisse und ihrer handelnden Personen lebt, dem Leser einen fiktiven und leider nicht ganz gelungenen Endruck in Byrons Charakter gibt und ihn herausfordert, mehr über den britischen Dichter eigenständig in Erfahrung zu bringen. Im Vergleich zu seinem herausragenden und empfehlenswerten „The Translator“, der sich auf einer gänzlich anderen Ebene ebenfalls mit direkter und indirekter Kommunikation beschäftigt hat, überzeugt „Lord Byrons Novel“ in erster Linie bei der Entschlüsselung des mathematischen Codes - der Leser ist zu diesem Zeitpunkt schon lange und intensiv in Byrons verschollenen Roman vertieft - und hinsichtlich des schwierigen, aber nicht unmöglichen Verhältnisses zwischen Alexandra Novak und ihrem Vater Lee. Der Unterschied zwischen den zu gestelzten Passagen des fiktiven Romans und den lustig- pointiert geschriebenen E- Mails ist auf den ersten Blick zu krass, funktioniert aber insbesondere nach einem etwas sperrigen Auftakt ausgezeichnet.

John Crowley: "Lord Byrons Novel"
Roman, Softcover, 496 Seiten
Harper 2006

ISBN 9-7800-6055-6594

Weitere Bücher von John Crowley:
 - Four Freedoms
 - The Translator

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::