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Science Fiction (diverse)



Andreas Brandhorst

Feuerstürme

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Feuerstürme“ liegt der zweite Band der „Graken“- Trilogie aus dem Kantaki- Universum nicht einmal ein dreiviertel Jahr nach dem Auftaktband vor. Das Andreas Brandhorst ein schneller Schreiber ist, hat er ja vor mehr als zwanzig Jahren bewiesen, als in fast allen gängigen Verlagen – bis auf Heyne – seine Romane in schneller Abfolge und im Heftromansektor auch unter diversen Pseudonym erschienen sind. Gleich zu Beginn gilt leider trotz eines Glossars und einer Chronologie der verschiedenen flexiblen Allianzen festzuhalten, dass sich der Roman für Neueinsteiger nicht wirklich lohnt. Entweder alles oder nichts heißt die Devise. Es gibt keine kurze Zusammenfassung des ersten Buches, denn obwohl eine Zeitspanne von fast 23 Jahren zwischen dem Auftakt „Feuervögel“ und der Fortsetzung „Feuerstürme“ liegt, bauen die beiden sehr umfangreichen Bücher handlungstechnisch fast nahtlos aufeinander auf. Dabei haben sehr viele Protagonisten des ersten Buches nur kleine Nebenrollen. Auch in seiner ersten Trilogie hat Brandhorst das Geschehen im Mittelpunkt aus einer gänzlich anderen Perspektive dargestellt, um dann im fulminanten, aber leider zu vorhersehbaren dritten Band die beiden unterschiedlichen Handlungsebenen zusammenzuführen. In wie weit ein ähnliches Finale droht, kann und soll hier nicht beurteilt werden. Wie schon seine bisherigen „neuen“ Romane – ein Autor, der eine Schreibpause von mehr als zwanzig Jahren hin sich hat, kann nicht mehr an seinen alten Werken beurteilt werden – zeichnet „Feuerstürme“ eine rasante Actionhandlung aus. Nach dem ersten, nicht unbedingt geplanten Sieg gegen die übermächtigen Graken, sind inzwischen 23 Jahre vergangen. Militärisch hat sich wenig ereignet, die intelligenten Rassen erwarten jederzeit einen neuen, vernichtenden Schlag der militärisch deutlich überlegenen und vor allem intellektuell nicht zu greifenden Feinde.

Was die Lektüre nicht erleichtert, ist die Komplexität der einzelnen Handlungsebenen. Diese Anmerkung scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu den oft ideenlosen SF der Gegenwart zu sein, doch Andreas Brandhorst übertreibt es stellenweise im wahrsten Sinne des Wortes. Anstatt einzelne, nicht primäre Handlungsbögen befriedigend und abschließend zu beenden, laufen diese im Nichts aus und werden allerdings zum Teil effektiv, dann wieder oberflächlich in den übergeordneten Spannungsbogen zurück integriert. Das lässt den Text teilweise reichlich ungeordnet und wenig zentriert erscheinen. Bis zu einem bestimmten Grad – insbesondere um dem Leser wichtige Hintergrundinformationen zu vermitteln – ist diese Vorgehensweise akzeptable und Andreas Brandhorst kopiert nicht wie im ersten Roman klassische Szenen – siehe die Prüfung direkt aus „Dune“ - , aber die muntere Verwendung von Fremdwörtern und unnötig aufgepeppten Begriffen stört die Handlung doch ungemein. Insbesondere wäre es sinnvoll gewesen, einige wenige Nischenhandlungsplätze stellvertretend für den im gesamten bekannten Universum ausgetragenen Konflikt detaillierter und nuancierter zu beschreiben. An diesen Beispielen hätte sich der Leser besser orientieren können. Stattdessen werden diese Szenen zu einem Sprungbrett für ratlose und verwirrte Götter. Das Andreas Brandhorst mit dieser Tendenz zum willkürlich Übernatürlichen nicht alleine steht, zeigt die augenblickliche Perry Rhodan Serie. Warum man nicht zu überlegenen Außerirdischen und ihren fremden Kulturen zurückgeht, wird wahrscheinlich das Geheimnis des Autors sein. Nicht selten hat der Leser allerdings auch das Gefühl, als käme die Geschichte nicht unbedingt direkt aus der Phantasie des Autors, sondern Implikationen dieser epochalen Story befanden sich schon in seinen früheren Büchern. Ohne direkt mit dem Finger darauf zu zeigen, bleibt die Frage, warum der Autor einzelne Szenen unnötig komplex und vor allem kompliziert aufgebauscht hat, wenn die darunter liegende Erkenntnis nur die einzelnen Charaktere und nicht unbedingt den Leser wirklich überraschen tut. Ein ähnliches Gefühl von Deja Vu schlich sich in die „Kantaki“ Trilogie ein. Diese faszinierenden Weltallwesen mit ihrem Diamanten in der Miete hat Andreas Brandhorst mit seiner umständlichen Zeitkrieg/Zeitschleifen/ZweiteChance Thematik nach einem faszinierenden Beginn auch im letzten Band emotional zur Strecke gebracht. Ein zweites Mal sollte dieser Trick hoffentlich nicht funktionieren.

Im Gegensatz zu seinen früheren Romanen funktioniert die Charakterisierung der einzelnen Protagonisten deutlich besser. Auch wenn Dominique zu Beginn des Buches ein Trotzkopf wie aus dem Klischeebuch ist mit allen eindimensionalen Zügen, verändert sie nach und nach ihren Charakter und wird natürlich zu einer die Handlung tragenden Heldin. Dabei schleift Brandhorst zum Nachteil des Buches ihre Ecken und Kanten auf ein stromlinienförmiges Format ab. Die Figur verliert mehr und mehr ihre Vielschichtigkeit, nachdem sie insbesondere zu Beginn des Buches überzeugen konnte. Es wäre sinnvoll gewesen, in diesen politischen Ränkespielen Dominique mit ihren bestimmenden Eigenschaften, aber ihrer fehlenden Lebenserfahrung nuancierter und tiefer zu beschreiben. Wie viele andere der außerirdischen und zumindest rudimentär menschlichen Figuren geht sie in dem Szenario unter und wird letzt endlich über weite Strecken des Buches zu einer Chiffre. Der Zwiespalt zwischen den neu auftauchenden „Crotha“ – die einige Graken vernichten, aber im Grunde der Beelzebub sind, die mit der Teufel ausgetrieben werden kann – und der im Grunde inzwischen verzweifelten galaktischen Zivilisation wird handlungstechnisch nicht befriedigend. Auch die verschiedenen außerirdischen Wesen bleiben dem Betrachter grundsätzlich fremd. Das ist natürlich zuerst ein Vorteil, zeigt diese Vorgehensweise, wie sehr sich der Autor bemüht hat, das Wort Alien adäquat umzusetzen. In einer eher auf Emotionen, Mythen und vagen Prophezeiungen basierenden Geschichte ist es aber wichtig, auch eine Basis zwischen der Opposition und dem Leser aufzubauen. Immer wieder tritt Andreas Brandhorst einen Schritt zurück, lässt wieder einen der Protagonisten eine Geschichte in der Geschichte erzählen. Damit kann er sehr viele Informationen sehr kompakt übermitteln, die Basis zum Geschehen geht aber verloren. Irgendwann möchte der Leser gerne dieses fast erdrückende Wissen in einem großartig komplex angelegten Universum auch praktisch umgesetzt sehen. Dazu benötigt Brandhorst allerdings einen literarisch nicht unbedingt sauberen Trick Der Epilog geht auf eine Reihe der Nebenschauplätze ein. Er bereitet die Bühne für den vorläufig abschließenden Roman. Mit dem halbreligiösen Tal- telas und dem dazugehörigen Volk der Tal- Telassi fügt er ein weiteres wenig überraschendes Element der Geschichte hinzu. Es ist immer sinnvoll, PSI Fähigkeiten möglichst breit zu streuen. Niemand weiß, wozu man sie noch benötigt. Das gilt für die Perry Rhodan Serie genauso wie die mystisch- verbrämte Ideologie der „Dune“ Fortsetzungen, in denen Frank Herbert Grundlagen – was Stil, Background und handlungstechnische Kompression angeht – für die vorliegenden Kantaki- Romane gelegt hat. Andreas Brandhorst hat nicht etwa abgeschrieben, er hat ein gutes, eigenständiges Universum entworfen, das aber nicht selten seine literarischen Fähigkeiten auf eine harte Prüfung stellt. Wie die Fremen werden die Tal- Telassi grausam unterdrückt, ihr Lebensraum eingeschränkt. Im Gegensatz zu den Wüstenromanen wird ihnen kein reiner Erlöser geschickt, sondern eine junge, störrische und rebellierende Frau, welche die Unruhe im Universum dank der wieder aufgenommen Graken Aktivitäten ausnutzt, um das unterdrückte Volk in einen offenen Konflikt und möglicherweise die Freiheit zu führen.

Da hilft es auch wenig, das Andreas Brandhorst inzwischen ein so routinierter Autor geworden ist. Die Wechsel zwischen den einzelnen Handlungsebenen sind gut strukturiert, erlauben es, auch mit bekannten Subszenarien Spannung zu überzeugen. Dazu häuft Brandhorst auf den ersten Blick so viele Ideen, Handlungsebenen und Protagonisten aufeinander, dass der Leser während der flotten, stilistisch aber nicht unbedingt herausfordernden Lektüre über Ähnlichkeiten zu seinen früheren Romanen und anderen bekannten Werken der SF Literatur nicht nachdenkt. Natürlich gibt es kaum noch innovative und originelle neue Geschichten, natürlich ist es wichtig, einen packenden, farbenprächtigen und exotischen Handlungshintergrund zu präsentieren – damals wie heute seine große Stärke -, aber ein wenig mehr Eigenständigkeit hätte dem Buch geholfen. Es mag Zufall sein, aber sowohl die Perry Rhodan Serie als auch Brandhorst Ideen wenden sich ganz bewusst an ein jüngeres Publikum, das die Science Fiction Romane bis in die späten achtziger Jahre nicht kennt und wenn man die Verlagsreihen so ansieht, auch nicht kennen kann. Mit ein wenig Marketing wird der Eindruck erweckt, als wenn mit Andreas Brandhorst ein Erneuerer der farbenprächtigen Space Opera an die Seite von Andreas Eschbach und dessen fragwürdig destruktiven „Quest“ tritt. Dabei gibt es eine Reihe von Romanen, die insbesondere die außerirdischen Wesen und ihr Verhalten zumindest inspiriert haben können. „Feuerstürme“ ist ein unterhaltsam zu lesendes Buch, für deutsche Science Fiction gut und flüssig geschrieben, aber es ist im bisher bekannten Kontext weder sonderlich originell noch innovativ. Vielleicht wird der Abschlussband im Vergleich zum Ende der ersten Trilogie nicht nur eine Überraschung darstellen, sondern den einzelnen Protagonisten wirkliche Entscheidungen abringen.

Andreas Brandhorst: "Feuerstürme"
Roman, Softcover, 589 Seiten
heyne- Verlag 2007

ISBN 5-8934-5352-2362

Weitere Bücher von Andreas Brandhorst:
 - Feuerträume
 - Feuervögel
 - Lemuria 3 - Exodus der Generationen
 - Pan-Thau-Ra 2. Die Trümmersphäre

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