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rezensiert von Thomas Harbach
Mit dem zweiten und dritten Teil der "Walter Werndt" Trilogie aus der Feder Dr. Reinhold Eichackers beginnt der kleine Celero-Verlag eine Reihe unter dem Titel "Science Fiction Revisited". Im Mittelpunkt stehen utopische und phantastische Romane deutscher Autoren aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. Dabei tritt der Verlag an die Seite der Berliner Herausgeber Shyaol und den Kleinstverlag Dieter-von-Reeken aus Lüneburg. Im Gegensatz zu beiden Häuser modernisiert und bearbeitet Celero die literarischen Vorlagen.
Der 1886 geborene und 1931 gestorbene Reinhold Eichacker wandte sich erst nach dem Ersten Weltkrieg der Literatur zu. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete er in zwei Artikeln/Erzählungen, die im Karl May Jahrbuch 1919 erschienen sind. Danach erweiterte er sein Spektrum um historische Romane, erotische Kurzgeschichten und Novellen, sowie die technologisch- abenteuerlich orientierten drei Romane um den deutschen Wissenschaftler Walter Wendt.
Wegen revanchistischen Gedankengutes hat der Kleinverlag auf die Veröffentlichung des ersten Bandes der Serie "Kampf ums Gold" verzichtet. In einigen Antiquariaten ist dieser Band noch unter Sammlerpreisen zu erhalten.
In diesem Roman wird Walter Wendt als Chemiker - diese Rolle übernimmt er auch in den beiden hier vorgestellten Romanen - , Nobelpreisträger und politischer Führer vorgestellt. Neben der künstlichen Goldherstellung entwickelt er moderne Todesstrahlen, die Frankreich, den Erzfeind, in die Knie zwingen und den Schandfrieden von Versailles aufheben kann. Dieses völkische Gedankengut wird in den beiden folgenden Büchern einer erst radikalen Kritik am allgemeinen Kapitalismus und dann einer Entlarvung der sich selbst befruchtenden Presse weichen. Im letzten Buch "Fahrt ins Nichts" entwickelt der Autor eine an die klassischen Hans Dominik Abenteuergeschichten angelehnte spannende Handlung mit einer multikulturellen Gruppe von Guten im Konflikt mit einer geheimnisvollen indischen Herrscherin und ihren willigen Helfern.
Um einen Punkt am Himmel entspringt ein wissenschaftlicher Wettstreit. Professor Earthcliff ist empört, dass Amateure in Person des jungen Dr. Nagel den Kometen vorher seinen teuren und hervorragenden Instrumenten entdecken konnten. Während dessen versucht sein Assistent Dr. Wepp die Entdeckung und die mögliche Bedrohung für eigene Zwecke auszunutzen. Er beginnt mit der Hilfe eines dicken, schwitzenden Direktors bei einer Versicherung mit Börsenspekulationen in Versicherungsaktionen, kommt auf den Geschmack und plant schließlich, Diktator der Welt - oder des Restes der Welt - zu werden.
Der junge Nagel verliebt sich inzwischen klassisch in die Tochter des Professors. Diese obligatorische Liebesgeschichte ist das einzige schwache und Klischee beladene Element dieses ansonsten kurzweiligen Romans.
Professor Earthcliff ruft den deutschen Wissenschaftler Walter Wendt zur Hilfe. Gemeinsam wollen sie mit dessen hochempfindlichen Fotoplatten die astronomischen Beobachtungen abschließen. Noch gehen alle davon aus, dass der folgende Zusammenstoß glimpflich für die Erde ablaufen wird.
Das leider nicht sonderlich aufschlussreiche Nachwort , dem in erster Linie Informationen über den Autoren fehlen und zweitens kein umfassendes Bild über den Zustand der utopisch phantastischen Literatur dieser Epoche, weist auf die folgenden unzähligen Science Fiction Texte hin, in denen ein Komet die Erde bedroht oder mit ihr kollidiert. "Panik" folgt diesem Strickmuster nur zögerlich und fast unentschlossen. Zu Beginn die ruhige wissenschaftliche Erforschung des Phänomen. Was auch heute noch interessant beschrieben worden ist, sind die einzelnen Erkundungsabschnitte. Dagegen kommt in erster die Linie die Charakterisierung Earthcliffs mit seinem grauen amerikanischen Akzent zu kurz. Hier greift der Autor auf die im Jahr 1922 fast schon sinnbildliche Vorstellung eines oberflächlichen, verschrobenen und mit sich selbst sprechenden Wissenschaftlers zurück.
Im Mittelteil allerdings dreht sich der Roman, die Handlung wird dunkler und die Panik beginnt ihren unaufhaltsamen Vormarsch. Nachdem sich die Wissenschaftler nur durch einen rücksichtslosen Fahrstil aus dem Observatorium vor einer gaffenden Menschenmenge retten können, versuchen sie die hysterische Situation überall auf der Welt - hier stellvertretend in den Staaten - in den Griff zu bekommen. Dagegen steht , dass der ehemalige Assistent die Grenze zum Wahnsinn überschritten hat und seine Börsenspekulationen mit propagandistischen Attacken unterstützt. Nicht umsonst wird er später mit dem leibhaftigen Teufel verglichen, auch wenn er in seiner Ausprägung mehr an die rücksichtslosen Kapitalisten in ihren Wolkenkratzern erinnert. Deren Ende sollte er sieben Jahre nach diesem Roman beim Börsencrash von 1929 kommen. Obwohl eindeutig negativ gestaltet, zieht dieser verschlagene und doch charismatische Anführer die Aufmerksamkeit der Leser auf sich. Bei den anderen Protagonisten kam Eichacker nicht über die unvermeidlichen Klischees hinaus:
Die Tochter des Professors ist blond, schön und doch klug, der Vater klein und rund und weltfremd. Dazu Dr. Nagel als armer Glückspilz, dem ein stolzer spanischer Diener zur Seite steht.
Im Gegensatz zum ersten Eindruck ist der Absturz des Meteors nur ein auslösendes Element für den Zusammenbruch der schon durch die Weltkriege zermürbten Zivilisation. Stellvertretend dienen hier der Zerfall von Sitte und Moral an der Börse und bei den Zeitungsverlagen. Weit blickend berichtet er von Verlagen, die sich ihre Nachrichten selbst erfinden und gnadenlos die Konkurrenz an die Wand drücken. Journalistische Sorgfaltspflichten werden zur Moral auf den Müllhaufen geworfen. Aber wie bei dem folgenden Roman ist das übertriebene Ende unbefriedigend. Nach dem Tod des Bösewichts in einem der ausdruckstärksten Bilder des kurzen Romans folgt eine rasante Actionsequenz, die nicht in den Kontext der bisherigen Ereignisse passt. Mit "Die Fahrt ins Nichts" steigerte der Autor diese Übertreibung noch einmal.
Dr. Reinhold Eichacker: "Panik"
Roman, Softcover
Celero Verlag 2003
ISBN 3-9808-9980-2
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