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rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Under meinem Dach“ legt die Edition Phantasia inzwischen den dritten Kurzroman von Nich Mamatas auf. Vermischte der amerikanische Autor in „Abwärts“ noch die Beatnick Kultur mit Lovechraft´schen Monstern, wirkte „Northern Gothic“ wie eine sozialistische Gruselgeschichte. Mit „Unter meinem Dach“ präsentiert Mamatas zumindest nach der amerikanischen Presse und seinen eigenen Aussagen sein erstes Jugendbuch. Wer jetzt allerdings die klassisch- schmalzigen Entwicklungsgeschichten erwartet, wird natürlich von Nick Mamatas überrascht. Im Mittelpunkt steht ein zwölfjähriger Junge, der nicht clever ist, sondern einfach nur aus unerklärlichen Gründen die Gedanken seiner Mitmenschen lesen kann. Er lebt in einer Mittelklassevorstadt, sein Vater hat seine Arbeit schon verloren, seine Mutter wird kurze Zeit später ihre Arbeit verlieren. Sie sind nicht reich, sondern müssen sich in den harten Zeiten um die Zukunft sorgen machen. Die USA führen mit mindestens vierzig Nationen auf der Welt Krieg. Diese Auseinandersetzungen müssen finanziert werden, die Infrastruktur des Landes geht vor die Hunde. The American Dream is over. Sein Vater Daniel sieht in der Separation des eigenen Grundstücks die einzige Chance aufs Überleben. Aus diesem Grund bastelt er mittels einer Bauanleitung aus einem subversiven Magazin und überwiegend von den Mühlhalden aufgesammelten Schrotteilen eine Atombombe und tarnt diese als Gartenzwerg in seinem Vorgarten. Er faxt an die vierzig Nationen, mit denen die USA im aktiven und passiven Krieg steht, Handels- und Friedensabkommen. Er nennt seinen neuen Staat Weinbergia – nach seinem Nachnamen – und erklärt sich von den USA unabhängig. Die Ordnungshüter und Presse sehen in seiner Proklamation zu erst einen schlechten Witz. Erst als die Geigerzähler wirklich Radioaktivität auf seinem Grundstück feststellen, nimmt man seine Drohung von der schmutzigen Bombe als Friedensbringer in der amerikanischen Vorstadt ernst. Die ersten Unzufriedenen suchen auf dem Weinberg´schen Grundstück Exil. Weinbergs Vorgehensweise setzt wie bei einem Dominospiel eine Kette von weiteren Austritten in Bewegung. Von der Hippiekommune über den Mietwohnblock bis zu einem Farmer, der mit seiner rassistischen Einstellung von der ersten farbigen Besucherin in seine persönliche Hölle geschickt wird. Er muss nämlich mit ihr das Krankenhauszimmer teilen. Das Militär ist wie so oft mit der Situation überfordert. Ein Tränengasangriff wird ausgepinkelt. Eine Gefangennahme des gefährlichen Anarchisten Weinberg scheitert schließlich, weil sich im nächsten WalMart – um Ärger zu vermeiden, benannt Mamatas natürlich die Kette um, das Ziel und die aggressive Politik des Discounters ist allerdings klar und deutlich zu erkennen- eine islamische Republik gegründet hat. Wie es sich für eine solide Satire gehört, droht das Chaos die Nationen zu überschwemmen.
Als Vorlage für „Abwärts“ diente der eine tragende Rolle spielende Beatnick Autor Jack Kerouac. Im vorliegenden Buch geht Nick Mamatas noch einen Schritt weiter. Die Geschichte geht auf den griechischen Philosophen und Komödiendichter Aristophanes zurück. Wie Aristophanes versucht Mamatas mit dem Mittel der grotesken Komödie die Gegenwart zu überzeichnen und vor Tendenzen zu warnen. Im Roman selbst finden sich viele drastische Beispiele. So weilen zu Beginn des Buches noch Vater und Sohn Weinberg fast alleine auf den Müllkippen, um aus den Rauchmeldern die notwendigen Stoffe für die selbst gebastelte Atombombe zu extrahieren. Kurze Zeit später treffen sie auf mehr und mehr Menschen, für welche die Müllkippen eine Überlebensbasis darstellen. An einer anderen Stellen zwingt Weinberg die Militärs, nach einem misslungenen Anschlag auf sein Leben, mittels eines Rasenmähers – der natürlich mit einem Militärhubschrauber eingeflogen wird – die Grenzen zwischen Weinbergia und den USA vom überwuchernden Gras zu befreien. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung ist der Zwischenfall im nachbarlichen WallMart, in welchem einem amerikanischen Offizier die Grenzen auf ehemals uramerikanischen Gebiet aufgezeigt werden. Leider überzieht in diesem Bereich Mamatas insbesondere gegen Ende seiner Geschichte den Bogen. So gibt es zwei Handlungen, die unnötigerweise in zwei unterschiedlichen Supermärkten spielen. Hier wäre es vielleicht origineller gewesen, insbesondere den jungen Weinberg vielleicht in einem alten Tante Emma Laden mit dem Besitzer ein Versteckspiel spielen zu lassen oder zumindest das Hintergrundszenario zu wechseln.
Aber auch ansonsten ist Mamatas Roman eine Hymne an die Widersprüche unserer gestörten Gesellschaft. Als erstes entführt Weinstein den beliebten Wetterfrosch eines lokalen Nachrichtensenders. Dieser wird im Getümmel zur Geisel und zum Informationsminister gleichzeitig. Solange noch ausreichend kalte Pizza im Haus ist, hält er seine Loyalität flexibel. Seine Reporten spiegeln das Bild unserer überzüchteten Nachrichtengesellschaft wieder, aus dem Nichts heraus wird Stimmung gemacht. Nach und nach sammeln sich in Weinbergia die früheren amerikanischen Verweigerer. Insbesondere Rocker und Hippies, die ihrem archaischen Lebensstil unter den Scheinwerfern der Presse und dem Strahlen der Bombe frören. Mit zynischer Überspitzung entlarvt Mamatas diese Gegenkultur als eine weitere Illusion des American Dream.
In einigen Punkten macht es sich der Autor allerdings auch zu einfach. Warum aus dem Jungen einen Telepathen machen? Für diesen Fakt liefert der Autor keine befriedigenden Erklärungen. Natürlich hat es der kleine Weinberg dank seiner Fähigkeit im Leben sehr einfach. Er braucht nur die Gedanken, Pläne oder Codewörter seiner Mitmenschen lesen und ist nicht auf den eigenen Verstand oder gar Fleiß angewiesen. Als Spiegelbild einer neuen Generation ist dieser Vergleich allerdings viel zu schwach herausgearbeitet und an einigen Stellen stört diese Fähigkeit den Handlungsfluss. Der junge Weinberg ist auch ohne die Telepathie ein Außenseiter. Spätestens nach dem Unabhängigkeitsbestreben seines Vaters bricht seine Welt zusammen und wird ersetzt durch eine Mischung aus freier Liebe und fadenscheiniger Demokratie. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist schon zu Beginn des Buches unterentwickelt. Als die tapferen amerikanischen Truppen ihn entführen und zu seiner Mutter zurückbringen, die inzwischen aus dem verrückten Verhalten ihres Mannes entsprechendes populistisches Kapital geschlagen hat, gibt es keine Kommunikationsebene mehr. Emotionell liegt ihm sein Vater mehr am Herzen. Auch wenn er alle Gesetze in den Wind schlägt und die erste Gartenzwergatombombe der amerikanischen Geschichte baut, ist der naive und später von der Entwicklung absolut überforderte Mann die sympathische Figur der Story. Ein ewiger Verlierer, ein klassischer amerikanischer Antiheld. Als das Rad der Ereignisse sich zu überdrehen beginnt, wünschen sich Vater und Sohn nichts mehr als den anarchistischen Beginn der Entwicklung zurück. Vater und Sohn, Hand und Atomwaffe gegen die militaristischen Vereinigten Staaten. Das Bild, welches Mamatas in seiner überdrehten Geschichte von den Vereinigten Staaten malt, ist natürlich ein Dunkles. Eine Kriegstreibende egozentrische Nation, in welcher die Regierung das Volk ignoriert und an der Nase herumführt. In welcher der Mittelstand mehr und mehr nach beiden Seiten – arm und reich – auseinanderdriftet. In welchem der klassische Meltingplot seine Pioniermentalität verloren hat. Leider hat der Autor auch keine Antworten, um die Entwicklung zu stoppen. Gegen Ende des Buches verliert er vor allem seine Botschaft aus den Augen und bemüht sich mit einem ironisch überzeichnenden Epilog, in welchem die einzelnen Protagonisten noch einmal zu „Wort“ kommen -, den Handlungsbogen abzuschließen. Insbesondere diese Szenen wirken theatralisch, überzeichnet und in der Gesamtstruktur seiner Story zu künstlich aufgesetzt.
Mit den Mitteln der Satire will Nick Mamatas provozieren und auf die Missstände aufmerksam machen. Das gelingt ihm über weite Strecken des Buches sehr gut. An einigen Stellen hat der Leser allerdings das Gefühl, das die mehr als drei Jahre, welche der Autor für den kurzen Roman benötigt hat, nicht immer zu einem geradlinigen und harmonischen Lesefluss beigetragen haben. Nach dem sehr bildhaften und interessanten Auftakt, unterlegt mit einem ironisch bissigen Stil, sackt die Handlung nach der Unabhängigkeitserklärung und der Belagerung durch das Militärs deutlich ab. Über einige Seiten hat der Leser das Gefühl, als könne sich der Autor nicht entscheiden, wie er die Schraube notwendigerweise noch mehr anzieht. Erst als er das Szenario wieder auflockert und mit der Entführung des kleinen Prinzen Weinberg aus dem neuen Paradies eine zweite Handlungsebene erschafft und die Perspektive verzerrt, wird sein Roman wieder interessanter. Dem Autoren ist ein überdrehter, satirischer Zerrspiegel unserer verrückten Zeit gelungen und über weite Strecken des Buches gelingt es ihm vorzüglich, seine überdrehte Idee – das reicht bis zu einer kurzen Beschreibung des neuen Kleinstaates Weinbergia – mit ernster Miene zu extrapolieren und den Leser gut zu unterhalten. Wer genau hinschaut, kann in den Weinbergs verzerrte Züge der Helden entdecken, die Robert Heinlein in den sechziger Jahren für ein erzkonservatives Amerika erschaffen hat. Nur halten sie den Politikern und vielen Bürgern den Eulenspiegel mitten ins Gesicht. „Northern Gothic“ bleibt allerdings bislang seine konsequenteste und in ihrem nihilistischen Tonfall beste Geschichte.
Nick Mamatas: "Unter meinem Dach"
Roman, Hardcover, 160 Seiten
Edition Phantasia 2007
ISBN 3-9378-9725-9
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