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rezensiert von Thomas Harbach
Mit “Die Reisen des Mungo Carteret” sammelt die Edition Phantasia die Geschichten um den intergalaktischen Privatdetektiv und Gourmet. Den vier vorhandenen Texten fügt Gisbert Haefs mit “Tischgenossen” eine extra für die Sammlung geschriebene fünfte Geschichte hinzu. Haefs ist heute in erster Linie durch seine historischen Romane um Alexander den Großen, Hannibal oder Julias Cäsar bekannt. In Karthago spielen einige seiner Krimis. Seine literarischen Wurzeln liegen allerdings in der Science Fiction. Erste Romane hat er in der GOLDMANN SF Reihe veröffentlicht. Zu seinen bekanntesten Schöpfungen des 1950 in Wachtendonks geborenen Haefs gehört der exzentrische Privatdetektiv Baltasar Matzbach. Der erste Roman um den Ermittler erschien 1981, der vorerst letzte Band zwanzig Jahre später. Inzwischen gehört Gisbert Haefs zu den meist gelesenen deutschen Schriftstellern und ist für sein facettenreiches Werk mit zahlreichen Preisen geehrt worden.
Die in Bezug auf die Entstehung früheste Mungo Carteret Geschichte “Wanderlust” stammt aus dem Jahr 1989. Sie erschien in der Bastei Anthologie “Die Anderen sind wir”. Der Leser lernt Mungo Carteret schon als phlegmatischen Geist kennen, in der Tradition eines Nero Wolfe oder Pireot. Ein Genussmensch, der ungern die vertraute Umgebung verlässt. Der Fall eines verschwundenen außerirdischen Wesens und die damit verbundene Belohnung lassen ihn aus seinem wohltuend geruhsamen Leben erwachen und die Ermittlungen aufnehmen. Mit bissiger Ironie entwickelt Haefs ein derartig fremdartiges Volk, das es ein Vergnügen ist, seinem Schöpfungswerk zu folgen. Mit dieser absolut fremdartigen Rasse nimmt Haefs allerdings dem Leser auch die Möglichkeit, auf Augenhöhe des Detektivs zu bleiben. Das nimmt insbesondere der ersten Geschichte im Mittelteil einiges an Spannung, bevor Carteret nicht nur dem staunenden Botschaft, sondern den Lesern die groteske Auflösung des Falls präsentiert. Deutlich griffiger ist der Plot in der folgenden Story “Mundwerk”, die ein Jahr später in “Die Rübe 2” erschienen ist. Ein Magier wird während seiner Vorstellung ermordet. So weit, so gut. Es gibt kein Motiv. Augenscheinlich ist er vergiftet worden. Das besondere ist das Ambiente, in welchem der Mord stattgefunden hat. Vor den großen Gourmets, außerordentlich reiche Leute, die sich regelmäßig zu einem Buffet treffen, in welchem fast zweihundert Gifte in den Speisen verarbeitet worden sind. Keine leichte Arbeit für Carteret, nicht nur die Art des Giftes herauszufinden - keines der knapp zweihundert für die Speisen verwandten Gifte scheint die hier festgestellte Wirkung zu haben -, sondern vor allem ein Motiv. Der Leser folgt Carteret mit mindestens einem Schritt Abstand. Er hat keine Möglichkeit, sich aus den Ermittlungen und Recherchen ein eigenes Bild zu machen. Mit der Aufklärung der Tat - an sich schon sehr kompliziert, aber von Haefs mit der nötigen Ironie kredenzt - beginnt die Suche nach Täter und Motiv. Dieses ist tief in den religiösen Vorurteilen einer fremden Rasse verwurzelt. “Mundwerk” ist deutlich fließender, exotischer und griffiger als die erste Geschichte. Das hat sicherlich auch mit dem exotischen, interessanten Hintergrund zu tun. Impliziert extrapoliert Haefs die Exzentrik des britischen Adels aus der Zeit der Hochblüte des Empires in eine ferne Zukunft zwischen den Sternen. So wirkt der Hintergrund der Geschichte fremdartig und aus den klassischen britischen “Who done it” Krimis vertraut. Auch rückblickend aus der Perspektive des gelösten Falls betrachtet funktioniert der Plot, was sich nicht von allen Krimis sagen lässt.
„Heimweh“ ist wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund der Veröffentlichung in Haffmanns Krimi Jahresband 1994 plottechnisch die griffigste Geschichte. Carteret soll in einem möglicherweise gigantischen Versicherungsbetrug oder doch nur Sabotage ermitteln, bei dem auch ein Arbeiter ums Leben gekommen ist. Zwei andere Versicherungsagenten sind ebenfalls auf der fremden Welt getötet worden. Zumindest das spricht gegen einen einfachen Unfall. Auf der fremden Welt geraten seine Ermittlungen schnell in eine Sackgasse. Wie auch in allen anderen Geschichten der Sammlung muss der detektiv´sche Spürsinn dank eines Orakels - seiner stetig an erotischen Abenteuern interessierten Kusine - mit ominösen Hinweisen wieder geschärft werden. Als laufender Gag amüsant, aber in der Konzentration der hier gesammelten Storys nutzt sich diese für den Leser zum Teil unverständliche Idee sehr schnell ab. Es ist schade, dass Gisbert Haefs in der extra für diese Sammlung geschriebenen Geschichten mit diesem Plotelement nicht gespielt und gegen die Erwartungshaltung der Leser/ Mungo Carteret agiert hat. Erst als der Privatdtektiv feststellt, dass das Opfer einer anderen Rasse als vermutet angehört, hält er wirklich einen Schlüssel für das extrem komplexe Komplott in der Hand. Zu Beginn ist die Story sehr packend, insbesondere muss Carteret sich unmittelbar der Bedrohung auf einer fremden Welt stellen, während er in den ersten beiden Texten ja eher behutsam isoliert vorgehen konnte. Gisbert Haefs gelingt es, eine überzeugend fremdartige und doch griffige Welt zu beschreiben, welche am ehesten den phantastischen Welten Jack Vances entspricht. Insbesondere die Außerirdischen der „Wanderlust“ hätten aus der spitzen erotischen Feder Philip Jose Farmers sein können, während „Mundwerk“ auch Teile von Moebius grandioser Comicserie beinhaltet. Das Ende der Geschichte mit der Auflösung des Plots ist extrem kompliziert und baut auf den unverständlichen Gesetzen und ungeschriebenen Regeln fremder Völker auf. Katalysator ist eine eher blödsinnige, im Rausch abgeschlossene Vereinbarung. Auch wenn der Leser unterstellt, dass Außerirdische selbstverständlich anders denken als Menschen, beinhaltet der Plan so viele sich dem Zufall unterwerfende Komponenten als das er wirklich überzeugend geplant worden ist. Handlungstechnisch ist „Heimweh“ allerdings die bodenständigste Geschichte der Sammlung, aber bei weitem nicht die Schlechteste.
Acht Jahre später veröffentliche Haefs in „Feueratem“ eine weitere Mungo Carteret Story. Die Handlung von „Seelenkot“ setzt allerdings nahtlos an „Heimweh“ an. Auf der gleichen Welt soll er fünf Selbstmorde untersuchen. „Seelenkot“ ist die kürzeste Geschichte, die Auflösung ist ähnlich bizarr wie die erste Arbeit der Sammlung. Auch wenn der Plot auf einem schon bekannten Planeten spielt, hätte es der sehr geradlinigen Geschichte gut getan, den Detektiv auch wieder bei der Arbeit verfolgen zu können. Die einzelnen Versatzstücke klicken für Carteret wie bei einem nummerierten Puzzle schon und problemlos ineinander und am Ende präsentiert der Leser seinem Publikum - in der Geschichte wie auch außerhalb - eine verblüffende Abfolge von Erkenntnissen. Zumindest entlocken sie dem Leser ein Schmunzeln und ein kulinarisches Schaudern. In Bezug auf Drachen ist es zudem eine wirklich neue, nicht unbedingt appetitanregende Idee. Die abschließende Story „Tischgenossen“ hat Haefs extra für die Sammlung geschrieben. Die Frau eines reichen Unternehmers wird zusammen mit wichtigen Papieren entführt. Haefs soll sie befreien oder zumindest die Papiere bergen. Über weite Strecken eine geradlinige Kriminalgeschichte mit Hinweisen auf die meisten anderen der hier versammelten Kriminalfälle entpuppt sich die Auflösung des Plots als ähnlich komplex und auf außerirdischen Mythen basierend wie „Heimweh“. Die plottechnische Struktur folgt dem Schema, welches Haefs in anderen Carteret Arbeiten inzwischen als eine Art Gesetz in Stein gemeißelt hat. Nur die grundlegende Ideen und einige wenige Nuancen bei den Ermittlungen unterscheiden die einzelnen Geschichten. Stilistisch ein weniger ansprechender als die erste noch ein wenig roh wirkenden Texte, die Dialoge sind geschmeidiger, wenn auch der Leser sich nach vier Geschichten den Vollzug mit der Kusine gewünscht hätte. So bleibt es bei einem Doppelorakelspruch, um diesen Fall nicht unbedingt aufzuklären, aber zumindest die Hintergründe zu klären.
Wie Haefs in seiner Widmung deutlich ausdrückt, sind die Geschichten eine Hommage insbesondere an Jack Vance. Aber weniger an „Cugel, den Schlauen“, sondern an die verschiedenen Welten des Magnus Ridolph. Alle Texte bzw. Fälle drehen sich um exotische Speisen und erotische Rituale. Mit Mungo Carteret hat Gisbert Haefs einen interessanten, aber unnahbaren Charakter geschaffen. Manchmal leitet er unter einer Mitlifekrise, dann braucht sein Konto eine Auffrischung. ER liebt schöne Frauen und gute Speisen. Kein Wunder, dass er sich insbesondere auf den vielfältigen exotischen Planeten dieser farbenprächtigen Zukunft wie zu Hause fühlt. Was den Texten fehlt, sind Variationen. Insbesondere der Aufbau ist in der Konzentration der hier versammelten Geschichten zu statisch. Es reicht nicht, immer wieder neue Plots und fremdartigere Aliens mit dem Leser unverständlichen Ritualen zu erschaffen, Carterets Ermittlungen hätten ein bisschen variabler und für den Außenstehenden im Verlauf verfolgbarer dargestellt werden können und müssen. Trotz dieser Schwäche ist die Sammlung empfehlenswert. Es empfiehlt sich, zwischen den einzelnen Fällen ein wenig Zeit verstreichen zu lassen.
Gisbert Haefs: "Die Reisen des Mungo Carteret"
Anthologie, Softcover, 176 Seiten
Edition Phantasia 2007
ISBN 3-9378-9724-0
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