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rezensiert von Thomas Harbach
Detlef Münch legt in seinem Synergen- Verlag eine aus heutiger Sicht nicht nur vergessene, sondern sehr schwer greifbare Utopie des Jahres 1907 wieder auf. Nur noch drei Exemplare soll es bei Sammlern geben und Wolfgang Thadewald hat dankenswerter Weise sein Exemplar für die Reproduktion zur Verfügung gestellt. Die Reproduktion in Kleinverlagen wie Synergen oder Dieter von Reeken ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, diese bewahrenswerten Texte einem kleinen, interessierten Kreis von Lesern zur Verfügung zu stellen und sie gleichzeitig zumindest textlich zu erhalten. Über den Verfasser August Friedrich Fetz ist wenig bekannt. Er ist am 15. 10. 1877 in Sulzbach bei Nassau geboren worden, war wie auch dieser vorliegende Text widerspiegelt Lehrern und später Rektor in Wesermünde. Als er den vorliegenden Roman 1907 geschrieben hat, lebte er in Bremerhaven. In erster Linie hat er Schulbücher veröffentlicht. 1926 stellte er seine Publikationstätigkeit ein. Über sein Todesdatum ist nichts weiter bekannt. Schaut man sich die Liste seiner sekundärliterarischen Titel im Anhang dieser Neuveröffentlichung an, so wirken insbesondere die während der Weimarer Republik geschriebenen Werke nach ihren Titeln sehr martialisch und lassen antijüdische Tendenzen erahnen. 1924 hat er „Der große Volks- und Weltbetrug durch die „Ernsten Bibelforscher“! geschrieben, ein Jahr später folgte „Weltvernichtung durch Bibelforscher und Juden“. „Was jeder Deutsche wissen muss über die Schuld Frankreichs, Russlands, Englands, Italiens, Belgiens, der Freimaurerei, des Judentums, des Kaisers, des Bürgertums, der Alldeutschen, der Sozialdemokratie am Weltkriege“ aus dem Jahr 1922 scheint allerdings noch eine Generalabrechnung am verlorenen gegangenen Ersten Weltkrieg zu sein.
Die Zeitreise im vorliegenden Roman findet mittels einer Abwandlung der Sieben-Meilen- Stiefel aus den Märchen Andersons statt. Die Wunderstiefel ermöglichen zusammen mit den entsprechenden Sprüchen für das Vorwärts- und Rückwärtsreisen in der Zeit eine genaue Beobachtung der Zukunft und Vergangenheit. Der Protagonist Her Wunderlich ist das letzte Mitglied der Schweigmüller- Familie, die über Generation diese Wunderstiefel zum Wohle der Bevölkerung eingesetzt haben. Das erste Kapitel dient dazu, nicht nur die Idee dem Leser vor Augen zu führen, sondern aufzuzeigen, dass eine genauere Kenntnis der Zukunft zum Wohle der Mitmenschen eingesetzt werden kann. Diese verhalten sich allerdings gegenüber der Müller- Familie mit einer Mischung aus Dankbarkeit – wenn die Prognosen sie vor Katastrophen warnen – und Hass – wenn in einem Fall die Prognose nur teilweise eintrifft. So märchenhaft die grundlegende Idee mit den Stiefeln auch ist, so sehr lehnt sich der Autor im ersten einführenden Kapitel an das Reich der Fabel an. Erst mit der eigentlichen Reise des Herrn Wunderlich in den Schulalltag und die Welt des Jahres 2407 zeigen sich die utopischen Ideen. Die erste Aufsehen erregende technische Erfindung, der unserer Zeitblickender begegnet, ist der Nachrichtenrahmen, eine Mischung aus Internet, Fernsehen und Multifunktionspanel. Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, wie präzise und nachvollziehbar Fetz eine futuristische Gesellschaft beschrieben hat, die in Sekunden auf alle Archive zurückgreifen kann, die ständig über wichtige und unwichtige Ereignisse auf der ganzen Welt informiert wird. Da er aber den kapitalistischen Strömungen und dem stetigen Kampf um den Leser mit Sensationsnachrichten nicht traut, wirkt die wirtschaftliche Basis dagegen altbacken. Das Zeitungsverlagswesen liegt in Staatshänden, um den Kampf um Abonnenten zu unterbinden. Die politische Macht mit der Kontrolle der öffentlichen Medien hat der Autor nicht in Ansätzen vorhersehen können. Auch der reale von Schülern nicht mehr zu unterscheidende künstliche Mensch ist erfunden worden. Im Gegensatz zu Kurd Lasswitz epochalem Zwei- Welten- Roman, sind die Marsianer im Jahre 2407 nicht nur entdeckt worden, sie haben den Kontakt mit den Menschen ablehnt. Eine ähnliche Situation wird der aufmerksame Leser in Daibers zwei Büchern um den „Weltensegler“ vorfinden. In diesem Buch sind die auf dem Nachbarplaneten landenden Menschen auch nach kurzer Zeit freundlich, aber bestimmt wieder zurück auf die Erde geschickt worden.
In seinem Nachwort äußert sich der Herausgeber Detlef Münch überrascht, dass auch unter der noch nicht mit den Strukturen des Dritten Reiches zu vergleichenden Zensur eine derart deutliche Kritik eines Lehrers – im Staatsdienst! – am Schulsystem, an der Unterrichtsformen und vor allen den Weltabgeschiedenen Themen überhaupt möglich gewesen ist. Zwar hat Fetz versucht, mit den märchenhaften Methoden des Zeitgangs und schließlich auch der Idee, die Geschichte über weite Strecken in der fernen Zukunft anzusiedeln und sie mit dem Nervenzusammenbruch des Protagonisten enden zu lassen, sich als Schriftsteller zu schützen, aber viel bemerkenswerter als die Kritik ist die Einstellung des Autoren seinen Kollegen und vor allem seinen Schülern gegenüber. So kritisiert der Protagonist Wunderlich seine Kollegen, die am Ende der Semester den Hand reichenden Schülern den Gruß verweigert haben. Diese wollten ihrem Lehrer nur schöne Ferien wünschen. In wie weit die Anspielung auf die notwendigen Ferien – Wunderlich reist in den Schulferien in die ferne Zukunft und ist überrascht, als er eine gänzlich andere Schule antrifft – reine Satire ist, lässt sich nicht mehr eruieren. Der Mut seiner Schulutopie liegt auf einer gänzlich anderen, sehr überraschenden Ebene. Der Tenor seiner Geschichte ist eindeutig, wenn auch an manchen Stellen von allzu theoretischer Natur: nicht für die Schule wird gelernt, sondern für das Leben und die Schule hat eine maßgebliche Rolle, die Schüler auf ihren jeweiligen Beruf vorzubereiten und nicht erstarrten Strukturen zu folgen. Seine Kritik setzt schon bei der Kirche ein, die das Wissen und die Erkenntnis der Väter in starre Formen gegossen hat. Die Kirche ist unfähig, die alten Strukturen hinter sich zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Das Schulsystem hat diese grundsätzliche Veränderung schon hinter sich. Es gibt ein Schulsemester und ein Reisesemester, in welchem die Welt auf friedliche Weise erkundet wird. Fetz argumentiert hier mit erstaunlich pazifistischer Überzeugung, dass nur das Kennenlernen des Anderen die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben sein kann und sein wird. Auf seiner Erde sind die Nationalstaaten nur noch als abstrakte Gebilde vorhanden. Mittels Heißluftballons, Luftschiffen, Luxuslinern und schließlich kleinen U- Booten agieren die Schüler in ihren Klassenverbänden erstaunlich autark. Die Schule beginnt mit dem zehnten Lebensjahr und endet sechs Jahre später auf einem gehobenen Volksbildungsniveau. Alles darüber hinaus ist berufsfördernd. Schon hier zeigt sich seine Ansicht, dass zwischen Lehrer und Schüler eher ein Vertrauensverhältnis als eine Nürnberger- Trichter- Beziehung bestehen muss. Ob er mit seiner fiktiven Vermutung allerdings richtig liegt, dass nur Eltern Lehrer werden dürfen, sollte ins Reich der Fabel gewiesen werden. Die Schüler werden – das zeigt sich auch an deren Umgang mit dem neuen „Pfeiffer“ in ihren Reihen – respektiert und sie respektieren ebenfalls. Fetz sieht zwar nicht die grundlegende Problematik, wenn die Distanz zwischen Lehrer und Schüler zu sehr aufgeweicht wird, argumentiert aber für ein besseres Miteinander. Folgerichtig muss das Schulsystem sich auch ab einer bestimmten Klasse an die Erfordernisse des vom Schüler gewählten zukünftigen Berufs halten. Es bilden sich einzelne Klassenverbände, die sehr gezielt und immer im Einklang mit den beruflichen Erfordernissen die verfeinerte Ausbildung übernehmen. Dieser selbst heute revolutionäre Gedanke gehört zu den Höhepunkten des Buches und sollte manchem Bildungspolitiker ins Schwarzbuch geschrieben werden. Dabei sieht Fetz weniger logische Schwierigkeiten, sondern propagiert die Auflösung der starren, klassischen Schulverbände und die Schaffung von gehobenen Gesamtschulen. Damit will er aus seiner Sicht und seiner Zeit die drastischen Unterschiede zwischen den Elite- und einfachsten Volksschulen beseitigen, ohne den von ihrer Herkunft her Privilegierten gänzlich den Standesdünkel zu entreißen. Allerdings ist offiziell der Standesdünkel genauso abgeschafft wie die Monarchie. Bei den politischen Alternativen bleibt Fetz allerdings wie auch bei allen Punkten, die über das hier präsentierte Multifunktionsbildungssystem hinausgehen sehr vage. Genauso zeigt er, wie schnell seine zukünftigen Schüler unter anderem Rechenmaschinen – die Vorstufe zum Computer - bedienen können, während der Schrecken von ganzen Schülergeneration – die Bruchrechnung – gleich nach dem Adel abgeschafft worden sind. Allerdings zeigt Fetz hier erstaunlicherweise nicht die mögliche Abstumpfung des Geistes auf das Niveau des Ausführenden und nicht mehr des Verstehenden. Er schätzt den Einsatz der Rechenmaschine als Entlastung der überforderten Schüler seiner Zeit. Auch wenn das heutige Schulsystem Schwächen hat, geht es doch einen anderen Weg und versucht zumindest erst die Grundlagen zu schaffen, bevor man zur Maschine greift.
Im letzten Drittel des Romans greift Fetz dann noch das Thema sittliche Reife auf. Nur eine gut ausgebildete Volksgemeinschaft ist vor der Beeinflussung von leichtfertig ernannten Helden sicher, die auf die Schilder gehoben werden. Keine Generation später wird sich diese hier sehr boshaft vorgetragene These bewahrheiten. Das schöne an der wirklich unterhaltsam zu lesenden Schulutopie ist seine Bereitschaft, über den Tellerrand hinaus auch soziologisch zu phantasieren. Fetz ist trotz seines noch jungen Alters – er war knapp dreißig Jahre alt, als er diese Geschichte ersann – ein sehr guter Beobachter seiner Zeit gewesen, der sowohl dem Volk aufs Maul geschaut hat als auch kritisch mit dem mehr und mehr dominierenden Mittelstand umgehen konnte. Da die Monarchie aus seiner Sicht nur noch eine Regierungsform auf eng begrenzte Zeit gewesen ist, beschäftigt er sich nur noch als verschwommenen Rückblick mit der kurzen wilhelminischen Ära. Wenn auch einige weitere Ideen beklemmend aktuell sind – die Umweltzerstörung hat sowohl eine Reihe höherer Säugetiere als auch den Regenwald dahingerafft – und seine Forderungen nach einem radikal neuen Bildungssystem sich zumindest in der hier vorliegenden sehr komprimierten Form gut lesen lassen, greift er zum Mittel der Übertreibung, um wahrscheinlich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner Veränderungen zu fordern und zu zeigen. Die insgesamt dreißig Illustrationen von Gustave Dore mit ihrem märchenhaften Charakter – sie könnten eine Wilhelm Busch Geschichte besser illustrieren – negieren eine Reihe der guten Ideen und Ansätze. Auch wenn das heutige Bildungssystem andere, aber ähnlich gewichtige Schwächen wie zu Fetz Zeiten aufweist, ist seine Utopie der Wirklichkeit näher als den Unterrichtsmethoden seiner Zeit. Das Heftlein in dieser ansprechenden Neuauflage lässt sich sehr unterhaltsam, manchmal ein wenig nachdenklich stimmend, dann wieder ein bisschen arrogant belehrend lesen. Insbesondere die utopischen Ideen verblüffen für einen Texte, der genauso vor einhundert Jahren das Licht der Welt erblickt hat, aber nicht in die Schulen eindringen konnte. Es ist schade, dass Fetz keine weiteren utopischen Texte geschrieben hat. Auch wenn sein Ausflug in die Phantasie auf einer überraschend pessimistischen Note endet – der schon frühzeitig in den Ruhestand versetzte Wunderlich wird bei seinen Zukunftsbeobachtungen in seinem Haus gestört und in einer Nervenheilanstalt eingeliefert, weil er wahrscheinlich seinen Geist aus Versehen nicht in das Jahre 1907, sondern in eine noch fernere Zukunft geschickt hat – ist die Geschichte trotz der eher bemüht wirkenden Einleitung und einem schwerfälligeren Mittelteil – hier ermüdet die Aneinanderreihung von interessanten, aber selten gut ausgeführten Ideen den Leser schnell – eine Wiederentdeckung wert.
August Fetz: "Ein Blick in die Zukunft 2407"
Roman, Softcover, 146 Seiten
Synergen Verlag 2007
ISBN 3-9356-3469-2
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